Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Die engagierten Briefe des fliegenden Kaplans

Die Geschichte der Verschärfungen in der Asylpolitik ist auch eine des Widerstands: Cornelius Koch machte sich ein Leben lang für die Rechte der Flüchtlinge stark, von den Chile-Verfolgten bis zu den Sans-Papiers. Was bleibt von seinem Engagement?

Von Kaspar Surber

«Einem Flüchtling begegnet niemand so freundlich»: Cornelius Koch unterwegs mit Hündin Doina.

Das Pfarrhaus in Vogorno im Tessin glich kurz vor Weihnachten 1973 einem Postbüro. Dorfbewohner und Helferinnen klebten Tausende von Marken auf Briefe, die sich an alle Gemeinden in der Schweiz richteten. Diese sollten je fünf Plätze für Flüchtlinge aus Chile zur Verfügung stellen. «Die Zeit drängt, wollen wir das Leben von bedrohten Menschen in Chile retten», schrieb Kaplan Cornelius Koch im Appell.

Der Umgang mit den chilenischen Flüchtlingen stellte einen Wendepunkt in der Schweizer Asylpolitik der Nachkriegszeit dar. Bisher hatten die Behörden den Verfolgten aus kommunistischen Staaten, aus Ungarn oder der Tschechoslowakei, grosszügig Aufnahme gewährt. Nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten Sozialisten Salvador Allende am 11. September 1973 verhielt es sich umgekehrt. Der Schweizer Botschafter in Santiago de Chile entkorkte am Abend des Putsches eine Champagnerflasche und verwehrte bedrohten Menschen den Zugang zur Botschaft. Auf öffentlichen Druck erklärte sich der Bundesrat lediglich bereit, eine kleine Zahl von Menschen aufzunehmen. Da startete Koch, Anfang dreissig, die Freiplatzaktion.

Moralischer Imperativ

Als Junge war Koch selbst von aussen gekommen, aus dem kriegszerstörten Rumänien. Die Mutter beging Suizid, weil sie mit den Schweizer Gepflogenheiten nicht zurechtkam. Er blieb ein Einzelgänger, im Kontakt mit Gleichgesinnten allerdings: Während des Studiums orientierte sich Koch an den französischen Arbeiterpriestern. Als Vikar in Neuhausen am Rheinfall lernte er die linke Jugendgruppe Hydra kennen. Gemeinsam unterstützten sie Lehrlinge bei Arbeitskonflikten sowie einen Streik im Elsass, daraus entstand Longo Maï, die Bewegung für landwirtschaftliche Kooperativen. Die Aktivitäten wurden vom Bistum Basel kritisch beobachtet, der Bischof suspendierte Koch jedoch nicht, sondern beurlaubte ihn nur. Koch konnte den für seine Glaubwürdigkeit wichtigen Titel des Kaplans behalten und fühlte sich frei zu tun, was er wollte. Den Entscheid der Kirche legte er für sich grosszügig aus: Er sei freigestellt für die Arbeit mit Flüchtlingen und jungen Arbeitslosen.

Fortan war Koch unterwegs als rastloser, fliegender Kaplan für die Chilenen, die Kurdinnen, die Tamilen und am Schluss für die Sans-Papiers. Er reiste durch das zerfallende Jugoslawien, vermittelte zwischen den Religionsgruppen, schützte Deserteure. In Chiapas unterstützte er die Landbevölkerung im zapatistischen Aufstand, in Südkorea streikende Gewerkschaften. Immer wieder verschickte er Rundbriefe und sammelte Geld. Koch lebte praktisch im Auto, Charlotte Kerr, die Witwe von Friedrich Dürrenmatt, hatte ihm die Limousine des Schriftstellers vermacht, auf dem Rücksitz thronte Hündin Doina. Entzückten Tierfreunden entgegnete Koch: «Einem Flüchtling begegnet niemand so freundlich.»

Claude Braun und Michael Rössler haben eine ausführliche Biografie zu Koch verfasst, die bereits letztes Jahr erschienen ist. Jetzt, wo ein neuerliches Referendum gegen das Asylgesetz ansteht, ist sie umso lesenswerter. Obwohl Braun und Rössler langjährige Mitstreiter waren, zeichnen sie durchaus ein kritisches Bild des 2001 verstorbenen Koch: Der Kaplan brachte die Flüchtlinge mit seinen medienwirksamen Aktionen manchmal selbst in Gefahr, so etwa, als die in Flüeli-Ranft untergetauchten Kurden an einer Pressekonferenz verhaftet wurden. Koch wird auch als aufbrausend, mit barocken Verhaltensweisen beschrieben, gerade gegenüber Frauen. Bestimmt, dieser Koch war ein «Stürmisiech». In den langen Zitaten im Buch beginnt einen der ständige moralische Imperativ seines Engagements als Leser selbst zu nerven.

Wiederentdeckung des Kirchenasyls

Doch Braun und Rössler gelingt es, über seine Figur die wenig präsente Schweizer Asylgeschichte seit den siebziger Jahren zu erzählen. Auch wenn nach dem Ende des Kalten Kriegs die Flucht- und Migrationsbewegungen komplexer wurden, lassen sich aus dem Engagement von Koch Schlüsse für eine heutige widerständige Politik ziehen.

Die Frage, wem Asyl oder ein Aufenthaltsrecht gewährt wird, ist nicht nur eine Entscheidung nach staatlichen Vorgaben: Nachdem Koch und seine Gefährten die ersten ChilenInnen auf eigene Einladung in die Schweiz einreisen liessen, verhängte der Bundesrat eine Visumssperre. Die Freiplatzaktion umging diese Sperre, indem sie die Flüchtlinge nach Italien fliegen liess und von dort über den Landweg, nach zum Teil monatelangen Wartezeiten, in die Schweiz holte. Es ging der Asylbewegung darum, eine eigenständige Form der notwendigen Politik zu entwickeln. Entscheidend dafür war das Kirchenasyl, das Koch wiederentdeckte. Der sakrale Raum bot und bietet Schutz vor der Polizei.

Eine fortschrittliche Migrationspolitik reicht über die Grenzen hinaus: Im norditalienischen Ponte Chiasso bei Como betrieb Koch ein Beratungsbüro, das sich um die Abgewiesenen an der Schweizer Grenze kümmerte. Vor seiner «Reise gegen die Resignation» nach Südkorea schrieb er: «Wenn die Wirtschaft und das Geld auf Wanderschaft gehen, muss unsere konkrete Solidarität auch die Wanderschuhe anziehen.» Und jeder Widerstand zeigt eine Wirkung, selbst das Briefeschreiben: Dank der Freiplatzaktion fanden über 2000 ChilenInnen Sicherheit in der Schweiz.

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