Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Unsere schöne Zukunft im Treibhaus

Wie geht es weiter mit den Klimaverhandlungen und dem Klimawandel jenseits der nächsten gescheiterten Konferenz? Eine Vorausschau.

Von Bernhard Pötter, Doha

Bei der Klimakonferenz 2015 in Paris droht ein Déjà-vu-Erlebnis, denn dort soll ein umfassendes Klimaabkommen unterzeichnet werden, das 2020 in Kraft treten soll. Das gab es schon einmal: 2007 war beschlossen worden, 2009 in Kopenhagen den grossen Klimavertrag zu schliessen. Doch das ging bekanntlich schief.

Auch jetzt sind die AkteurInnen im Klimaschutz wieder gelähmt – während die Emissionen weiter steigen. Wie es weitergeht in der Klimapolitik, hängt von vielen Faktoren ab. Hier sind zwei mögliche Szenarien:

Alles grün: Wir kriegen die Kurve

Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht 2013 oder 2014 seinen fünften Bericht. Darin steht, dass es kaum noch möglich ist, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Als Folge dieses Schocks verabreden am Rand der Uno-Vollversammlung in New York die StaatschefInnen endlich Emissionsminderungen und finanzielle Hilfen. Die globalen Emissionen erreichen 2017 ihren Höhepunkt und beginnen dann, langsam zu sinken.

Bis 2015 haben grüne Investitionsprogramme die Eurokrise und den Niedergang der US-Wirtschaft aufgefangen. China setzt im 13. Fünfjahresplan ab 2016 stärker auf erneuerbare Energien. Der EU-Emissionshandel funktioniert und ist mit den USA und China verbunden.

Die US-RepublikanerInnen spalten sich im Streit über die radikale Politik der Tea Party, die DemokratInnen machen den Weg frei für einen Klimavertrag. Die EU wird wieder handlungsfähig, weil die deutsche Regierung Polen bei der Sanierung der Energiewirtschaft unterstützt. Im Zuge seiner Energiewende vernetzt sich Deutschland mit anderen EU-Ländern zu einem kohlenstoffarmen Kontinent. Die neue chinesische Führung fürchtet die Anfälligkeit ihres Landes für Klimaschäden und bildet mit Indien, Brasilien und Südafrika eine Südsüdkooperation für Technologietransfer und Handel.

China dominiert in Kooperation mit Europa mit seinen Techniken für erneuerbare Energien den Weltmarkt. Die USA sehen sich technologisch, finanziell und ökonomisch von «made in China» abgehängt und investieren deshalb in ein massives grünes Programm. Ab 2016 werden Fotovoltaikanlagen so billig, dass sie sich weltweit durchsetzen, vor allem in Gegenden ohne Stromnetz.

International bildet sich eine riesige Koalition gegen die fossilen Energien, bei der sich die Umweltbewegung aus dem Norden, die VerteidigerInnen der indigenen Rechte in Indien und Lateinamerika und die weltweiten Bewegungen für Energiewende und Solidarität zusammenschliessen. Sie vernetzt sich über das Internet, begreift den «fossil-industriellen Komplex» als ihren Gegner und treibt die Politik vor sich her. 2018 verkünden die EU, die USA und China, bis 2025 die Subventionen für fossile Energien auslaufen zu lassen.

Trotzdem sind die Folgen des Klimawandels nicht zu verhindern. Bis Ende des Jahrhunderts steigt die globale Mitteltemperatur um 2,5 Grad Celsius. 2014 verwüstet der Wirbelsturm Josephine New York während der Uno-Generalversammlung.

Alles schwarz: Wir fahren in die Wand

Das Pariser Abkommen von 2015 ist ein Kompromiss voller Schlupflöcher. Die Energiekonzerne setzen durch, dass sie weiterhin Erdöl und Kohle fördern dürfen. Der 2016 gewählte republikanische US-Präsident Paul Ryan erklärt: «Wir können nicht die Aktienbesitzer der Energiekonzerne um Billionen von Dollar enteignen.»

Das Zweigradziel ist nicht mehr zu halten. Die USA und die EU setzen in der Rezession weiter auf «billige Energie». Auch Indien baut weiter billige heimische Kohle ab. China dominiert zwar den Weltmarkt für erneuerbare Energien, doch soziale Unruhen und grosse Streiks drücken ab 2018 sein Wirtschaftswachstum auf nur noch vier Prozent. Die neue Führung des Politbüros wendet sich vom «grünen» Fünfjahresplan ab und forciert den Bau von Kohle- und Atomkraftwerken. Brasilien rodet verstärkt den Regenwald für die aufstrebenden Märkte.

Die Schweiz kehrt zum Bau von Atomkraftwerken zurück. In Deutschland bleibt die Energiewende stecken. Die EU versinkt in einer Rezession, als sich 2018 erst Italien und dann Frankreich aus der Eurozone verabschieden. Die deutschen Exporte brechen ein, die Arbeitslosigkeit klettert in Deutschland auf vierzehn Prozent. Eine bürgerliche Regierungskoalition kommt dort mit dem Versprechen an die Macht, die Förderung der Windenergie zu stoppen. Die EU-Klimaschutzziele werden nach 2020 nicht erhöht. Stattdessen werden neue Abbaugebiete für Braunkohle im Tagebau erschlossen. 2018 rutschen die Grünen unter die Fünfprozenthürde.

Wegen der vielen Hilfseinsätze im eigenen Land zieht sich das US-Militär 2017 aus allen ausländischen Operationsgebieten zurück. Eine schwere Sturmflut überschwemmt Schanghai und legt den chinesischen Börsenhandel für eine Woche lahm. International eskalieren die Konflikte um Landbesitz und den Zugang zu Wasser.

Die Treibhausgasemissionen steigen weiter an. Am Ende des 21. Jahrhunderts liegt die Temperatur 3,5 Grad höher als heute. Der Amazonas wird immer mehr zur Steppe. Seit 2045 ist der Nordpol von Mai bis September eisfrei. Und die europäische Nordseeküste wird von Deichen gesichert, die auf zwei Meter aufgestockt worden sind.

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