Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Ein gedankenloses Geschenk

Eben erst hat der Staat Israel seinen 65. Geburtstag gefeiert. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) gratuliert dazu mit einem Wald – und brüskiert damit die BeduinInnen im Negev.

Von Marlène Schnieper, Beerscheba

Israel hat Geburtstag. Was schenken? Darüber dachten Andrea Nahles, Generalsekretärin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), und Christian Lange, Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, nach eigenem Bekunden lange nach und kamen zum Schluss, dass ein «Wald der SPD» das Richtige sei. Damit wollen sie den «Wald der deutschen Länder» ergänzen, der 1991 im Süden Israels entstand und sich zu einem stolzen Wiederaufforstungsprojekt entwickelt hat.

Die Sammelbüchse für den neuen Wald ist noch nicht gefüllt. Die zehn Euro pro Baum könnten die GenossInnen direkt an den Jüdischen Nationalfonds (JNF) einzahlen und von den Steuern abziehen, heisst es in Werbespots. Ein Foto zeigt den früheren deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier vor flatternden Fahnen Israels, Deutschlands und des JNF, wie er zum Spaten greift und versichert, dass er diese Aktion «aus vollem Herzen» unterstütze.

Kritik von hüben und drüben

An der Basis hält sich die Begeisterung in Grenzen. Zwar lobte der Arbeitskreis Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten das Vorhaben, sonst aber hagelte es Kritik. Viele SPD-Mitglieder schrieben wütende E-Mails und drohten gar mit dem Parteiaustritt. Dem Protest schlossen sich propalästinensische Organisationen an, kirchliche Kreise, jüdische Stimmen aus Deutschland und von israelischen BürgerInneninitiativen. «Natürlich tut der JNF viel Gutes», sagt die israelische Menschenrechtsaktivistin Yeela Raanan mit leicht spöttischem Unterton, «er schafft grüne Inseln der Erholung für Israelis, Wander- und Velowege über Berg und Tal. Doch in der Hand unserer Regierung ist er auch ein Instrument, um die Beduinen ihres Landes zu berauben.» Mit Gleichgesinnten kämpft Raanan für die Rechte der beduinischen Bevölkerung. Seit Jahren versuchen sie, das «Image einer wohltätigen Organisation» zu demontieren, das der JNF in westlichen Ländern geniesst. «Für uns ist es frustrierend, wenn eine linke Partei, die sich zu den Menschenrechten bekennt, eine solch doppelbödige Organisation honoriert.»

Der JNF, 1901 in Basel gegründet, diente seit je als Drehscheibe des zionistischen Landerwerbs und der Kolonisierung Palästinas. Bis 1948 hatte der Fonds etwa tausend Quadratkilometer palästinensischen Bodens in seinen Besitz gebracht. Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit kaufte der JNF auch Land, das der israelische Staat von PalästinenserInnen enteignet hatte, die zuvor vertrieben worden waren. Fortan kontrollierte die Organisation 2500 Quadratkilometer, darunter die wertvollsten Grundstücke in Jerusalem und an der Küste zwischen Tel Aviv und Haifa. Dieses Land lieh der JNF ab 1961 dem Staat, der es seinerseits – getreu den Statuten der Organisation – «Juden allein» zur Nutzung überlässt. Umgekehrt übertrug der Staat dem Fonds die Zuständigkeit für die Aufforstung in ganz Israel, was den JNF erneut auf Kollisionskurs mit der im Land verbliebenen arabischen Minderheit brachte.

Gras des Vergessens

Ein Beispiel für diese Kollision ist al-Araqib, ein Dorf in einem relativ wasserreichen Landstrich nördlich von Beerscheba, nicht weit des «Waldes der deutschen Länder». 1951 wurden die HalbnomadInnen, die dort während Generationen ihren Wohnsitz gehabt hatten, per Militärorder umgesiedelt. Die Stämme der al-Ukbi, al-Turi und Abu Mdeghem verhielten sich gegenüber dem neu gegründeten Staat so loyal, dass sie damals ohne Murren in ein angrenzendes Gebiet auswichen, das ihnen der israelische Militärgouverneur zugewiesen hatte. Angeblich sollten sie ihr Gelände der israelischen Armee ja bloss für sechs Monate zu Übungszwecken überlassen. Aus den sechs Monaten wurden über sechzig Jahre. Bereits um das Jahr 2000 hatten einige Grossfamilien beschlossen, die Zwangsumsiedlung in Eigenregie rückgängig zu machen, und bauten in al-Araqib wieder Zelte, Hütten und Ställe auf, pflanzten Olivenbäume und Reben an. Seit dem Sommer 2010 haben sie den Wiederaufbau schon mehr als vierzig Mal versucht. Ebenso oft fuhr Israels Landbehörde mit ihren Bulldozern auf und walzte jeweils alles platt, selbst den Schlag voller Brieftauben.

Prompt zog der JNF auch für dieses Gebiet ein Aufforstungsprojekt aus der Schublade, und bald ratterten die ersten Bagger über die Hügel, Angestellte zogen Bewässerungsgräben, warfen Erdhügel auf, setzten Eukalyptus und Akazien. «Das nennt man Arbeitsteilung», witzelt Nuri al-Ukbi, Sohn eines Scheichs aus Araqib, «der israelische Staat entzieht uns unsere Existenzgrundlagen, der JNF lässt das Gras des Vergessens darüber wachsen.»

Für den israelischen Historiker Ilan Pappe läuft das letztlich auf eine «ökologische Säuberung» hinaus. Vielleicht denkt die SPD gelegentlich darüber nach. Ihre Schweizer Schwesterpartei könnte dabei helfen: Unter dem Schweizer Wald, den Bundesrat Pierre Aubert 1985 bei Tiberias im Norden des Landes einweihte, liegen zerstörte palästinensische Dörfer begraben.

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