Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Durch den Hintereingang zum Sesselrücken

Glencore-Xstrata lud letzte Woche zur Generalversammlung. AktivistInnen protestierten vor dem Theater-Casino Zug gegen den Rohstoffkonzern.

Von Noëmi Landolt

«Wir schauen hin, wenn …»: Multiwatch-Protestaktion vor dem Theater-Casino Zug gegen die Generalversammlung von Glencore-Xstrata am 16. Mai 2013. Foto: Ursula Häne

Der Kanton Zug muss sich weniger Sorgen um die Abwanderung von Unternehmen machen als andere Kantone, wenn das Holdingprivileg fällt. Seine Steuersätze sind bereits so tief, dass der Kanton als einer Gewinner der geplanten  Unternehmenssteuerreform III gilt.

Die Rohstofffirma Glencore (jüngst zu Glencore-Xstrata plc fusioniert) mit Sitz in Baar ZG beispielsweise zahlte in den letzten zwei Jahren sogar überhaupt keine, «zero» Steuern, wie CEO Ivan Glasenberg Mitte März bei einem Treffen mit ParlamentarierInnen in Bern zugab –, und das bei einem operativen Gewinn von 4,5 Milliarden Franken. Wenn jedoch die 1:12-Initiative der Juso angenommen würde, so liess Glasenberg unlängst in der «SonntagsZeitung» verlauten, sähe sich Glencore-Xstrata möglicherweise gezwungen, ins Ausland zu ziehen, «obwohl wir dies nicht wollen. Es gibt genügend Länder, die uns gerne aufnehmen.»

Das mediale Aufhebens um Ivan Glasenbergs Wegzugsdrohung war gross, die Grünliberale Partei Kanton Zug gar so verschreckt, dass sie eine Medienmitteilung verschickte, um gegen die Juso-Initiative zu weibeln. Schuld an Glasenbergs Drohgebärde sei die Zuger Linke, insbesondere die Grün-Alternativen mit ihren ständigen «Attacken gegen den Wirtschaftsstandort Zug». Die Überschrift des Communiqués lautete: «Grün-Alternative vergiften Klima in Zug».

Verseuchtes Grundwasser

Während sich die Grünliberalen Sorgen um das vergiftete Klima in Zug machen, scheinen sie das verseuchte Grundwasser und das kontaminierte Ackerland rund um Glencore-Xstrata-Minen beispielsweise in Peru, Sambia, Kolumbien oder der Demokratischen Republik Kongo wenig zu kümmern.

Ganz anders hingegen die rund dreissig AktivistInnen, die an der Generalversammlung des Konzerns vergangenen Donnerstag vor dem Theater-Casino Zug protestieren. Die Juso ist da und die Grün-Alternativen, die deutsche Stiftung Ethecon überreicht dem Glencore-Xstrata-Medienverantwortlichen einen Schmähpreis, den Black Planet Award, «für die erschreckende Missachtung und Verletzung menschlicher Ethik». Die AktivistInnen von Multiwatch haben sich als Sicherheitskräfte in Militäruniform verkleidet, erheben drohend die Gummiknüppel über die am Boden liegenden und angeketteten «Opfer».

Sie erinnern daran, dass vor einem Jahr bei Protesten im peruanischen Espinar gegen das Bergbauunternehmen Xstrata Tintaya, ein Tochterunternehmen von Glencore-Xstrata, drei Personen von der Polizei getötet und auf beiden Seiten insgesamt hundert verletzt wurden. «Die Ursache für den Konflikt in Espinar wurde medial bisher immer auf Umweltprobleme reduziert», sagt Golda Fuentes von Multiwatch. «Niemand thematisierte jedoch, dass die Polizei beim Bergbauunternehmen unter Vertrag stand und von diesem bezahlt wurde. Der Bergbaucampus von Xstrata Tintaya wurde gar als illegales Gefangenenlager der Polizei benutzt, in dem Menschen misshandelt wurden.» Multiwatch hat sich im Vorfeld Glencore-Xstrata-Aktien besorgt, um an der GV teilnehmen und mitreden zu können. «Wir schauen hin …» ist denn auch das Motto der Protestaktion von Multiwatch, das gross auf einem Transparent steht.

Weiter im Glencore-Stil

Lieber nicht so genau hinschauen wollen die fast ausschliesslich greisen Aktionäre (und wenigen Aktionärinnen), die in ihren Sonntagsanzügen ins Theater-Casino schlurfen und die AktivistInnen kaum eines Blickes würdigen. CEO Ivan Glasenberg selbst wählt lieber den Hintereingang, um zum grossen Sesselrücken der Generalversammlung zu gelangen. Seit der geglückten Fusion Anfang Mai sind bereits sukzessive Xstrata-Leute aus dem Führungskader ausgeschieden, an der GV werden nun auch die verbliebenen aus dem Verwaltungsrat gekippt beziehungsweise gar nicht erst gewählt, so auch der ehemalige Xstrata-Präsident John Bond, der den fusionierten Konzern interimistisch hätte leiten sollen. Er erhält nur noch knapp neunzehn Prozent der Aktionärsstimmen. Das Amt des Verwaltungsratsvorsitzenden übernimmt nun interimistisch Tony «I want my life back» Hayward. Der ehemalige BP-Chef hatte diesen Satz aufgrund der öffentlichen Kritik an seiner Person und seinem miserablen Krisenmanagement der «Deepwater Horizon»-Ölkatastrophe im Jahr 2010 gesagt, kurz darauf war Hayward in den Familienferien auf seiner Jacht fotografiert worden, während die FischerInnen am Golf von Mexiko ums Überleben kämpften.

Durch das Absägen der Xstrata-Leute und die Ernennung von Tony Hayward wird klar, dass der Konzern weiterhin auf Glencore-Strategien und -Prioritäten setzt, was die anwesenden NGO-VertreterInnen nichts Gutes vermuten lässt. «Der Bergbaukonzern Xstrata war Vereinbarungen zur Wahrung von Menschenrechten und Umweltstandards eingegangen und diesbezüglich in der Bergbaubranche weit vorne mit dabei – ganz im Gegensatz zu Glencore», sagt Oliver Classen von der Erklärung von Bern, der als Beobachter an der GV teilnimmt.

Inwieweit Xstrata auch um die Umsetzung der Vereinbarungen bemüht war, ist gerade angesichts der tödlichen Auseinandersetzung in Espinar eine andere Frage. So fordert Golda Fuentes von Multiwatch an der GV den Konzern zu einer unabhängigen Untersuchung der Vorfälle in Espinar auf. Auch andere NGO-VertreterInnen verlesen ihre Communiqués. Die Antwort des Managements: «Kommt vorbei, unsere Bürotüren sind offen.» «Solch rituelle Gesprächsangebote bedeuten nichts», sagt Oliver Classen, der schon durch ein paar solch offener Bürotüren ging. «Meistens bekommt man nur den Nachhaltigkeitsbericht des Konzerns als Powerpoint-Präsentation vorgeführt.» Und auch Golda Fuentes von Multiwatch sagt: «Ein wirklicher Fortschritt ist erst erzielt, wenn sich die Konzernverantwortlichen nicht nur mit uns NGO-Vertreterinnen aus dem globalen Norden treffen, sondern zu Gesprächen mit direkt Betroffenen aus dem globalen Süden bereit sind, um Lösungsansätze zu diskutieren. Zufrieden sind wir erst, wenn wir reale Veränderungen vor Ort sehen.»

 

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