Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Zu Gast in der letzten Nische

Wer in der Hauptstadt sonst nirgends willkommen ist, geht ins «Casa Marcello». Der Berner Stadtpräsident nennt das Lokal einen Farbtupfer, andere sähen es am liebsten geschlossen. Eine Annäherung an das grösste Wohnzimmer Berns.

Von Timo Kollbrunner (Text) und Manu Friederich (Fotos)

Wenn es einen Ort gibt, an dem Bern nach Einbruch der Dunkelheit einen einigermassen mondänen Eindruck hinterlässt, dann ist es die Aarbergergasse. Hier befindet sich die Hälfte aller Ausgehlokale der Stadt. Die Gasse unweit des Bahnhofs ist gesäumt von Restaurants und Clubs, die eröffnet werden und irgendwann wieder schliessen. Nur eine Beiz steht seit bald dreissig Jahren hier und sieht noch genauso aus wie bei ihrer Eröffnung. Das Casa Marcello. Dunkelgrüne Fassade, getäferte Decke, ohne erkennbaren ästhetischen Anspruch zusammengewürfeltes Interieur, Tische mit Marmorimitat, aus der Kulturmasse eines Mövenpick-Restaurants ersteigert, grauer Linoleumboden. Das «Casa», wie das Lokal allenthalben genannt wird, das jeden Tag geöffnet hat und in dem es mittags um zwölf genauso düster ist wie um Mitternacht.

Im Casa sitzen die Hunde mit den Gästen an einem Tisch. Hier sagen die, die gehen, nicht «Danke» und «Auf Wiedersehen», sondern rufen durchs ganze Lokal: «Salü zäme, bis morn.» Bis heute gehört das Lokal der Familie, der es immer schon gehört hat: den Michels. Im Casa duzt jede jeden, und alle sind willkommen, solange sie sich an minimalste Regeln halten: kein Drogenkonsum, kein Drogendeal, keine Gewalt. Das Casa sei die letzte richtige Beiz in Bern, sagen die einen. Es sei ein unsäglicher Hort von Junkies, von Alkoholikern und anderen verlorenen Seelen, sagen die andern.

«Mensch sein und die anderen Mensch sein lassen»

Peter Michel, 63 Jahre alt, nennen alle nur Pesche, und er sagt allen nur «Sälü». Namen kann er sich nur noch schlecht merken, seit man ihm im Spital einen fünf Zentimeter grossen Tumor aus dem Hirn geschnitten hat, seit sein Kopf «ein Löchersieb» geworden sei. An einem Abend im Dezember sitzt dieser Peter Michel nun an einem Tisch in seiner Beiz und sagt, man solle das doch bitte vergessen mit diesem Artikel. Es sei nun genug geschrieben worden über das Casa Marcello und über ihn, den «guten Geist», der gratis Sandwiches und Gipfeli verteile und an Weihnachten ein üppiges Gratisbuffet bereitstelle. «Ich bin doch kein Messias», sagt er. «Wenn ich einer wäre, würde ich den Gewinn unter den Angestellten aufteilen. Das mach ich aber nicht.» Er habe gutes Geld gemacht mit dem Casa Marcello, sagt er, «viel Geld», wie viel, wisse er nicht. Er sei vieles, «Wirt, Atheist, Freigeist, aber sicher kein Messias», er wolle «einfach Mensch» sein und die andern Mensch sein lassen und vor allem am liebsten von nichts und niemandem abhängig sein. Als das Haus an der Aarbergergasse, in dessen Erdgeschoss sich das Casa Marcello befindet, vor zehn Jahren verkauft wurde, hat es Peter Michel gekauft, «sonst hätten sie uns rausgeworfen». Seither gehört ihm auch der Keller, in dem Türken im Coiffeursalon Mega Haare schneiden. Und ihm gehören die neun Wohnungen über dem Casa, in denen Dinge vor sich gehen, die Argwohn wecken.

Der lauteste Kritiker des Casa Marcello ist Bernard Hüsser, jener Wirt, der das Lokal gleich vis-à-vis betreibt, die Gourmanderie Moléson: einen perfekten Gegenentwurf zur Beiz der Michels. Im Moléson wird nicht einfach gegessen, sondern «getafelt», wie Hüsser gerne sagt. Miesmuscheln gibt es, Lammcarré und schottischen Lachs, die Gerichte tragen französische Namen. Bernard Hüsser wählte kürzlich in einem Beitrag des Lokalfernsehens deutliche Worte: Er habe «Mühe», sagte er über seinen Berufskollegen auf der anderen Strassenseite, «wenn einer auf Messias macht und gratis Suppe gibt, weil er so ein gutes Herz hat, und in der gleichen Liegenschaft Prostitution geschehen lässt und davon profitiert».

Es sei ihm «völlig egal», was andere von ihm dächten und über ihn sagten, sagt Peter Michel dazu. Er lebe sein Leben. «Ein gutes Leben.» Die Frauen, die in den neun Wohnungen über dem Lokal wohnen und arbeiten, waren schon da, als er das Haus kaufte, «und die bleiben da. Wo sollen sie denn sonst hin?» Er respektiere die Entscheidung der Frauen, dieser Arbeit nachzugehen: «Mir ist wichtig, dass man sein Leben selbst leben darf.» Die Frauen bezahlten ihm günstige Mieten, sagt Peter Michel, und wenn es einen Wechsel in seiner Mieterschaft gibt, meldet er ihn bei der Polizei.

Im Casa Marcello selbst kommt die Polizei zwei- bis dreimal am Tag vorbei. «Das Einvernehmen mit Peter Michel ist grundsätzlich gut», sagt Daniel Aegerter, Chef der Antidrogeneinheit Krokus der Kantonspolizei Bern. Präsenz markieren, Auswüchse verhindern, bestimmte Personen kontrollieren – das seien die Ziele der täglichen Polizeibesuche im Lokal. «Im Casa halten sich hin und wieder Leute auf, die wir suchen.» Grosse Mengen an Drogen aber finden die Polizisten hier nie. «Wir sind das letzte Glied der Drogenkette», sagt Peter Michel, was die Leute hier auf sich trügen, sei «dreimal gestreckt». Auch Daniel Aegerter sagt: «Jene, die mit grossen Mengen dealen, verkehren nicht im Casa Marcello.» Und wer beim Konsum oder beim «Mischeln» erwischt wird, erhält Hausverbot. Gegen hundert Personen dürfen nicht mehr ins Casa, schätzt der Wirt, und keine fünf Minuten, nachdem er das gesagt hat, kommt ein Hüne an den Tisch und sagt: «Pesche, darf ich wieder kommen? Ich habe meine Lektion gelernt, war jetzt zwei Jahre in der Kiste und hab noch was Kleines am Laufen leider, es tut mir leid, wie ich zu dir war.» Der Mann kriegt eine letzte Chance.

«Dies ist ein Homo-Lokal»

Seit 28 Jahren wirtet Peter Michel nun im Casa Marcello. Aufgewachsen ist er in einem Dorf im Berner Oberland, bei seinen Grosseltern. Seine Mutter war zwanzig, als er auf die Welt kam, und gab ihn bei ihren Eltern ab, bevor er ein Jahr alt wurde. Seinen Vater, den Peter Michel nur den «Samenspender» nennt, lernte er nie kennen. Am ersten Schultag musste er wieder nach Hause, weil in seinem Zeugnis die Unterschrift von seinem Vater hätte stehen müssen, den er nicht kannte. Die Grosseltern sagten, sie seien nicht seine Eltern, er solle wieder zurück in die Schule, hin und her musste der kleine Peter, «ich habe früh gelernt, selbst zu mir zu schauen». Bis er zwanzig wurde, hatte er einen Vormund, «ein Arschloch», wie er sagt. Als er Gisela, die hübsche Tochter einer bürgerlichen Familie aus dem Nachbardorf, kennenlernte, ging sein Vormund persönlich zur Familie und warnte den Vater der Umworbenen vor ihm.

Nach dem Abschluss seiner Lehre zum Maschinenmechaniker ging Peter Michel nach Südafrika, fand einen Job, stieg schnell auf, nach fünf Jahren war er Vizedirektor eines Kleinbetriebs. Gisela kam ihn besuchen, sie machte ihn glücklich, er sie glücklich und schwanger, und sie verkauften Häuser und Möbel und Autos und kamen zurück in die Schweiz. Mit einem Partner zusammen kauften sie ein Hotel in Bern, den «Hirschen». Die Mehrzahl ihrer Angestellten war homosexuell, und die sagten: «Macht doch ein Restaurant für uns.» Ein Jahr später eröffneten die Michels das Lokal an der Aarbergergasse 19, als Hommage an den Hausbesitzer, der Marcel hiess, tauften sie es Casa Marcello. Sie hängten Plakate auf, auf denen stand: «Dies ist ein Homo-Lokal. Wenn es Ihnen nicht gefällt, beehren Sie uns bitte nicht.»

Vergilbte Fotos in einem abgegriffenen Ordner hinter der Bar des Casa Marcello zeugen von den ersten Tagen: servierende Männer in Lederstrings, euphorisierte junge Frauen und Männer in kecken Posen und mittendrin eine strahlende, schöne Frau, Peter Michels Frau, Gisela. Die Michels fuhren in einem Mercedes umher damals, «heute schäme ich mich dafür», sagt Peter Michel. «Man wird ein anderer Mensch, wenn man in einem teuren Auto sitzt.» Die Michels liessen alle hinein ins Casa. Erst kamen vor allem Schwule und deren Freunde, Ende der achtziger Jahre dann, als die Wirtschaft blühte, war das Casa Marcello plötzlich voll mit Akkordmaurern, die sich anstrengen mussten, um das viele Geld, dass sie auf dem Bau tagsüber verdienten, am Abend zu versaufen. «Sie hatten viel Geld und viel Kraft», erinnert sich Peter Michel, roh muss es zu und her gegangen sein damals.

«Wo darf man noch ein bisschen streng riechen?»

Heute ist es ruhiger im Casa Marcello. Hundert Plätze hat es insgesamt im Lokal, fünf der Tische stehen im Fumoir, das es seit drei Jahren gibt, dreissig Plätze im Rauch, trotz guter Lüftung, siebzig ohne Rauch, die meisten meistens leer. Das sei ihm «völlig egal», solange das Geschäft nicht defizitär sei, sagt Peter Michel. Seine Einnahmen macht er mit dem Bier, vier Franken die Stange, 6.50 das Grosse, über 6000 Liter Bier pro Monat füllt er in Gläser ab. Die Spezialität des Hauses: das Dani-Bier, gebraut von Peter Michels Sohn Daniel. Die Woche hindurch ist mittlerweile Tochter Diana verantwortlich, Peter Michel hütet ihre Tochter, nur noch am Wochenende schaut er im Casa Marcello zum Rechten.

Sie seien seit bald dreissig Jahren erfolgreich, weil sie eine «Nischenpolitik» betrieben, sagt Diana. «Bei uns sind auch Leute willkommen, die andernorts höflich gebeten werden, zu gehen, weil sie nicht betriebskompatibel sind.» Am Essen verdient die Familie kaum etwas. Wer will, bringt sein eigenes Essen mit ins Casa – und es wird ihm in der Mikrowelle aufgewärmt. Auch mit Fondue für elf Franken wird man nicht reich. Und mit Spaghetti à discrétion und Sauce nach Wahl à 7.50 Franken erst recht nicht. Noch weniger mit dem Sonntagsmenü, das Peter Michel Sonntag für Sonntag mindestens siebzig Mal verkauft und das gar Aufnahme in einen Track des Berner Rappers Baze gefunden hat: «Am Sunntig, für miisi füf Schtutz es Menü im Casa, u dä Typ näbe dir git so ne üble Gstank ab», rappt dieser, und dann: «Es söu doch jede mache, was er wott» – ein Satz, der genauso gut aus Peter Michels Mund stammen könnte.

«Das Casa ist die letzte Beiz in Bern, in die jeder reinkann», sagt Isa Calvo, die seit Jahren für die kirchliche Gassenarbeit in der Stadt unterwegs ist. «Wo darf man noch so sein, wie man ist? Wo darf man noch ein bisschen streng riechen, etwas lauter sein? Nur noch hier.» Zum Glück gebe es das Alki-Stübli im Bahnhof, zum Glück gebe es die Drogenanlaufstelle. «Aber das sind eigentliche Institutionen. Dort sind Leute mit einer bestimmten Sucht unter sich.» Im Casa Marcello dagegen gingen alle ein und aus. «Einsame Rentner, Alkoholiker, junge Drogensüchtige, aber auch Leute, die weder einsam noch süchtig sind. Das Casa ist die Stammbeiz von vielen. Wenn es diese Beiz nicht mehr gäbe, wären viel mehr Leute auf der Gasse am Herumstressen.»

Das Casa Marcello ist auch der Treffpunkt der Berner Schachspieler. Sie kommen mehrmals in der Woche, trinken ein, zwei Gläser, bleiben stundenlang. Das sei sonst wo kaum mehr möglich, sagt Tinu, 51 Jahre alt, der beste der Schachspieler. Meist spielt er nicht gegen jemanden, sondern mit sich selbst, mit einem Schachspiel und einem Schachbuch, weil es kaum einer mit ihm aufnimmt. «Wir fürchten ihn», sagt ein Kollege. Oder da ist der Logistiker der Schweizer Armee, René, 62 Jahre alt, der seit zwanzig Jahren ins Casa kommt, einfach, um ein bisschen «dem Salat hier zuzuschauen». Es sei immer was los hier, und: «Ich weiss auch, wer mit Drogen dealt, aber es interessiert mich nicht.» Auch Dave, gelernter Zimmermann, heute Chef einer betreuten Velowerkstatt, kommt seit zwanzig Jahren hierhin. «Ab und zu brauche ich einfach das Milieu.»

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät sagt: «Am Casa Marcello scheiden sich die Geister.» Einerseits sei es ein Ort, wo «auch Randständige, Schwierige Platz finden», andererseits vernehme er auch Klagen, dass sich diese vor dem Lokal nicht gebührlich benähmen. «Für mich ist klar: Solche Orte sind in einer Stadt notwendig.» Wie überall gebe es in Bern «Winner und Loser», es freue ihn, «wenn alle ihren Platz haben». Das Casa sei für ihn nicht in erster Linie ein Problem, sondern «ein Farbtupfer».

«Verschoben von Gift und Erfahrungen»

Nicht nur die Gäste, auch die Angestellten haben eine bewegte Geschichte. Eine von ihnen ist die dreissigjährige Franca, und im verrauchten Fumoir schickt sie sich zu später Stunde an, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Mal spricht sie so überhastet, als wolle sie alles auf einmal loswerden, dann wieder stockt ihre Stimme, wischt sie sich eine Träne weg, sagt «sorry», um gleich wieder zu lachen. Der Blick des Gegenübers bleibt haften auf ihren wunderschönen, ebenmässigen Zähnen. 12 000 Franken hat es Franca gekostet, ihr von den Drogeneskapaden ruiniertes Gebiss zu restaurieren. «Das Casa hat mir das Leben gerettet», sagt Franca, trinkt einen Schluck Wein, zieht an ihrer Zigarette, denkt nach und sagt dann: «Doch, ich glaube wirklich.» Franca war schon einmal tot, bei ihrer Geburt. Sie konnte wiederbelebt werden, anders als ihre vier Geschwister, allesamt Totgeburten. Wie ein Engel muss sie für ihre Mutter gewesen sein. Und dann weiss der Engel nichts Besseres, als seinen Körper mit Gift vollzupumpen. Sie habe es «ziemlich übertrieben», sagt sie.

Heute ist Franca «sauber», wie sie sagt, und seit zwölf Jahren serviert sie im Casa Marcello. Franca erzählt von ihrer Kindheit, von der Sekundarschule, der Lehre im Detailhandel. Und davon, wie sie den Reiz daran entdeckte, unter Drogeneinfluss zu feiern. «Ich habe drei Jahre lang nur Party gemacht», sagt sie. Ihre Lehre brach sie kurz vor der Abschlussprüfung ab, sie begann, in einem Restaurant zu servieren, sie wurde entlassen und feierte weiter. Nach den durchzechten Nächten kam sie ins Casa Marcello, bis sie endlich müde wurde. Als sie sonst nichts mehr hatte, begann sie hier zu arbeiten. Wenn sie morgens nicht auftauchte, holte sie Diana Michel aus dem Bett. «Ich kann nicht, ich hab durchgemacht», sagte Franca. «Steh auf. Und hör auf mit dem Scheiss», sagte Diana und nahm sie mit.

35 000 Franken Schulden hatte Franca angehäuft. Diana wachte über ihre Finanzen, bis sie keine Schulden mehr hatte. Wenn sie nicht arbeitet, geht sie heute zum Deltasegeln oder ins Fitnessstudio, zusammen mit ihrer Mutter. Die möchte, dass sie sich einen neuen Job sucht, dass sie wegkommt aus diesem verrufenen Casa Marcello, aber Franca will nicht weg. «Die Leute sagen, alle hier seien Abschaum», sagt sie. Aber die hätten keine Ahnung. Ihr seien die Süchtigen oft lieber als jene, die «sauber» seien, sagt Franca, «diese Krawattentypen, die mit 200er-Nötli bezahlen und gross Frauen einladen» und die meist keinen Rappen Trinkgeld rausrückten. Aber klar bereiteten auch jene Gäste, die «verschoben sind vom Gift oder von Erfahrungen», hie und da Probleme. Die Arbeit sei «schon hart»; wenn der Pegel steige, brauche man «viel Feingefühl» und «starke Nerven, ja vor allem extrem starke Nerven». Dann kommt Franca auf Peter Michel zu sprechen, den Chef des Casa Marcello, und ihre Augen werden wässrig. «Ein Riesenherz» habe der, sagt sie, was er mache, sei «einmalig», er sei «24 Stunden am Tag für einen da».

«Geh doch zum Papst»

Am Weihnachtsabend treten die Gäste in Scharen durch die Tür. Diana und Peter Michel tischen Salate auf, Backwaren, Gemüsekuchen, «Geschnätzeltes» mit Reis, Bohnen, Fleischbällchen. In früheren Jahren gab es an Weihnachten auch das Bier umsonst, «aber das ist dann ins Uferlose gegangen», sagt Peter Michel und lacht. Manche Gäste essen einen Happen und gehen dann wieder, andere bleiben bis spät in die Nacht, manchen ist nicht zum Essen zumute, sie wollen nur reden. Eine junge Frau beginnt gleich auf Peter Michel einzureden, als sie das Casa betritt. Sie ist im vierten Monat schwanger. Das Kind ist gesund, aber ihr Schatz sei halt noch immer im Gefängnis. Er habe ihr zu Weihnachten einen Brief geschrieben, «so einen schönen Brief». – «Siehst du», sagt Peter Michel, «jetzt im Gefängnis hat er Zeit, dir einen Brief zu schreiben. Das hätte er sonst doch nie getan. Alles hat zwei Seiten.» Sie lächelt kurz, dann sagt sie, ihr wäre es halt doch lieber, es wäre jemand da, um ihr ein bisschen zu helfen in diesen Tagen. «Geh doch zum Papst», rät ihr eine ältere Frau, die mit ihren Hunden am Tisch sitzt, «der hat im Fernsehen gesagt, er hilft allen.» Keinen Hunger hat auch die Frau mit dem eingefallenen Gesicht und dem Körper eines Kindes, zersetzt vom Heroin, die gleich neben dem Buffet am Spielkasten herumdrückt. «Sälü, bisch zwäg», fragt sie einer im Vorbeigehen. «Ja, wieso, wosch mer es Bier zahle?» – «Nei, ha nume wöue frage.» – «Aha. Ja, bi zwäg, merci glich.»

Ein Dialog, der einen an den Schriftsteller Pedro Lenz denken lässt, an dessen Erzählungen aus der Halbwelt, an sein Buch «Der Goalie bin ig», in dem der Protagonist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in seiner Stammkneipe, dem «Maison», etwas Trost findet. Er habe zwar ein anderes Lokal im Kopf gehabt, als er die Geschichte schrieb, sagt Pedro Lenz. Das «James» in der Kleinstadt Langenthal nämlich, die Beiz seiner Jugend. Wenn er aber heute ins Casa Marcello gehe, dann komme er sich tatsächlich ein wenig vor wie damals im «James», sagt der Dichter. Damals habe es viel mehr Junkies gegeben, heute seien diese aus dem öffentlichen Raum fast verschwunden, seien aus dem Bahnhof vertrieben worden. «Das Casa Marcello transportiert die Achtziger in die Gegenwart, es ist das letzte Überbleibsel dieser Zeit.»

Und hier erlebe man noch Geschichten, sagt Pedro Lenz und erzählt gleich eine: Da habe er einmal diesem Typen, einem stadtbekannten Strassenmaler, eine Zeichnung abgekauft – beziehungsweise getauscht, gegen sein neustes Buch, das es noch gar nicht zu kaufen gab. Als er tags darauf ins Casa kam, sagte die Serviertochter, sie kenne sein neustes Buch. Der Maler habe es ihr gegeben. «Der hat das Buch gleich in Bier umgesetzt», sagt Pedro Lenz. Die vier, fünf Lokale in Bahnhofsnähe, in denen «die sozialen Randfiguren vor ein paar Jahren noch Platz hatten» – der «Halbmond», der «Braune Mutz», die «Traube» – alle seien sie verschwunden, nur das Casa sei noch da, «weil Pesche eine soziale Ader hat».

Aber Peter Michel ist müde geworden. «Ich werde alt», sagt er in letzter Zeit häufiger. Eineinhalb Jahre, bis zum Dreissigjahrjubiläum, will er sicher noch weitermachen, dann wird die Familie besprechen, wie es weitergeht. «Irgendwann muss auch Schluss sein.»

 

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