Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Lernt löten! Und die Schaltkreise verstehen

Der Lehrer Philippe Wampfler räumt mit dem Klischee auf, dass Jugendliche im Umgang mit sozialen Medien naiv seien. Und weist auf andere Probleme hin – zum Beispiel die «digitale Kluft» zwischen SchülerInnen. Eine Begegnung in den Sommerferien.

Von Kaspar Surber

Philippe Wampfler: «Es braucht einen kreativeren Widerstand, als bloss das eigene Konto zu löschen.»

«Facebook, Blogs und Wikis in der Schule». So harmlos lautet der Titel von Philippe Wampflers Buch. Wer nun denkt, ein Buch über soziale Medien in der Schule sei nur für ein Fachpublikum interessant, sieht sich bei der Lektüre allerdings getäuscht: Wampfler richtet sich zwar an Lehrpersonen, mit praktischen Tipps für den Unterricht. Doch bald wird klar, dass sich die Schule als Schauplatz bestens eignet, um Kommunikation mittels sozialer Medien zu verstehen: Diese zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie erst im gemeinsamen Gebrauch entstehen. In der Schule kommen Menschen in einem Alter zusammen, in dem sie sich ein neues Beziehungsnetz aufbauen. Und als öffentliche Institution der Wissensvermittlung ist die Schule von neuen Informationstechnologien besonders betroffen.

Es sind Sommerferien, Philippe Wampfler hat Zeit für ein ausführliches Gespräch. Er studierte Germanistik, Mathematik und Philosophie. An der Universität Zürich hätte er als Assistent dissertieren können, «doch weil mich die Arbeit mit Jugendlichen interessierte, zog ich das Praktische dem Akademischen vor». Heute unterrichtet der 35-Jährige an der Kantonsschule Wettingen. Wampfler beobachtet und analysiert genau, mit einer Vorliebe fürs Paradoxe. Sind soziale Medien eine Chance oder eine Gefahr? Diese Einschätzung könne ständig umschlagen, sagt er. Nur etwas bringe seiner Meinung nach nichts: die Verweigerung. «Man kann nicht nicht bei Facebook sein», sagt er. Die Daten von Dritten könnten über Adressbücher oder einen automatischen Bildabgleich zum Konzern Facebook gelangen. «Es braucht einen kreativeren Widerstand, als bloss das eigene Konto zu löschen.» Doch zum Widerstand später.

Bilder eines Ausflugs

Wampfler räumt erst mit einem beliebten Klischee auf: dass Jugendliche zwar technisch versiert, aber in der Verwendung ihrer Daten unerhört naiv seien. Er erzählt von einem Ausflug, den er vor den Sommerferien mit einer Klasse unternahm. Einige Schülerinnen und Schüler sprangen ins Wasser, andere zückten sofort ihre Kameras. «Welche Fotos ins Netz kommen und welche nicht, wurde noch auf dem Ausflug diskutiert. Jugendliche stellen nicht einfach den ganzen Inhalt ihres Handys ins Netz, dazwischen findet eine Auswahl statt, die einem eigenen Regelsystem folgt.» Kriterien können sein, ob ein einzelnes Foto mit den Namen der abgebildeten Personen oder dem Ort der Aufnahme versehen wird oder nicht.

Erwachsene würden den Umgang wohl häufig als naiv empfinden, weil sie eine andere Vorstellung von Privatsphäre hätten. «Es ist für Jugendliche eine Alltagserfahrung, dass sie ihre Privatsphäre nicht komplett kontrollieren können, dass diese ständig von Eltern oder Lehrpersonen tangiert wird.» Wampfler hat es sich zur Regel gemacht, dass er sich als Lehrer auf Facebook mit all jenen SchülerInnen befreundet, die ihm eine Freundschaftsanfrage schicken. Selbst verschickt er keine. Meist geht es in der Kommunikation um Absenzen. Fällt ihm zufällig auf, dass eine Schülerin oder ein Schüler über den Konsum von Drogen berichtet, weist er sie oder ihn darauf hin, dass er das gesehen habe. Spätestens dann ist den Betreffenden klar, dass ihre Äusserungen öffentlich sind.

Jugendliche nutzen das Internet nicht anders, weil sie als «Digital Natives», als Eingeborene der digitalen Welt, aufwachsen. Sondern weil sie aufgrund ihres Alters ein eigenes Beziehungsnetz knüpfen müssten: «Die sozialen Medien funktionieren dabei wie ein Shoppingcenter als halb öffentlicher Raum: So wie Jugendliche dort ihre Zeit verbringen, wollen sie auch auf Facebook sehen und gesehen werden.» Andere wiederum, die nicht den gängigen Normen entsprechen, finden im Internet Gleichgesinnte zum Austausch.

Im besten Licht

Die sozialen Medien können allerdings durchaus Probleme bereiten. «Bei der Präsentation des eigenen Lebens gibt es einen Positivitätsfilter», meint Wampfler. «Man muss die ganze Zeit lustig und attraktiv erscheinen. Gerade jetzt sieht man wieder, dass alle an den schönsten Orten in den Ferien sind.» Ist man selbst in einer negativen Stimmung, verschlechtert sich diese beim Anblick solcher Fotos weiter, weil das Glücksempfinden relativ ist. «Es ist schwierig, Trost und Unterstützung zu finden.» Ein weiteres Problem sieht er darin, dass die sozialen Medien örtlich und zeitlich nicht gebunden sind. «Es gibt Gespräche, die nicht mehr aufhören.» Dadurch schwindet die Fähigkeit, sich zu gedulden. Die Erwartung einer sofortigen Belohnung für die Ausdauer nimmt zu, wenn ständig jemand «like!» drückt.

Wie muss man sich nun den Unterricht bei Lehrer Wampfler vorstellen – klappen die SchülerInnen zu Beginn alle ihren Laptop auf? Wampfler lacht. «So ist es überhaupt nicht.» Die sozialen Medien sind für ihn zum einen ein technisches Hilfsmittel, um Elemente aus dem Unterricht fortzusetzen. So führen die SchülerInnen im Deutschunterricht ein halbes Jahr lang einen Blog. «Oft lesen auch die Grosseltern mit.» Zum anderen übt Wampfler Medienkompetenz. Wird zum Beispiel Goethes «Werther» behandelt, müssen die SchülerInnen den Briefroman in SMS zu erzählen versuchen. «So werden die Bedingungen der Medialität, die Effekte eines Briefs, sehr schön deutlich.»

In seinem Buch fordert Wampfler seine KollegInnen immer wieder auf, den neuen Medien offensiv zu begegnen. Seiner Meinung nach wird dadurch ein moderner Unterricht erst möglich. «Die Schule ist räumlich noch immer stark an der Kaserne des 19. Jahrhunderts orientiert, mit dem Lehrer als Offizier, der Klasse als Zug und der Glocke, die zu Beginn läutet. Mit den neuen Medien können das individuelle Vorwissen und die einzelnen Interessen der Schülerinnen und Schüler stärker berücksichtigt werden. Sie können mehr voneinander lernen.» Allerdings nicht mit dem Ziel, dass am Schluss alle via Facebook arbeiteten. «Dann würde wieder Uniformität herrschen.»

Die Förderung der Medienkompetenz ist Wampfler auch in sozialer Hinsicht ein Anliegen. «In der Schweiz haben heute praktisch alle Jugendlichen einen Internetanschluss. Man würde denken, dass auch die Schülerinnen und Schüler mit weniger Büchern zu Hause nun einfacher an Wissen gelangen. Doch weil die Gewichtung der Informationen entscheidet, entsteht vielmehr eine digitale Kluft. Die technischen Hilfsmittel vergrössern den Rückstand der bildungsfernen Schichten noch zusätzlich.»

Terrorismus und Alltag

«Digitaler Dualismus», die vermeintliche Unterscheidung in eine reale und eine virtuelle Sphäre, diese Frage treibt Wampfler um. «Es gibt nicht eine reale Existenz, und digital gaukeln wir uns etwas vor.» Vielmehr gehe es um komplexe Wechselwirkungen. Sie zu beschreiben, hat er sich zum Ziel gesetzt. Nicht nur in seinem Buch, sondern auch auf seinem gesellschaftspolitischen Blog, der dazu den passenden Titel trägt: «Warum alles auch ganz anders sein könnte.»

Gerade in der Politik stellt er da eine Ignoranz fest. «Sie behandelt das Internet wie einen Bereich, den man gegebenenfalls abstellen kann. Es gibt in der Schweiz nur wenige Parlamentarier, die etwas vom Internet verstehen.»

Wampfler plädiert dafür, die Diskussion nicht nur unter dem juristischen Gesichtspunkt der Überwachung zu führen. «Viele Leute sind bereit, rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen, wenn es um Terrorismus geht.» Es sei verkürzt, über das Internet nur in Science-Fiction-Szenarien und im Katastrophenfall nachzudenken. «Es muss vielmehr darüber geredet werden, was es im Alltag auslöst.»

Prägendes Merkmal der sozialen Medien oder weiter gefasst von «Big Data», also der Verknüpfung aller verfügbaren Daten, ist die Vorhersage – oder, wie Wampfler das nennt: «Eine Hypothese über das künftige Verhalten.» Man findet später, was man früher eingetippt hat, als personalisierte Werbung. Längst aber nicht nur in dieser Form: Was bedeutet es für die Demokratie, fragt Wampfler, wenn wie bei der Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama WechselwählerInnen gezielt angesprochen und mit Werbung manipuliert werden können? Was bedeutet es sozial, wenn Krankenkassen präziser Risiken voraussagen können und damit das Versicherungsprinzip infrage gestellt wird?

Und vor allem: Was bedeutet es ökonomisch, wenn wir Facebook benutzen? «Wir übernehmen den PR-Slogan, wonach wir etwas teilen. Es herrscht das Ideal vor, das würde verlustfrei geschehen. Aber das Teilen ist eine Gratisarbeit. Facebook ist im Grunde nichts. Wir stellen Inhalte zur Verfügung, damit Leute kommen und sich die Werbung anschauen.»

Widerstand im Spiel

Eine Hoffnung sieht Wampfler im Hacken, nicht im Sinn von Beschädigen, sondern um sich einen Freiraum zu bewahren. «Wir müssen mit den digitalen Systemen spielen und sie so verwenden, wie sie nicht gedacht waren.» Eine Möglichkeit dazu sind Werbeblocker. «Wenn wir die Freiheit gewinnen wollen, müssen wir auch verstehen, wie die Systeme funktionieren», sagt Wampfler. Und ist damit zurück in der Schule: Wie Latein müsse auch die Programmiersprache Java gelernt werden. Und vielleicht wäre es auch nicht schlecht, wenn die SchülerInnen löten lernen und verstehen würden, wie ein Schaltkreis funktioniert. «Es braucht Leute, die von Grund auf wissen, wie ein Computer aufgebaut ist.»

Wobei er das, ganz Realist, selbstverständlich nicht nostalgisch verstanden haben will. «Die Leute hätten gerne, dass früher das Leben intensiver, echter gewesen wäre. Aber dieses Früher gibt es nicht, es gab nur immer eine Anpassung an Normen. Heute heissen sie Profile.»

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