Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Headquarter oder Symbiose

In Luzern soll eine der letzten städtischen Landreserven an einen Investor verkauft werden. Künstlerinnen und Gewerbler wehren sich gemeinsam: Sie fordern, dass der Boden im Baurecht an eine Genossenschaft abgegeben wird.

Von Kaspar Surber (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Das richtige Thema zur richtigen Zeit»: SP-Politiker Marcel Budmiger, WG-Bewohnerin Vera Blättler und Künstler Davix auf einer Dachterrasse an der Industriestrasse.

Justo Derungs betritt den Balkon mit den angeschraubten Stühlen. «Er ist das heimliche Zentrum unserer WG. Wie die beiden Alten in der Muppet-Show beobachten wir bei Kaffee und Zigaretten das Geschehen auf der Strasse.» Gestern sei bei einem Auto Benzin ausgelaufen. «Bis es repariert war, dauerte es eine Stunde, das reinste Schauspiel.» Derungs ist einer der BewohnerInnen der fünfzehnköpfigen Wohngemeinschaft an der Industriestrasse hinter dem Bahnhof in Luzern. «Sie ist einer der letzten Freiräume.»

Von aussen kein spezielles Geviert: zwei Eckhäuser, ein paar Lagerhallen und Schuppen, Bäume und Büsche. Erst wer es betritt, merkt langsam, weshalb die Luzerner Stadtregierung von einem «Schlüsselareal» spricht. Um die Industriestrasse findet eine politische Auseinandersetzung statt, die am 23. September zur Abstimmung kommt. Das Areal umfasst 8700 Quadratmeter, die der Stadt gehören. Unterschiedliche Zwischennutzungen haben darauf in den letzten Jahren ihren Platz gefunden: Gewerbebetriebe von der Gärtnerei über den Lichtdesigner bis zum Brockenhaus, Ateliers von Künstlern, Proberäume von Musikerinnen, die grosse Wohngemeinschaft. Jetzt soll das Gelände verkauft und überbaut werden, die Stadt schrieb dafür einen Architekturwettbewerb aus.

Die Absicht hinter dem Landverkauf lässt sich nachlesen in der Parlamentsvorlage. «Luzern konnte in den vergangenen Jahren in mehreren Dimensionen der Standortattraktivität zulegen», schreibt der Stadtrat: bei der Verkehrsanbindung, beim Bildungsangebot und im Steuerwettbewerb. Seit Anfang dieses Jahres verfüge Luzern über den tiefsten Steuersatz für Unternehmen in der ganzen Schweiz. Was jetzt noch fehle, sei das «Headquarter» einer internationalen Unternehmung. Um ein «ansiedlungs- oder ausbauwilliges Unternehmen» in die Stadt zu locken, müsse eine Bürofläche von mindestens 4000 bis 5000 Quadratmetern geschaffen werden. Das war die Hauptaufgabe im Architekturwettbewerb. Genossenschaften waren als Teilnehmerinnen willkommen, das Areal hätte auch im Baurecht abgetreten werden können. Am Schluss schwang trotzdem der Generalunternehmer Allreal obenaus.

17,2 Millionen Franken will die Firma mit Geschäftssitz in Zürich und Steuersitz in Zug für den Boden bezahlen. Das Siegerprojekt trägt den Titel «Urban Industries»: Es enthält Wohnungen «für das Segment der aufgeschlossenen Mitte». Kunstateliers unter Sheddächern sollen an die industrielle Vergangenheit des Areals erinnern, wozu ein Käsehandel und eine Porzellanfabrik gehörten. Schliesslich wird, als grösster Teil der Überbauung, der Büroraum errichtet. Acht Jahre lang muss ihn die Allreal für ein Hauptquartier reserviert halten. Wenn bis dahin keine Unternehmung einzieht, kann sie frei darüber verfügen.

Es wäre alles nach dieser Stadtplanung der rein ökonomischen Kriterien gelaufen. Bis sich die Bewohnerinnen und Benutzer der Industriestrasse zu wehren begannen. In einem Atelier sitzen der Künstler Davix, die Musikerin und Primarlehrerin Esther Andermatt sowie der Stadtparlamentarier und Gewerkschaftssekretär Marcel Budmiger. Davix sagt: «Als der Verkauf näher rückte, diskutierten wir: Was können wir tun?» Man sei nicht grundsätzlich gegen Neubauten. «Aber sie sollen sich aus dem Bestehenden entwickeln und dem grössten Bedürfnis in der Stadt Rechnung tragen: günstigem Wohnraum.» In der Industriestrasse fänden sich Leute mit den unterschiedlichsten Interessen zusammen, sagt Andermatt. «Sie ist eine Symbiose. Zerstreut man die Ateliers und Betriebe über die Stadt, gibt es keine Beziehungen mehr, aus denen sich neue Ideen entwickeln.»

Die Interessengemeinschaft Industriestrasse lancierte deshalb eine Initiative, die nun zeitgleich mit dem Landverkauf an die Allreal zur Abstimmung kommt: Das Geviert soll nicht an den Generalunternehmer verkauft, sondern im Baurecht an einen gemeinnützigen Wohnbauträger abgegeben werden. Investor oder Genossenschaft, das ist die Frage. «Gemeinnütziger Wohnungsbau schafft erst günstige Mieten», sagt Budmiger. Die Miete für einen Quadratmeter pro Jahr, der gemeinnützig erstellt wurde, kostet in Luzern 169 Franken. Der gesamtstädtische Durchschnitt beträgt 215 Franken. «Beim Unterschriftensammeln haben wir gemerkt: Eine Stadtentwicklung für alle, das ist das richtige Thema zur richtigen Zeit.»

Marronihändler gegen Bauchef

Im Abstimmungskampf wollen die InitiantInnen aufzeigen, dass ein «spannender, natürlich gewachsener Mikrokosmos verloren gehen könnte», sagt Davix. «Und falls wir tatsächlich gehen müssen, wollen wir wenigstens in guter Erinnerung bleiben – auch für uns.» Diese Woche findet ein grosses Strassenfest statt (vgl. «Strassenfest» im Anschluss an diesen Text). Dass das Thema in der Luft liegt, zeigt eine andere Initiative, die im Juni zur Abstimmung kam: 58 Prozent der Luzerner Stadtbevölkerung sagten Ja zu mehr gemeinnützigem Wohnungsbau. «Wo soll man damit beginnen, wenn nicht an der Industriestrasse, einer der letzten Landreserven der Stadt?», fragt Budmiger.

Dass die Initiative durchaus Chancen hat, zeigt sich auch daran, dass sie nicht nur von Linken und Kulturschaffenden unterstützt wird, sondern auch von Gewerblern. Einer von ihnen ist Philipp Ambühl: Seine Familie betreibt den bekanntesten Marronistand der Stadt und an der Fasnacht zwei Bratwurststände. An der Industriestrasse befindet sich ihr Lager. Ambühl, auch als Berater im Detailhandel tätig, hat alle Zahlen im Kopf: «Die Einpersonenhaushalte in Luzern haben sich seit Ende der siebziger Jahre von rund 23 auf 48 Prozent verdoppelt. Für Familien gibt es kaum mehr günstigen Wohnraum.» Diese ziehen in die Agglo. «In der Stadt fehlen die Kinder. Bei der Fasnacht droht den Guggenmusiken die Vergreisung.»

Ambühl, der sich als FDP-nahe bezeichnet, will im Abstimmungskampf die Bürgerlichen überzeugen, dass der Verkauf eine «Schädigung auf Generationen» hinaus bedeute: Die geplanten Wohnungen könnten sich Familien mit mittleren Einkommen nicht leisten, die Ansiedlung einer grossen Firma inklusive Steuersitz sei ein «wirtschaftliches Lotteriespiel». Der Trend sei doch vielmehr, dass Büroräume heute ausserhalb der Städte gesucht würden. «Ich engagiere mich aus Idealismus», sagt der Marronihändler. «Mir geht es nicht um Eigennutz, ich könnte ein anderes Lager ausserhalb von Luzern finden.»

Den Vorwurf vom Lotteriespiel will Baudirektor Kurt Bieder von der FDP nicht gelten lassen. Eine in der Stadt domizilierte «ganz grosse Firma» sei interessiert, sämtliche Arbeitsplätze in der Stadt zu installieren, eine weitere interessante Unternehmung wolle nach Luzern ziehen. Wegen des Amtsgeheimnisses könne er ihre Namen aber nicht nennen. Bieder gibt in wenigen Tagen sein Amt ab, eine grünliberale Kollegin übernimmt. Vor seinem Rücktritt spricht er offen über die Schwierigkeiten der Stadtentwicklung: Wegen der Steuersenkung für juristische Personen fehlt auf der Einnahmeseite der Stadt künftig ein Achtel des Steuerbudgets. «Nachdem schon mehrere Sparpakete durch sind, kann bei den Ausgaben nicht mehr gekürzt werden, wenn Luzern kulturell der Motor der Zentralschweiz sein will.» So bleibe nur die Steigerung der Einnahmen durch die Ansiedlung von steuerkräftigen Firmen. «Die Industriestrasse wird zum Kristallisationspunkt.»

Dass es in Luzern ein Wohnproblem gibt, verneint Bieder nicht. «Die Situation ist angespannt, aber nicht dramatischer als in anderen Städten.» Luzern verfüge über wenig Landreserven, weil es zu Beginn des letzten Jahrhunderts keine Eingemeindungen gegeben habe wie beispielsweise in Zürich. In den letzten Jahren wurde über eine Stadterweiterung abgestimmt, doch ausser Littau lehnten sie die Agglomerationsgemeinden ab. «Dabei ist die Grossregion längst zu einem Lebensraum zusammengewachsen», sagt Bieder. Dass die Vereinigung nicht geklappt hat, sei eine Enttäuschung.

Weg aus der Idylle

Luzern bleibt eng: Zu den letzten Landreserven der Stadt gehören die Elektrizitätswerke, die sich auch an der Industriestrasse befinden. Die Abstimmung im September wird ihrer künftigen Nutzung die Richtung weisen. Die Kultur kommt immer stärker unter Druck: Dem Restaurant Hammer in Littau, einer weiteren wichtigen Adresse des alternativen Wohn- und Kulturlebens, droht ebenfalls der Abriss.

Esther Andermatt führt hinunter in die Keller der Industriestrasse, in die Proberäume von Jazz-, Reggae- oder Balkanbands. Sie öffnet den Proberaum von Marochine, bei denen sie Bass spielt. Lichterketten hängen an der Decke, Effektgeräte liegen herum. Diesen Frühling hat die Band eine Platte aufgenommen, bei keinen Geringeren als Faust. Die Krautrockpioniere betreiben im deutschen Städtchen Scheer ein Tonstudio, alljährlich findet dort an der Donau auch das avantgardistische «Klangbadfestival» statt. Solche Verbindungen lassen sich in keiner Werbegrafik fürs Stadtmarketing nachzeichnen, aber dafür anhören: Die Songs von Marochine tragen dadaistische Titel wie «Herrenwald» oder «Braunvieh Express», Postrock ohne Gesang, mit elektronischen Geräuschen versetzt, es könnten Alarmsignale sein. Die Platte klingt wie ein Roadtrip, weg aus der Luzerner Postkartenidylle, wo die Dampfschiffe für die TouristInnen hupen, in eine unruhige, unbekannte Stadt.

Was weiter geschah: Nachtrag vom 27. September 2012

Industriestrasse gewinnt

Mit 61 Prozent der Stimmen wurde in Luzern am Sonntag die Initiative «Ja zu einer lebendigen Industriestrasse» angenommen. «Wir hatten berechtigte Hoffnungen auf eine Annahme», sagt Marcel Budmiger von den InitiantInnen, «die Deutlichkeit des Resultats bedeutet aber eine kleine Sensation.» An der Industriestrasse befinden sich heute Wohnungen, Kulturräume und Gewerbebetriebe. Sie hätten einer Überbauung des Baukonzerns Allreal weichen müssen, für das Hauptquartier einer grossen Firma und Wohnungen im gehobenen Segment.

Den InitiantInnen ist es gelungen, eine exemplarische Frage zur Stadtentwicklung zu stellen. Statt des Verkaufs an die Allreal muss der Boden nun im Baurecht an eine Genossenschaft abgegeben werden für gemeinnützige Wohnungen sowie die Kultur und das Kleingewerbe. «Wir führten eine Basiskampagne, waren ständig auf der Strasse», erzählt Budmiger. Lilafarbene Schilder wie «Zahlbarer Wohnraum ist machbar, Herr und Frau Nachbar» und eine eigene Zeitung machten auf das Anliegen aufmerksam. «Es ist uns nie darum gegangen, Zeit zu schinden und eine bauliche Entwicklung zu blockieren.» Vielmehr seien nun die Vorgaben klar, und die InitiantInnen wollen sich um deren Umsetzung kümmern. Zuerst aber wurde gefeiert. «Viele, die sich engagierten, sind zu guten Kollegen geworden.» Am Sonntag nach Bekanntgabe des Resultats kamen Hunderte LuzernerInnen spontan zu einem Fest, das bis in die Morgenstunden dauerte.

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