Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

Menschen mit verweigerter Zukunft

Leben unter Bedingungen der «Nothilfe»: Eine Studie legt verborgene Realitäten offen – und dokumentiert gesetzlich legitimierte Menschenrechtsverletzungen im Asylbereich.

Von Maja Wicki

«Das hier … ist mein Leben», herausgegeben vom Solidaritätsnetz Ostschweiz und der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz, beruht auf einer empirisch-dialogischen Methode, wie sie von Pierre Bourdieu vertreten und gelehrt wurde – eine bemerkenswerte soziologische Dokumentation, die in knappen Porträts und sorgfältig geführten Interviews mit dreizehn betroffenen jungen Frauen und Männern den Alltag unter Bedingungen der Nothilfe in der Schweiz aufzeigt.

Beweggrund dafür war die Dringlichkeit, der zunehmend menschenverachtenden Asylpolitik entgegenzustehen (Marina Widmer liefert dazu einen wertvollen Überblick über die jüngste asylrechtliche Entwicklung). Umgesetzt wurde das Vorhaben nicht etwa im Rahmen eines akademischen Auftrags und auch nicht in Form einer lauten Manifestation; sondern ganz bewusst durch eine möglichst unverfälschte Offenlegung der alltäglichen subjektiven Erfahrungen dieser «sonst so stummen bzw. ungehörten und unerhörten Zeitgenossen», so der an der Universität St. Gallen lehrende Soziologe Franz Schultheis in seiner Einleitung.

Gezwungen zur «Un-Existenz»

«Sagen, was ist», dieses Leitmotiv persönlichen Aufbegehrens vieler WiderstandskämpferInnen, mag auch die dreizehn Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Ländern bewogen haben, offen über sich und ihren Alltag zu sprechen. Sie wissen, dass sie Teil einer Menschengruppe von etwa 8000 Männern, Frauen und Kindern sind, die verstreut in der Schweiz an «Un-Orten» eine «Un-Existenz» führen: Menschen, die ohne Pass in die Schweiz gelangten und es wagten, in Vallorbe, Basel, Kreuzlingen, Chiasso oder Kloten ein Asylgesuch zu stellen.

Tatsache ist: Wer nicht über einen Pass oder eine Identitätsurkunde seines Herkunftslands verfügt, wird von vornherein als unglaubwürdig bewertet, je nach Hautfarbe und Herkunftserklärung als potenziell kriminell. Er oder sie wird zwar registriert, jedoch ausschliesslich negativ als Mensch mit Nichteintretensentscheid (NEE) – als Illegale und Rechtlose, die bedrängt werden, die Schweiz wieder zu verlassen. Doch wohin?

Ebenso Tatsache ist: Mit der Verweigerung des Aufenthaltsrechts geht die Verweigerung des Arbeitsrechts einher. Für die Betroffenen bedeutet es die Verweigerung eines Zukunftsentwurfs. Dieses mehr als prekäre Dasein in der Schattenwelt menschlicher Entwertung findet in überfüllten Containern, lichtlosen unterirdischen Bunkern, weit abgelegenen Baracken im Gebirge oder Notunterkünften in Aussenbezirken statt – immer ohne Privatheit im Schlafen und Wachsein, mit immer neuen MitbewohnerInnen, neuen Transfers an unbekannte Orte, Rayoneinschränkungen, täglichen Kontrollen und erniedrigenden Abhängigkeiten. Hinzu kommen eine massivst eingeschränkte Bewegungs- und Begegnungsfreiheit – und die permanente Angst, von einem Tag auf den anderen gefangen genommen oder ausgeschafft zu werden.

Das Buch gibt weitere Beispiele der menschenunwürdigen Politik: So etwa wird für alleinstehende Männer unterschiedlichster Sprache, Kultur- und Generationenzugehörigkeit der knappe Platz in einer gemeinsamen Unterbringung schnell zum Anlass für Streit. Man stelle sich vor, was es bedeutet, wenn eine einzige Küche, Toilette oder Dusche mit 14 oder 32 oder 60 anderen Bewohnern geteilt werden muss, oder wie es ist, wenn Pritsche neben oder über Pritsche steht und Privatheit, Schlaf und Erholung kaum möglich sind – während Wochen, Monaten, manchmal Jahren. Für Familien mit Kindern wird in der Regel eine Wohnung zur Verfügung gestellt, doch selten mit genügend Platz, oft bloss ein Zimmer in einer Wohnung, die mit einer anderen Familie oder mit Frauen, die als «vulnerable Personen» eine kleine Sonderbeachtung bekommen, geteilt werden muss.

Sklavereiähnliche Zustände

Kinder können zwar zur Schule gehen, doch fehlt das Geld für die nötigen Schulmittel und Kleider und die Möglichkeit, um in Ruhe lernen zu können. Erwachsenen werden täglich höchstens acht Franken zugestanden, Kindern vier, in einzelnen Kantonen wird nicht einmal Geld zur Verfügung gestellt, sondern es werden Migros-Gutschein ausgeteilt oder abgepackte Lebensmittel, die nicht selber ausgewählt werden können. Wie soll da eine gesunde Ernährung möglich sein, wie der Erwerb von Windeln, Tampons und anderen Hygieneartikeln, von warmen Kleidern und wasserfesten Schuhen im Winter? Wie können Kinder lernen, sich frei zu bewegen, wenn ihre Eltern kein Recht dazu haben? Wie können sie lernen zu spielen und die Welt um sich herum zu erkunden, wenn ihren Eltern der Kontakt mit Schweizer Familien praktisch verboten ist? WelcheR Jugendliche hält es aus, nicht einmal in der Nachbargemeinde einen Kollegen besuchen zu können, weil sie oder er den Rayon des Dorfs, in dem er oder sie untergebracht ist, nicht verlassen darf?

Für alle jungen und älteren Frauen und Männer, die dem Interview zustimmten, bedeuten die Kontakte mit Leuten aus Basisorganisationen Lichtblicke. Es finden öffentliche Demonstrationen statt, es gibt individuelle Unterstützung in Form von Rat oder von Geld, es werden Mittagstische und Sprachkurse organisiert. Oft sind es einzelne Personen, die sich dazu bereit erklären, oft grössere Gruppen.

Die in einzelnen Kantonen von offizieller Seite her angebotenen «Beschäftigungsprogramme» hingegen sind zweischneidig: Zwar ermöglichen sie mit Küchen- oder Reinigungsarbeit, mit dem Einsatz bei der Velovermietung an den Bahnhöfen oder mit einer Kontrollaufgabe im Unterbringungsgebäude eine Tagesstruktur, andererseits wird für volle Arbeitsleistung ein Stundenlohn von gerade mal drei Franken bezahlt, sodass sich das Gefühl sklavereiähnlicher Ausnutzung einzunisten beginnt.

Und doch, auch das offenbaren die Gespräche, gibt es selbst unter den prekären Bedingungen der Notunterkünfte Menschen, die sich bemühen, die Bedürfnisse der anderen zu beachten. Die am meisten stärkende Kraft, so der eindeutige Tenor, findet sich in der Erfahrung von Freundschaft, wie sie durch Begegnungen im Kreis des politischen Widerstands entstehen kann. Wie ein Wunder mutet es an, wenn die erloschene Hoffnung trotz Erniedrigung und rechtlicher Unfreiheit wieder aufkeimt und das erfrorene Herz zu wärmen beginnt.

 

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Menschen mit verweigerter Zukunft aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr