Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

«Läuft dieses Ding?»

Carlos Hanimann über eine Lieferung für Julian Assange.

In London bahnte sich eine diplomatische Krise an. PolizistInnen betraten die ecuadorianische Botschaft, Ecuadors Aussenminister beschuldigte die BritInnen öffentlich, die Stürmung der Botschaft zu planen, das Quartier verwandelte sich in eine Hochsicherheitszone. Das war am 15. August 2012, Ecuador hatte angekündigt, am nächsten Tag über das Asylgesuch von Wikileaks-Gründer Julian Assange zu befinden. Dieser war zwei Monate zuvor in die Botschaft spaziert und hielt sich seither dort auf.

Plötzlich platzte ein Pizzakurier in die Szenerie und versuchte, sich an den PolizistInnen vorbeizuzwängen: Er hatte eine Lieferung für Julian Assange. Die Bestellung war von einem Anonymus des Webforums 4chan aufgegeben worden, via Livestream verfolgte die Netzgemeinde nun, ob der Pizzabote eingelassen würde. Der Auftritt des Kuriers war ein schöner Scherz, banal und brillant zugleich – eine Prise Humor in einer todernsten Situation.

Am nächsten Tag gewährte Ecuador Assange Asyl, die britische Polizei aber erklärte, man werde Assange verhaften, sobald er die Botschaft verlasse. Mittlerweile waren auch die grossen Nachrichtenagenturen vor Ort, richteten ihre Kameras auf den Eingang, stets gespannt darauf, ob etwas passieren würde. Es folgten weitere Pizzen. Und Taxis. Und Limousinen, an deren Windschutzscheiben Tafeln klebten mit dem Namen «Julian Assange».

Seither hat Assange das Gebäude nicht verlassen, davor wartet noch immer die Polizei in Vans mit abgedunkelten Scheiben.

Letzte Woche mischte sich die Zürcher Mediengruppe Bitnik in die diplomatische Krise ein. Am Mittwoch gaben die KünstlerInnen in London ein Paket für Julian Assange auf, ein «Live Mail Art Piece», wie sie das Projekt beschrieben. Im Paket steckte eine Handykamera, die durch ein Loch alle zehn Sekunden ein Foto schoss und auf eine Website lud. Über die Website und über den Kurznachrichtendienst Twitter liess sich die Reise des Pakets in Echtzeit mitverfolgen, dreissig Stunden lang, auf mehr als 10 000 Bildern. Viele Fotos waren schwarz, manchmal war ein Stück Aussenwelt zu erhaschen – ein matter Farbstreifen, die Ahnung von einem Postsack, leere Rollbehälter, Füsse.

Die Odyssee dieses Pakets war fesselnd, sie führte zu so vielen Zugriffen auf die Website der KünstlerInnen, dass der Server fast zusammenbrach, und weckte schliesslich die Aufmerksamkeit von Medien aus aller Welt – von der «BBC» über die «India Times» bis hin zum brasilianischen «Globo». Auf Twitter bemerkte jemand treffend, selten sei ein schwarzes Bild, auf dem «Live» steht, derart spannend gewesen.

Eine Pizza, ein Postpaket – es sind alltägliche Dinge, die in einer diplomatischen Krisensituation für Aufmerksamkeit, Spass und Spannung sorgen. Wenn der Ausnahmezustand zur Normalität wird, wird Normalität zum Spektakel.

Am Donnerstagabend dann, nach schier endlos langem Warten und Bangen vor dem Computerbildschirm, endlich eine knappe Nachricht mit schwarzem Filzstift auf eine Karteikarte geschrieben: «Is this thing on?» – Läuft dieses Ding? Ein paar Pflanzen, Zimmerpflanzendschungel, Raubtierbilder und schliesslich Julian Assange persönlich, der, selber in der Botschaft eingesperrt, Freiheit forderte für andere: Bradley Manning etwa oder Rudolf Elmer.

Es war ein kurzer Auftritt, Assange gingen die Karten aus. Im Bild blieb ein leerer Stuhl zurück. Dann wieder ein schwarzes Bild. www.bitnik.org/assange

Carlos Hanimann ist WOZ-Redaktor.

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