Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Kopfnüsse verteilende Zwerge und Mausmatten

Mit dem Film «The Hobbit: An Unexpected Journey» beginnt Peter Jacksons zweite Trilogie aus dem Universum des Schriftstellers J. R. R. Tolkien. Was wird danach noch kommen?

Von Etrit Hasler

Damit wir das aus dem Weg geschafft haben: Ich habe die «Herr der Ringe»-Trilogie von John Ronald Reuel Tolkien niemals gelesen und habe nicht vor, das nachzuholen. Nicht dass ich es nie versucht hätte: ein erstes Mal, nachdem ich das Werk während meines (erfolglosen) Studiums auf der Literaturliste des Englischen Seminars erblickte – eine einfache Prüfung, hatte ich mir gedacht. Ein zweites Mal, als ich dachte, Amsterdam wäre vielleicht ein guter Ort, mit dem Lesen einer Geschichte zu beginnen, in der kleinwüchsige Männer mit Haaren an den Füssen wohlriechende Kräutermischungen in ihrer Pfeife rauchen. Und ein letztes Mal, bevor der neuseeländische Splatterfilm-Regisseur Peter Jackson seine Verfilmung auf die Menschheit losliess.

Abenteuer? Scheusslich!

Das Resultat war jedes Mal dasselbe: Nach über hundert Seiten mit Beschreibungen von Wald, mehr Wald, dazwischen sprechenden Bäumen und dann wieder Wald hatte ich genug. Nicht weil mich die Geschichte nicht interessierte, sondern weil es ein furchtbar geschriebenes Buch ist. J. R. R. Tolkien mag vieles gewesen sein: ein brillanter Gelehrter, ein poetischer Übersetzer aus dem Alt- und dem Mittelenglischen, ein verträumter Denker und Linguist – aber ein spannender Schreiber epischer Romane war er definitiv nicht. Dafür ist seine Sprache zu sehr an die mündlichen Traditionen der Geschichtsschreibungen angelehnt – oder einfach zu biblisch.

Dementsprechend dankbar war ich Peter Jackson, als er mir und anderen Menschen mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne dieses Gründerwerk der modernen Fantasyliteratur optisch zugänglich machte. Natürlich half es dabei, dass Peter Jackson aufgrund seiner Vergangenheit als Splatterfilmer dem etwas staubigen Werk eine tüchtige Portion Situationskomik verpasste und es mithilfe modernster Computertechnologie schaffte, die versponnenen Fantasiewelten Tolkiens und ihre Kreaturen visuell befriedigend auf eine Leinwand zu zaubern.

Zehn Jahre später verfilmt Jackson nun mit der «The Hobbit»-Trilogie das inzwischen vielleicht weniger bekannte, aber mit Sicherheit häufiger fertig gelesene Kinderbuch Tolkiens «Der kleine Hobbit» – ein Buch, das fast zwanzig Jahre vor der «Herr der Ringe»-Trilogie veröffentlicht wurde und dessen Vorgeschichte erzählt: wie der Hobbit Bilbo Beutlin (meisterlich verkörpert von Martin Freeman) vom Zauberer Gandalf (Ian McKellen) auf ein Abenteuer mit Zwergen gelockt wird, obwohl er dies gar nicht will («Scheussliche, unbehagliche Sachen! Sie führen nur dazu, dass man zu spät zum Essen kommt!»). Und wie er dabei in den Besitz des Einen Rings gelangt, was wiederum zu den epischen Ereignissen in «Herr der Ringe» führt. Das Buch übrigens ist im Gegensatz zur «Ringe»-Trilogie durchaus lesbar – einerseits, weil es eben als Kinderbuch verfasst wurde, und andererseits, weil Tolkien selber sich offensichtlich zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht in seiner selbst kreierten Mythologie verloren hatte.

Dass dieses eine Buch ebenso wie der «Herr der Ringe» in drei Filme aufgeteilt wird, mag nach Geldgier aussehen. Bei geschätzten Produktionskosten für das Gesamtprojekt von fast einer Milliarde US-Dollar darf davon ausgegangen werden, dass es sich dabei nicht nur um eine filmische Entscheidung handelte. Doch der erste Film der neuen «Hobbit»-Trilogie zeigt eine solche Kurzweiligkeit, dass sich viel eher die Frage stellen müsste: Hätte Tolkien den «Herr der Ringe» in der gleichen sprachlichen Kindlichkeit wie den «Hobbit» verfasst, hätte die Geschichte nicht vielleicht auch in einem einzigen Buch Platz gehabt?

Bier und Musicalnummern

Jackson versteht es auch in der neuen Trilogie, Tolkiens eher vage gezeichneten Figuren Leben einzuhauchen – und vor allem Witz. Die Zwergentruppe um Thorin Eichenschild (Richard Armitage) mag da auch mehr hergeben als die polyethnisch-korrekte Gefährtentruppe aus der ersten Trilogie. Kein Wunder – sind doch Elben die wahrlich humorlosesten Kreaturen aus Tolkiens Fundus, und Menschen sind in Mittelerde, Tolkiens fiktiver Welt, nichts weiter als schwertschwingende Mitläufer, die gern den Machenschaften des Bösen auf den Leim gehen. Da sind Bier trinkende, Kopfnüsse verteilende und auf Ponys herumholpernde Zwerge, die zwischendurch auch eine Musicalnummer zum Besten geben, allemal amüsanter. Und natürlich: Genügend Action für die blockbustergeschädigten jungen Männer im Publikum gibt es auch.

Dass das Projekt dabei kommerziell ausgeschlachtet wird, wo es nur möglich ist, erstaunt nicht. Jede Buchhandlung ist derzeit voll mit «Hobbit»- und «Herr der Ringe»-Produkten: Von den Originalbüchern in einem halben Dutzend verschiedener Versionen, diversen Hintergrundbüchern vom «Mittelerde-Atlas» über «Mythologie-Führer» bis zur Parodie «Der kleine Hobbnix» und elbischen Wörterbüchern findet sich da alles, was man braucht, um auch noch das entfernteste Mitglied des Freundeskreises zu Weihnachten zu beschenken.

Rechtsstreit wegen digitaler Nutzung

Verständlich ist das durchaus: Finanzieren sich zum Beispiel die James-Bond-Filme schon seit Jahren aus ihren Produkteplatzierungen, ist das bei Fantasyfilmen etwas schwieriger – oder wollen Sie wirklich Gandalf mit einer neuen Rolex sehen? Also wird die Marketing- und Merchandisingmaschinerie in vollen Gängen angeworfen. Dazu gehören eben nicht nur Bücher, sondern Kartenspiele, Mausmatten, Legospiele, Actionfiguren und nicht zuletzt Computerspiele und Klingeltöne – Letztere hatten im Vorfeld zu einem Rechtsstreit zwischen den Tolkien-Erben und der Produktionsfirma New Line Cinema geführt, da im Vertrag zwischen den beiden Parteien, der aus den sechziger Jahren stammt, solche Nutzungen noch gar nicht vorgesehen waren.

Es darf also durchaus erwartet werden, dass auch die Trilogie um den Hobbit wieder ein durchschlagender Erfolg wird. Die «Herr der Ringe»-Trilogie hatte allein schon an den Kinokassen rund zwei Milliarden US-Dollar eingespielt – «The Hobbit» soll wohl ähnliche Zahlen versprechen. Doch was geschieht danach?, muss man sich als besorgter Fan fragen. Weitere verfilmbare Geschichten aus dem Tolkien-Fundus gibt es nicht – da sind nur noch ein paar Kurzgeschichtensammlungen und das grosse mythologische Werk «Silmarillion», das sich ausser für wirklich eingefleischte Fans höchstens als Briefbeschwerer eignet, aber nicht für ein Hollywooddrehbuch. Und auf genau diese Fans ist eine Fortsetzung angewiesen – oder würden Sie sich ernsthaft eine Hobbitmausmatte zulegen? Ausser natürlich, Sie erhalten eine als Weihnachtsgeschenk?

 

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