Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Unter der hellblauen Burka über die Grenze

Vreni Frauenfelder ist 85-jährig. Im April reist sie wieder nach Afghanistan, wo sie vor 25 Jahren ein Hilfswerk gründete. Ihres Alters wegen kann sie auch an lokalen Versammlungen mit den Patriarchen auf Augenhöhe reden.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Sister Vreni», wie Vreni Frauenfelder in Afghanistan genannt wird, in ihrer Stube in Neuhausen am Rheinfall.

Vreni Frauenfelder hat ihr Herz an ein Land verloren. Genauer gesagt an einen Landstrich und dessen BewohnerInnen: die zentralafghanische Bergregion Hazarajat. Das geschah vor fast vierzig Jahren, als Afghanistan noch ein Hippieparadies war.

Mittlerweile ist Vreni Frauenfelder 85 Jahre alt. Aufrecht sitzt sie am Stubentisch in ihrem Geburtshaus in Neuhausen am Rheinfall. Sie faltet die Hände vor ihrem Gesicht, lächelt und sagt dann bestimmt: «Im nächsten April will ich zurück nach Afghanistan.»

Der Besuch bei Vreni Frauenfelder ist eine Zeitreise. Es duftet nach gedörrten Äpfeln, Handseife und Pulverkaffee, den sie zum Gespräch auftischt. Stattliche Teppiche säumen die Böden, im Wohnzimmer steht ein dicker Radiator, daneben eine Polsterbank voller Kissen. An den holzvertäfelten Wänden hängen zahllose Bilder, viele davon haben Familienmitglieder gemalt.

Frauenfelder fährt praktisch jedes Jahr nach Afghanistan, seit sie 1975 aus purem Zufall erstmals dort gelandet war. «Eine Freundin hat mich überredet, sie nach Istanbul zu begleiten», erzählt sie. Als sie dort angekommen seien, habe ein Bus mit der Aufschrift «Ankara» direkt vor ihnen angehalten, und so seien sie halt eingestiegen und dann einfach weitergereist. Jeden Tag ein Stückchen weiter nach Osten, bis sie mitten in Afghanistan waren – einem völlig unbekannten Land. «So standen wir da, am Ufer der Band-e-Amir-Seenkette, und waren überwältigt von der landschaftlichen Schönheit», erzählt Frauenfelder. «Aber es waren vor allem die unbeschreibliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Leute vor Ort, die mich nachhaltig beeindruckt und berührt haben.» Obschon die meisten kaum genug Nahrung für sich selbst hatten, seien sie und ihre Freundin immer wieder zum Essen eingeladen worden.

Schicksalhafte Begegnung

Als 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten und der Krieg begann, beschloss Vreni Frauenfelder, auf eigene Faust nach Pakistan zu reisen. Dort waren Zehntausende AfghanInnen in Flüchtlingslagern untergebracht. Sie besuchte ein Lager bei Quetta, einer Grenzstadt im Westen Pakistans, und sah dort, wie ungenügend die medizinische Versorgung war. Umgehend kaufte sie mit dem wenigen Geld, das sie dabeihatte, Material, um Matratzen zu nähen. Zurück in Neuhausen, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hat, organisierte sie einen Operationstisch, den sie ins Flüchtlingslager schicken liess, später kam ein Generator hinzu.

Ende der achtziger Jahre lernte Vreni Frauenfelder in Quetta Sima Samar kennen. Die junge afghanische Frau war als Ärztin in den Flüchtlingslagern tätig. Aus dieser ersten Begegnung entstanden eine tiefe Freundschaft und schliesslich die Schaffhauser Afghanistanhilfe. Der Verein unterstützt seit rund einem Vierteljahrhundert zahlreiche Spital- und Schulprojekte im Hazarajat sowie in anderen afghanischen Provinzen (vgl. «Hilfe für Afghanistan» im Anschluss an diesen Text). «Mir war aufgefallen, dass Sima Samar traurig war. Als ich fragte, was denn los sei, antwortete sie, dass sie soeben die finanzielle Unterstützung für ein geplantes Mädchengymnasium in Bamiyan, der Hauptstadt des Hazarajat, verloren habe. Da habe ich beschlossen, ihr zu helfen», berichtet Frauenfelder.

Im Kanton Schaffhausen sammelte sie Spendengelder, um die Ärztin und Menschenrechtsaktivistin bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Heute besuchen 2500 Mädchen das Gymnasium in Bamiyan – jener Stadt, die 2001 weltweit in die Schlagzeilen geriet, als die Taliban die berühmten, in Fels gehauenen Buddhastatuen in die Luft sprengten. Ein medizinisches Labor und eine Bibliothek sind in den letzten Jahren dazugekommen. «Viele junge afghanische Frauen wollen Ärztin werden», sagt «Sister Vreni», wie sie in Afghanistan genannt wird. Das sei auch dringend nötig. In weiten Teilen des Landes sei es Frauen noch immer verboten, einen männlichen Arzt aufzusuchen. «Das läuft dann so ab, dass der Ehemann dem Arzt die Situation schildert, während die Ehefrau draussen warten muss. Stellt der Arzt eine Nachfrage, geht der Ehemann hinaus in den Vorraum und kommt dann wieder zurück in die Praxis», sagt Frauenfelder kopfschüttelnd.

Eine Vorliebe für Wildes

Durch ihre Zufallsreise nach Afghanistan hat Vreni Frauenfelder nicht bloss eine neue Lebensaufgabe gefunden, sondern auch neue Facetten ihrer Persönlichkeit entdeckt. Die gelernte Apothekerhelferin, die vierzig Jahre lang in derselben Apotheke in der Schaffhauser Altstadt tätig war, sei früher «furchtbar ängstlich und scheu» gewesen. Und häuslich. «Reisen, das war für mich ein Ausflug auf den nahen Randenhügel», sagt Frauenfelder, die mittlerweile fliessend Persisch spricht und halb Afghanistan bereist hat – auch während der Talibanherrschaft Ende der neunziger Jahre. «Unter einer Burka versteckt, überquerten wir damals von Pakistan aus die Grenze. Wären wir in eine Kontrolle geraten, dann wäre ich die taubstumme Grossmutter gewesen – so war es abgemacht. Es ist zum Glück nie brenzlig geworden», erzählt sie. Dann steht sie auf und holt jene hellblaue Burka aus dem Nebenzimmer, unter der sie einst über die Grenze gelangte. «Es ist ein eher unangenehmes Gefühl, sie zu tragen. Das Sichtfeld ist wirklich eingeschränkt.»

Vreni Frauenfelders Alter ist bei ihren Reisen ein Vorteil: «Der Respekt vor dem Alter ist sehr ausgeprägt, gerade bei den Männern. Das kommt mir in den Verhandlungen vor Ort entgegen.» In der noch immer weitgehend patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans sind es die Männer, die entscheiden, ob und wie ein Projekt realisiert werden soll. Ihr aber würden sie zuhören, sie könne auf Augenhöhe mitdiskutieren.

«Die Entscheidung machen die Männer dann unter sich aus. Unter freiem Himmel stehen sie lange zusammen und diskutieren. Wenn sie ihre Hände gen Himmel strecken und dazu jubeln und schreien, dann weiss ich, dass sie sich für das Projekt entschieden haben», erzählt Frauenfelder.

Wenn die pensionierte Frau, die zeitlebens alleine lebte, nicht für die Afghanistanhilfe unterwegs ist, arbeitet sie in ihrem Garten. 350 verschiedene Pflanzen wachsen dort, darunter auch so manches Unkraut. «Ich mag diese wilden Pflanzen. Deshalb kann mir auch niemand beim Gärtnern helfen. Ich müsste dauernd daneben stehen und aufpassen, dass nicht plötzlich ein schönes Unkraut ausgerissen wird», sagt Frauenfelder, die auch ein paar Pflanzen aus Afghanistan mitgenommen hat, Aprikosenbäume etwa oder Mispeln.

Getauschte Schafe

Zurück im Hausinnern, rücken die Düfte, die Möbel und die vollen Holzwände zunehmend in den Hintergrund. Vreni Frauenfelder hat eine Landkarte von Afghanistan auf dem Stubentisch ausgebreitet. Mit dem Zeigefinger weist sie auf die vielen Orte, wo sie mit der Afghanistanhilfe Projekte realisiert hat. Neben ihr liegt ein Stapel mit grossformatigen Fotos. Sie zieht einen Abzug hervor, auf dem ein kleiner Junge zu sehen ist, der sich auf klobige Holzkrücken stützt. Ihm fehlt ein Unterschenkel. «Wissen Sie, was dieser Junge zu mir gesagt hat? Er sagte, dass er das Ambulatorium hoffentlich bald verlassen könne. Nach dem Tod seines Vaters sei er jetzt für seine Familie verantwortlich und müsse sich um sie kümmern.» Solche Momente gäben ihr die Kraft, sich auch im hohen Alter für die Afghanistanhilfe einzusetzen und jedes Jahr dorthin zu reisen, um von den Leuten vor Ort zu erfahren, wo die drängendsten Probleme liegen.

So ist sie beispielsweise auf die Idee des Schaftauschs gekommen: In den Bergdörfern des Hazarajat werden den wohlhabenden Bauern Schafe abgekauft und an die ärmeren Bauern verteilt, die so zu Wolle und Milch kommen. Aus der Milch produzieren sie meist eine Art Quark, den sie zu Kugeln von der Grösse von Tennisbällen formen, die sie anschliessend an der Sonne trocknen. «Für mich schmeckt das scheusslich», lacht Vreni Frauenfelder, «aber um mich geht es ja auch nicht.»

 

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