Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Ein paar Spinner gibts halt immer

Etrit Hasler über das Aussterben des Schweizer Sports.

Von Etrit Hasler

Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, man hätte es besser gewusst. Nun gut, es gab ja tatsächlich ein paar Stimmen, die sich wehrten, aber die konnte ja keiner ernst nehmen. Autonome Schule, Solidarité sans frontières. Ein paar Spinner gibts halt immer. Und was hätten wir denn machen sollen? Das Boot war voll. Also die Zentren. Na gut, die Boote auch. In Lampedusa und vor der griechischen Küste. Und das hörte nicht auf, bloss weil uns der Platz ausging. Also nicht der Platz im Land, auch wenn das die Ecopopper behaupteten, aber das war Quatsch. Eine überfüllte S-Bahn macht noch keine Überbevölkerung. 

Aber unser Asylwesen war überfordert. Wir konnten die Leute ja kaum in Zivilschutzbunker stecken – das hatten wir um die Jahrtausendwende schon versucht. Wenigstens wussten wir seither, dass die Dinger im Atomkrieg nichts getaugt hätten. Strahlensicher? Mein Arsch ist strahlensicherer als ein Betonbunker, der nach der zweiten bewohnten Woche Risse hat. Und die Gemeinden hatten ganz andere Sorgen. Den Steuerwettbewerb. Oder wie man Jugendliche dazu bringen konnte, am Wochenende in die grosse Stadt zu fahren, statt im Dorf herumzuhängen, wenn sie sich betrinken wollten. Von dem her klang die Idee doch ganz sympathisch: Bundeszentren. Klingt gross. Klingt wichtig. Und vor allem nach dem Problem von jemand anderem.

So wie in Bremgarten. Das war doch nur eine Hausordnung, das Normalste auf der Welt. Konnte ja noch niemand ahnen, dass das alle kopieren würden. Und wenn man diese Menschen an gewissen Orten nicht haben wollte, in den Schwimmbädern oder den Sportanlagen, dann hatten die das zu akzeptieren. Hatte sie ja keiner gezwungen, in unser Land zu kommen, oder? Und was hatten unsere Geschäfte mit Apartheid-Südafrika und mit Gaddafi-Oil-Libyen schon mit unserer Immigrationspolitik zu tun? Oder unsere Brunnen am Rand der Sahara, die das Wachstum der Wüste nur beschleunigten?

Na ja, wir waren ja schon vorher nicht die Sportnation. O.k., in esoterischen Sportarten wie Tennis oder von mir aus Kugelstossen, da konnte unser Land mithalten oder produzierte alle hundert Jahre sogar mal ein Talent. Und in den ganzen Wintersachen – aber da hätte man schon merken müssen, dass das keine Zukunft hat, als das erste Mal von «globaler Erwärmung» die Rede war. Die bescheuerten Zürcher hatten da einmal mehr auf die falsche Karte gesetzt. Dass man zu der Zeit noch ernsthaft darüber sprach, ein neues Fussballstadion zu bauen … ein schlechter Witz.

Die Veränderung kam ganz langsam. Sportvereine, die sich mangels Mitgliedern auflösten. Zuerst das Schwingen. Dann die Schwimmklubs. Das vermisste auch niemand. Der letzte Schwingerkönig war nach Japan ausgewandert und Sumoringer geworden. Und nachdem der Zürisee ausgetrocknet war, waren alle so froh um den billigen Wohnraum, dass es niemanden störte, dass keiner mehr schwimmen konnte. Und dann waren es plötzlich die Fussballklubs. Zuerst wurde die 5. Liga aufgelöst. Dann der Unsinn mit der 1. Liga Promotion. Und dann gab es nur noch drei Ligen. Nationalliga A, B und C. Weil für tolle Namen wie Raiffeisen Super League die Sponsoren fehlten. Ich weiss noch, wie ich dachte: «Lange dauert das nicht mehr», als sie die Mannschaftsgrössen erst auf neun, dann auf sieben Spieler heruntersetzten. «Swiss Football» nannte man das bei uns. «Swiss-sized» überall sonst. Man hatte viel zu spät gemerkt, dass uns der Nachwuchs fehlte, weil wir die Flüchtlinge ausgeschlossen hatten von der Teilnahme am sportlichen Leben. Wir hatten vergessen, dass viele unserer grossen Sportlerinnen und Sportler Flüchtlinge gewesen waren, gerade im Fussball. Valon Behrami. Blaise Nkufo. Und dann war plötzlich nichts mehr da. Kein Sport. Nirgends in der Schweiz. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich mir wünschte, dass es ein paar mehr von diesen Spinnern gegeben hätte, die sich wehrten.

Auszug aus: «Der letzte Schweizer Sportler. Erinnerungen eines Platzwarts». Echtzeit Verlag. Basel 2047. Aufgezeichnet von Etrit Hasler, dem letzten Sportredaktor des WOZ-Kollektivs.

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