Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

«Ich will mit niemandem und nichts verglichen werden»

Amadea Ehi hat entschieden, dass ihr dreizehnjähriger Sohn Linus seinen eigenen Weg gehen darf. Er geht nicht mehr zur Schule und erhält auch keinen Heimunterricht. Dafür nimmt die Mutter sogar Gefängnis in Kauf.

Von Mirjam Grob (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Es ist spannend zu sehen, was für Ideen Linus immer wieder hat»: Amadea Ehis Sohn hat es durchaus mit der Schule versucht.

Linus Ehi geht seit drei Jahren nicht mehr zur Schule. Bis zur vierten Klasse hat er sich in der Steinerschule durchgebissen, hat es mit der Schule versucht. Dann ging es eines Tages nicht mehr. «Jeden Tag kam Linus nach Hause und stand erst einmal lange unter der Dusche, danach mussten alle Kleider in die Wäsche», erzählt seine Mutter Amadea Ehi. «Darauf ging er in die Küche und stopfte wahllos Essen in sich rein.» Seit Linus nicht mehr zur Schule geht, hat er 25 Kilogramm abgenommen. Und seine Mutter verbrachte Anfang des Sommers acht Tage im Gefängnis – damit Linus weiterhin ohne Schule leben darf.

Linus’ Entscheidung

Sie sei nicht grundsätzlich gegen die Schule, betont die 51-jährige Amadea Ehi – ihr älterer Sohn besucht inzwischen das Handelsgymnasium. «Doch man muss auch darauf schauen, was das Kind braucht. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse.» Und Linus entsprach die Schule nicht. Ein Jahr lang versuchten die alleinerziehende Mutter und der damals zehnjährige Linus es mit Heimunterricht. Die im Kanton Bern dafür vorausgesetzte pädagogische Ausbildung brachte sie als ehemalige Steinerlehrerin problemlos mit. Aber: «Damit wurde der Druck einfach von der Schule nach Hause verlagert.» Nachdem sie ein Jahr Homeschooling «durchgemurkst» hatten, sollte Linus zur im Kanton Bern obligatorischen alljährlichen Lernstandserfassung. Doch Linus wollte den Test beim Schulinspektorat nicht ablegen. «Ich will mit niemandem und nichts verglichen werden. Ich bin ich», habe er zu ihr gesagt, erzählt Amadea Ehi.

Linus’ Mutter suchte das Gespräch mit der zuständigen Schulinspektorin, versuchte, eine Lösung zu finden. Doch im Kanton Bern herrscht – wie in der ganzen Schweiz – Unterrichtspflicht. Dass ihr Kind einmal zur Schule müsse, hätte sie sich schon überlegen sollen, als sie schwanger wurde, habe ihr die Schulinspektorin sogar an den Kopf geworfen. Vor die Wahl zwischen Unterricht und Illegalität gestellt, fragte sie Linus nach seiner Meinung. Dieser habe eine Nacht über die Entscheidung geschlafen und ihr am nächsten Morgen gesagt: «Die Schule ist für mich der Weg der Angst. Ich lasse mir aber keine Angst machen.» Seither geht Linus seinen eigenen, unterrichtslosen Weg.

Veganer Döner und Pizza

Amadea Ehi und Linus haben zum Mittagessen geladen. Sie leben in Renan im Berner Jura. Über eine gewundene Treppe geht es zu zwei orange geschieferten Wohnblöcken hinab, wo die beiden wohnen. Amadea Ehis knielanges pinkfarbenes Kleid schwingt bei jedem Schritt. Weiter unten sind einige kleine Häuser zu sehen, dahinter erstrecken sich sanfte bewaldete Hügel. Vor der Haustür streicht eine rötlich-weiss gestreifte Katze umher, drinnen im ersten Stock riecht es schon nach Essen.

Eines von Linus’ vielen Interessengebieten ist die vegane Ernährung. Vor zirka einem Jahr habe er sich entschieden, wie seine Mutter auf jegliche Tierprodukte zu verzichten, erklärt der kurz- und dunkelhaarige Junge, den man auf älter als dreizehn schätzen würde, als er fertig gekocht hat und sich an den Esstisch im Wohnzimmer setzt. Er hat sich inzwischen intensiv mit dem Veganismus beschäftigt, sich ein grosses Wissen darüber angeeignet und kocht häufig und gern. Einmal pro Monat ist Vegandönertag, dann bereitet Linus Seitan, ein Produkt aus Weizeneiweiss, zu und bietet beim Bioladen, den seine Mutter im Dorf führt, fleischlose Dönersandwiches an. «Nur kommen leider nie sehr viele Leute», sagt Linus und senkt den Blick.

Erfolgreicher ist der Pizzatag, den er ebenfalls einmal pro Monat organisiert, seit zwei Jahren schon: Alle BesucherInnen können sich aus den zahlreich vorbereiteten Zutaten ihre eigene Pizza zusammenstellen. Daneben hilft der Dreizehnjährige, der nicht viel spricht und seine Worte sorgfältig auswählt, in einer Biosamenzucht im Garten aus. Er fotografiert und filmt gern, hat schon mehrere kleine Filme fertiggestellt – Naturfilme, aber auch selbst gezeichnete Animationsfilme –, ist Mitglied bei Pro Natura und lernt Gitarre spielen. Ein halbes Jahr lang hat Linus als Vertretung für eine Freundin, die im Ausland war, jeweils zweimal pro Woche Muffins und Cupcakes für ein Café in La Chaux-de-Fonds gebacken.

«Es ist spannend zu sehen, was für Ideen Linus immer wieder hat», sagt Amadea Ehi. «Ich habe nie etwas von ihm gefordert. Und bin oft überrascht, was er alles tut.» Sie komme nach Hause, und der Keller sei plötzlich aufgeräumt. «Das Schönste ist, dass ich Linus vertrauen kann», fährt sie weiter. «Ich kann übers Wochenende verreisen und Linus mit seinem älteren Bruder zu Hause lassen. Und wenn ich zurückkomme, ist nicht die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, sondern sogar mein Laden aufgeräumt.»

Beeindruckt ist Amadea Ehi auch von der Selbstständigkeit ihres Sohnes. «Linus weiss beispielsweise schon lange, wie man Wäsche sortiert. Das können bestimmt nicht viele Gleichaltrige», erzählt sie stolz. «Na ja, so toll ist das jetzt auch wieder nicht», wird sie sogleich von ihrem Sohn unterbrochen.

Selbst ist das Kind

Die heutige Schule sei nicht mehr angemessen für alle Kinder, ist Amadea Ehi überzeugt. «Es ist natürlich wichtig, dass die Kinder lesen, Rechnen und schreiben lernen. Aber darüber hinaus sollten sie selbst entscheiden dürfen, was sie lernen wollen und wann.» Es sei eine Illusion zu glauben, man könne nur bis fünfzehn lernen. Und vor allem müsse man begeistert sein von dem, was man lernen möchte. Wenn Linus sich für etwas interessiert, findet er schnell Wege, sich das nötige Wissen anzueignen. Sei es über Youtube-Filmchen, die erklären, wie man Filme schneidet, oder durch einen Volkshochschulkurs in Aquarellmalen oder in den Gitarrenstunden, die er von einem Bekannten im Tal im Tausch gegen zwanzig Minuten Hausarbeit erhält.

Das Internet und elektronische Geräte bieten unzählige Möglichkeiten, ein Leben lang und selbstständig zu lernen. Doch gerade der Schulbereich wird immer strenger reguliert. Dies gilt insbesondere für das Homeschooling, wo in mehreren Kantonen die Gesetzgebung wieder verschärft wurde (vgl. «Die gesetzliche Ausgangslage» im Anschluss an diesen Text). Wenn auch inzwischen gut belegt ist, dass Kindern, die zu Hause unterrichtet wurden, der Übertritt an weiterführende Schulen oder in die Arbeitswelt problemlos gelingt – eine ausführliche Studie dazu wurde 2010 vom Luzerner Pädagogikstudenten Stefan Schönenberger veröffentlicht –, wird oft argumentiert, die Kinder würden sozial isoliert und es bestehe das Risiko der Bildung von Parallelgesellschaften.

Linus ist durch seine vielzähligen Aktivitäten gut ins Dorfleben eingebunden und hat FreundInnen gefunden. Diese Bekanntschaften können ihm eines Tages helfen, seinen Weg zu finden, ist Amadea Ehi überzeugt: «Man trifft immer wieder auf jemanden, der bereit ist, einem etwas beizubringen.» Linus wird sich jederzeit weiterzuhelfen wissen, ist sich seine Mutter sicher. Mit einigen seiner Projekte verdient er jetzt schon etwas Geld, alles Weitere wird die Zukunft zeigen.

Mit ihrer Entscheidung, Linus anders sein zu lassen und ihm den Freiraum für eigenständiges Lernen, Leben und Denken zu ermöglichen, möchte Amadea Ehi auch ein Zeichen setzen. Deshalb hat sie die Busse, die sie vom Kanton Bern erhalten hat, nicht bezahlt, sondern stattdessen acht Tage im Gefängnis verbracht. Es sei auszuhalten gewesen, erzählt sie. Zum Glück habe sie etwas Handarbeit mitbringen dürfen. «Und ich habe die acht Tage einfach gefastet, veganes Essen gibt es im Gefängnis nicht.» – «Aber der Transport von einem Gefängnis zum anderen war doch ziemlich schlimm, nicht?», erinnert sie Linus.

Zum Abschluss unseres Gesprächs serviert Linus selbst gemachtes Cashewnuss-Eis, dazu gibt es Kirschmarmelade aus dem Bioladen.

Homeschooling

Die gesetzliche Ausgangslage

Heimunterricht oder Homeschooling – in der juristischen Sprache wird der englische Begriff verwendet – ist auf Kantonsebene geregelt. In den meisten Kantonen besteht Bewilligungspflicht, wobei die an die unterrichtende Person gestellten Anforderungen unterschiedlich sind: Die Kantone Basel-Stadt, Graubünden, Luzern, Obwalden, Wallis, Zug und Zürich fordern ein Lehrerdiplom, das der unterrichteten Stufe entspricht.

In Appenzell Innerrhoden, Baselland, Solothurn, Schwyz, St. Gallen und im Thurgau reicht es hingegen aus, ein Lehrerpatent zu besitzen. In Bern muss der Unterricht seit 2008 von einer «pädagogisch ausgebildeten Person» angeleitet werden.

Bern ist nicht der einzige Kanton, der in den letzten Jahren das Homeschooling eingeschränkt hat. In Zürich und St. Gallen beispielsweise werden inzwischen hohe Anforderungen gestellt, was die gesellschaftliche Integration der Kinder anbelangt. Dadurch werden weniger Bewilligungen erteilt.

Die Kantone Nidwalden, Obwalden und Tessin erlauben das Homeschooling generell nicht – oder haben bisher alle Gesuche abgelehnt.

In der Westschweiz und in den Kantonen Aargau und Appenzell Ausserrhoden hingegen besteht bloss eine Meldepflicht. Das heisst, die Eltern müssen der zuständigen Behörde zwar mitteilen, was sie zu Hause unterrichten, benötigen jedoch keine offizielle Bewilligung. Es wohnt denn auch der allergrösste Teil der rund 500 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, in diesen Kantonen. Mirjam Grob

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