Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

«Ein Eingreifen der Nato wäre eine Katastrophe!»

Rafik Schami, der deutsch-syrische Schriftsteller, setzt sich für die syrische Opposition ein. Der Übergang zur Demokratie aber werde langwierig. Und die Sorge um sein Land hält ihn gegenwärtig vom literarischen Schreiben ab.

Von Margrit Wartmann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Rafik Schami: «Assad hat die syrische Revolution nicht ersticken können.»

WOZ: Rafik Schami, Sie stehen täglich in Verbindung mit Verwandten und Freunden in Syrien. Können Sie problemlos und ungefiltert kommunizieren?
Rafik Schami: Ich kann nach Syrien telefonieren, aber frei reden kann ich nur mit sehr Vertrauten. Das Internet funktioniert meist, Namen oder Treffpunkte sollten aber auch hier nicht genannt werden. Ich verbringe viel Zeit im Netz – ich habe viele Kanäle über Paris, London, Dubai oder Beirut, die mein Bild der Lage täglich klären und ergänzen. Es ist ein sehr nüchternes. Romantik hilft niemandem, zuallerletzt mir.

Im Internet kann alles veröffentlicht werden.
Wir sind nicht blauäugig. Auch die Revolutionäre lügen unverschämt. Wir prüfen die Informationen täglich untereinander. Wo ist welche Strasse befreit worden? Wer hat die Oberhand in welchem Stadtteil von Aleppo, in welchen sind Medikamente geliefert worden? Wer hat jenen Journalisten entführt? Und am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass Revolutionäre der Freien Syrischen Armee den Journalisten entführt haben.

Welche Teile von Syrien sind befreit?
Syrien ist zu siebzig Prozent befreit. Den Hauptteil des Landes haben die lokalen Komitees und die Freie Syrische Armee in den Händen. Nur noch die grossen Zentren, mehrere Kleinstädte oder die alawitischen Gebiete stehen hinter Baschar al-Assad. Damaskus ist nicht befreit, aber alle seine Vororte. Und in allen Dörfern um Aleppo sind keine Regierungssoldaten mehr.

Stürzt Assad bald?
Die Syrer haben keine Illusion von seinem baldigen Sturz. Sie wissen, dass er noch fest im Sattel sitzt und grosse Teile der Armee hinter sich hat. Aber ein grosses Stück Weg ist zurückgelegt, die Opfer sind gebracht – nach so vielen Toten kann das Regime nicht weiter existieren. Doch die Angst ist da, dass es wie in Libanon zu einem langen Bürgerkrieg kommt.

Ist Assad noch der Führer oder nur noch Marionette des Geheimdienstes?
Eine wunderbar psychologische Frage. Manchmal ist er Marionette, manchmal Führer. Manchmal verschwindet er für Wochen – und taucht dann wieder auf. Wenn er weg ist, hat man das Gefühl, dass nicht er die Befehle gibt, sondern der Geheimdienst. Wenn an fünf verschiedenen Orten grosse strategische Operationen getätigt werden, macht vermutlich nicht er das. Das hat er nicht gelernt.

Ist er noch in Syrien?
Ich vermute schon. Ich wünschte, er würde in ein Flugzeug steigen und das Land verlassen. Ich bin für eine Amnestie, weil wir so Abertausende von Toten und verheerende Zerstörungen verhindern könnten. Die nächste Generation soll entscheiden, ob es falsch war, ihn nach Russland oder sonstwohin gehen gelassen zu haben. Aber ich fürchte, dass es dafür zu spät ist. Er ist ein Gefangener seiner Rolle und kann nicht mehr auf und davon.

Worauf gründet Ihr Eindruck, die Hauptarbeit sei geleistet?
Assad hat die Revolution während zwanzig Monaten nicht ersticken können, auch wenn er am Anfang geglaubt hat, es werde ein Spaziergang werden. Sein Gerede von den paar Terroristen, die hinter den Aufständen stecken, ist lächerlich – mittlerweile ist jedem vernünftigen Menschen klar, dass ein ganzes Volk aufgestanden ist. Zweitens setzen sich viele hochrangige Offiziere von Assad ab. Drittens bricht sein Regime finanziell ein. Die Wirtschaft liegt lahm: null Tourismus, null Export, null Produktion. Er hat keine Einnahmen – und gigantische Ausgaben für die Armee. Man spricht von über einer Milliarde Dollar monatlich. Finanziell ist er auf den Iran angewiesen – es fragt sich, wie lange ihm das iranische Regime noch helfen kann oder will.

Welche Auswirkungen hat das Einfrieren von Geldern im Ausland?
Wenig. Wie auch die Diskussionen über das Erteilen von Visa an Familienangehörige des Assad-Clans. Da kann ich mich kaputtlachen, wenn in Europa diskutiert wird, ob man der Frau von Assad ein Visum erteilen soll. Die hat jetzt andere Probleme, als sich auf Modeschauen in Paris zu zeigen.

Mein grosser Kummer sind die Flüchtlinge. Das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR rechnet bis Ende Jahr mit 700 000  Syrern auf der Flucht. Der Winter rückt näher, und auch in Syrien ist der Winter eiskalt. Wenn ich frierende Kinder sehe, tut mir das so weh, dass ich nicht einmal darüber schreiben kann. Wo sind die Milliarden aus Saudi-Arabien? Wo ist die Hilfe der Kuwaitis, die in Geld schwimmen und für Spielcasinos oder eine Hurerei in London Millionen ausgeben?

Saudi-Arabien schickt den Aufständischen Waffen und Geld.
Die Saudis karren die militärische Hilfe mit Bulldozern an, während die aufgeklärten, laizistischen Geldgeber aus Europa nur zögerlich Gelder geben. Die Revolutionäre leiden an zu wenig Geld, Lebensmitteln und Medikamenten. Kämpfer der Freien Syrischen Armee bekommen ein Gehalt auf die Hand von hundert Dollar für zwei Monate. Wenn das Geld von reichen Syrern kommt, begrüsse ich das, wenn es von den Saudis kommt, verurteile ich es. Gelder aus Saudi-Arabien bleiben nicht ohne Einfluss auf ein zukünftiges Syrien.

Soll die Nato eingreifen und eine Flugverbotszone errichten?
Ein Eingreifen der Nato wäre in Syrien eine Katastrophe! Eine Flugverbotszone wird sich Assad nicht gefallen lassen, und ohne militärischen Einsatz kann man das nicht erreichen. Die Aufständischen haben einen besseren Vorschlag: Gebt uns geeignete Waffen, dann werden wir uns selber verteidigen! Die Freie Armee, die Aleppo befreit hat, ist schutzlos gegenüber der syrischen Luftwaffe. Sie braucht Spezialraketen, um diese verflucht modernen Kampfflugzeuge vom Himmel zu holen. Ich finde die Diskussion abscheulich, aber so ist es. Doch der Westen schickt die notwendigen Waffen nicht – aus Angst, dass sich diese eines Tages gegen Israel richten werden.

Der Westen begründet seine Zurückhaltung mit der Angst vor dem Vormarsch islamistischer Extremisten.
Die Dschihadisten kommen immer, wenn Chaos herrscht, und Syrien ist im Bürgerkrieg. Das ist ihre Stunde. Diese kriminellen Gestalten sind im Land und werfen sich in Pose. Und die westlichen Journalisten lieben diese Fotos. Doch das möchte ich den westlichen Medien sagen: Wenn ihr wegen fünf Dschihadisten oder 500 oder 5000 die ganze Revolution eines 20-Millionen-Volks infrage stellt, ist das moralinsauer. Die Dschihadisten haben in Syrien keine Zukunft, da bin ich sicher. Minderheiten, die mit den Dschihadisten nichts am Hut haben, machen vierzig Prozent der Bevölkerung aus: Christen, Schiiten, Jeziden, Alawiten, Drusen, Kurden, Armenier, Aramäer. Und die Sunniten sind zur Hälfte städtische Bürger, Klein- und Grosshändler und können mit Dschihadisten ebenso wenig anfangen. Die schätzen den Wein mehr als diesen ganzen Fanatismus. Ich kenne mein Volk.

Die westlichen Medien haben die Aufstände in der arabischen Welt von Anfang an romantisiert. Der Begriff «Arabischer Frühling» stammt nicht von den Revolutionären. Im Frühling blühen die Blümchen, und man geht im Park spazieren. Und dann kommt der Sommer und der Herbst, und wir pflücken die Früchte. Befinden wir uns denn in einem Naturmuseum? Wir sind in einer Revolution, und eine Revolution ist schmutzig und dauert länger als drei Jahreszeiten.

Um uns herum gibt es nämlich viele Kräfte, die ins Geschehen eingreifen: Palästina, Israel, die Hisbollah, der Golan, der Iran, der Irak, Jordanien, die Türkei, die Kurden, die Saudis, Russland und so fort. Und dann hat die syrische Diktatur ein einzigartig filigranes System aufgebaut aus gegenseitigen Abhängigkeiten, absolutem Gehorsam von Sippenvorstehern, fünfzehn Geheimdiensten und austarierter Machtbeteiligung der Minderheiten. Das ist nicht zu vergleichen mit dem folkloristisch-beduinischen System von Gaddafi. Das syrische Gebilde sieht wie ein Staat aus, ist aber keiner. Es ist eher wie ein Spinnennetz der loyalen Verbindungen. Da ist der Prozess der Demokratisierung kein Spaziergang.

Westliche Medien haben ja auf eine Demokratisierung der arabischen Welt gehofft – und beklagen sich jetzt, dass nach den Wahlen in Ägypten die Muslimbrüder an der Macht sind …
Aber hallo. Die Muslimbruderschaft ist keine religiöse, sondern eine politische Partei und so wenig muslimisch, wie die Heuchler der CSU christlich sind. Sie ist eine zivile, historisch gewachsene, demokratische Partei, die auf die Verfassung schwört. Eine Partei mit reaktionären Wertvorstellungen, karitativ und daher für den Erhalt des rückständigen kapitalistischen Systems. Ich schätze ihre Anhängerschaft in Syrien auf zehn bis fünfzehn Prozent. Wir werden mit ihnen leben.

Man darf Dschihadisten und Muslimbrüder nicht in einen Topf werfen und das «den Islam» nennen. Ich bin Christ und kann deshalb locker und entspannt über den Islam reden. Der Islam ist weder besser noch schlechter als das Christentum, und wir Christen haben am allerwenigsten Grund, mit dem Zeigefinger herumzufuchteln.

Auf welcher Seite stehen denn die syrischen Kirchen?
Ich glaube, dass die meisten Christen und die meisten Geistlichen aufseiten der Aufständischen sind oder sich am Aufstand beteiligen. Aber, und das ist eine grosse Schande, die Kirchenführungen stehen immer noch hinter Assad.

Wurde der Anti-Mohammed-Film in Syrien diskutiert?
In Syrien hat das niemanden interessiert; aber in arabischen Oppositionskreisen im Exil. Ich habe die manipulierte Empörung kritisiert. Dieser schlecht gemachte Film eines Tankwarts war ein gefundenes Fressen für die Fundamentalisten. Da konnten sie auf einfache Art Hass schüren gegen den Westen. Ich habe geschrieben: Mohammed würde sich schämen über diese Anhängerschaft, die herumbrüllt und Chaos im eigenen Land anrichtet. Ihr empört euch wegen dieses Films, aber wenn eure Frauen missbraucht, wenn eure Kinder zu Sklavenarbeit gezwungen und eure Bodenschätze vor euren Augen geklaut werden, seid ihr in eurer Ehre nicht verletzt.

Im Westen wurde das Recht auf Religionskritik postuliert …
Die Muslime zu kränken, ist keine Freiheit, die es zu verteidigen gilt, sondern ein lächerlicher Gnom der Freiheit, der sich darin ausdrückt, andere zu beleidigen. Die Lüge besteht darin, dass sich in den westlichen Ländern alle Künstler und Schriftsteller an Verbote halten. Antisemitismus ist verboten, mit Recht verboten. Keiner würde antisemitische Karikaturen dulden. Die Würde anderer Religionen und Kulturen muss geschützt sein.

In Ihren Büchern entführen Sie einen in den Erzählort Syrien. Können Sie über Syrien noch literarisch schreiben?
Nein. Seit zwanzig Monaten habe ich kein Wort an meinem neuen Roman geschrieben. Ich will ein Bild entwickeln, und schon kommen diese Bilder von den grausam ermordeten Kindern und verbieten eine fiktive Romanatmosphäre. Seit dem Aufstand muss ich mich wie ein Getriebener vor das Internet oder den Fernseher setzen. Ich muss diese Nachrichten auf al-Dschasira oder Orient-TV oder diese Filme auf Youtube sehen. Vierzig Jahre schreibe ich schon im Exil, und wenn ich jetzt zwei Jahre verliere, spielt das keine Rolle. Ich setze meine Kraft an anderen Orten ein. Mit Freunden in Deutschland habe ich einen Verein gegründet zur Unterstützung von syrischen Kindern und Jugendlichen.

Führen Sie ein politisches Tagebuch?
Ich bin kein Tagebuchschreiber. Was ich schreibe, sind Texte auf Arabisch für Oppositionszeitungen wie für die «Safahat suriya». Da mahne ich zu Versöhnung und übe Kritik am Regime, am Militär, aber auch an der Freien Syrischen Armee, an der Folter auf beiden Seiten, an den Heuchlern, Puristen und Dschihadisten. Ich bin nicht einverstanden, wenn Aufständische ihren militärischen Operationen islamistische Namen geben, und fordere sie auf: Benennt sie nach Namen von gefallenen Kindern!

Was wünschen Sie sich für Syrien?
So wenig Bürgerkrieg wie möglich und eine Kompromissbereitschaft für ein Minimum des Zusammenlebens. Ich bin für eine lange Zeit der Übergangsregierung. Jene Regierungsmitglieder, die ihre Hände nicht mit Blut besudelt haben, sollen mit einbezogen werden. Wir sollen uns nicht übereilen, übermorgen schon Demokraten zu sein. Wir müssen Gewerkschaften und Parteien aufbauen und die Schulen vom Baath-Ideologie-Dreck reinigen. Das wäre die nächste Phase meines Schreibens: der Aufruf, einander die Hand über die Gräben zu reichen, und die Ermunterung, neue Wege zu gehen. Wenn wir erreichen, dass in der Verfassung stehen wird: Religion und Staat sind getrennt, und Frau und Mann sind in allen Bereichen gleichgestellt – dann sind all diese Menschen nicht vergebens gestorben.

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