WOZ Nr. 48/2012 vom 29.11.2012

Verkäuferinnen knacken aus Solidarität Kassencode

Die BesitzerInnen von Schuhketten gehören zu den Reichsten im Land. Nirgendwo im Detailhandel sind die Löhne so tief. Eine Verkäuferin erzählt.

Von Kaspar Surber

3250 Franken brutto: So tief war ihr Lohn, den sie nach drei Jahren Detailhandelslehre und drei Jahren als Verkäuferin in einem Schuhladen verdiente. 3500 Franken: Nur wenig höher lag der Lohn, den sie als stellvertretende Filialleiterin verdienen sollte. Da reichte sie die Kündigung ein. Nennen wir sie Nummer 270. So lautete ihr Code im Geschäft, über den sie ihre Verkäufe eintippen musste. Womöglich war er auch 450. Wenn ihr Code oder die Schuhkette in der Zeitung stünden, sie könnte bloss die Hälfte erzählen. Sie möchte die alten Kolleginnen nicht gefährden.

«Die Grundsätze hingen im Umkleideraum: ‹Freundlich sein! Zweimal fragen! Zusatzverkäufe!›. Es war wie die tägliche Lektüre in der Bibel.» Die Fragen der Chefin: «Hast du die Kundin angesprochen? Hast du ein Paar verkauft?» Stundenlanges Stehen, Runterknien beim Anprobieren. Arbeiten, die der Kunde gar nicht bemerkt: das grosse Umräumen in Frühling und Herbst. Preisschilder aufstellen, Lampen einschrauben. Überhaupt, die Kundschaft: «Manche behandelten mich wie Dreck. Andere wiederum sahen in mir einen Psychiater, erzählten mir ihre Lebensgeschichte. Einige kamen jeden Tag.»

Und dann erst der Geschmack der Kundschaft! «Öfter habe ich gedacht: Hey, sorry, Junge!», erzählt die Mittzwanzigerin. Etwa wenn Männer Frauenstiefel kauften. Aber schliesslich müsse die Beratung darauf abzielen, dass der Kunde mit der eigenen Auswahl zufrieden sei.

«Gefahr» Gesamtarbeitsvertrag

Rund 8000 Personen arbeiten in der Schweiz im Schuhverkauf. Zu den Grossen der Branche zählen Dosenbach-Ochsner, Karl Vögele, Walder, Botty oder Bata. «Im Detailhandel gehören die Löhne im Schuhhandel zu den tiefsten», sagt Natalie Imboden von der Gewerkschaft Unia. Sie bewegen sich zwischen 3100 und 3700 Franken. Vom Discounter Reno sind Löhne von 2700 Franken bekannt. Ein 13. Monatslohn ist nicht Standard. Zum Vergleich: Die Mindestlohninitiative fordert einen Lohn von 4000 Franken. Der Schweizerische Schuhhändlerverband wehrt sich gegen einen Gesamtarbeitsvertrag. Zentralpräsident Dieter Spiess bezeichnet ihn als «Fehlentwicklung» und «Gefahr».

Der Arbeitstag von Nummer 270 dauerte von 9 bis 19 Uhr, mit der Anfahrt von 8 bis 20 Uhr. «Wenn ich nach Hause zurückkam, war ich fixfertig.» Auch am Samstag musste sie im Laden stehen, einen Tag konnte sie dafür kompensieren. Einmal in der Woche gab es Abendverkauf. Schliesslich der ständige Druck auf die Öffnungszeiten: «Als sie von 18.30 Uhr auf 19 Uhr verlängert wurden, haben wir deswegen nicht mehr Schuhe verkauft. Die Kunden, die vorher um fünf vor halb sieben kamen, betraten den Laden jetzt einfach um fünf vor sieben.» Für die kurzen Pausen am Morgen und am Nachmittag existierte ein Raum von zwei Quadratmetern. Er diente zugleich der Filialleiterin als Büro.

Geringe Wertschätzung

«Am schlimmsten war die Kontrolle.» Über den individuellen Kassencode wurden die Verkäuferinnen mit 0,1 Prozent am Umsatz beteiligt. «Wenn ich in einem guten Monat für 30 000 Franken verkaufte, erhielt ich gerade einmal 30 Franken.» Der Code diente also vor allem der Kontrolle, um die Leistungen der Verkäuferinnen zu registrieren. «Irgendwann reichte es uns», sagt Nummer 270. In einem anarchistischen Akt knackten sie den Kassencode und sahen fortan nicht mehr nur den eigenen, sondern den Umsatz aller Kolleginnen. «War eine im Rückstand, überliessen ihr die anderen einen Kunden. So kamen wir alle auf einen ähnlichen Umsatz.»

Der Druck auf die Angestellten zahlt sich für die BesitzerInnen der Detailhandelsketten aus. «Mit tiefen Löhnen verdienen sie sich eine goldene Nase», sagt Natalie Imboden von der Unia. Die Familie Bata (Vermögen über drei Milliarden, vgl. Text «Der Schuster und seine Satelliten») oder die Familie Gaydoul-Schweri, die Navyboot-Eigentümerin (1,25 Milliarden) sind Schuhmilliardärinnen. Die Detailhändler Ingvar Kamprad (Ikea) oder die Familie Brenninkmeijer (C&A) gehören zu den Reichsten in der Schweiz überhaupt.

Nummer 270 arbeitet heute im Büro. «Vermutlich bleiben im Rückblick die negativen Erfahrungen stärker haften. Der Verkauf ist ein schöner Beruf. Nur die Wertschätzung ist viel zu klein.» Zum Schluss, was zeichnet einen guten Schuh aus? «Er muss bequem sein, gut aussehen und super sitzen. Alles in einem! Und ich würde immer darauf achten, den Preis nicht nur für die Marke zu zahlen. Touristen aus den USA haben sich kaputtgelacht, als sie bei uns die hohen Preise für Converse-Turnschuhe sahen.»