WOZ Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Zum Beispiel auf der Schützenwiese

Pedro Lenz findet, die Liebe zum Fussball sei die Liebe zur Kommunikation.

Es war feucht und neblig am letzten Montagabend des Monats November in Winterthur. Im Stadion Schützenwiese spielte der Heimklub gegen den FC Aarau vor 4000 ZuschauerInnen. Eine Gruppe von Freunden war aus dem Aargau angereist, Männer um die fünfzig, vereint in ihrer Liebe zum Fussball. Es gab viel zu reden, sehr viel. Vor dem Spiel sprachen die Freunde über den FC Winterthur, über frühere Reisen und beinahe vergessene Namen von grossen Stars, die in diesem Stadion ein und aus gingen, über die Veränderungen, die das Stadion seit ihren ersten Besuchen durchgemacht hat, über das Getränkeangebot und über den unmittelbar bevorstehenden Spitzenkampf der Challenge League, die von den Freunden auch Jahre nach dem Branding-Relaunch immer noch hartnäckig Nationalliga B genannt wird.

Während des Spiels gab es ungezählte Szenen zu kommentieren: «Warum läuft er nicht sofort in den Raum?» – «Was ist heute mit dem Sechser los, er ist doch sonst nicht so zögerlich.» – «Du, ich glaube, der Vierzehner von Winterthur hat zwei ungleich lange Beine, der ist wohl an einem Berghang aufgewachsen.» Dazwischen gab es Anfeuerungsrufe, faule Scherze und ein paar Freudenschreie, die im letzten Augenblick unterdrückt werden mussten, weil der Ball jeweils nur fast im Netz zappelte. Die Zeit verging im Flug, und als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, stand es 0:0, trotz guter Chancen auf beiden Seiten, trotz eines Penaltys für den FCW und trotz der ungezählten Geschichten auf den Rängen.

Nach dem Match ging das Erzählen in der Buvette weiter. Bei Tee mit Rum tauschten sich die Freunde aus dem Aargau mit den Fans aus Winterthur aus. «Schön zu sehen, dass ihr Landeier den Weg ins Stadion gefunden habt.» – «Was? Dich haben sie auch reingelassen?» – «Ohne mich wird hier gar nicht angepfiffen.» Freundschaftliche Neckereien und ernsthafte Fragen wechselten sich ab. Die Freunde redeten über das eben erlebte Unentschieden, über die finanziellen Grenzen ihrer Klubs, über die ständig strenger werdenden Sicherheitsvorschriften und über die Aussicht, dass ihre Vereine vielleicht bald in neue Stadien ziehen. «Bei uns soll es noch hängige Einsprachen haben.» – «Ja, das kennen wir.»

Bei all den Gesprächen in Winterthur wurde mir wieder einmal in aller Deutlichkeit bewusst, dass die Liebe zum Fussball im Grunde eine Liebe zur Kommunikation ist. Der Fussball ist ein Vorwand, um zu kommunizieren, um sich auszutauschen, um sich redend in der Welt, die einen umgibt, zurechtzufinden. Wenn ich beim Fussball über früher rede, rede ich eigentlich über den Verlust der eigenen Jugend. Wenn einer in der Gruppe sich skeptisch über die neuen Stadien äussert, drückt er damit seine grundsätzlichen Bedenken vor Veränderungen aus. Wir erzählen uns alles im Zusammenhang mit Fussball. Wäre unsere Leidenschaft die Kleintierzucht, das Sammeln von Kaffeerahmdeckeli oder der Bau von Modelleisenbahnanlagen, würden wir uns wohl die genau gleichen Geschichten erzählen, nur der Rahmen wäre ein anderer.

Fussball ist in erster Linie eine Kommunikationshilfe. Fussball ist ein Grund, miteinander zu reden. Wer den Fussball liebt, liebt zunächst den menschlichen Austausch. Wir gehen in die Stadien, weil wir wissen, dass wir dort andere treffen, mit denen wir zwei oder drei Stunden im Gespräch sind.

Offen bleibt in diesem Zusammenhang das Rätsel, warum fast alle Profifussballer vor und nach den Spielen ständig einen Kopfhörer tragen. Ein kurzer Blick in einen Teambus genügt, um festzustellen, dass die meisten Cracks ihre Ohren bei der An- und Abreise verriegelt haben. Warum verweigern sie sich dem Gespräch? Wieso reden sie nicht miteinander? Haben sie keine Geschichten mehr? Oder lieben sie den Fussball nicht? Würden sie ihre Kopfhörer kurz ablegen, könnten wir sie vielleicht fragen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten.