Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Widerstand mit Beamer und Laptop

Nach der vermeintlichen Social-Media-Revolution betreiben ägyptische AktivistInnen Aufklärung auf direkterem Weg. Denn die allermeisten ÄgypterInnen haben keinen Internetzugang.

Von Michael Spahr

An einer Strassenecke stehen eine Leinwand und zwei Lautsprecher. Davor ein Beamer und ein Laptop. Die AktivistInnen des Kazeboon-Kollektivs sind in ganz Ägypten mit ihrem improvisierten Kino unterwegs. Die Filme, die das Kollektiv zeigt, sind meist ähnlich aufgebaut: verwackelte Aufnahmen von ägyptischen Sicherheitskräften, die brutal auf DemonstrantInnen losgehen. Dann kommt ein Mediensprecher der Armee oder Präsident Muhammad Mursi, die alles schönreden und behaupten, die Armee sei angegriffen worden und habe sich bloss verteidigt.

Kazeboon heisst «Lügner» auf Arabisch. Mit ihrer Kampagne wollen die AktivistInnen die Lügen der Machthaber entlarven. Seit anderthalb Jahren organisiert das Kollektiv auf Plätzen und Hinterhöfen Filmvorführungen. «Unsere Zielgruppe hat keinen Internetzugang», sagt die Kazeboon-Aktivistin Rim Dawud. «Dreissig Prozent der Ägypter und Ägypterinnen können weder lesen noch schreiben, nur rund zwanzig Prozent benutzen das Internet. Ihnen wollen wir die Wahrheit zeigen.» Facebook und Twitter genügen nicht, um ein demokratisches Ägypten zu schaffen.

Ende 2011, acht Monate nach dem Rücktritt des langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak, gingen Sicherheitskräfte gegen DemonstrantInnen auf dem Tahrirplatz vor. Dabei wurde eine Frau bis auf BH und Jeans ausgezogen und von Armeeangehörigen verprügelt. Die Bilder gingen um die Welt. In Ägypten hingegen werden solche Bilder sowohl von den staatlichen als auch von den privaten Medien zensiert. Folglich war es für Rim Dawud und ihre MitstreiterInnen höchste Zeit, auch «normalen Leuten» die Bilder zugänglich zu machen: «Unsere Videos sind simpel, ohne komplizierte Erzählstruktur. Wir zeigen unsere Videoaufnahmen von Demonstrationen, dann die Aussagen der Armeesprecher an deren Pressekonferenzen. Auf diese Weise können wir die Lügner blossstellen.»

Gegen die Zensur

Genutzt werden auch Videos von anderen Gruppierungen. Eine der aktivsten ist das Videokollektiv Mosireen (Wir sind beharrlich), das auch Ausbildungen zum BürgerInnenjournalismus anbietet. Beispielsweise zeigen sie Interessierten, wie mit einem Handy Videojournalismus betrieben werden kann. Auch die Kazeboon-AktivistInnen mussten ihr Handwerk kurzfristig erlernen. «Ich bin eigentlich Finanzberaterin», sagt Rim Dawud, «ein Kollege lehrte mich und meine Kolleginnen dann, wie man ein einfaches Video schneidet.»

Am Anfang richtete sich Kazeboon hauptsächlich gegen den Militärrat, der nach dem Abtreten von Mubarak in einer Übergangsphase regierte. Seit die Muslimbruderschaft an der Macht ist, versucht Kazeboon auch deren Lügen aufzudecken. «Wir hofften, Muhammad Mursi bringe Freiheit und Demokratie», sagt ein Mann in einem Video. Ein anderer doppelt nach: «Jetzt werden wir wie Feinde behandelt.» Die Männer sind Fischer und Bauern von der kleinen Insel Qursaya. Im November 2012 wurde die in Kairo gelegene Nilinsel von der Armee geräumt. Ein junger Mann wurde dabei getötet, zahlreiche Männer wurden vor ein Militärgericht gestellt. InvestorInnen möchten die Insel touristisch nutzen. Der Konflikt begann schon zu Zeiten Mubaraks. Jetzt lässt Mursi die Armee gewähren.

Schiessereien in Gotteshäusern

Auf die Frage, warum sich die Muslimbrüder dem Willen der Armee beugen und damit ihre eigene Wählerschaft brüskieren, sagt Dawud: «Mursi ist bloss eine Marionette. Die Armee ist immer noch an der Macht. Sie ist ein Sonderfall. Einerseits hat das geschichtliche Gründe: weil sich Ägypten geografisch in einer sehr sensiblen Region befindet. Andererseits betreibt die Armee eine eigene Wirtschaft. Folglich hat sie sehr viel Geld. Sie kann sich praktisch selbst versorgen.»

Fast täglich kommt es laut den Kazeboon-AktivistInnen zu Demonstrationen mit Ausschreitungen. «Ausserdem findet immer häufiger ein Tabubruch statt», sagt Dawud und zeigt Videos von AugenzeugInnen. «Früher waren Menschen in Moscheen und Kirchen sicher. Heute gehen die Sicherheitskräfte auch in die Gotteshäuser rein. Es kommt dort sogar zu Schiessereien.»

Auch die Filmabende von Kazeboon verlaufen nicht immer gewaltfrei: Die VideoaktivistInnen werden zuweilen tätlich angegriffen. In einem neuen Video rufen sie deshalb dazu auf, sich im Notfall auch mit Gewalt zu wehren. «Wir sind ein Teil des Sicherheitsproblems von Ägypten geworden», sagt Rim Dawud, «wir sind nicht mehr bereit, nur einzustecken.»

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