Nr. 23/2013 vom 06.06.2013

Berhane und Samson, Angst gegen Angst

Am Sonntag wird über das Asylgesetz und damit auch über die EritreerInnen abgestimmt – und kaum jemand kennt sie. Ab und zu erscheint eine Meldung über eine Schlägerei, so gerade wieder am letzten Wochenende. Was steht hinter ihren Konflikten? Unterwegs in einer zerstrittenen Diaspora.

Von Kaspar Surber

Der Frauenarzt Toni Locher spricht gedämpft. Nur manchmal wird sein Ton lauter, schneidend, dann spricht nicht mehr der Doktor, sondern Honorarkonsul Locher. Vor zehn Jahren hat ihm die eritreische Regierung diesen Titel verliehen. «Keine klassische konsularische Tätigkeit, nur ein Ehrenamt», wie Locher betont. Im Gespräch in seiner Praxis in Wettingen scheint sich Locher eine Aufgabe gegeben zu haben: alle Zweifel aus der Welt zu räumen, Zweifel an Eritrea und seiner Regierung – «ein kleines Land, eine grosse Familie».

Locher gehört zur Familie, seit er als junger Student in den siebziger Jahren nach Eritrea reiste. Als Arzt hat er später im Unabhängigkeitskrieg die Eritrean People’s Liberation Front (EPLF) gegen Äthiopien unterstützt. «Ich war fasziniert vom afrikanischen Sozialismus und der Idee der ‹self-reliance›, der Entwicklung aus eigener Kraft.» 1991 rief Eritrea die Unabhängigkeit aus.

Locher blieb der Familie auch treu, als die EPLF das Land in einen Einparteienstaat verwandelte, 1998 ein zweijähriger Grenzkrieg mit Äthiopien losbrach, der vor allem zur Stärkung der nationalen Identität diente, und nach 2001 eine Repressionswelle einsetzte. Oppositionelle wurden verhaftet, die freie Presse verboten. Im Programm für den nationalen Wiederaufbau müssen alle Frauen und Männer ab achtzehn Jahren den «national service», einen Militär- und Zwangsarbeitsdienst, leisten – gemäss Gesetz dauert er achtzehn Monate, faktisch ein Leben lang. Wer flieht, dem droht Gefängnis und Folter. Die Strafe kann auch die Familienangehörigen treffen. So heisst es in Berichten von Menschenrechtsorganisationen.

Eine Jugend auf der Flucht

Locher sieht das anders, er blieb nicht nur der Familie, sondern auch einer antiimperialistischen Argumentation treu. Die Kritik werde vom CIA verbreitet, um Eritrea zu dämonisieren: «Dabei ist regelmässig ein Copy-paste-Verfahren zu beobachten.» Über das US-Aussenministerium gelangten die Vorwürfe zu Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. «Ziel ist der Regime-Change»: Äthiopien, von den USA militärisch aufgerüstet, habe nie verwunden, dass es seit der Unabhängigkeit von Eritrea über keinen Zugang mehr zum Roten Meer verfüge.

Wie beurteilt Locher die jahrelange Zwangsarbeit, zu der harte körperliche Arbeit gehören kann?  «Dann hocken die Jungen nicht arbeitslos herum und werden kriminell.» – Was passiert mit jemandem, der über die Grenze flieht? «Der muss zwei Jahre ins Gefängnis, das ist hart.» – In den Gefängnissen kommt es regelmässig zur Folter. «Es gibt Übergriffe, aber keine systematische Folter.»

Aus Eritrea erfolgten zwei Fluchtbewegungen: die erste während des Unabhängigkeitskriegs, die Flüchtlinge standen grösstenteils der EPLF nahe, die die heutige Regierung stellt; eine zweite seit der innenpolitischen Verschärfung im Jahr 2001, von einer jüngeren Generation, die die Regierung als Regime erlebte: 18 000 EritreerInnen leben heute in der Schweiz. «Es ist ein gesellschaftlicher Konsens in Eritrea, dass man sich verteidigt, solange man bedroht ist», meint Locher. Die ältere Generation könne nach ihrem dreissigjährigen Kampf nicht verstehen, dass die Jugend das Land verlasse. In der Schweiz wiederum seien die Geflüchteten überfordert mit der «Konsum- und Ego-Gesellschaft».

Vorerst freut sich der Honorarkonsul jetzt aber auf die Jubiläumsfeierlichkeiten zur Unabhängigkeit in Eritrea. In einem Fernsehbeitrag der «Rundschau» wird man ihn während des Fests mit Militärparade im Stadion der Hauptstadt Asmara sehen. Locher ermöglicht auch ein Treffen mit Machthaber Isayas Afeworki, den er persönlich kennt. Afeworki beantwortet die Fragen des Reporters nicht: weder zu den Fluchtgründen der jungen EritreerInnen noch zum National Service oder zu den Gefängnissen.

Protokoll einer Schlägerei

Am kommenden Sonntag stimmt die Schweiz darüber ab, ob im neuen Asylgesetz die Wehrdienstverweigerung explizit vom politischen Flüchtlingsbegriff ausgenommen werden soll. Die Forderung aufgestellt hat Christoph Blocher, als in seiner Amtszeit als Justizminister die Asylgesuche aus Eritrea stiegen. Man kann auch sagen: Abgestimmt wird, ob die Schweiz das Regime in Eritrea und die Auseinandersetzung darüber in der Diaspora zur Kenntnis nehmen will oder nicht. Und dass die Generation der 25- bis 35-Jährigen in der Schweiz gerade einen starken Zuwachs erlebt hat: von jungen eritreischen Familien, hochpolitisiert und mit einer faszinierenden Kultur.

Die politische Auseinandersetzung in der Diaspora gelangt meist nur über Polizeimeldungen an die Öffentlichkeit: zum Beispiel jene über eine Schlägerei unter mehr als dreissig EritreerInnen am 5. Januar 2013 im Restaurant Sonne in St. Gallen. Die WOZ konnte mit Beteiligten beider Gruppen sprechen. Zu ihrer Sicherheit wollen sie anonym bleiben, nennen wir die beiden Männer Berhane und Samson. Berhane sass bereits im Restaurant, Samson kam dazu. Was sie über den Ablauf der Schlägerei und ihre politische Position erzählen:

Berhane: «Wir sind der eritreische Kulturverein St. Gallen-Appenzell. Wir sind normale Menschen, wir sind nicht regierungstreu. Das sagen nur die anderen immer. Wir hatten uns zum Mittagessen getroffen.» – Samson: «Ich bin aktiv bei der Eritreischen Bewegung für den demokratischen Wandel, Regionalgruppe Ostschweiz. Uns stört, dass sich die Regierungstreuen immer heimlich treffen. Als wir hörten, dass sie sich wieder versammeln, gingen wir hin und fragten: Warum trefft ihr euch immer heimlich? Wir wollen eine offene Diskussion über das Regime.»

Berhane: «Wir fragten zurück: Weshalb kommt ihr zu uns? Immer stellen sie uns nach, wenn wir uns treffen. Als ob wir Kriminelle wären! Dann gingen sie auf vier von uns mit einer Holzlatte los. Auch ich habe einen Schlag an den Kopf erhalten.» – Samson: «Sie behandelten uns respektlos auf unsere Frage: Geht raus, ihr seid nicht eingeladen! Dann ist die Situation eskaliert. Der Wirt rief die Polizei.»

Samson und Berhane, beide ungefähr dreissig Jahre alt, haben eine ähnliche Geschichte: Sie mussten im National Service dienen, wo sie kaum etwas verdienten. Als sie diesem unerlaubt fernblieben, drohte ihnen eine Gefängnisstrafe. Sie flohen über den Sudan nach Libyen, übers Mittelmeer nach Italien und in die Schweiz.

Samson ist der Ansicht, dass der Arm des Regimes bis in die Schweiz reicht: Wer ein amtliches Dokument von der Botschaft brauche, müsse eine Einkommenssteuer von zwei Prozent bezahlen. Agenten würden in oppositionelle Gruppen eingeschleust, um sie zu schwächen. «Ich befürchte, dass meine Familie in Eritrea bedroht wird, wenn ich hier Widerstand leiste.» Berhane betont nochmals, dass er nichts mit dem Regime zu tun habe. Er wolle in der Schweiz die Gesetze respektieren und seine Ruhe haben. «Ich lebe in der ständigen Angst, dass es zu einem erneuten Streit kommt.» Es steht Aussage gegen Aussage, Angst gegen Angst.

Die Berner Sozialanthropologin Fabienne Glatthard hat eine erhellende Forschungsarbeit zum Thema «Angst vor Überwachung in der eritreischen Diaspora der Schweiz» publiziert. Der junge Staat Eritrea ist demnach nur als transnationales Phänomen zu verstehen: Geldsendungen oder Abgaben aus der Diaspora, sogenannte Rimessen, tragen rund ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt von Eritrea bei. Der Staat ist umgekehrt in der Diaspora durch Botschaften, die Einheitspartei, Veranstaltungen und Medien präsent. «Die Schutz- und Fluchtziele werden durch solche staatliche Macht im Exil zerstört», schreibt Glatthard. In den Vorstellungen der Einzelnen bleibt der Staat wirkmächtig.

Die Diaspora öffnet sich

Glatthard unterscheidet zwischen vier politischen Gruppen in der Diaspora: den Regierungstreuen, den Regimegegnern, einer zivilgesellschaftlichen Gruppe, die sich auf die Menschenrechte stützt, sowie einer stillen Gruppe, die sich nicht in die Politik einmischen möchte. Wer in der Diaspora des vielfältigen Eritrea zu welcher politischen Gruppe gezählt werden kann, ist schwierig zu beurteilen: Weder die neun Ethnien – Amtssprachen sind Tygrinia und Arabisch – noch die Religion – unter anderen koptisch-orthodox, katholisch, muslimisch – geben den Ausschlag. Am häufigsten dient EritreerInnen für die politische Zuordnung und Mobilisierung die regionale Herkunft: Menschen aus der Region um die Hauptstadt Asmara gelten eher als regierungstreu, die aus dem südlichen Hochland eher als regimekritisch.

Wohl sei der Staat überwachend tätig, schreibt Fabienne Glatthard, aber nicht flächendeckend. Die Überwachung werde auch von allen Gruppen imaginiert aus Gerüchten und Misstrauen, was untereinander die Fragmentierung fördere. «Das soziale Leben in der Diaspora ist von Angst und Überwachung geprägt», folgert Glatthard. Für die Zukunft zeigt sie sich dennoch zuversichtlich: Es sei eine Diskussion über die Ängste und die tatsächliche Macht des Staats in der Diaspora im Gang. Gerade die Opposition lege langsam die Angst ab, beginne sich stärker zu organisieren. Sicherheit gewinnen die jungen Familien auch, wenn sie sich besser im hiesigen Alltag zurechtfinden.

Es ist Samstag, frühmorgens um sechs Uhr. In der katholischen Kirche St. Fiden in St. Gallen findet ein koptisch-orthodoxer Gottesdienst statt. Auch die Kirche hat sich gespalten, in einen regierungsfreundlichen Teil und in einen oppositionellen. Dieser trifft sich in Ausserrhoden in der katholischen Kirche von Herisau.

Mehr als hundert EritreerInnen sind gekommen. Alle sind in weisse Stofftücher gehüllt. Rechts im Kirchenschiff stehen die Männer, links die Frauen. Kinder kriechen durch die Kirchenbänke. Der Gottesdienst wird sechs Stunden dauern, mit mehreren Taufen. Anschliessend gibt es ein Essen für alle, die Omelettenspezialität Engera und Tee. Nach einer Stunde nimmt der Gottesdienst Fahrt auf, rituell werden die Gebete wiederholt. Auf einer Leinwand ist die Übersetzung angezeigt: «Es glänzte das Kreuz und dass der Himmel bestickt sei mit Sternen. Auf allem ist sichtbar die Sonne.»

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