Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Diebstahl am Burger-Grill

Minimale Löhne und maximale Profite zeichnen das Fastfoodbusiness in den USA aus. Es ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig.

Von Lotta Suter

Hunderte von McDonald’s, Burger Kings, Taco Bells und anderen Schnellimbissbuden wurden in den letzten Wochen in US-amerikanischen Grossstädten bestreikt. Anfang April gingen die Fastfoodangestellten in New York auf die Strasse. Knapp drei Wochen später folgten ihre KollegInnen in Chicago. Dann erreichte der Protest St. Louis, den zweitgrössten Binnenhafen der USA am Westufer des Mississippi, und kurz darauf die «Motor City» Detroit, das Zentrum der US-Autoindustrie. Mitte Mai schliesslich marschierten Angestellte von Fastfood- und Discounterketten durch die Strassen von Milwaukee in Wisconsin, einem von jeher klassenkämpferischen Bundesstaat der USA.

Die McDonald’s-Angestellte Stephanie Sanders aus Milwaukee hat im «Journal Sentinel», der unabhängigen Lokalzeitung, erklärt, warum sie den Streik mitorganisierte und selber auf die Strasse ging. In der Krise hatte Sanders ihre Stelle als anständig entlohnte Fachverkäuferin verloren und danach bloss noch einen Job im Billiggastgewerbe finden können. Ihre heutige Situation schildert sie so: «Ich verdiene 7,25 Dollar in der Stunde, nicht einmal die Hälfte dessen, was ich früher verdiente. Obwohl ich Essen serviere, kann ich mir selbst nicht genug zu essen kaufen. Ich bin auf Lebensmittelhilfe angewiesen.» Vielen ihrer Mitstreikenden gehe es genauso, sagt sie, manche hätten auch noch Kinder. «Wir müssen uns zwischen Nahrung oder Medikamenten, Miete oder Elektrizität entscheiden, denn für alle Ausgaben reicht das Geld nicht. Wir fühlen uns ständig von Hunger oder Obdachlosigkeit bedroht. Diese Angst um die Zukunft ist das Schlimmste. Denn mit 7,25 Dollar die Stunde hat man keine Zukunft.»

Arbeitskampf und Bürgerrecht

In allen fünf Städten verlangen die Streikenden das Gleiche: 15 US-Dollar Stundenlohn und das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Sie richteten ihre Forderungen nicht an ein Einzelunternehmen, sondern an die gesamte Fastfoodbranche, und zwar mit eintägigen, sehr öffentlichkeitswirksamen Warnstreiks. Dabei waren die wenigsten AktivistInnen klassische GewerkschafterInnen – jedenfalls nicht zu Beginn ihrer Kampagne. Nun handeln sie nach der Devise: erst streiken, dann organisieren.

Alle Protestaktionen werden von einem breiten und lokal gut verankerten Bündnis getragen. Gewerkschaften, vorab die Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union (SEIU), arbeiten eng mit Bürgerbewegungen und KirchenvertreterInnen vor Ort zusammen. Die einzelnen Streiks sind nicht zentral geleitet oder koordiniert. Doch gab und gibt es ein reges Hin und Her zwischen den OrganisatorInnen und – dank Facebook und Twitter – auch zwischen den AktivistInnen von New York bis Milwaukee.

Diese dezentrale und netzartige Organisationsform hat in den USA historische Vorläufer. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierten sich im ganzen Land Hunderte von sogenannten Eight Hour Leagues. Diese Gruppierungen kämpften für den Achtstundenarbeitstag, den sie nach und nach durchsetzten und der 1938 Bestandteil des US-Arbeitsgesetzes wurde. In dieser frühen sozialen Bewegung machten nicht bloss die industriellen Stammarbeiter mit, sondern auch Bauern, ImmigrantInnen sowie US-Bürgerinnen mit und ohne Erwerbsarbeit.

Noch direkter ist die Verbindung der Fastfoodstreiks zur jüngeren Geschichte, genauer zur Poor People’s Campaign, der Kampagne der Armen von Martin Luther King. King wurde am 4. April 1968 in Memphis ermordet, am Vorabend eines Solidaritätsmarschs mit den streikenden Müllarbeitern dieser Stadt. 45 Jahre später trafen sich Streikwillige aus New York mit zwei der mittlerweile pensionierten Müllarbeiter aus Memphis zum Erfahrungsaustausch. Denn wie die BürgerrechtlerInnen von damals verstehen auch die heutigen Tieflohnangestellten ihren Kampf nicht bloss als Feilschen um Dollars und Cents. Sie fordern ganz grundsätzlich Respekt für ihre Person. In Memphis hielten die durchwegs schwarzen Streikenden 1968 Plakate hoch, auf denen stand «I am a man», ich bin ein Mensch. Heute stehen junge Streikende mit dem gleichen Schild vor den McDonald’s- und Burger-King-Filialen der Grossstädte. Und gehören immer noch mehrheitlich ethnischen Minderheiten an.

Kein Mensch, egal welcher Hautfarbe, kann von den minimalen Löhnen der Fastfoodketten leben, die einer Vollzeitangestellten gerade mal 15 000 Dollar im Jahr zahlen. Und die selbst noch Teile dieser Hungerlöhne systematisch unterschlagen (vgl. «Der grosse Lohnklau» im Anschluss an diesen Text). Auch eine Erhöhung des nationalen Minimallohns auf 9 Dollar pro Stunde, wie sie der demokratische Präsident Barack Obama vorschlägt, reicht nicht zur Existenzsicherung. Selbst 15 Dollar sind eine eher bescheidene Lohnforderung, aber dieser Betrag würde das Einkommen der meisten Fastfoodangestellten immerhin verdoppeln und ihnen zumindest die Befriedigung der Grundbedürfnisse ermöglichen.

Minimale Löhne, maximale Profite

Wichtig ist die Auseinandersetzung um existenzsichernde Löhne aber nicht nur für die mittlerweile vier Millionen FastfoodarbeiterInnen der USA. Der Billiggastrobereich ist so etwas wie ein Frühwarnsystem für den gesamten Arbeitsmarkt der USA. Denn das 200-Milliarden-Dollar-Geschäft mit Fastfood, das naturgemäss nicht ausgelagert werden kann, wächst doppelt so schnell wie die übrige Privatwirtschaft. Auch sind die Löhne hier tiefer und die Profite höher als anderswo. Die grosse Mehrheit der Beschäftigten im Fastfoodbereich arbeitet für unter 10 Dollar Stundenlohn. Überdies ist das Realeinkommen von FastfoodmitarbeiterInnen in den letzten Jahren gesunken, während die Profite der grossen Fastfoodketten gewaltig stiegen. Bei McDonald’s betrug der Gewinnzuwachs von 2007 bis 2011 satte 135 Prozent. Ein McDonald’s-CEO verdient gut tausendmal so viel wie die Frau am Hamburgergrill.

Das sei typisch für die wirtschaftliche Entwicklung seit der Krise, stellt die US-amerikanische Organisation für Rechte am Arbeitsplatz, das National Employment Law Project (NELP), fest. Bilanz der NELP-Arbeitsmarktstudie: Die meisten NiedriglohnempfängerInnen in den USA sind von grossen Konzernen angestellt, die sich längst von der Krise erholt haben und finanziell stark dastehen. Einige wenige Fastfood- und Discounterketten beschäftigen den Grossteil der Working Poor und verschlechtern durch ihren wachsenden Einfluss den Mindeststandard auf dem gesamten Arbeitsmarkt.

In New York, wo heute bereits 600 000 Menschen für weniger als 10 Dollar Stundenlohn arbeiten, sind seit Beginn der Krise ungefähr 41 000 gut und 19 000 hoch bezahlte Stellen verloren gegangen. Dafür sind 130 000 Billigjobs dazugekommen. Ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen. Das Statistikamt des US-Arbeitsministeriums sagt voraus, dass in den nächsten zehn Jahren sieben von zehn neu geschaffenen Stellen Tieflohnjobs sein werden.

An der Bildung allein kann das nicht liegen, denn heute gibt es doppelt so viele Leute mit Hochschulabschluss auf dem US-Arbeitsmarkt wie vor dreissig Jahren. Doch gleichzeitig gibt es viel weniger sichere Stellen. Die einflussreiche Ökonomiedenkfabrik Center for Economic and Policy Research (CEPR) schätzt, dass die US-Wirtschaft seit 1979 ein Drittel ihrer Fähigkeit, gute Arbeitsplätze zu schaffen, verloren hat. Die CEPR-ExpertInnen führen diesen Niedergang nicht auf Bildungsdefizite der Lohnabhängigen zurück, sondern auf deren verminderte Verhandlungsstärke. Unter anderem ist in dieser gleichen Zeitspanne der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der US-Privatwirtschaft von 23 Prozent auf unter 8 Prozent gesunken.

Wenn StreikbrecherInnen streiken

«Wir sind mehr wert», sagen die streikenden FastfoodarbeiterInnen ihren Chefs – und auch den KundInnen. Die Gewerkschaften, soziale Bewegungen und progressive Kirchenleute haben sie bei ihrem Arbeitskampf unterstützt, auch wenn noch niemand genau weiss, ob und wie man diesen prekarisierten Bereich mit ständig wechselndem Personal überhaupt organisieren kann. Aber das hat man vor hundert Jahren angesichts der aufkommenden Massenproduktion auch nicht gewusst. Und es trotzdem versucht.

Nun vermögen die Fastfoodstreiks ein paar ermutigende Zeichen zu setzen. In New York erhöhten etwa die Hälfte der bestreikten Betriebe die Stundenlöhne ihrer Tieflohnangestellten. In St. Louis, wo lokale KirchenvertreterInnen die Streikenden am Tag danach persönlich an ihren Arbeitsplatz zurückbegleiteten, um ihre Wiedereinstellung zu sichern, wurde ein besonders ausfallender Manager aufgrund des Protests entlassen. Und in Detroit, wo ein McDonald’s-Restaurant Arbeitslose als StreikbrecherInnen anstellen wollte, wechselten diese ganz unerwartet die Seite und streikten gleich mit.

Der US-Tieflohnbereich ist jedenfalls erwacht. Letztes Jahr protestierten unter anderem TaxifahrerInnen, Hausangestellte, Flughafenpersonal und Angestellte von Autowaschanlagen. Kurz vor Redaktionsschluss legten Walmart-Angestellte in Miami, Massachusetts und Kalifornien ihre Arbeit nieder. Es ist der erste mehrtägigen Streik in einem nicht organisierten US-Betrieb.

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