Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Kebab und Sprüngli-Schokolade

Am Rand von Opfikon im Zürcher Glattal steht ein riesiges UBS-Verwaltungsgebäude mit 3500 Arbeitsplätzen. Jetzt soll im Glattpark ein neues «urbanes Zentrum» entstehen. Dazwischen liegt Opfikon-Glattbrugg mit etlichen sozialen Problemen. Eine Fahrt mit der neuen Glattalbahn durchs untere Glattal.

Von Stefan Howald (Text) und Andreas Bodmer (Fotos)

Finanzwirtschaft und Landwirtschaft: Bauernbetrieb beim Bäuler in Rümlang vor dem UBS-Gebäudekomplex in Opfikon.

Eins: Oerlikon

Hier also beginnt die Vorstadt. Oder was die Stadt dafür hält. Zürich-Oerlikon weiss nicht so recht, wofür es sich halten soll. Der Bahnhofplatz wird vom Swissôtel International überragt, ist rechts mit einem Plastikeinkaufszentrum der Migros verstellt, links hat Coop nachgezogen. Dahinter öffnet sich der grosszügige Markt-Platz, mit lokalen Geschäften rund ums Geviert, zweimal in der Woche einem beliebten Markt, und auf dem Platz wird lautstark Schach gespielt. «Z’Oerlike gits alles» hiess einst der Slogan der lokalen Detaillisten, der Lokalkolorit mit Selbstbewusstsein verbinden wollte. Doch 2009 hat sich die entsprechende Vereinigung aufgelöst. Denn seither liegen nordöstlich des Bahnhofs Oerlikon der Max-Bill-Platz, die Überbauung auf dem ehemaligen BBC-Areal, Einkaufszentren: ein neuer Teil des urbanen Zürich. Oder was die Stadt dafür hält.

Dort drüben, bei der neuen Haltestelle Bahnhof Oerlikon Ost, setzt die Tramlinie 10, die vom Zürcher Hauptbahnhof herkommend lange in Oerlikon endete, seit Ende 2008 ihre Fahrt als Glattalbahn fort bis zum Flughafen Zürich-Kloten. Das Tram macht einen kurzen Bogen bis zur Haltestelle Leutschenbach, dann lässt es die verwinkelte Linienführung der Stadt hinter sich und fährt schnurgerade, auf einem eigenen Trassee in der Thurgauerstrasse, bis zum Lindbergh-Platz am Ende des Glattparks. In Leutschenbach steigen Passagiere mit Rollkoffern ein, die sich englisch über das allmählich entschwindende Zürich unterhalten. Nächster Halt ist beim Örlikerhus, einem Bürogebäude, dessen dialektal gefärbter Name Heimatgefühl schaffen will. Mit der folgenden Haltestelle Glattpark hat man die Stadtzürcher Grenze hinter sich gelassen.

Zwei: Glattpark

Hier also beginnt der Agglomerationsgürtel. Der sich selbst nicht als solcher versteht. Schon gar nicht der Glattpark. Da entsteht vielmehr ein neues «urbanes Zentrum», zwischen «Zurich Airport und Downtown Zurich».

Ein paar Schritte östlich, an der Linie 12, die den zweiten Ast der Glattalbahn von Stettbach her via Wallisellen bildet, liegt das Fernsehstudio Leutschenbach, eine dieser autarken Gebäudefestungen, die sich in den Städten immer öfter finden.

Glattpark: Bauprojekte vor der Wohnsiedlung am Boulevard Lilienthal und an der Farman-Strasse.

Der Glattpark ist vorerst eine Baustelle. Die Firma Hochtief baut das «Aquatikon», 16 000 Quadratmeter Bürofläche; das Generalunternehmen Halter baut mit der UBS zusammen «Wright Place», 10 000 Quadratmeter Bürofläche plus neunzig Wohnungen plus Migros-Markt und Fitnesspark. Dahinter sollen weitere Wohnsiedlungen entstehen. Etwa das «Chavez Verde», eine «Oase in der Stadt», die 52 Wohnungen umfassen wird, nach Minergiestandard, 3200 Franken Monatsmiete für eine Viereinhalbzimmerwohnung.

Dank Kloten und des Militärflugplatzes Dübendorf gilt das untere Glattal als Zentrum der Aviatik. Weil die Namen einheimischer Pioniere wie Walter Mittelholzer für ältere Lokalstrassen verbraucht worden sind, hat man sich jetzt im Fundus der Weltflugfahrt bedient: Wright Place, Lindbergh-Platz, (Amelia-)Earhart-Strasse. Auch die Chavez-Allee erinnert nicht an den gegenwärtigen venezolanischen Staatspräsidenten, sondern an Jorge Chavez, der 1910 als Erster im Flugzeug den Simplon überquerte.

Beim Lindbergh-Platz stehen bereits zwei riesige Bürogebäude. Das Restaurant Graf Z, nach dem Zeppelin benannt, für den hier einst ein Landeplatz geplant war, hat sich an der Thurgauerstrasse 130 eingemietet. Vorne ist es ein American Diner mit Plastikstühlen, hinten ein gediegenes Restaurant. Die meisten KundInnen kommen aus dem Innenhof, vom Hauptsitz von Takeda. Takeda, ein japanisches Pharmaunternehmen, stieg im September 2011 durch die Übernahme der in Opfikon angesiedelten Firma Nycomed zum zwölftgrössten Pharmakonzern der Welt auf. In die Schweizer Schlagzeilen ist Nycomed/Takeda erneut im Januar 2012 geraten, da der Konzern in Konstanz 700 Stellen abgebaut hat. Im selben Haus residiert auch das Pharmaunternehmen Baxter, Platz siebzehn der Weltrangliste.

Bereits 2007 siedelte der weltweit zweitgrösste Nahrungsmittelkonzern, Kraft Foods, mit den Schweizer Traditionsmarken Suchard und Toblerone, seinen europäischen Hauptsitz im «Lightcube» genannten Gebäude an. Hinter den Bürogebäuden wird schon gewohnt, zwischen dem Boulevard Lilienthal und der Hamilton-Promenade. Seit 2006 sind 1045 Wohnungen errichtet worden, darunter 115 Eigentumswohnungen.

Hier wohnt auch Anand Anwander. Der 24-jährige Kaufmann ist 2011 für die FDP in den Opfiker Gemeinderat nachgerutscht. Die Überbauung und die Pläne für den Glattpark, findet er, stellten eine Bereicherung für die Stadt dar, das «schafft frischen Wind», und das wachsende Kulturangebot werde auch die übrige Bevölkerung zunehmend anziehen. Tatsächlich lässt sich auf der Hamilton-Promenade entlang dem auf ehemaligem Riedgebiet errichteten lang gezogenen Seebecken hübsch flanieren.

Mit dem blühenden Quartierleben ist es freilich noch nicht weit her. Am grossartig benannten Boulevard Lilienthal gibt es einen Coiffeur, einen Waschsalon, einen Spar-Lebensmittelladen und das Restaurant Lilienthal. Das ist es auch schon. Selbst der «Graf Z» ist abends geschlossen, weil sich dann all die Angestellten von Kraft Foods und Takeda und Baxter aus dem Glattpark verzogen haben.

Nach der Haltestelle Lindbergh-Platz fährt der 10er in den Untergrund – er ist eben doch mehr S-Bahn als kommunes Tram. Und taucht dann beim Bahnhof Glattbrugg wieder auf.

Drei: Glattbrugg

Von der Bahn aus sind Bürogebäude mit den Schriftzügen des IT-Unternehmens Trivadis, von Hotelplan, Adecco, Interhome und Alpine Finanz auszumachen. Das Wartehäuschen entspricht dem gehobenen Standard der Glattalbahn: gediegenes Holz, Glas, etwas Metall, und auch eine Einstellhalle für Velos versucht sich an moderner Glasarchitektur. Das wirkt alles nicht gerade weltstädtisch. Die Firmengebäude sind ordentlich, viereckig, grau, ein Kebabstand steht etwas verloren herum, und die Kantonspolizei residiert in einem Bürogebäude im zweiten Stock über einer Kindertagesstätte.

Vier: Opfikon

Die Schaffhauserstrasse führt als Hauptachse ins Zentrum Glattbrugg. Obwohl es Glattbrugg offiziell nicht gibt. Seit 1968 heisst die Stadt Opfikon. Hartnäckig hält sich allerdings die Bezeichnung Opfikon-Glattbrugg. Zusammen zählen die beiden Stadtteile 16 000 EinwohnerInnen. Die Schaffhauserstrasse wird von mittelgrossen Häusern aus den dreissiger oder sechziger Jahren locker gesäumt, links steht ein fahrender Güggeli-Express, vis-à-vis ein Kebabladen. Dann taucht das NH Hotel auf, mit 140 Zimmern, das «Standard» für 116 und das «Superior» für 152 Franken. Die Eingangsecke Richtung Flughafen ist aufgepimpt, die Strassenfassade ältlich und verblichen.

Bei der Kreuzung mit der Oberhauserstrasse geht es rechts zum modernen Stadthaus. Ist Opfikon-Glattbrugg also die berüchtigte Agglo? Verwaltungsdirektor und Stadtschreiber Hansruedi Bauer will das Wort nicht gebrauchen, sondern spricht von «Netzstadt». Gemeint ist damit die Vernetzung mit den anderen Gemeinden des Verbands «Glow» – acht Ortschaften in der Flughafenregion. Bauer tritt als eine Mischung von Standortpromotor, Stadtsoziologe und Manager auf. «Opfikon lebt und bewegt!», zitiert er den offiziellen Slogan, die Stadt boome und sei «Dynamik pur». Um im nächsten Satz zu warnen, in etlichen Bereichen sei Opfikon unbestreitbar «grenzwertig». Damit meint er: höchste Bevölkerungsdichte im Kanton Zürich, höchster AusländerInnenanteil, höchste Sozialhilfequote, höchste Arbeitslosigkeit, geringste Quote an MittelschülerInnen. Aber auch: höchster Anteil von Arbeitsplätzen im Finanz- und Versicherungsbereich, beinahe doppelt so viel wie in der Stadt Zürich.

Ja, Opfikon-Glattbrugg ist ein widersprüchliches Gebilde. Das hat zuerst einmal historische Gründe. Opfikon, östlich der Glatt, bestand und besteht aus Einfamilienhäusern und einem bäuerlichen Dorfkern. Glattbrugg hingegen war Verkehrsknotenpunkt, dann Industriestandort. In den fünfziger Jahren erfolgte die erste Expansion. Danach stagnierte die Region, doch seit 2000 geht es aufwärts. Den 16 000 EinwohnerInnen stehen 19 000 Arbeitsplätze gegenüber. Sie sind im Süden und Osten der Stadt konzentriert.

Die soziale Trennung zwischen den beiden Stadtteilen setzt sich im Glattbrugger Teil fort. Im Gibeleich stehen Büsche vor den Zweifamilienhäusern und die Autos ordentlich in der Garageneinfahrt. Zum Quartier gehören ein neues Altersheim und das moderne Schulzentrum Lättenwiese. Die Sonnenuhr am Altersheim markiert 11 bis 17 Uhr und zeigt gemächlich Sommerzeit an. Nur die Telefonkabine an der Strasse ist ausser Betrieb. Aber die braucht es heute nicht mehr.

Im Quartier Platten dominieren hingegen die klassischen Sechs- bis Neunfamilienhäuser aus den fünfziger und sechziger Jahren. Sie scheinen seit längerem nicht mehr renoviert worden zu sein. Öfter blättert die Fassade. Ein ausgeweidetes Auto steht in einer Ausfahrt, Tomatenranken versuchen, sich durch Bauschutt zu schlängeln. Auf den Briefkastenschildern an einem Haus tönen von achtzehn Namen noch drei deutschschweizerisch. Bei der Bushaltestelle steht eine abgenützte Polstergarnitur, die in Zürich vielleicht als Kunstinstallation identifiziert würde; an einem Automaten können Telefonkarten bezogen werden. Der in Opfikon allgegenwärtige Fluglärm ist hier noch ein wenig lärmiger.

Hansruedi Bauer nennt Platten ein «Sorgenquartier». SP-Gemeinderat Mustafa Bozkurt wird deutlicher. «Heruntergekommen» seien viele der Blöcke, teilweise geradezu unhygienisch. Die meisten PrivatbesitzerInnen warten ab, ob die Aufwertung von Opfikon auch dieses Quartier erreicht, und in der Zwischenzeit vermieten sie die veralteten, längst amortisierten Wohnungen an AusländerInnen.

Tatsächlich leben 43 Prozent AusländerInnen in Opfikon, und in Quartieren wie Platten sind sie in der Mehrheit. Aus verständlichen Gründen. Die Mietzinse sind relativ niedrig, und Angehörige einiger ethnischer Gruppen, sagt Bozkurt, tendierten dazu, in die Nachbarschaft bereits ansässiger Bekannter zu ziehen.

Der 28-jährige Bozkurt kam als Achtjähriger aus dem kurdischen Teil der Türkei in die Schweiz. Er ist Postbeamter und arbeitet seit der Lehre vor zwölf Jahren in Opfikon. Vor zwei Jahren wurde er für die SP in den Gemeinderat gewählt, und durch seine Berufstätigkeit kennt er viele Leute und deren Alltag.

Bei den letzten Wahlen 2010 war die SVP mit 36,5 Prozent und 13 der 36 VertreterInnen im Gemeindeparlament klar die stärkste Partei. Für den 27-jährigen SVP-Gemeinderat und Gartenbauleiter Roman Schmid stellen, wenig überraschend, die «hohe Anzahl von Sozialhilfeempfängern und Fürsorgefällen» sowie die «Aufwendungen für die Integration von Fremdsprachigen» die grössten Probleme Opfikons dar. Gemeinderat Anand Anwander formuliert nach FDP-Manier: «In der Sozialhilfe gilt es, denjenigen Hilfe zu bieten, die darauf angewiesen sind – und entschieden gegen den Missbrauch der Sozialwerke einzustehen.» Die FDP Opfikon hat den Abstieg der Zürcher FDP mitgemacht und verfügt mit 11,2 Wählerprozenten noch über vier Gemeinderatssitze, gleichzeitig aber über zwei der sieben Stadträte. Das ist Lokalpolitik.

Die SP, mit 19,5 Wählerprozenten und sieben Gemeinderatssitzen die zweitstärkste Partei, ist dagegen nicht im Opfiker Stadtrat vertreten. Jeyan-Sibel Günaçan, 24-jährig, wohnt jenseits der Schaffhauserstrasse in der Nähe des Quartiers Platten. Ihre Eltern sind 1963 aus der Türkei in die Schweiz emigriert. Die Studentin und IT-Angestellte ist seit 2011 SP-Gemeinderätin. Sie schätzt an Opfikon den «kulturellen Mix». Für Platten wünscht sich die SP eine bessere soziale Durchmischung. Deshalb fordert sie HausbesitzerInnen auf, auch wieder SchweizerInnen einzumieten. Es scheint eine ziemlich hilflose Strategie. Zuerst muss, das ist allen klar, die Qualität des Wohnraums verbessert werden. Doch Genossenschaften sind in Opfikon unbekannt, die Stadt besitzt gegenüber den privaten HausbesitzerInnen keinerlei Handhabe, und ihre finanziellen Mittel sind noch limitierter, seit die UBS keine Steuern mehr bezahlt: Auf drei Jahre kumuliert waren das Einnahmenverluste von vierzig Millionen Franken.

«Kreativ» nennt Anand Anwander die Integrationsbestrebungen in Opfikon, etwa durch ein neues Foodfestival, das verschiedene Kulturen zusammengebracht habe. Stadtschreiber Bauer betont, dass die Kurse für Deutsch als Zweitsprache in den letzten Jahren stark ausgebaut worden seien. Selbst Roman Schmid erkennt deren Notwendigkeit an. Für Jeyan-Sibel Günaçan hingegen tut die Stadt immer noch zu wenig, um Opfikon für alle lebenswerter und interessanter zu machen.

Der grosse ausländische Bevölkerungsanteil äussert sich in einem niedrigen Durchschnittsalter. Führende PolitikerInnen in den verschiedenen Parteien sind unter dreissig, teilweise miteinander zur Schule gegangen. Die «Jugend» wird vor allem von der SVP als Problem wahrgenommen, dabei ist es umgekehrt: Abends ist Opfikon tot. SP-Gemeinderat Bozkurt vermag eine knappe Handvoll möglicher Treffpunkte aufzuzählen. Da ist zuerst einmal der «Glatthof». Im Restaurant werden die Fleischgerichte in «Jumbo»-Grössen angeboten, und zum Wiener Schnitzel gibt es «Kartoffelschnitz». Vor allem aber präsentiert die Miami-Disco des «Glatthofs» jeden Freitag ab 22 Uhr «Live Musika» und jeden Samstag «Power Latino Mix» mit Resident DJ Max. Auch in der Lounge des Restaurants Bahnhof trudeln samstagabends ein paar Teenager ein. Ansonsten macht sich die Opfiker Jugend nach Seebach, Oerlikon oder an die Zürcher Hardbrücke auf. Ein Kulturzentrum findet Bozkurt denn auch ein dringliches Anliegen. Das Restaurant Bahnhof wäre ein idealer Standort, aber das wird wohl noch länger eine lokale Utopie bleiben.

Natürlich, da ist die kulturelle kulinarische Vielfalt. Gleich hinter dem Bahnhof liegt der türkische Supermarkt Reyhan, dann folgen zwei, drei Kebabbuden. Das «Levante» bietet allerdings eine traditionelle italienische Speisekarte. Dafür serviert die «Casa Alegria» mexikanisches Essen. Dazu gibt es nicht weniger als drei chinesische Restaurants. Sie werden zumeist über Mittag von Angestellten der grossen Unternehmen frequentiert.

Um 12 Uhr mittags sei Opfikon ein einziger Stau, meint Mustafa Bozkurt. Ansonsten profitiert die Stadt nicht gross von all den ArbeitnehmerInnen. Das Angebot an Geschäftsbetrieben ist merkwürdig einseitig. Garagen gibt es zuhauf, über ein Dutzend Coiffeurgeschäfte, auch viele kleinere IT-Zulieferfirmen. Aber wo sind die Konsumtempel, Kleiderläden, Medienfachgeschäfte? Es bleibe, beklagt Bozkurt, zu wenig Geld im Ort.

Für Anand Anwander von der FDP ist das fehlende Schulhaus im Glattpark das dringlichste Problem. Auch alle anderen Parteien unterstützen ein entsprechendes Projekt. Nur die SVP hatte sich quergestellt, gegen einen Planungskredit von 550 000 Franken das Referendum ergriffen und den Abstimmungskampf mit dem Slogan «Keine ‹griechischen› Verhältnisse in Opfikon» bestritten. Im November 2011 wurde der Kredit hauchdünn angenommen.

In Opfikon sind die sozialen Trennlinien sichtbarer als anderswo. Roman Schmid sagt, die SVP vertrete «den Mittelstand und das Gewerbe», denen man tiefe Steuersätze und Sicherheit bieten wolle. Das richtet sich einerseits an die traditionelle Klientel der ehemaligen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), weitgehend wertkonservativ. Zugleich werden im Mittelstand jene abgeholt, die etwas zu verlieren haben, die sich von unten wie von oben bedroht fühlen, von den Zuständen im Platten wie im Glattpark, von den Folgen der Modernisierung und denen der Globalisierung. Die Ressentiments dagegen hegen, dass ihnen die Früchte des Neuen selber nicht ganz so zufallen. Die SVP münzt dies bei einer Frage wie der nach dem Schulhaus für den Glattpark in Unmut gegen angeblich zu hohe Kredite um.

Doch AusländerInnen sind nicht gleich AusländerInnen. Die 36 Prozent der Arbeitsplätze im Finanz- und Versicherungsbereich werden von deutschen und japanischen Angestellten der Finanzhauptquartiere am Lindbergh-Platz eingenommen, von Investmentbankern aus den USA und England, IT-SpezialistInnen aus Indien.

Viele von ihnen arbeiten bei der nächsten Bahnstation der Glattalbahn.

Fünf: Bäuler

Die Station heisst Bäuler und liegt auf Rümlanger Gebiet. Aber nach ein paar Schritten ist man wieder in Opfikon. Oder vielmehr bei der UBS. 1994 verlagerte die Bank erstmals Arbeitsplätze aus dem Zürcher Zentrum an die Peripherie. Rund 2900 Mitarbeitende waren es damals, mittlerweile sind es 3500. Der neue Gebäudekomplex wurde auf der sprichwörtlichen grünen Wiese errichtet. Auf der Rümlanger Seite, direkt am Bahntrassee, wird weiterhin ein Bauernhof bewirtschaftet, und auch südwestlich des UBS-Gebäudekomplexes liegen immer noch Wiesen. Die beiden vierstöckigen, wiederum mehrfach gegliederten Gebäude wirken wie aus mächtigen Quadern gefügt, vielleicht Granit, und sind jeweils mit einem neckischen postmodernen Giebelchen samt Rundfenster gekrönt.

«Business Banking», «Wealth Management», «Investment Banking» heisst es beim Eingang an der Europa-Strasse 1. Ausgelagert wurden keine direkten Kundendienstleistungen, aber beispielsweise ist der Handelsraum für den internationalen Aktien- und Devisenhandel in Opfikon in einem einzigen Grossraumbüro zusammengefasst. Das Investmentbanking beschäftigt hier 550 Leute, die IT-Abteilung 600, der Zahlungsverkehr 400 und die Mandatsverwaltung 300, dazu kommen verschiedene kleinere Abteilungen. Fünfzig Nationalitäten sind vertreten, obwohl immer noch über sechzig Prozent der UBS-Angestellten im Bäuler SchweizerInnen sind.

Die Fassade glänzt kalt. Abschreckend. Drinnen, hinter den mannshohen Flügeltüren, die nach der Rezeption als Schranken dienen, aus schusssicherem Glas womöglich, öffnet sich der Lichthof, und man steigt sogleich ins Untergeschoss ins Atriumscafé hinunter.

Für alle UBS-Angestellten solle hier ein Campusgefühl entstehen, betont Reto Wey. Er ist COO, Chief Operating Officer, bei der Investment Bank. Da er seit 1997 hier arbeitet, weiss er alles übers Opfiker Gebäude.

Fürs Campusgefühl wird reichhaltig gesorgt. Neben dem Café findet sich ein Selbstbedienungsrestaurant mit sechs verschiedenen Kochstilen, ein gehobenes Restaurant und das «Vivendi», alles betrieben vom ZFV, dem ehemaligen Zürcher Frauenverein. Die Angestellten zahlen fürs Essen moderate Preise, denn die Restaurants werden von der UBS subventioniert, und indische MitarbeiterInnen haben sich einen externen Esslieferdienst organisiert. Im Untergeschoss findet sich zudem ein Fitnesszentrum, werden Yoga und Massage angeboten, ein Kiosk verkauft – noch! – Zigaretten und ist Sprüngli-Franchisenehmer; er nimmt auch Hemden zum Bügeln entgegen, während bügelfreie im Trockenraum aufgehängt werden können. Es gibt einen Coiffeursalon, und sogar ein Postamt hat eine Stunde pro Tag offen. Unterirdisch sind die beiden Gebäudekomplexe miteinander verbunden, und so kann man, wenn man NichtraucherIn ist, den ganzen Tag auf diesem Campus verbringen, ohne je ins Freie zu treten oder Personen aus anderen sozialen Kreisen zu treffen.

Tausend Parkplätze gebe es, erläutert Wey, aber eine Mehrheit der Beschäftigten kommt, mit der neuen Glattalbahn, aus der Ostschweiz, vom Flughafen oder mit den entsprechenden Anschlüssen aus dem Aargau, Basel und mit der S7 aus den Zürichseegemeinden.

Humor haben sie, die Banker: Der Pfad hinter der UBS-Überbauung der Glatt entlang heisst Devisen-Wiesn, wie eine inoffizielle Tafel verkündet. Hier versammeln sich die RaucherInnen. Neben den lauschigen Bänklein häufen sich die Zigarettenstummel. Einige Angestellte blicken während der Rauchpause sinnend in einen kleinen Teich. Die Vivendi-Bar wäre offen, aber für deren Besuch bräuchte es Zeit. Und die hat man hier oft nicht.

Das nominelle Gegenstück zur Devisen-Wiesn ist die Strasse, an der die Gebäude postalisch liegen: Europa-Strasse. Die hiess mal Kanalstrasse, was dem neuen Mieter dann doch nicht entsprach. Jetzt führt die Europa-Strasse in einem weiten Bogen zum Bahnhof oder eigentlich von diesem weg. Aber die UBS bekam als gewichtigste Anrainerin die Hausnummern 1 und 2, und so beginnt die Europa-Strasse beim Bahnhof mit der 3, geht bis 31 und springt dann, über einen Kreisel hinweg, zur UBS.

Bestehen Beziehungen der UBS und ihrer Angestellten zur Stadt Opfikon? Auf offizieller Ebene schon, versichert Reto Wey, die Kontakte zum Gemeindepräsidenten seien gut. Stadtschreiber Hansruedi Bauer sagt, es gebe gemeinsame Projekte. Wey sagt, es gebe gemeinsame Projekte. Beide weisen auf gemeinnützige Veranstaltungen und ein kürzlich lanciertes Foodfestival hin. Auch Anand Anwander hat es erwähnt, es sei «eine gute Sache». Da ist die Hoffnung auf die Esskultur. Folklore. Ansonsten bleibt der Bezug der Beschäftigten oberflächlich. Etliche joggen der Glatt entlang oder auf der anderen Seite im Glattpark, im Sommer wird das Freibad benutzt. Was kann Opfikon-Glattbrugg sonst bieten? Die Aushänge am Bahnhof und am Stadthaus betreffen vor allem Angebote für SeniorInnen. Es gibt eine lokale Galerie im Stadthaus, dazu zwei Kleintheater mit unregelmässigem Programm. Für Kinofilme muss man nach Seebach fahren, ausser es findet gerade das Open-Air-Kino-Festival im Glattpark statt. Immerhin, die neuen Überbauungen dort machen das Wohnen in der Nähe der Arbeitsplätze etwas attraktiver. Jeyan-Sibel Günaçan hofft, dass sich hier mehr Familien mit Kindern ansiedeln werden. Das ist mit der Expansion des Glattparks nicht unrealistisch. Wenn durch die globale Arbeitsteilung nicht auch Finanz- und Verwaltungstätigkeiten in billigere Länder ausgelagert werden.

Sechs: Flughafen Zürich-Kloten

Nach der Haltestelle Bäuler kommt Unterriet, ein kleineres Industriegebiet, hierauf der Bahnhof Balsberg, und dann biegt der 10er in den Flughafen ein. Hier also endet die Agglomeration. Und die globalisierte Welt beginnt. Die schon längst die Stadt, die Netzstadt und die Agglo erreicht hat.

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