Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Unter der Erde lassen

Von Marcel Hänggi

Mit jedem Jahr wird der Türspalt erheblich schmaler. Sollte, was die Staatengemeinschaft als Absicht schon einmal beschlossen hat, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden, bleiben noch wenige Jahre zum Handeln. Die 18. Uno-Klimakonferenz, die am Samstag in Doha zu Ende ging, hat fast nichts beschlossen (und vermutlich gar nichts, was den Klimawandel bremsen würde). Wie die Jahre zuvor.

Wirklich schockierend an Doha war der mangelnde Ehrgeiz, der sich offenbarte. Seit 2009 der mit enormen Erwartungen belastete Klimagipfel von Kopenhagen erfolglos zu Ende ging, sind die Erwartungen stets gesunken. Sie wurden auch so noch enttäuscht. Einen Tiefpunkt erreicht hat auch das Medieninteresse. Der langjährige Klimaspezialist des «Tages-Anzeigers» reiste dieses Jahr erstmals nicht an die Konferenz, und der NZZ – mit einem Mann in Doha vertreten – war die Konferenz nach Abschluss nicht einmal einen Anriss auf der Titelseite wert. Wer mag es ihnen verargen! Alle Jahre wieder zu schreiben, dass die Eisbedeckung der Nordpolregion einen neuen Minusrekord erreicht hat, dass das letzte Jahr zu den wärmsten seit Messbeginn gehört, dass die Klimadiplomatie auf der Stelle tritt: Das langweilt. Weltuntergangsprophezeiungen anhand eines 1500 Jahre alten astrologischen Kalenders sind da spektakulärer als die reale Bedrohung der menschlichen Zivilisation, wie wir sie heute kennen.

Überraschendes indes gab es aus der Schweiz zu vermelden: Während die Uno tagte, weibelte ein ehemaliger Schweizer Botschafter durch das Bundeshaus, um für die Pläne der britischen Celtique Energie zu werben. Celtique vermutet im Neuenburger Jura Erdgas und möchte Probe bohren.

Dass Celtique den möglichen Gasfund als Beitrag zur Energiestrategie der Schweiz sieht: geschenkt; das ist Marketing. Dass die SVP jubelt: geschenkt; sie glaubt eh nicht an den Klimawandel. Interessanter ist die Haltung eines Martin Bäumle, Präsident einer Partei, die «grün» im Namen trägt. Es gebe für ihn momentan mehr Fragen als Antworten, sagt Bäumle – aber gerade deshalb «wäre ein vorschnelles Nein falsch».

Ähnlich argumentierte in Doha Todd Stern. Er vertritt in der Klimadiplomatie den grossen Bremser USA. Die Welt, klagte er, übersehe die «enormen Anstrengungen», die die USA im Kampf gegen den Klimawandel unternähmen. Dazu rechnete er unter anderem die forcierte Erdgasförderung. Ähnlich argumentierte auch das Gastgeberland der Klimakonferenz, Erdgasexporteur Katar.

Sterns und Katars Logik: Kohle wäre noch schlimmer. Bäumles Logik: Erdgas werde als Übergangslösung für die Energiewende eine wichtige Rolle spielen, und gerade im Winter wäre eine höhere Eigenversorgung besser als der Einkauf etwa aus Russland. Gas als Übergangsenergie? Vielleicht – aber sicher nicht zusätzlich gefördertes Gas, das das Klima nur noch mehr belastet. Selbst wenn die Schweiz dann dank eigenen Gases weniger importierte: Global gesehen wäre es mehr vom Falschen.

Klimapolitik ist eine einfache Sache: Es geht darum, weniger Kohlenstoff (als Öl, Kohle, Gas) aus dem Boden zu holen und (als CO2) in die Luft zu blasen. Klimaschutz heisst: dafür sorgen, dass das Zeug unten bleibt. Alles andere ist Zugabe.

Die Klimadiplomatie der letzten zwei Jahrzehnte hat nicht nichts erreicht: Sie hat es geschafft, um ein im Kern einfaches Problem eine hochkomplexe Politik aufzubauen und kaum noch durchschaubare Lösungsansätze wie das Emissionshandelsschema der EU anzuregen. UmweltökonomInnen haben Modelle entwickelt, die nur noch von den leistungsfähigsten Computern gerechnet werden können. All das ist von Nutzen: nützlich für die Politik, die behaupten kann, etwas zu tun, wo in Wirklichkeit nichts geschieht. Nützlich für die Industrie, die selbst Autos oder Ölheizungen mit grünen Argumenten verkauft. Und nützlich für die HaupttäterInnen des Klimawandels – die ProduzentInnen fossiler Energieträger –, die immer einen noch Schlimmeren finden, dem gegenüber sie sich als sauber präsentieren können.

 

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