Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Jubiläum ohne eine Spur von Freude

Die Machtansprüche der IslamistInnen wollen viele nicht hinnehmen. Sie sehen sich um die Früchte der Revolution betrogen.

Von Raphael Thelen

Kairos Taxiflotte ist ein exzentrisches Spiegelbild der Hauptstadtgesellschaft. Jedes Taxi scheint den Charakter seines Fahrers zu symbolisieren. Die alten schwarzen Fiats und neuen weissen Hyundais sind individuell ausstaffiert wie rollende Wohnzimmer. Kleine Decken und Teppiche liegen auf dem Armaturenbrett, Talismane hängen vom Rückspiegel, Bilder und Aufkleber schmücken die Fenster.

Dabei zerfällt die Einrichtungswelt grob in zwei Kategorien: die sportliche Hollywoodversion mit Chrom und westlichen Insignien – gegen die puritanisch-religiöse Version mit Gebetskette am Rückspiegel und Korangesang aus dem Lautsprecher.

Für Muhammad Wakeb reicht im politisch polarisierten Ägypten von heute meist schon ein kurzer Blick vor dem Einsteigen, damit er weiss, was gleich kommt. «Ich habe einen vollen Bart. Wenn der Taxifahrer ein Salafist ist, dann erzählt er mir davon, wie gefährlich die ‹Säkularen› sind», sagt der 42-Jährige, dessen Bart mehr eine Hommage an Che Guevara ist. «Wenn der Fahrer kein Islamist ist, dann ist er so lange misstrauisch, bis ich mir eine Zigarette anzünde und ihm damit klarmache, dass ich auch keiner bin. Dann zieht er über Präsident Muhammad Mursi her und nennt ihn irgendetwas zwischen einem Idioten und einem Verbrecher.»

Bedrohte Freiheiten

Der kulturell-politische Graben zwischen den IslamistInnen und jenen, die sich für ein säkulares Ägypten einsetzen, scheint unüberwindbar. Zwischen den beiden Polen sind etwa diejenigen, die sich vor allem nach Stabilität sehnen. Die Gruppe der AnhängerInnen des gestürzten Expräsidenten Hosni Mubarak machen beide Seiten gleichermassen für die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme verantwortlich, die die anhaltende Instabilität mit sich bringt.

Das Lagerdenken macht sich zunehmend im alltäglichen Leben bemerkbar. «Die Menschen streiten sich wegen der trivialsten Dinge», sagt Wakeb. Die IslamistInnen wollen einen Staat auf Grundlage islamischen Rechts. Die SalafistInnen richten darüber hinaus auch ihr Leben am Beispiel des Propheten Mohammed aus. Unter anderem ist in ihrer Religionsauslegung alles eine Sünde, was dem Körper schadet, zum Beispiel Rauchen.

«Die Islamisten wollen das Verhalten der Menschen ändern. Sie wollen bestimmen, was wir essen, wie wir uns kleiden und was wir denken», sagt Wakeb. Während der ägyptischen Revolution vor zwei Jahren kämpfte er Seite an Seite mit den IslamistInnen für mehr Freiheit. Wie so viele hat ihn jedoch der Aufstieg der Muslimbruderschaft desillusioniert. Er wirft ihnen vor, die Macht in Ägypten zu monopolisieren.

Angst vor Machtballung

Dabei geht es vor allem um das gebrochene Versprechen der Muslimbrüder, keinen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Ausserdem stehen sie für die neue Verfassung des Landes, die von vielen als zu islamistisch empfunden wird. Präsident Mursi wiederum wird beschuldigt, immer mehr Macht an sich reissen zu wollen. «Die Menschen haben genug davon, dass die Islamisten versuchen, staatliche Institutionen zu übernehmen, die neutral sein sollten. Sie wollen die Polizei, das Militär und die Justiz kontrollieren», sagt Wakeb.

Aus diesem Gefühl der Ablehnung und des Betrogenwerdens ergaben sich vergangene Woche die Zusammenstösse zum Anlass des zweiten Jahrestags der Revolution. Viele haben das Gefühl, dass ihre Opfer umsonst waren, dass ihre Revolution gestohlen wurde. Auf dem Tahrirplatz gab es nicht einmal einen Ansatz von Festlichkeit. Keine Bühnen, keine Musik, keine feierlichen Reden wie zum ersten Jahrestag. Stattdessen immer wieder ein Sprechgesang: «Sie müssen gehen, nicht wir müssen gehen!» «Sie» gegen «wir».

Und das Misstrauen ist beidseitig. Viele IslamistInnen sehen sich einer Verschwörung gegenüber, die ihre Pläne sabotiert. «Die Demonstranten sind ausländische Agenten und alte Gefolgsleute von Hosni Mubarak», sagt Hassan Scherif. Der 41-Jährige ist Mitglied der Muslimbruderschaft. In seinen Augen haben es die DemonstrantInnen darauf abgesehen, den ägyptischen Staat zu zerstören. Als Beweis führt er den Schwarzen Block an; eine Gruppe Jugendlicher, die sich nach europäischem Vorbild dem Kampf gegen die Polizei und die Bruderschaft verschrieben hat. «Die Menschen in Ägypten wollen, dass Mursi hart gegen diese Chaoten vorgeht», sagt Scherif. «Die Polizei hat einige von ihnen festgenommen. Sie wurden ins Gefängnis geworfen und kommen dann vor Gericht.» Präsident Mursi lobte nach den Zusammenstössen vom Wochenende die Arbeit der Polizei.

Ein Grossteil der Auseinandersetzung wird in den Medien ausgetragen. Jede politische Strömung und Gruppe hat ihre eigene Zeitung, einige zusätzlich noch einen Fernsehsender. Fakten sind oftmals zweitrangig, je nachdem ob sie der eigenen Sache dienlich sind. «Die Medien werden von alten Mubarak-Männern gemacht und sagen die ganze Zeit nur, wie schlecht Mursi ist», sagt Scherif. 

«Gefahr für den Islam»

Die Vereinnahmung der Religion ist ein weiterer Streitpunkt zwischen den beiden Gruppierungen. Ungefähr neunzig Prozent aller ÄgypterInnen sind MuslimInnen. Von diesen würde sich kaum jemand als nicht religiös beschreiben. Doch viele wollen die Deutungshoheit über ihre Religion nicht an die IslamistInnen abtreten. «Ich habe viele Freunde, die früher Islamisten waren», sagt Wakeb. «Doch jetzt sagen sie, dass die Bruderschaft eine Gefahr für den Islam sei.» In manchen Stadtteilen Kairos finden moderate MuslimInnen kaum mehr eine Moschee, in der ein Imam in ihrem Sinn predigt. In diesem Klima verschwinden die Orte, an denen sich die verschiedenen Lager treffen und austauschen, immer mehr.

In den Taxis von Kairo wird die Spaltung durch die Rückspiegeldekoration deutlich. Nur wenigen wie Wakeb gelingt es dank ihrer modischen Eigenheit, den Graben zwischen Plüschwürfel und Gebetskette zu überwinden. Als Grundlage für konstruktiven Austausch reicht das nicht. Wakeb sagt: «Nur wenn die Islamisten aufhören, uns vorschreiben zu wollen, wie wir uns verhalten sollen, kann es Raum für Dialog geben.»

Unruhen in Ägypten

Schwarzer Block und Ultras

Die derzeitigen Unruhen in Ägypten mit über fünfzig Toten und Hunderten Verletzten gehen auf zwei unabhängige Ereignisse zurück. Am 25. Januar kam es im ganzen Land zu Protesten und Ausschreitungen anlässlich des zweiten Jahrestags der ägyptischen Revolution. Der zweite Auslöser war die Verhängung der Todesstrafe gegen 21 Männer aus Port Said am Samstag.

In beiden Fällen traten Gruppen auf, die sich organisieren, um der Muslimbruderschaft gewaltsam entgegenzutreten. Während der Jahrestagsdemonstrationen trat zum ersten Mal der ägyptische Schwarze Block in Erscheinung. Entsprechend dem europäischen Vorbild in Schwarz gekleidet, wollen sie eventuelle Angriffe durch Muslimbrüder oder Polizeikräfte auf DemonstrantInnen abwehren. In einem Internetvideo beschreiben sie sich als Gruppe, die «aufsteht, um das faschistische Regime der Muslimbruderschaft zu bekämpfen».

Andere AktivistInnen sind hingegen besorgt, dass der Schwarze Block das Image der Revolution beschädigt. Präsident Muhammad Mursi hat den Schwarzen Block als Terrororganisation eingestuft.

Die Zusammenstösse in Port Said gehen auf eine Auseinandersetzung zwischen den Fans von Port Saids Fussballverein al-Masry und dem Kairoer Klub al-Ahly zurück. Letzterer ist bekannt für seine gewaltbereiten Ultras.

In Reaktion auf die Stadionausschreitungen vor einem Jahr, bei denen mehrere Dutzend Al-Ahly-Fans getötet wurden, drohten die Al-Ahly-Ultras mit Gewalt, falls das Gerichtsurteil zu mild ausfallen würde. Dementsprechend begrüssten sie die ausgesprochenen Todesurteile. Die Al-Masry-Fans warfen dem Gericht hingegen vorauseilenden Gehorsam vor und griffen eine Polizeistation und ein Gericht an. Die Rolle der Sicherheitskräfte beim Fussballmassaker hatte das Gericht nicht untersucht.

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