WOZ Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Die schwindende Macht der alten Männer

Vor einem Jahr begann Malis Staatskrise durch den Angriff von Tuaregsöldnern auf die malische Armee. Heute ist das Land gespalten, aber die Menschen schlagen sich mit Stolz und Gleichmut durch. Notizen von einer Reise durch die malische Krise.

Von Charlotte Wiedemann, Bamako

Labiles Gleichgewicht: Ein Soldat fährt durch die Strassen von Mopti im umkämpften Grenzgebiet. Foto: Michael Zumstein, laif

Es wird viel gelacht in Mali, immer noch. Auch die Musik ist noch da, hängt über den braunen Lehmstrassen der «quartiers» von Bamako, dieser dörflichen Hauptstadt. Und jeder Sonntag ist Hochzeitstag, als sei die Zukunft ohne Schatten; die Frauen schwer herausgeputzt, ihre Gesichter nach der Mode so lange gepudert und geschminkt, bis sie chinesischen Masken ähneln.

Bamako empfängt mit einem Gleichmut, der zugleich irritiert und beruhigt. In den Schlagzeilen der Weltpresse ist Mali ein Land geworden, das in Gewalt und Chaos versinkt. Vor dieser dröhnenden Kulisse wirkt das reale Mali erstaunlich still. Die Hauptstadt ist bedrängt von Zigtausenden Flüchtlingen aus dem besetzten Norden – doch sie sind wie unsichtbar. Kein Lager, keine Slums, kaum Obdachlose.

Prekäres Gleichgewicht

Dass es so ist, liegt an Menschen wie Aliou; ein dünner Mann in einem gleichfalls dünn gewaschenen Hemd, der seinen Lebensunterhalt verdient, indem er die Waren anderer Leute auf einem Handkarren transportiert. Eines Maiabends um 22 Uhr standen plötzlich die ersten Flüchtlinge in seinem finsteren Hof. Entfernte Verwandte; sie waren vorher nie da gewesen, hatten jetzt nicht einmal angerufen. Und waren trotzdem sicher, willkommen zu sein.

Namenloses Leid: Eine Frau trocknet in einem Flüchtlingslager bei Mopti ihre gerettete Wäsche. Foto: Jens Grossmann, laif

Alious bisher zehnköpfige Familie ist seit neun Monaten eine zwanzigköpfige. Und es gibt immer noch nur den Handkarren. Aliou arbeitet nun jeden Tag, so lange es nur geht; abends, wenn er seinen Karren am Markt angekettet hat, läuft er oft hundemüde eine halbe Stunde zu Fuss nach Hause, um das Fahrgeld für den Minibus zu sparen. Unaufhörlich wachsen seine Schulden; Aliou deutet auf seinen Rücken, als lägen sie dort.

Man begreift in diesem Moment, welch ungeheure Anstrengung sich hinter dem Gleichmut verbirgt. Es ist die Anstrengung der grossen Mehrheit der MalierInnen, sich selbst, ihre Familien und letztlich das Land irgendwie in einer Balance zu halten, in einem prekären Gleichgewicht. 200 000 Flüchtlinge kamen unter wie bei Aliou, dem Karrenmann. Das Symbolbild dieser Krise ist nicht der Vermummte mit Kalaschnikow, sondern eine Schüssel mit Essen, in die immer mehr Hände greifen.

Besuch in einer Schule, neunte Klasse. Gedränge auf den Bänken. Vorher sassen hier 65 Schüler, jetzt 97; ein Drittel Geflüchtete aus dem Norden. Die Lehrerin bittet die Flüchtlingskinder aufzustehen: Sie sitzen nicht etwa in einer Ecke, sondern mitten unter den anderen, haben wie sie Schreibzeug und Hefte. Am Anfang habe sie «Moralunterricht» gegeben, erklärt die Lehrerin, damit niemand diskriminiert werde. Und dann sagt sie noch einen Satz, den jedes malische Kind im ersten Schuljahr lernt: «Mali ist eins und unteilbar.»

Eine neue Offenheit

Seit im besetzten Norden die Banken geschlossen sind, geplündert oder zerstört, wird das Geld über Netzwerke transferiert, derer sich viele MalierInnen auch sonst bedienen, um Bankgebühren zu vermeiden. Man gibt das Geld einem Händler in Bamako; dessen Partner im nördlichen Gao zahlt es gegen eine Kommission aus. Genauso versorgen malische MigrantInnen in Frankreich ihre Angehörigen zu Hause: Der Laden, wo die Familie sich ihren Reis holt, verrechnet auf geheimnisvolle, kontolose Weise mit dem Zahlenden in Paris. Als im Norden zeitweise kein Bargeld mehr vorhanden ist, geben die Verwandten in Bamako sogar den Fahrern von Überlandbussen Geldbündel mit.

Es sind diese Netzwerke persönlichen Vertrauens, die das Land vor dem Zerfall bewahren. Seit dem Putsch im März vergangenen Jahres hat Mali keine legitime Regierung mehr, keine anerkannten Autoritäten. Endlos dehnt sich ein kräftezehrendes Interim – und doch schmeckt die Luft in Mali nicht nach «failed state». Diese Gesellschaft zeigt gerade in der Krise, über wie viel soziales Kapital sie verfügt. Aber es wird tragischerweise nicht genutzt, um einen Ausweg aus der Krise zu finden – zu sehr verachtet Bamakos französisch sprechende politische Elite das schreib- und leseunkundige Bauernvolk.

Und eine malische Familie gibt ungern zu, wie schlecht es ihr geht. Schlimmes zu verbergen, entspricht malischer Kultur. «Kein Leiden», so lautet die Standardantwort in der elaborierten Grussformel der Bambara, täglich dutzendfach wiederholt – auch jetzt. Oder banaler: «Ça va?» – «Ça va.» Aber daneben steht nun etwas Neues; eine neue Offenheit, eine neue Art Kritik an den politischen Verhältnissen. Seit dem Sturz des Präsidenten im März 2012 scheint es kaum mehr Zweifel daran zu geben, dass Malis Demokratie bisherigen Zuschnitts, mit 152 meist programmlosen Parteien, gescheitert ist. «Die grosse Mehrheit der Malier glaubt nicht mehr an dieses System», sagt Mori Moussa Konaté, Direktor einer Allianz von fünfzig Umweltgruppen und keineswegs ein Radikaler.

Nationalbewusste Teetrinker

Diskussion in einem «grin». Das ist ein Bambara-Wort für eine Clique junger Männer, die sich regelmässig zum bittersüssen grünen Tee versammelt. Wir sitzen auf der Lateritpiste eines Quartiers, zwischen Fisch bratenden Frauen und ambulanten Schneidern, die ihre ratternden Nähmaschinen auf Fahrräder montiert haben. Der «grin» heisst Kurukan Fuga, das war jener Ort im mittelalterlichen Malireich, wo im 13. Jahrhundert die erste Menschenrechtscharta der Mande-Völker entstand; ein Urdokument politischen Denkens in Afrika. Hier sitzen also nationalbewusste Teetrinker: mehrere Lehrer, ein Arzt, ein Philosoph, ein Bäcker, ein Soldat. Sie hätten mit dem Militärputsch sympathisiert, sagt der Lehrer Amadou Mariko, «weil die Rolle des Geldes in unserem Parteiensystem Jungsein bestraft». Mariko ist Anfang vierzig, damit gilt er in Mali als jung, vor allem in der Politik, die von Männern ab sechzig dominiert wird. Die Alten zu kritisieren, sei schon aus kulturellen Gründen schwer, sagt Mariko. «Aber wenn du kein Geld in die Partei steckst, bist du ein Nichts, ein Niemand. Und die Jungen haben dafür kein Geld.» Sie können also, selbst wenn sie wollten, nicht die Eintrittskarte lösen, um am grossen Spiel der Korruption teilzunehmen.

Über die Runde senkt sich Malis frühe Nacht; eine Plastikkanne geht von Hand zu Hand, Füsse werden gewaschen fürs Abendgebet. Der Bäcker, bisher wortkarg, schreit plötzlich auf: «Die Politiker sind Mörder, die Mörder Afrikas!», dann verschluckt ihn die dunkle Gasse.

Immerhin steht nun der frühere Gesundheitsminister vor Gericht; er soll Hilfsgelder zur Bekämpfung der Malaria unterschlagen haben, eine obszön hohe Summe, in Schweizer Franken Millionen, in westafrikanischen Francs Milliarden. Sein Haus steht in der Cité du Niger, einer Siedlung von neureichen PolitikerInnen; cremefarbene Luxusvillen, beschnittene Bäumchen. Die Innenausstattung der Häuser kam containerweise aus Europa, auch die Steckdosen. Die MalierInnen haben das alles gesehen und zu lange geschwiegen. Auch jetzt fliegen keine Steine auf die Flotte glänzender Allradfahrzeuge, die abends am Flughafen vorfährt, wenn die Air-France-Maschine landet. Die alte politische Klasse und ihre NutzniesserInnen sehen keinen Grund, sich zu verstecken. Die nationale Krise hat sich wie eine erstickende Decke auf den Schrei nach Gerechtigkeit gelegt.

Die Frauen und der Coup

Das Städtchen Kati liegt auf einem Plateau, fünfzehn Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Klare Luft, keine Abgase. Eine weitläufige Garnison beherrscht das Stadtbild, das Militär ist allgegenwärtig, Soldaten kontrollieren die Zufahrt zum Zentrum. Kati, das ist das Synonym für die Putschisten, hier residiert Hauptmann Amadou Sanogo, der Mann, der den Präsidenten stürzte. Aber es waren nicht die Männer, die sich in Kati zuerst erhoben. Es waren die Frauen.

Madame Djeneba Keita (45), ist die Inkarnation der «femmes militaires»: Soldatenwitwe, Soldatenmutter und Präsidentin der Vereinigung der Soldatenfrauen. Gewichtige Statur, kommandierendes Wesen. Eine Perücke täuscht kurze glatte Haare vor, die Augenbrauen sind breit gemalte Striche, und sogar die winzigen Zehennägel ihrer dicken Füsse funkeln in Metallicrot angriffslustig auf dem Teppich ihres Wohnzimmers. «Unsere Kinder», sagt Madame Keita und meint die Armee, «unsere Kinder starben im Norden wie die Fliegen.» Als ein Video kursierte, das ein Massaker an gefangenen Soldaten zeigte, rief Madame Keita zum Kampf. Die «femmes militaires» marschierten, ganz in Weiss, erst zur Kommandantur, Tage später dann zum Präsidentenpalast, erzwangen ein Gespräch mit dem Staatschef. Und ein dritter Marsch war angesetzt – diesmal nackt.

Nackt zu demonstrieren, ist für afrikanische Frauen die letzte Waffe in höchster Not. «Das ist wie eine Verwünschung», sagt Madame Keita. «Dann sind die Männer fertig, am Ende. Dann kann der Präsident nur noch durch die Hintertür verschwinden.» Der Putsch kam der Verwünschung zuvor; Sanogo rettete die Ehre seiner Männer. Später würde es heissen, der Coup habe in der Luft gelegen. Es waren die Frauen, die ihn dorthin legten.

So also wurde Hauptmann Sanogo Malis starker Mann. Kein Visionär, kein Thomas Sankara wie einst in Burkina Faso, eher eine Art Saubermann. Er tut, wozu andere nicht die Kraft haben, es auf bessere, auf zivile Weise zu tun. Als er im Dezember den Rücktritt des Ministerpräsidenten erzwang, der sich als so unfähig wie machthungrig erwiesen hatte, atmete ganz Bamako heimlich auf. Sanogo ist erst vierzig; was er sich herausnimmt, zeigt den Autoritätsverlust der Alten. Auch sonst spiegelt sich in dem kleinen Hauptmann die Schwäche anderer: Teile der Zivilgesellschaft und der Intellektuellen bauen immer noch auf ihn, wenn sie von einem besseren Mali träumen.

Mali, schönes Land, wo sind deine TouristInnen? In Ségou, der alten Königsstadt, fliesst der Niger träge und gleichgültig an einem Stillleben vorbei. Flusslandschaft ohne Weisse; schön still, gefährlich still. Die Verkäufer von Masken, Marionetten, Halsketten und geschnitzten Schemeln öffnen stoisch jeden Morgen ihre Holzbuden. Am Ende eines erneuten Tages ohne Umsatz breiten sie auf dem Boden vor ihren Ständen ein Tuch aus und beten. Die Dämmerung am Niger ist in diesen Wochen so verschwommen wie die politische Lage, konturenlos fällt ein rosa-grauer Himmel in sich zusammen. Auf den Pirogen, den traditionellen Schiffen, die niemand mietet, spielen halbnackte Kinder.

Im Gartenrestaurant Soleil de minuit stellen zwei Männer und ein Junge jeden Abend ihre drei Stühle in einer Reihe vor das abwesende Publikum, die Männer stimmen ihre Ngonis und spielen, und der Junge ist bald versunken in die Rhythmen, die er auf seiner Kalebasse schlägt. In der Mitte des Lokals steht ein Korb für die Einnahmen, aber niemand wirft etwas hinein. «Nous sommes fatigués», sagt der Wirt. Eine Müdigkeit, wie Material müde wird, wenn es überstrapaziert wird. Das ist die höfliche Art der MalierInnen zu sagen, dass sie nicht mehr können.

Zum «Festival sur le Niger» werden im Februar, wie jedes Jahr, Malis beste MusikerInnen kommen. Sie wollen für Frieden und nationale Versöhnung spielen. Die einheimische Jugend, die sich die Eintrittskarten früher nicht leisten konnte, wird diesmal gewiss willkommen sein, um das Gelände zu füllen.

Eine Strasse in den Norden

Was wäre die Uferpromenade von Ségou ohne Amadou Koné, den Poeten? Gelähmt sitzt er auf einem eisernen Rollstuhl, den er mit der linken Hand an einer Kurbel vorwärts bewegt. Ein kleiner, krummer Mann, Mitte dreissig; die Händler nennen ihn «Albatros», weil seine Verse Schwingen bekommen, wenn er sie TouristInnen vorträgt; davon lebt er. Seine Gedichte sind Liebeserklärungen an Ségou und den Niger, ein wenig schwülstig zwar, aber Koné spricht schön, mit Leidenschaft und innerem Leuchten. Der Poet ohne Publikum, auch dies eine Metapher der Krise. Ein Gedicht für den Frieden sei in Arbeit, ruft er noch.

Die sogenannte Pufferzone, dem besetzten Norden vorgelagert, kündigt sich durch militärische Kontrollposten an. Zehn Stunden dauert die Fahrt von Bamako bis in die Kleinstadt Sévaré; weiter sollten EuropäerInnen nicht fahren, zu gross wäre die Gefahr, von Islamisten entführt zu werden. Viele MalierInnen reisen indes, mit gebotener Vorsicht, zwischen den Landesteilen hin und her.

In Sévaré haben allein 3500 Familien 25 000 Flüchtlinge aufgenommen. Hier ballt sich alles zusammen: Solidarität, Anspannung, Ängste, Erwartungen. Es führt nur eine einzige Strasse in den Norden; wenn es Krieg gibt, dann beginnt er hier.

Am Stadtrand sind die Freiwilligen der Miliz Ganda Koy zum Appell angetreten. Die malischen Zeitungen haben aus ihnen Helden gemacht, die patriotische Avantgarde einer militärischen Intervention. Und hier stehen nun zwei Hundertschaften schlaksiger junger Leute im Staub, Jungen und Mädchen, die versuchen, zackig auszusehen, in Jeans und Fussballshirts, manche mit Plastiklatschen. Unter anfeuernden Rufen marschieren sie aus dem Camp hinaus in den Sahelsand. Rinder blöken die seltsame Truppe an; ein Mädchen marschiert in langem Rock und Flipflops. Nur ein Einziger hat ein Gewehr; die anderen halten stattdessen beim Training ein Stöckchen im Anschlag – oder einfach die Luft.

Safi, eine Grundschullehrerin aus Timbuktu, und Fatoumata, eine Radiojournalistin aus Gao, zählen zu den wenigen, die eine Uniform tragen; bezahlt aus eigener Tasche. Beide haben Schlimmes erlebt und nun Kinder und Rollenbilder hinter sich gelassen, um bewaffnet für die Befreiung ihrer Heimatstädte zu kämpfen. Solch unschuldiger Enthusiasmus ist allerdings nicht die Triebkraft dieser Miliz. Ganda Koy – auf Deutsch Herren der Erde – wurde bereits 1994 gegründet, für den Kampf gegen eine damalige Tuaregrebellion. Die Miliz rekrutiert sich vor allem aus Songhai, jener Ethnie, der heute die meisten Binnenflüchtlinge in Mali angehören.

Für ausländische Fernsehkameras wird im Trainingscamp der Kampf gegen die bewaffneten Islamisten betont, «die Handabhacker». Doch die Kommandanten lassen ihren tief sitzenden Hass auf die Tuareg spüren. Bei der Tochtermiliz Ganda Iso (Söhne der Erde) wird man gar Zeuge, wie ein cholerischer Ausbilder losschreit: «Wir werden alle Tuareg töten, bis auf den letzten Mann!»

Nationalismus der hungrigen Mägen

In Sévaré leben schon seit Monaten keine Tuareg mehr. Wer hellhäutig war und Tamaschek sprach, war verdächtig; es gab Morde. Das ist die andere, die dunkle Seite im «solidarischen» Sévaré. Und nicht nur hier.

In Europa, zumal in Frankreich, geniessen die säkularen Tuareg des Mouvement national de libération de l’Azawad (MNLA) die Aura von Freiheitskämpfern, obwohl auch sie geplündert und vergewaltigt haben. Für die meisten MalierInnen sind hingegen Islamisten und MNLA gleichermassen «Verbrecher» und «Banditen». In der Sprache der Bambara werden alle «mogo djugu» (böse Menschen) genannt.

Westliche Interventionsstrategen möchten die Tuareg in den Kampf zumal gegen al-Kaida einbeziehen; in Mali selbst kommt das nicht gut an. Auch verhandeln möchten die MalierInnen, wenn überhaupt, dann lieber mit der Islamistengruppe Ansar Dine als mit dem MNLA. Dies war das Ergebnis der bisher einzigen Meinungsumfrage in Mali; es deckt sich mit dem, was man auf der Strasse hört – und auch bei kritischen Intellektuellen. Sie glauben, der islamische Terrorismus werde vom Westen nur als Vorwand benutzt, um sich militärisch in der Sahara festzusetzen und die Hand auf die Ressourcen Nordmalis zu legen, auf Uran, Öl, seltene Erden. Und die Tuareg liessen sich dafür instrumentalisieren.

In all dem spiegeln sich uralte Ressentiments und Spannungen. Unvergessen die Sklavenhaltervergangenheit der hellhäutigen Oberklasse der Tuareg. Unverziehen auch, dass es seit den ersten Tagen der Unabhängigkeit stets Tuareg waren, die zu den Waffen griffen, um ihre Forderungen zu unterstreichen, während andere Regionen und Ethnien sich im armen Mali gleichfalls bitter vernachlässigt fühlten.

«Nous sommes fatigués.» Die Erschöpfung schlägt um in Ungeduld und in einen Nationalismus der hungrigen Mägen. Die Malier haben in zwei Weltkriegen für Frankreich gekämpft; es ist lange her, dass sie für etwas gekämpft haben, das mit ihrer eigenen Geschichte und mit ihrem Boden zu tun hat. Nun erinnern sie sich der Heroen aus vorkolonialen Zeiten. «Wir waren immer ein Kriegervolk!», ist jetzt oft zu hören. Warum noch länger warten; warum zieht unsere glorreiche Armee nicht allein in den Norden?! «Operation Maliba» – Maliba, das ist zu gefühlvoll, um es übersetzen zu können. Es ist das ganze grosse Mali, dem anzugehören mit Stolz erfüllt.

Mali

Ein Jahr Staatskrise

Am 17. Januar 2012 starteten aus Libyen heimkehrende Tuaregsöldner den Angriff auf die malische Armee. Im April erklärten die Tuaregrebellen Nordmali zum befreiten «Azawad»; im Juni wurden sie jedoch ihrerseits von drei islamistischen Organisationen vertrieben. Seitdem steht Nordmali unter Kontrolle der Gruppen Ansar Dine (Tuareg-geführt), al-Kaida im Maghreb (von Algeriern geführt) sowie deren Ableger Mujao, der «Bewegung für Einheit und Dschihad», mit Kämpfern aus verschiedenen Ländern.

In Malis Hauptstadt Bamako wird die Suche nach einem Ausweg aus der Krise durch einen parallel stattfindenden Machtkampf erschwert. Am 22. März stürzte ein Militärputsch Präsident Amadou Toumani Touré. Weder der neue Präsident Dioncounda Traoré noch das Parlament sind demokratisch legitimiert. Ihre inzwischen verlängerten Amtszeiten beruhen auf einer Vereinbarung mit der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas).

Eine legitime Regierung kann nur aus Neuwahlen hervorgehen, aber die meisten MalierInnen wollen erst wählen, wenn auch im Norden frei gewählt werden kann – ein gordischer Knoten.

Gedrängt von Frankreich, gab der Uno-Sicherheitsrat im Dezember grünes Licht für eine Militärintervention: die Stationierung einer zunächst einjährigen «afrikanisch geführten internationalen Unterstützungsmission». Ecowas bietet dafür 3000 Soldaten an, doch sind der Zeitpunkt wie die Finanzierung der Intervention noch völlig offen. Zunächst soll Malis Armee reorganisiert werden; dafür will die Europäische Union ab Frühjahr 200 Soldaten schicken. Der malischen Armee dauert das allerdings alles zu lange: Ihre Führung erklärte jetzt dem Präsidenten, sie sei kampfbereit und warte nur noch auf seinen Befehl für den Feldzug in Richtung Norden.

Zeitgleich lotet Bamako erstmals ernsthaft Verhandlungen aus. Mit jenen Gruppen zu reden, die sich von al-Kaida lossagen, verlangt auch die Uno. Die säkularen Tuaregrebellen zeigen sich entgegenkommend, doch Ansar Dine, zentral wichtig für Verhandlungen, verlangte Anfang Januar Autonomie für Nordmali und Abschied von der Laizität in Malis Verfassung.

Die Uno-Resolution zu Mali im Wortlaut: 
www.ag-friedensforschung.de/regionen/Mali/un-sr-res-2085-dt.pdf

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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