Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Der sterbenskranke Muntermacher

Wegen des Klimawandels breitet sich eine Kaffeeseuche in Mittelamerika aus und bedroht die Existenz von Millionen von KleinbäuerInnen.

Von Cecibel Romero, San Salvador (Text und Foto)

Bis zu dreissig Prozent Befall: Am Kaffeerost erkrankter Kaffeestrauch in San José La Majada, El Salvador.

Am Morgen, wenn sich der Nebel aufgelöst hat und die noch tief stehende Sonne die Hänge streichelt, zeigt sich die Landschaft in ihren sattesten Farben. Ein stahlblauer Himmel mit blütenweissen Wolken, darunter Hügel in schillerndem Grün. Ein exaktes Gitter von langen Baumreihen liegt über dem Land. Sie schützen Millionen von darunter stehenden Kaffeesträuchern vor dem Wind und geben ihnen Schatten, damit die Kaffeekirschen langsamer heranreifen und die Bohnen ein Maximum an Aroma entwickeln. Im Dezember gibt es jeden Morgen dieses Licht. Es ist Kaffeeernte im bergigen Nordosten von El Salvador.

Die Idylle gibt es nur aus der Ferne. Aus der Nähe aber, in der Plantage, sieht es in dieser Erntezeit ganz anders aus. «Es ist eine Tragödie», sagt Isaías Marroquín, der verantwortliche Vorarbeiter einer kleinen Finca am Rand des Dorfs San José La Majada. Schon als Kind hat der 47-jährige Campesino auf den Kaffeeplantagen der Gegend gearbeitet. Er hat die Grundschule nicht abgeschlossen, aber mit Kaffee kennt er sich aus. Er weiss, was Kaffeerost ist und wie er aussieht. «Es hat diese Plage hier schon lange nicht mehr gegeben», sagt er. «Wir hatten sie fast schon vergessen, und niemand hat sich darauf vorbereitet.» In diesem Jahr schlug sie gnadenlos zu und sorgt für Ernteeinbrüche von bis zu dreissig Prozent – nicht nur in El Salvador, genauso in Guatemala, Honduras und Nicaragua. In Kolumbien wütet sie schon länger.

Grosse Verluste bei der Ernte

Erste Anzeichen des Kaffeerosts sind kleine gelbe Flecken auf der Unterseite der dunkelgrünen Blätter der Büsche. Die werden immer grösser, das Blatt färbt sich wie im europäischen Herbst und wird schliesslich von einem feinen weissen Pulver überzogen. Dann fallen die Blätter ab, und die Kaffeefrucht ist schutzlos der Sonne ausgeliefert.

Zum ersten Mal wurde die Pilzkrankheit im 19. Jahrhundert in der Region Nyanza in Kenia festgestellt. 1970 war sie – wahrscheinlich über importierten Kaffee – in den brasilianischen Bundesstaat Bahía gelangt und breitete sich von dort innerhalb eines Jahrzehnts über ganz Lateinamerika aus. Doch die BäuerInnen haben gelernt, mit ihr zu leben, und Mittel gefunden, mit denen sie den Pilz in Schach halten können. Bis jetzt.

Die rasante Ausbreitung der Seuche im Lauf des vergangenen Jahres hat mit dem Wetter zu tun. «Die Sporen des Pilzes brauchen Regen, um sich entwickeln zu können», sagt Adán Hernández von der salvadorianischen Stiftung für Kaffeeforschung (Procafé). «Am wohlsten fühlen sie sich bei Temperaturen zwischen 18 und 27 Grad.» So warm war es früher nicht in den besten Lagen über 1200 Metern Höhe.

Klimawandel verbindet man in der Regel mit Bildern von Wirbelstürmen, Überschwemmungen oder Dürren. In Zentralamerika, Mexiko und Kolumbien hat er ein anderes Gesicht: Kaffeeplantagen mit gelben oder gar keinen Blättern. Die Folgen für die Menschen aber sind gleich: Hunger und noch mehr Armut.

«Wir haben ernsthafte Probleme mit den Produktionsmengen», sagt Ernesto Velásquez, der Direktor der staatlichen Kaffeeschule in El Salvador. Auf stark befallenen Plantagen reifen die Kaffeekirschen viel zu schnell und vertrocknen. Und selbst an weniger befallenen Sträuchern reifen die Früchte schneller als sonst und entwickeln dabei weniger Aroma. «Wir müssen die Ernte als Kaffee niedriger Qualität exportieren», sagt Velásquez. Das schlägt sich im Preis nieder.

Wie hoch die Verluste am Ende ausfallen werden, lässt sich derzeit noch nicht berechnen. Sie hängen nicht nur von der Menge, sondern auch vom stark schwankenden Weltmarktpreis ab. Klar aber ist: In Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua sind je nach Gegend zwischen fünfzehn und dreissig Prozent der Sträucher von der Krankheit befallen – so viel wie nie zuvor. Und in der nächsten Erntesaison wird es noch viel schlimmer. «Wenn in diesem Jahr in einer Finca 16 Prozent der Blätter befallen sind, verursacht das in der Ernte des folgenden Jahres Verluste von 28 Prozent», zitiert Hernández aus einer Studie seines Forschungsinstituts. Der Grund ist ganz einfach: Statt für die Produktion von Kaffeekirschen verwenden die Sträucher ihre Kraft dafür, die abgefallenen Blätter zu ersetzen.

KaffeeforscherInnen haben herausgefunden, dass der jetzige Ausbruch der Seuche im Prinzip schon vor ungefähr einem Jahrzehnt begann. Seit 2001 haben sich die Jahresniederschlagsmengen in El Salvador um 625 Millimeter erhöht, gleichzeitig stieg die Durchschnittstemperatur. Entscheidend war dann das tropische Unwetter E12, das sich im Oktober 2011 zwölf Tage lang über Zentralamerika ausregnete – und ideale Voraussetzungen für die Sporenbildung des Pilzes schuf. Spätestens danach hätten traditionelle KaffeebäuerInnen mit Chemie gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen müssen. BioproduzentInnen hätten die Abwehrkraft ihrer Pflanzungen mit mehr natürlichen Düngemitteln stärken müssen. Aber niemand tat etwas, weil niemand gewarnt war.

Steigende Krankheitsgrenze

Die Situation sei 2012 schlimmer als während der letzten grossen Kaffeerostseuche im Jahr 1982, heisst es in einem Bericht von Procafé: «Wegen des Klimawandels befällt der Kaffeerost nicht nur die niedrig gelegenen Pflanzungen, sondern breitet sich auch dramatisch in mittleren und hohen Lagen aus.» Dort wächst der beste und teuerste Kaffee. Wegen der früher kühlen Temperaturen gab es die Krankheit in Hochlagen nicht. Die BäuerInnen wurden kalt erwischt und stehen ratlos vor ihren Sträuchern. «Unsere Berater mussten ihnen erst einmal erklären, wie und warum sich die Krankheit nun auch dort oben entwickelt», sagt Hernández. Und es wird noch schlimmer kommen: KlimaforscherInnen sagen für Zentralamerika einen Anstieg der Durchschnittstemperatur von bis zu 6,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts voraus.

In Kolumbien, lange Zeit weltweit drittgrösster Kaffeeproduzent nach Brasilien und Vietnam, wütet die Seuche schon seit dem dort besonders regenreichen Jahr 2010. Die Ernten gingen zurück, das Land wurde in der Saison 2011/2012 vom viel kleineren Honduras auf den vierten Platz der grossen Produzenten verdrängt. Es war die letzte Ernte vor dem Ausbruch der Krankheit in Honduras.

Die kolumbianischen BäuerInnen haben inzwischen reagiert und stellen ihre Plantagen auf neu entwickelte Sorten um, die genetisch nicht anfällig sind für den Kaffeerost. Die Krankheit befällt nur Pflanzen der Sorte Arabica, die immerhin siebzig Prozent des weltweit getrunkenen Kaffees ausmacht. Sie wird in Lateinamerika angebaut, in wenigen Hochlagen Afrikas, in Indien und Indonesien. Arabica-Bohnen werden von KaffeetrinkerInnen wegen des vollmundigen Aromas bevorzugt. Rund ein Fünftel der weltweiten Arabica-Produktion – meist wegen ihrer Qualität besonders geschätzte Untersorten wie Bourbon, Pacas oder Pacamara – kommt aus den jetzt von der Krankheit befallenen Ländern Zentralamerikas und aus Mexiko.

Die restlichen dreissig Prozent der Weltproduktion stellt die Sorte Canephora, die vor allem in Afrika angebaut wird. Weil die Pflanzen sehr viel resistenter sind gegen Hitze und Krankheitsbefall, nennt man diese Sorte auch Robusta. Ihr Nachteil: Sie ist weitaus weniger aromatisch und wird deshalb vor allem für löslichen Kaffee verwendet.

«Der gute Ruf unserer Qualität hängt an der Sorte Bourbon», sagt Velásquez. Und von der Qualität hängt der Preis ab. «Leider ist gerade Bourbon besonders anfällig für Kaffeerost.» In siebzig Jahren, hat ein Team von britischen und äthiopischen KaffeeforscherInnen prognostiziert, wird es wegen des Klimawandels weltweit überhaupt keine Arabica-Bohnen mehr geben. Die Umstellung auf neue, krankheitsresistente Sorten scheint also unausweichlich – und ist doch kaum zu leisten. Denn das Anlegen neuer Pflanzungen erfordert Investitionen und einen langen Atem. Erst nach vier oder fünf Jahren können die BäuerInnen eine ordentliche Ernte erwarten. Die Boomzeiten aber sind vorerst vorbei: 2011 wurden an der Kaffeebörse in London noch 300 US-Dollar für hundert amerikanische Pfund (45,4 Kilo) bezahlt. Seither ist der Preis um über 40 Prozent auf 175 US-Dollar abgestürzt, vor allem, weil der weltgrösste Produzent Brasilien für die Saison 2012/13 eine riesige Ernte angekündigt hat, die den Markt überschwemmen werde.

«Das kann hier alles den Bach runtergehen», seufzt der Campesino Isaías Marroquín auf der kleinen, von ihm betreuten Finca. Ein Teil der Kaffeekirschen an seinen Sträuchern ist schon vor Beginn der Ernte vertrocknet. Andere sind noch immer so grün, dass er daran zweifelt, ob sie reif werden. Und ob sie dann in der folgenden Regenzeit überhaupt blühen werden? Alleine kann er ohnehin nichts ausrichten auf dem kaum mehr als eine Hektare grossen Gut. Die Krankheit hat ihn längst umzingelt. Wenn die Grossproduzenten in der Nachbarschaft nichts oder zu wenig tun, wird der Pilz immer wieder zurückkommen.

Kaffee in Zahlen

Bohnenboom und Bohnenbaisse

Nach dem Erdöl ist Kaffee der Rohstoff, mit dem weltweit am meisten Umsatz gemacht wird. Für die jetzige Ernte 2012/13 rechnet die Internationale Kaffeeorganisation mit 132,7 Millionen Sack à sechzig Kilogramm. Wichtigste Anbauregion ist Lateinamerika. Allein aus Brasilien kommen 49 Prozent der weltweiten Produktion. Zusammen mit Kolumbien hat das Land den Weltmarkt während Jahrzehnten dominiert – bis Anfang des 21. Jahrhunderts Vietnam Kolumbien vom zweiten Platz verdrängte. Dort waren innerhalb kürzester Zeit mit der Hilfe der Weltbank riesige Plantagen für Robusta-Kaffee aufgebaut worden. Die kleinen zentralamerikanischen Länder sind vor allem für die Produktion von Spitzenqualitäten bekannt.

Rund 25 Millionen Menschen leben weltweit vom Kaffeeanbau. 85 Prozent der Plantagen in Zentralamerika sind kleinbäuerliche Familienbetriebe. Neunzig Prozent ihrer Ernte werden exportiert.

Das Aufkommen von Vietnam auf dem Kaffeemarkt und die Verlagerung der brasilianischen Anbaugebiete in Regionen ohne Frost führten um die Jahrtausendwende zu einem Überangebot auf dem Weltmarkt. Die Preise stürzten ab wie nie zuvor. Zum Teil wurden an der Börse in London nur noch fünfzig US-Dollar für hundert amerikanische Pfund bezahlt (45,4 Kilogramm), bei Produktionskosten zwischen 60 und 85 Dollar. Viele Plantagen wurden aufgegeben, in El Salvador etwa lagen fast achtzig Prozent aller Fincas brach. In den Kaffeeregionen Zentralamerikas herrschte eine Hungersnot. Von diesem Einbruch haben sich die Länder erst vor wenigen Jahren erholt.

Wesentliche Abnehmer des Kaffees sind die USA, Deutschland, Frankreich, Japan und Italien. In diesen fünf Ländern werden zusammen rund 70 Prozent der weltweiten Ernte getrunken. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt in Europa bei 4,5 Kilogramm im Jahr. Die Deutschen liegen mit 6,4 Kilo deutlich darüber, aber immer noch hinter den SchweizerInnen (7,9 Kilo pro Person und Jahr).

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