Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Falsche Kulissen für Datong

China wird urban. Millionen Menschen strömen vom Land in die Grossstädte, und diese versuchen, sich ein unverwechselbares Gesicht zu geben. 250 Kilometer westlich von Beijing erfindet sich eine Stadt ganz neu und baut ihr Zentrum in ein altertümelndes Disneyland um – mit weitreichenden Folgen.

Von Wolf Kantelhardt

«Zutritt für Menschen mit Bluthochdruck, für Geisteskranke und Schwangere verboten», steht auf dem Schild. Ab hier wird es offenbar richtig gefährlich. Es geht noch einige Treppenstufen hinauf, dann um die Ecke. Plötzlich steht man auf dem Prunkstück der Stadtplanungsausstellung von Datong, der Dreimillionenstadt im Norden der Provinz Shanxi. Hier oben, im dritten Stock, in der Halle Nummer 5, hat die Stadtverwaltung ein 290 Quadratmeter grosses Modell installiert, das zeigt, wie Datong einmal aussehen soll – und einen halben Meter darüber einen begehbaren Glasboden eingezogen, der einen ungewohnten Blick aus der Vogelperspektive erlaubt – daher die Warnung). Gefährlich ist das freilich nicht. Und viel los ist hier auch nicht. Ein paar Jugendliche albern herum und fotografieren sich gegenseitig. Dann taucht eine Gruppe auf, die brav hinter der Reiseleiterin hertrottet. Danach kommt niemand mehr.

Dabei ist die Ausstellung wirklich interessant. Das Modell zeigt eine Ming-zeitliche Stadtmauer, dort, wo jetzt noch das Gebäude aus der Mao-Zeit mit der Stadtplanungsausstellung im Obergeschoss steht. Der zentrale Platz von Datong direkt vor dem Haupteingang ist zur Hälfte einem – wegen der dagegen anstürmenden NomadInnen – gut befestigten Westtor, zur anderen Hälfte dem weitläufigen buddhistischen Yuantong-Tempel gewichen. Die Elektronikgrossmärkte und Mobiltelefon-Shoppingmalls im Zentrum werden durch einstöckige Hofhäuser ersetzt.

Doch das sind nur Details am Rand des Gesamtprojekts, das den kompletten Abriss und Neuaufbau der Innenstadt umfasst. Auf 3,3 Quadratkilometern entsteht ein völlig neues Datong. Einst, von 398 bis 494, war Datong – nahe der Grossen Mauer – Hauptstadt der Nördlichen Wei-Dynastie, entwickelte sich dann aufgrund seiner Lage an Karawanenrouten in die Mongolei und nach Zentralasien zu einem wichtigen Militärstützpunkt und wurde am Ende der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) fast vollständig zerstört. Aber gerade im Ming-zeitlichen Stil soll Datongs einstige Grösse wiedererstehen. Der Neubau der fast sieben Kilometer langen, quadratisch angelegten Stadtmauer ist schon fast abgeschlossen. Dort, wo vor vier Jahren nur einzelne Bruchstücke aus gestampfter Erde zu sehen waren, erhebt sich inzwischen eine vierzehn Meter hohe und unten achtzehn Meter dicke Mauer, aus der alle hundert Meter Wachtürme mit zwei übereinanderliegenden geschwungenen Dächern ragen. Die Tore sind sogar mit Verteidigungstürmen gekrönt, deren Dächer gleich dreifach gestaffelt sind. Innerhalb dieser Stadtmauer wüten die Abrissbagger, die sich durch die engen Gassen der bisherigen Altstadt wühlen, während nebenan neue feudale Häuser mit weitläufigen Höfen entstehen oder schon bezugsfertig sind.

Ein Gemüsehändler auf Abruf

Den Baggern fallen nicht nur die grossen Kaufhäuser zum Opfer. Auch Wang Xikuis kleiner Gemüseladen wird verschwinden. Wang ist um die fünfzig und hager, er trägt einen zerschlissenen blauen Sakko mit einem genauso zerschlissenen grauen Rollkragenpulli darunter. Gerade schleppt er mit seiner Frau Kisten mit Gurken, Tomaten, Paprika, Sojasprossen und Chinakohl aufs Trottoir. Die beiden bauen ihre Auslage am Rand der kleinen Seitenstrasse auf. Sehr sorgfältig. Es fragt sich nur, für wen. Denn hier kommt niemand mehr vorbei. Bei den Plattenbauten auf der westlichen Strassenseite fehlen schon die Fenster, in den Erdgeschosswohnungen liegt der Müll einen halben Meter hoch. Dreissig Meter weiter versperrt ein blauer Plastikbauzaun den Durchgang. «Doch, doch, dort, auf der anderen Seite, da wohnen noch jede Menge Leute», erläutert Wang sein Tun.

Obwohl Wang aus Datong stammt, wohnt er mit seiner Frau und einer dreizehnjährigen Tochter im zehn Quadratmeter grossen Laden. Nur ein schmaler Durchgang trennt das Bett von den Eisteeflaschen, den Coladosen und den Zigarettenpäckchen, die entlang der Wand aufgereiht sind. Wenn die Leute von der östlichen Strassenseite auch noch umziehen, wird er den Rest seiner Kundschaft verlieren und irgendwo anders von vorne anfangen müssen.

Aber er erhält doch eine Entschädigung? «In Beijing vielleicht. Aber wir hier doch nicht», sagt er. «Hier bekommst du in einem von den neuen Wohnblocks weit draussen gerade mal so viele Quadratmeter, wie du vorher hattest. Vielleicht noch ein Drittel dazu. Was darüber hinausgeht, musst du kaufen.» Die in Beijing bekämen immerhin Geld, «aber wir müssen bezahlen», ärgert sich Wang. Seine Frau im Hintergrund gibt ihm Zeichen, er solle sich mässigen. «Nun ja, ein paar Vergünstigungen gibt es schon», lenkt Wang ein. «Bis 45 Quadratmeter musst du 1100 Yuan pro Quadratmeter dazuzahlen, bis 60 Quadratmeter 2000 und darüber 3000. Das ist der Marktpreis.» 1000 Renminbi Yuan entsprechen etwa 148 Franken.

Hat sich die Lokalregierung nicht doch bemüht, die Umsiedlung so gerecht wie möglich zu gestalten? «Das schon», antwortet Wang. «Aber die Leute hier haben nun einmal nicht so viel Geld. Die da drüben mit ihren vielleicht dreissig Quadratmetern bräuchten 100 000  Yuan», umgerechnet 14 800  Franken, «wenn sie sich eine halbwegs anständige, moderne Wohnung kaufen wollen.» Wang weist auf ein Gebäude, das dreissig Meter weiter weg steht. Ein einstöckiges Haus. Sechs Stufen führen zu einer Tür aus massivem Holz, mit gemauertem Rahmen, an dessen oberem Ende kunstvoll gemeisselte Natursteine sitzen. Darüber gibt es mehrere Schichten immer weiter vorragender Ziegel, überdeckt von einem geschwungenen Dach, dessen First aus ineinandergeschachtelten runden Dachziegeln besteht und in Drachenfiguren endet. Vor langer Zeit muss das Haus einmal einer sehr reichen Familie gehört haben; aber die jetzigen BewohnerInnen sind nicht wohlhabend. Und überhaupt, warum wird auch dieses schöne Haus («aus der Republikzeit, etwa hundert Jahre alt», sagt Wang) abgerissen? Gehört es nicht zu jener Sorte von Häusern, die Datongs Stadtverwaltung schützen sollte? Wangs Frau sagt, er solle ihr nun wieder beim Tragen der Kisten helfen.

Es war 2008, als Datongs neuer Bürgermeister, Geng Yanbo, nach nur zehn Tagen im Amt seinen ehrgeizigen Plan zum «Wiederaufbau der Altstadt» verkündete. Jeder neue Bürgermeister in China versucht, mit einem Prestigeprojekt die Parteioberen auf sich aufmerksam zu machen. Fünfzig Milliarden Yuan (etwa 7,4 Milliarden Franken) kostet Gengs Projekt. Das Vierfache des Jahreseinkommens der Stadt. 80 000  innerstädtische Haushalte müssen umgesiedelt werden. Und das vor allem aus zwei Gründen:

Einerseits gehört in China alles Land dem Staat, weshalb eine Gemeinde weder Boden verkaufen noch eine Grundstückssteuer erheben kann. Die Lokalregierungen können nur mit dem Verkauf von Landnutzungsrechten (für maximal sechzig Jahre) oder durch eine Umklassifizierung (aus Agrarflächen wird wertvolleres Bauland) Geld machen. Im Durchschnitt finanzieren die Städte die Hälfte ihrer Jahresbudgets auf diese Weise.

Andererseits befinden sich viele chinesische Städte im Umbruch. Es gibt die Kategorie der sich industrialisierenden Kommunen, die Grundstücke zu günstigen Konditionen an Unternehmen vergeben, weil für sie die Schaffung neuer Industrieparks und die Ansiedlung neuer Betriebe der wichtigste politische und wirtschaftliche Erfolgsmassstab sind. Und es gibt die Kategorie der sich transformierenden Städte, deren Regierungen ihrer Stadt ein besonderes Image verschaffen und damit ein langfristiges Wachstum erreichen wollen. Billiganbieter haben niedrige Gewinnmargen und verlieren ihren Wettbewerbsvorteil, wenn noch billigere Anbieter – beispielsweise in Westchina oder in Vietnam – auf den Markt treten. Transformationsstädte setzen deswegen auf Kunst, auf Forschung und Entwicklung, auf Mode und Design. Datong, bisher ein Zentrum der Kohleindustrie im Nordwesten Chinas, deren Kohlevorräte aber allmählich zur Neige gehen, versucht es mit Tourismus.

4460 Franken pro Quadratmeter

Der südliche Teil der neuen Altstadt ist schon fast fertig. Ein gut gekleideter junger Mann mit kahl geschorenem Kopf und Brille gibt einem Arbeiter Zeichen, der in zwei Meter Höhe auf einem Gerüst sitzt und mit einem feinen Pinsel bunte Verzierungen auf die hölzernen Dachträger malt. «Das sind alles auf alt gemachte Häuser», sagt er. «Und die sind furchtbar teuer. Allein die Verzierungen oben an den Balken brauchen fünf Arbeitsschritte! Und die Holzpreise sind in den letzten Jahren stark gestiegen.» Xu Xingquan schüttelt bekümmert den Kopf.

Sein Chef hat den ganzen Strassenzug der Trommelturmweststrasse von der Regierung übernommen und lässt entsprechend dem Behördenplan Häuser bauen. «Eigentlich gab es nur zwei Modelle zur Auswahl», sagt Xu und deutet die Strasse hinunter, «die mit rundem Dach und die mit spitzem Giebel.» Alles andere ist festgelegt. Ist das so, weil sich der Plan nach der ursprünglichen Bebauung richtet? «Na ja, so ungefähr …», sagt Xu und zuckt mit den Achseln. «Wie genau die Häuser in der Ming-Zeit ausgesehen haben, weiss doch heute kein Mensch mehr.» Dafür weiss er, wie viel sein Chef pro Quadratmeter verlangt: 30 000  Yuan, etwa 4460 Franken. Eine ganze Menge.

Hat sein Chef denn bisher schon eines dieser neuen Häuser verkauft? «Nein, noch nicht.» Und vermietet? «Nein, solche Häuser sind sehr schwer zu vermieten. Die sind ja auch nicht gut. Einfach ein grosser Raum, ohne Unterteilungen und schlecht zu heizen. Sobald man die Tür aufmacht, ist die ganze Wärme draussen.» Wieder zuckt Xu mit den Achseln. Immerhin hat sein Chef einen Plan. «Da vorne, das erste Haus, das ist unser Restaurant. ‹Fenglinge› heisst es. Das ist ein sehr berühmtes Restaurant, es wird die ganze Strasse beleben.» Aber während der Polier die Marktentwicklungsstrategie seines Chefs erklärt, ist weder jemand ins Restaurant gegangen noch die Trommelturmweststrasse heruntergekommen. In all den neu entstandenen Strassen gibt es höchstens ein paar Läden für Jadeschmuck, Scherenschnitte und die vier alten Literaturkostbarkeiten: Pinsel, Tusche, Tuschestein und Kalligrafiepapier. Und sie sind alle geschlossen. Die DatongerInnen drängen sich lieber ein paar Dutzend Meter weiter durch eine noch nicht abgerissene Einkaufsstrasse mit ihren McDonald’s- und Kentucky-Fried-Chicken-Filialen und den Läden der chinesischen Sportartikelhersteller Li Ning, 361°, Peak und Tebu.

Wer will da schon wohnen?

Jenseits des Trommelturms – jede ältere chinesische Stadt hat einen Trommel- und einen Glockenturm – schaufelt Mao Zhanming Sand in eine Schubkarre. Mao ist klein und hat einen Bürstenhaarschnitt. Es ist schwer zu sagen, ob das Grau seiner Haare vom Alter oder vom Zement stammt. Ist dies hier auch ein privates Bauprojekt? «Nein, ein staatliches.» Dann ist er also Angestellter einer staatlichen Baufirma? «Nein», sagt Mao, «ich bin ein Mingong», ein Wanderarbeiter. Hundert Yuan bekommt Mao pro Tag. Das ist nicht viel, schon gar nicht, verglichen mit dem Preis, den die Häuser einmal kosten werden. «Die billigsten», sagt Mao, «kosten um die drei Millionen Yuan, die teuersten um die acht.» Dafür haben die grössten eine Grundfläche von über 600 Quadratmetern, so gross wie das Feld eines südchinesischen Bauern.

«Aber es sind schlechte Häuser», sagt Mao und tritt gegen die gut dreissig Zentimeter hohe Türschwelle. Jedes chinesische Haus hatte früher so eine, und eine ganze Reihe kultureller Vorschriften war damit verbunden: Wie hoch sie sein durfte, hing von der gesellschaftlichen Stellung der BewohnerInnen ab, darauf zu treten, galt als sehr unhöflich. «Hier kannst du doch höchstens ein Motorrad reinheben. Doch wer von denen, die sich so ein Haus leisten können, fährt noch Motorrad?» Mao lacht höhnisch. «Die haben doch alle ein Auto. Aber Garagen gibt es hier nicht.»

Finden denn die Häuser überhaupt Käufer? «Doch, verkauft werden sie alle», ist sich Mao sicher. «Lokale Bosse, etwa die in ganz China berühmten Shanxier Kohlebergwerksbesitzer, werden diese Häuser kaufen. Weil das Ansehen verleiht!» Aber dass auch nur einer von denen wirklich einziehen und mit seiner Familie hier leben wird, das glaubt Mao nicht: «Die wohnen in Villen westlicher Bauart. Die sind doch viel bequemer.»

Vom Trommelturm aus in Richtung Norden befindet sich eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Datong: die bereits zweimal umplatzierte Neundrachenwand aus dem Jahr 1392, eine traditionelle Geistermauer mit bunt glasierten Kacheln. Chinesische Geister bewegen sich immer in geraden Linien, weshalb es direkt vor oder hinter Eingängen oft solche Sperrmauern gibt. Die Datonger Neundrachenwand schützte früher den Haupteingang des Königspalasts – und wird dies nach dem dritten Versetzen auch wieder tun. Auf einer Fläche von 24 Fussballplätzen wird gerade eine Rekonstruktion des 1644 bei einem Bauernaufstand niedergebrannten Königspalasts hochgezogen. Drei Baukräne hieven riesige Holzbalken in Richtung Himmel, während die über hundert ArbeiterInnen in Zelten auf der Baustelle wohnen, wobei aber niemand daran gedacht hat, ihnen auch ein paar Toiletten hinzustellen – zumindest in dieser Hinsicht findet der Wiederaufbau also vermutlich nach historischem Vorbild statt.

Ding Yalin, der auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein Geschäft für Elektrofahrräder betreibt, ist vom Plan der Lokalbehörden nicht überzeugt. «Das hat doch mit der Geschichte nichts zu tun», sagt er. «Wenn es hier wirklich Altes gab, dann hätte es bewahrt werden müssen. Dann wäre ich natürlich auch dafür gewesen. Aber da war nichts. Nur eine normale Wohnsiedlung.»

Chinas Disneylands

Aber darauf kommt es ja auch nicht an. Das neue Image, das Bürgermeister Geng und seine Stadtverwaltung Datong verpassen wollen, zielt auf die TouristInnen und nicht auf die Einheimischen. In unmittelbarer Nähe der bisher gesichtslosen Industriestadt mit ihren uferlosen Vororten gibt es gleich zwei touristische Highlights: die Yungang-Grotten genannten buddhistischen Höhlentempel aus dem 5. und das Hängende Kloster aus dem 6. Jahrhundert. Eine gefälschte Altstadt, so das Kalkül, könnte die TouristInnen auch nach Datong locken. Schliesslich gibt es Vorbilder. Im Quartier Xin Tiandi von Schanghai wurde 2003 eine Altstadtstrasse durch Teilabriss und Neuaufbau in eine schicke Fussgängerzone mit Boutiquen, Strassencafés, Buchläden und Musikbars umgewandelt, die so profitabel ist, dass inzwischen jede chinesische Stadt ein Xin Tiandi haben will.

Manche chinesische Stadtplanerinnen und Architekten kritisieren diese Entwicklung und sprechen entweder von einem Disneyland oder von einer zweiten Kulturrevolution, die für alte Bausubstanzen noch verheerender sei als der Vandalismus der Roten Garden. Sie verweisen auf das chinesische Denkmalschutzgesetz, das einen Wiederaufbau von Ruinen verbietet. Doch ihre Einwände werden weitgehend ignoriert, auch von Lokalbehörden.

Überall in China verkaufen Stadtverwaltungen Landnutzungsrechte an Bauherren, die im besten Fall alles erledigen sollen: die BewohnerInnen entschädigen oder vertreiben, das Alte abreissen und von der Kanalisation über die Strassen bis zu den Häusern alles neu bauen. Vor allem aber sollen sie hohe Pachtpreise zahlen. Wollen die Bauherren trotz all dieser Belastungen trotzdem noch Gewinne erwirtschaften, können sie nicht auch noch auf Denkmalschutzbestimmungen achten.

Aber geht das auf? Will zum Beispiel überhaupt jemand die neuen Datonger Sehenswürdigkeiten sehen? Etwa den funkelnagelneuen taoistischen Palast des Reinen Yang? Aus dem Häuschen neben dem Eingang kommt eine junge Frau und will eine Eintrittskarte verkaufen. Sie kostet dreissig Yuan, ist dafür aber auch sehr schön und mit einer bereits aufgedruckten 80-Fen-Briefmarke als Postkarte zu verwenden. Sie trägt die Nummer 00 002 346 . Viele TouristInnen waren noch nicht hier.

«Dies ist der älteste taoistische Tempel der Stadt», sagt Bai Mingyu, der beleibte Oberaufseher. «Und der stand auch wirklich genau hier. Dann wurde er …», nun zögert Bai ein bisschen, «etwas vergrössert wieder aufgebaut.» Obwohl an diesem Tag das Zhongyuan-Fest gefeiert wird, eine Art taoistischer Totensonntag, sind nur acht Gläubige da. «Das liegt am Regen», versichert Bai, «sonst wären es mehr.» Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die ursprünglichen BewohnerInnen dieses Viertels inzwischen alle weit entfernt wohnen. Und daran, dass sich noch nicht einmal Bai so richtig sicher ist, ob die Gläubigen auch ohne Eintrittskarte reinkommen dürfen. Denn den Erlös kassiert das staatliche Religionsbüro.

Statt draussen im Regen weiter die Zeremonie zu verfolgen, geht Bai lieber in sein warmes Zimmer. Mit einem gemauerten Tonnengewölbe ist es den Lösshöhlen nachempfunden, in denen früher die meisten BewohnerInnen von Shanxi wohnten. Er setzt sich auf das Bett, ein Nachbau der gemauerten und beheizbaren «Kang»-Schlafstätten, und schaut sich eine Zusammenfassung der besten Gesangsbeiträge der Neujahrsgala von 2006 im Fernsehen an. Neben der Tamburin- und Flötenmusik, die aus dem Tempel dringt, klingen sie wie ein Abgesang auf das alte Datong. Es ist spät geworden. Draussen auf der Strasse ist kein Mensch mehr zu sehen. Und das ist wie ein Vorgeschmack auf das neue Datong, das bald wieder einer Stadt der Kaiserzeit ähneln könnte, nur viel besser in Schuss und ausschliesslich im Besitz der Reichen. Vorausgesetzt, Bürgermeister Geng hält sich trotz der durch sein Projekt verursachten enormen Verschuldung der Stadt so lange im Amt, bis es fertig ist. Denn sein Nachfolger muss sich schliesslich mit einer neuen Idee beweisen.

Noch ist es nicht so weit. Inzwischen darf niemand mehr das Gebäude der Datonger Stadtplanungssausstellung besuchen. Weil es der neuen Stadtmauer im Weg steht, werden gerade die Fundamente freigelegt. Das Gebäude soll um mindestens fünfzig Meter nach aussen versetzt werden. Aber dann ragt es in die ehemalige Neu-gebaute-Nordstrasse hinein, die jetzt Boulevard der Hauptstadt der Wei heisst. Deswegen sagen manche DatongerInnen, dass gar nicht verschoben, sondern um neunzig Grad gedreht werden soll. Wie auch immer: Zumindest dann wird es oben in der Halle Nummer fünf nicht nur für Personen mit Bluthochdruck, Geisteskranke und Schwangere wirklich gefährlich.

Chinas Städte

Renditedenken und Grossprojekte

1949, zur Zeit der Staatsgründung, war die Volksrepublik China ein reines Agrarland. Lediglich zehn Prozent der Bevölkerung lebten damals in Städten, bis 1990 verdoppelte sich dieser Anteil. Doch dann holte China schnell auf: Im vergangenen Jahr wurde die Fünfzigprozentmarke überschritten. Und dieser Trend setzt sich – vor allem wegen der Binnenmigration – fort. Laut Schätzungen werden im Jahr 2030 eine Milliarde ChinesInnen in Ballungszentren leben, viele davon in den 220 Millionenmetropolen, die es bis dahin geben könnte. Manche der neuen Grossstädte werden auf dem Reissbrett entworfen, andere entstehen durch die Umklassifizierung von Kreisen («Xian»), in denen derzeit mehrere Hunderttausend leben, in Städte («Shi»).

All diese Gemeinden stehen in Konkurrenz zueinander: Sie buhlen um InvestorInnen oder müssen sich, um finanziell überleben zu können, ein unverwechselbares und zugleich einkommensträchtiges Image geben – etwa im Kultur- oder Fremdenverkehrsbereich. Aber wie soll eine solche Transformation gelingen, die ungleich schwieriger ist, als Grossunternehmen grosse Werkshallen hinzustellen? Auf Erfahrungen können die Lokalregierungen kaum zurückgreifen. Also versuchen sie es mithilfe der Architektur.

Anfänglich wurden vor allem westliche Städte kopiert. Bei Schanghai entstand die «Deutsche Autostadt» Anting, bei Shenyang das inzwischen wieder abgerissene «Holländische Dorf». Inzwischen erinnern sich Städte wie Kaifeng (von 960 bis 1126 Hauptstadt der Song-Dynastie) oder Datong an eine Vergangenheit, die jedoch weitgehend imaginär ist. Denn seit dem Ende der Qing-Dynastie vor hundert Jahren wurden die innerstädtischen Bezirke kaum instand gehalten. Nach der bürgerlichen Revolution 1911 kamen die Warlords, dann folgte der Bürgerkrieg, danach der Zweite Weltkrieg und die japanische Besatzung, dann gab es wieder Bürgerkrieg, die sozialistische Revolution und schliesslich die Kulturrevolution. Bis in die achtziger Jahre hinein sahen die chinesischen Altstädte aus wie zur Kaiserzeit – nur viel stärker heruntergekommen. Und was an alter Bausubstanz erhalten blieb, erledigen nun Renditedenken und kommunale Grossprojekte.
Wolf Kantelhardt

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