Nr. 03/2013 vom 17.01.2013

Von Ankunft bis Zukunft

Mit 7000 Freiwilligen unterstützt das Vluchtelingenwerk seit mehr als dreissig Jahren Asylsuchende in den Niederlanden. Die Anerkennung ist gross, doch die politischen Umstände werden schwieriger.

Von Tobias Müller, Amsterdam

Es ist eines der ersten Wörter in der Landessprache, das Asylsuchende in den Niederlanden zu hören bekommen: «Vluchtelingenwerk». Ob bei der Vorbereitung auf ihr Verfahren, der Vermittlung von Anwälten und psychologischer Betreuung oder um die ersten Schritte in der neuen Umgebung zu begleiten: ein Mitglied der Organisation steht immer bereit. Auch bereits anerkannten Flüchtlingen geht man zur Hand: vom Einrichten der Wohnung über Wegweiser im bürokratischen Dschungel bis zu praktischen Alltagstipps, um ein neues Leben aufbauen zu können. Die Mission dahinter ist deutlich: «Von Ankunft bis Zukunft» sollen die Interessen von Flüchtlingen vertreten werden.

Gegründet wurde das Vluchtelingenwerk 1979, als verschiedene Gruppen zur Unterstützung von Flüchtlingen fusionierten. Einige hatten linksalternative Hintergründe, andere kirchlich-humanitäre. In den Jahren zuvor hatten sie sich in Absprache mit der niederländischen Regierung um die Unterbringung von Chileninnen und Vietnamesen gekümmert, die damals zahlreich in die Niederlande kamen. Die Initiative war ein Spiegel der Zeit: «Die Bereitschaft der Niederländer, Flüchtlinge aufzunehmen, war enorm», heisst es in einer Eigendarstellung. «Es war überhaupt kein Problem, Freiwillige zu finden, um bei der Pionierarbeit zu helfen.» Auf dem Einsatz von Freiwilligen basiert die Arbeit des Vluchtelingenwerk bis heute. Insgesamt sind es rund 7000. Dazu kommen 550 fest angestellte Kräfte. Die Organisation bekommt Geld von verschiedenen staatlichen Stellen und einer grossen Zahl von SpenderInnen, viele davon regelmässige.

Velofahren zur Integration

Mehr als vierzig Ehrenamtliche aus der Umgebung engagieren sich im Aanmeldcentrum (AC) Zevenaar nahe der deutschen Grenze bei Arnhem. Es ist eines von vier Zentren, in denen die Anhörungen durch den Immigratieen Naturalisatiedienst (IND) stattfinden. Die MitarbeiterInnen vom Vluchtelingenwerk unterhalten Kontakt mit Anwälten, Übersetzerinnen oder Psychologen, geben Asylsuchenden Rechtsberatung und sind, soweit möglich, bei Anhörungen dabei.

«Wir sind eine Kontaktstelle», sagt Marian van de Weerd, die die lokalen Aktivitäten des Vluchtelingenwerk leitet. Mitte der neunziger Jahre begann die ehemalige Sekretärin als Freiwillige. Politik interessierte sie bis dahin nicht, «und mit Asylsuchenden hatte ich noch nie gesprochen». Die Räume des Vluchtelingenwerk liegen im selben Gebäude wie das Anmeldezentrum des IND. Die Beratung jedes Flüchtlings durch die Organisation ist inzwischen obligatorisch. «Anfangs war der IND sehr misstrauisch uns gegenüber», sagt die 55-Jährige. «Sie befürchteten, wir würden den Menschen ihre Fluchtgeschichten zurechtlegen.»

Zentral ist die Anwesenheit von Freiwilligen bei den Asylanhörungen. «Sie können dann zum Beispiel den IND darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit dem Übersetzer nicht gut funktioniert oder dass ein Antragsteller in einem schlechten Zustand ist, was grossen Einfluss auf das Gespräch haben kann», sagt van de Weerd. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört auch, das Landesbüro in Amsterdam über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten.

Einen Schritt später setzt die Arbeit von Mieke Slingerland an, die schon als Lehrerin im Unterricht für Flüchtlingskinder beschäftigt war. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie einen Vormittag pro Woche im Vluchtelingenwerk-Büro in Hardenberg im Nordosten der Niederlande. Zumindest offiziell. «Dann fing ich an, neue Freiwillige einzuarbeiten, und kam mit Familien in Kontakt, bei deren Betreuung ich involviert wurde», sagt die 64-Jährige. Im letzten Jahr war ich sicher zwanzig Stunden pro Woche im Büro. Und dann erledigt man zu Hause noch Telefonate.»

Nun steht Slingerland also nicht nur der einzigen hauptamtlichen Bürokraft zur Seite, sondern begleitet Flüchtlinge, die hier meist aus Somalia kommen, auf Behördengängen oder zum Arzt. Sie hilft bei der Schulauswahl für die Kinder, vermittelt Kontakte zu Therapeutinnen oder stellt sie den Nachbarn vor, kurzum: Sie gibt ihnen «die Unterstützung, die sie so dringend brauchen», wie es in den Statuten der Organisation heisst.

Mehr als dreissig Freiwillige zwischen 18 und 73 sind in Hardenberg, einer Gemeinde von rund 60 000 Einwohnern, aktiv. Selbst einen Fahrradkurs gibt es dort. «Integrieren in den Niederlanden? Dann musst du auch Velo fahren», steht auf einem Flyer im Büro. Wie kommt es, dass sich so viele Menschen hier engagieren? Slingerland erzählt, die Ursprünge des Vluchtelingenwerk in Hardenberg seien kirchlich. Sie selbst sieht eine humanistische Motivation, für die Mitmenschen da zu sein. «Wir leben zusammen auf einem kleinen Stückchen Land, und viele Menschen hier verstehen, dass sie die Gesellschaft lebenswert halten sollten.» Diese Haltung äussert sich im Übrigen nicht nur im Flüchtlingsbereich: Nach einer offiziellen Statistik leisten mehr als vierzig Prozent der NiederländerInnen ehrenamtliche Arbeit.

Kontrast zur Politik wächst

Gerade die Freiwilligen vom Vluchtelingenwerk sehen sich indes zunehmend in einer kniffligen Situation. Zwar ist die Wertschätzung für ihren Einsatz nach wie vor gross, doch die politischen Rahmenbedingungen haben sich deutlich geändert. «Die Regeln sind viel strenger geworden», so Mieke Slingerland. «Das gilt für die Zahl der Anerkennungen und ganz besonders für den Familiennachzug.» In praktischer Hinsicht kommt hinzu, dass zuletzt die Stundenzahl der hauptamtlichen Koordinatorin aus finanziellen Gründen gekürzt werden musste.

Allgemein haben sich die Niederlande vom Ideal einer «Gesellschaft, in der Flüchtlinge willkommen sind», wie es im Konzeptpapier «Vision 2015» des Vluchtelingenwerk heisst, eher entfernt. Die Flüchtlinge und MigrantInnen leiden unter gesetzlichen Verschärfungen, etwa der Pflicht zur Einbürgerung, für die sie neuerdings finanziell selbst aufkommen müssen. Der Kontrast zum Ansatz vom Vluchtelingenwerk, der die gesamte Gesellschaft in der Pflicht sieht, wächst.

Strategisch wird die Arbeit der Organisation ohnehin nicht leichter. Der neue asylpolitische Kurs in Den Haag, offiziell gerne als «streng, aber gerecht» beschrieben, zielt im Einklang mit den EU-Richtlinien vor allem auf Abwehr. Einerseits ist das Vluchtelingenwerk neben den Zuwendungen einer karitativen Grosslotterie auf staatliche Subventionen angewiesen, andererseits will man sich die Unabhängigkeit erhalten – auch, wie es im just erwähnten Konzeptpapier heisst, um die staatliche Asylpolitik kritisieren zu können.

Diese Konstellation bringt eine pikante Zukunftsperspektive mit sich. Das Vluchtelingenwerk, das sich ausdrücklich auf politische Flüchtlinge im Sinn der UNHCR-Definition beschränkt, hielt sich von weiter reichenden Forderungen wie der Legalisierung von Sans-Papiers immer fern. Gerade deshalb konnte ein so breites Spektrum mobilisiert werden. Vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen stellt sich jedoch die Frage, ob selbst dieser realpolitische Ansatz künftig zur Utopie wird.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Von Ankunft bis Zukunft aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr