WOZ Nr. 48/2012 vom 29.11.2012

Im Dienst der Schönheit

Als Fotomodell verdiente Petra Wolfensberger mit ihrer Schönheit ihr Geld. Heute hilft sie als Geschäftsleiterin der «Dayclinic für Aesthetische Chirurgie» anderen Menschen, schöner zu werden. Ein Besuch in der Tagesklinik.

Von Karin Hoffsten (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Die ruhige Strasse im Zürcher Engequartier atmet noch immer das Flair der vorletzten Jahrhundertwende. In einem der hohen Jugendstilhäuser liegt die «Dayclinic für Aesthetische Chirurgie», das Wirkungsfeld von Christoph Wolfensberger, einem renommierten Facharzt für plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Doch heute wollen wir nicht den bekannten Schönheitschirurgen, wie es umgangssprachlich heisst, kennenlernen, sondern seine Frau.

Schon im Treppenhaus zeigt sich, dass das Innenleben des alten Hauses mit viel Geld und ebenso viel Geschmack runderneuert wurde. Der Lift bringt uns in den dritten Stock, wo Petra Wolfensberger, die Geschäftsleiterin der Tagesklinik, uns schon erwartet. Wir beginnen mit einem Rundgang.

Frau Wolfensberger wirkt überraschend mädchenhaft, ihr Auftreten ist frei von jeder Arroganz. Fasziniert folgen wir der zierlichen Erscheinung in eine Welt, die wir nicht kennen. Die Praxis belegt zwei Stockwerke, unterm Dach sind die Empfangs- und Büroräume, einen Stock tiefer die Behandlungs- und Ruheräume – woanders würde man wohl Operations- und Krankenzimmer dazu sagen.

Verliebte Blicke für eine Schoggi

Alles dient der Wohnlichkeit, jedes Möbelstück ist von erlesenem Geschmack, die Farben verheissen Harmonie und Geborgenheit: Die Kundin oder der Gast – die Worte «Patient» oder «Patientin» will man hier gar nicht denken – soll sich wohl fühlen und frei von Angst. So sind die Zimmer nicht mit Nummern oder gar einem schnöden «OPS» angeschrieben, sondern heissen «Bahia Blanca», «Belair» oder «Palm Springs». Operiert wird auf «Mykonos». Der Gedanke, dass die hier täglich ausgeübte Kunst auch blutig ist, scheint fast verwerflich.

Als junge Frau war Petra Wolfensberger Fotomodell, wunderschöne Porträts zeugen davon. Diese Zeit sei ganz anders gewesen als heute, sagt sie, wo ja fast jedes Mädchen Model werden wolle. In den Job sei sie zufällig gerutscht, er habe ihr Spass gemacht, sie sei viel herumgekommen, ihr Foto war auf den Titelseiten von «Harper’s Bazaar» und «Vogue». «Damals musste man auch nicht riesengross sein», sagt sie, «man hat mehr auf die Gesichter geschaut.»

Beim Dreh für einen Werbespot musste sie, die damals noch Leuzinger hiess, statt sechs schönen jungen Männern einer Tafel Schokolade verliebte Blicke zuwerfen – «und einer von den sechsen war dann mein Mann!» Denn auch Christoph Wolfensberger arbeitete während seines Studiums als Fotomodell.

Heute ist das Paar nicht nur privat, sondern auch beruflich ein unzertrennliches Team. Jahrelang begleitete Petra Wolfensberger ihren Mann zu Weiterbildungen und Kongressen in aller Welt und lernte dabei ebenfalls eine Menge über Handwerk und Background. Dass sie bei seiner Praxisgründung das Office-Management übernahm, lag nahe. Für den eigenen Beruf fehlte mehr und mehr die Zeit, doch das stört sie nicht. Hier an der Seite ihres Manns ist ihre Aufgabe und ihre Welt. «Es ist ein Leben!», fasst sie zusammen.

Nicht nur für Gutbetuchte

Der Zufall will, dass in diesem Moment Christoph Wolfensberger aus dem Lift tritt. Er begrüsst mich herzlich, wie einen Gast, den er schon lange hat einladen wollen, ich fühle mich willkommen. Dass sich die beiden tatsächlich ernsthaft Gedanken machen, ob für unsere Fotografin überall gut genug aufgeräumt sei, bringt ein Job, der peinlichste Ordnung und Sauberkeit erfordert, offenbar mit sich.

Nicht nur das: Hier wird eine Diskretion gepflegt, die weit über die Erfordernisse des Arztgeheimnisses hinausgeht. Kein Fenster erlaubt neugierige Blicke von aussen, selbst den bezaubernden kleinen Dachgarten füllt eine sichtbehindernde Topfpflanze. Die Klientel, die auch mal im eigenen Flugzeug anreist, will nicht gesehen werden, schon gar nicht, solange das Gesicht aus geröteten Schwellungen zwischen Verbänden besteht. Nur innen, geschützt vor neugierigen Blicken, kann man in ungezählten Spiegeln den eigenen Fortschritt prüfen. Drum logieren manche während der Behandlung auch nicht – wie sonst – im «Baur au Lac», sondern bevorzugen ein Hotel, in dem sie niemand kennt.

Manchmal ist es gut, wie es ist

Man zeigt nicht gern, dass man «etwas machen liess». Noch immer hafte der plastischen Chirurgie ein gewisser Hautgout an, zumindest in der Schweiz, meint Frau Wolfensberger. Sie wundere sich manchmal darüber, denn finanziell sei so eine Korrektur für bestimmte Kreise ja kein Problem. Sie betont aber, dass nicht nur Gutbetuchte ihren Mann um Hilfe bitten, manch einer oder eine wolle sich schon lange einen Wunsch erfüllen, für den er oder sie lange gespart und auf vieles verzichtet hat.

Wenn man drei Regeln beachte, komme es mit hoher Wahrscheinlichkeit gut raus, meint Petra Wolfensberger: zum richtigen Arzt gehen, Vertrauen haben und nicht übertreiben. Dass für Petra Wolfensberger ihr Mann der richtige Arzt ist, versteht sich von selbst: «Sein grosses Geschick ist, dass er sehr natürlich arbeitet, man sieht frisch aus und erholt, man gefällt sich wieder.» Eine kosmetische Operation empfindet sie nicht als Verletzung. Sie wisse ja, wie ihr Mann arbeitet. Auch für ihn sei es keine Belastung, wenn er seine Frau operiere. Bei der Arbeit sei er wie in Trance: «Da steht die Aufgabe im Vordergrund.»

Ab und zu raten Wolfensbergers jemandem auch von einer Retusche ab, weil es einfach gut sei, so wie es ist. Wenn sich so jemand dann schnurstracks zur Konkurrenz begebe, sei das oft schade und zum Nachteil der betreffenden Person, das sehe man dann halt leider.

Ganz am Ende wage ich die Frage, was denn ihrer Meinung nach bei mir gemacht werden müsste. Petra Wolfensberger reagiert professionell: «Machen müssen tut man gar nichts! Aber gibt es etwas, das Sie stört?» Da wüsste ich einiges, gestehe ich ihr. Doch hier nur so viel: Mit 8000 bis 15 000 Franken wäre ich dabei.