Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Ganz unten? Vielleicht, mal sehen

Das Lebenswerk von Günter Wallraff scheint in Gefahr. Immer neue Vorwürfe werden gegen den deutschen Investigativreporter erhoben.

Von Klaus Raab

Der Mann, der der Gerechtigkeit ein Gesicht gegeben hat, müsste jetzt nur noch einer Discounterkassiererin das Portemonnaie klauen und unter einem Geheimnamen eigentlich Topmanager einer global agierenden Schmuddelbank sein – dann wäre die Ratlosigkeit perfekt.

Kann das wirklich sein? Ausgerechnet er bezahlt Mitarbeiter schwarz und schlecht? Hat Ärger mit dem Fiskus? Beutet Mieter seiner Immobilien aus? Hat eidesstattliche Versicherungen gefälscht? Ausgerechnet Günter Wallraff?

Mal angenommen, all das, was in diesen Tagen über den Mann kolportiert wird, würde tatsächlich zutreffen – hat dann vielleicht Mutter Teresa auch ein Bordell betrieben und die Gewinne in Waffen investiert? Das ist die eine Frage. Die stellt man sich sofort, wenn man liest, was die Zeitungen im Moment über Wallraff ausbreiten. Die andere Frage ist: Wenn – was nicht erwiesen ist – alles stimmte, was genau würde das eigentlich ändern?

Günter Wallraff ist Deutschlands bekanntester Investigativjournalist, berühmt geworden als Mann mit den vielen Gesichtern: Er hat unter dem Namen Hans Esser bei «Bild» gearbeitet und enthüllt, wie es dort zugeht. Er hat als Türke Ali auf dem Bau Stunden geschrubbt. Er hat als Obdachloser gelebt und war Mitarbeiter im Callcenter, bei einem Postzustelldienst und in einer Grossbäckerei (vgl. «Verkleidet unterwegs» im Anschluss an diesen Text).

Wallraff legt, das ist seine Methode, durch seine eigene Verhüllung Zustände offen. Er schleicht sich ein. Das ist zu Recht umstritten, denn er ermittelt in einer methodischen Grauzone, und nicht jeder, der weniger weit ginge als er, ist ein Feigling. Manchem ist auch einfach die Show zu viel und der Investigationskarneval, der bisweilen das behauptete Erkenntnisinteresse überlappt: Alltagsrassismus entlarven wie im Film «Schwarz auf Weiss», für den Wallraff sich als Kwami Ogonno verkleidet – sich also schwarz anpinselt –, das ist ehrenwert. Aber die dabei immer mitschwingende Prämisse, wer schwarz sei, sei ein Opfer, die ist ein in Kauf genommener Kollateralschaden, eine Frechheit.

Dennoch: Wallraff ist im Lauf der Jahrzehnte als Aufklärer zu einer Marke geworden. Jeder zweite Jungjournalist nennt ihn bis heute als Vorbild. Das liegt daran, dass der 69-Jährige wohl noch nie eine Zeile geschrieben hat, mit der er nichts erreichen wollte. Er trat in seinen Arbeiten, auch wenn nicht alle grandios sind, stets als Ankläger von Missständen auf und verteidigte die Opfer. Das klingt schwarz-weiss und ist es oft. Aber mit diesem Robin-Hood-Boulevardjournalismus erreichte Wallraff tatsächlich Millionen – was man nicht von jeder graumelierten Analyse behaupten kann. Er emotionalisiert. Er arbeitet auf eine Leserreaktion hin, die lautet: «Hab ichs doch geahnt.» Günter Wallraff, das ist das Geheimnis seiner Popularität, verwandelt Glauben in Wissen.

Wer will sich rächen?

Natürlich hat so einer Feinde – wie alle JournalistInnen, die unbequeme Recherchen vornehmen. Dass die Vorwürfe nun so massiert auftreten, macht deshalb erst mal stutzig. Hat er einen Mitarbeiter schwarz beschäftigt, während dieser Hartz IV bezog? Behandelt er wirklich Mieter seiner Immobilien schlecht? Nimmt er lieber Bares, als Rechnungen zu schreiben? Und wer hilft Wallraff beim Schreiben, ihm, dem Bestsellerautor, von dem es heisst, richtig gut schreibe er selbst gar nicht?

Wallraff habe, er soll, es kursiert das Gerücht: Aus einem grossen Tratschpool werden gerade alle skandalisierbaren Geschichten zugleich gefischt, auch wenn sie schon seit Jahren darin lagen. Wichtig ist dabei die Frage: Wem nützt Wallraffs Demontage? Was sind die Motive? Wer will sich womöglich rächen? Wer will auf Kosten Wallraffs vielleicht seine eigene Reputation wiederherstellen? Welcher Mitarbeiter ist beleidigt, weil Wallraff eine grosse Nummer und ein gut verdienender Mann ist und er selbst nicht?

Fakt ist, dass sich nicht nur Kritiker, sondern nun auch viele Verteidiger Wallraffs zu Wort melden. Wallraffs langjähriger Mitarbeiter Günter Zint etwa sagt, er sei nie ausgebeutet worden: «Ich weiss aber leider von mehreren Zuträgern, die anfangs aus politischer Überzeugung und aus Idealismus mitgearbeitet haben, später aber plötzlich immense Summen gefordert haben, als das Buch ein Bestseller wurde.» So sagt die Kritik am «Ausbeuter Wallraff» womöglich auch einiges über die vermeintlich Ausgebeuteten.

Fakt ist allerdings auch: Die Staatsanwaltschaft Köln prüft gegen Wallraff den Verdacht des Vorenthaltens von Arbeitnehmerentgelt, der Beihilfe zum Sozialleistungsbetrug und des Prozessbetrugs. Doch «prüft den Verdacht» heisst nicht: «klagt an». Es heisst aber auch nicht: «alles nachweislich erlogen». Im Grunde kann man nur sagen: Man wird sehen.

In Rechtsstreit mit Bäckerei

Was aber, wenn sich einige Vorwürfe als richtig herausstellten? Wallraff steckt etwa in einem Rechtsstreit mit der Bäckerei, in der er als Niedriglöhner arbeitete, um zu zeigen, dass man dort unter unwürdigen Bedingungen schuftet. Die Anwälte des Bäckers behaupten, Wallraff und seine Mitstreiter hätten eidesstattliche Versicherungen von Bäckereiarbeitern gefälscht und Blankodokumente selbst ausgefüllt. Ein Wallraff-Mitarbeiter, der mit ihm zerstritten ist und nun laut «Spiegel» dem Anwalt der Bäckerei «Einblicke» gewährt, sagt gar, er habe dafür eine Unterschrift gefälscht.

Geschah all das, falls es geschah, in Günter Wallraffs Auftrag? Oder ohne sein Wissen? Falls die Vorwürfe stimmen, hätte Wallraff jedenfalls nicht auf irgendeinem Nebenschauplatz, auf einem Tratschgebiet versagt, auf dem die Beurteilungskriterien manchmal recht weich sind, sondern auf dem Gebiet, das er als sein ureigenes markiert hat: bei der Recherche. Das wäre gravierend. Wäre.

Es würde bedeuten, dass der Mann, der Glauben in Wissen verwandeln zu können schien, es doch nicht könnte. Würde.

 

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