Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Mit Bewusstseinsbildung gegen Stürme

Der Klimawandel kommt die Staaten teuer zu stehen. Vietnam kostet er jedes Jahr fast zehn Milliarden Schweizer Franken. Zwar können die VietnamesInnen am Klimawandel nicht viel ändern – an den Kosten aber schon.

Von Diana Laarz (Text) und Sascha Montag (Fotos), Nga Tien

In Vietnam tragen die Stürme keine Namen. Sie haben Nummern. Der tropische Sturm, der in diesen Frühlingstagen zwischen einem Tief- und einem Hochdruckgebiet über dem Pazifik entstand, trägt die Nummer zwei. Er hat sich über den Philippinen ausgetobt, sammelt nun wieder Kraft auf seinem Weg über den Ozean und nimmt Kurs auf die vietnamesische Ostküste. Dort sitzt Dinh Hung Mai in seinem Büro aus Lehmwänden. Ein Karl-Marx-Plakat hängt an der Wand, ein gefälschter Armani-Gürtel um Mais Hüfte.

Er räuspert sich dreimal, schiebt am Papierstapel vor sich noch einmal alle Blätter Kante auf Kante, pocht mit dem Zeigefinger auf die Anzeige des Verstärkers und legt dann den Kippschalter am Mikrofon um. Sekunden später schallt Mais Stimme über die Küste am Ostchinesischen Meer. 25 Lautsprecher tragen seine Botschaft über das Dorf Nga Son und weitere neun Nachbarorte der Gemeinde Nga Tien. «Das Volkskomitee von Nga Tien informiert: Nach Angaben des nationalen Wetterdienstes befindet sich der Sturm Nummer zwei im Moment auf 7,4 Grad nördlicher Breite und 120,2 Grad östlicher Länge. Die Sturmstärke schwankt zwischen sieben und neun.» Dinh Hung Mai liest Angaben zur Windrichtung und der erwarteten Entwicklung der Sturmstärke vor. Zum Schluss sagt er: «Verfolgen Sie weiter aufmerksam die Entwicklung des Sturms. Halten Sie engen Kontakt zu den Kapitänen auf See. Überprüfen Sie Ihre Notfallausrüstung.»

Mai kippt den Schalter wieder um. Jetzt ist nur noch das Rauschen der Ventilatoren in dem kleinen Raum zu hören. Er schlurft zur Landkarte an der Wand und markiert mit einem Bleistift einen Punkt zwanzig Zentimeter vor der vietnamesischen Küstenlinie. Noch kann niemand genau sagen, wo Sturm Nummer zwei auf das Land treffen wird und wie stark er dann sein wird. Mai will auf alle Fälle vorbereitet sein. Er verbindet die Punkte auf der Karte mit einem zarten Bleistiftstrich. Wenn der Sturm Richtung Nga Tien abbiegt, wird Dinh Hung Mai es sofort bemerken. Die Leute im Dorf verlassen sich auf ihn. Sie nennen ihn «die Stimme von Nga Tien».

Dörfer werden einbezogen

Noch vor drei Jahren hingen an den Hochspannungsmasten der Gemeinde zehn altersschwache Lautsprecher, von denen nur noch ein Teil funktionierte. Die 25 neuen Lautsprecher sind Teil der Bemühungen der vietnamesischen Regierung, die Auswirkungen des Klimawandels zu vermindern. Die sozialistische Republik ist weltweit mit am stärksten vom Klimawandel betroffen, mit allem, was dazugehört: Stürme, Dürren und Fluten. Zwar zählt Vietnam nicht mehr zu den ärmsten Ländern, aber die Armutsbekämpfung steht und fällt weiterhin mit der Situation auf dem Land, wo das Überleben der ReisbäuerInnen von zwei oder drei Ernten im Jahr abhängt.

Eine Studie von Dara, einer internationalen Organisation, die im humanitären Bereich Wirkungsstudien erstellt, zeigt, dass die wirtschaftlichen Schäden, die durch den Klimawandel verursacht werden, Vietnam jedes Jahr fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten, das entspricht umgerechnet fast zehn Milliarden Franken. Bis zum Jahr 2030 könnte die Zahl auf 155 Milliarden Franken steigen. Wie kaum ein zweites Land investiert Vietnam deshalb seit einigen Jahren in die Katastrophenvorsorge.

Das 2008 von der Regierung beschlossene Katastrophenvorsorgeprogramm gilt nur schon darum als einmalig, weil es ausdrücklich auch die Dörfer und Gemeinden in die Entscheidungsfindung bei den notwendigen Massnahmen einbezieht: Die vom Klimawandel betroffenen Menschen in 6000 Gemeinden sollen mit der Unterstützung durch den Staat und nichtstaatliche Organisationen erörtern und entscheiden, wie sie sich am besten vor Naturkatastrophen schützen – sei es mit Deichen oder mit Aufklärungsprogrammen in den Schulen, sei es mit asphaltierten Evakuierungswegen oder wiederaufgeforsteten Wäldern, die die Erosion verhindern (vgl. «Die Mangrove, der Wunderbaum» im Anschluss an diesen Text). Und so kamen die Lautsprecher nach Nga Tien.

Die Bemühungen Vietnams finden international Anerkennung. «Die Massnahmen sind bahnbrechend für ein Land mit geringem Treibhausgas-ausstoss und geringer Mitverantwortung für den Klimawandel», schreiben die Dara-ExpertInnen in ihrer Studie. «Vietnam ist unter den besonders betroffenen Ländern Südostasiens in Sachen Katastrophenvorsorge am weitesten», sagt auch Sabine Dier, Asienreferentin bei der Hilfsorganisation Care. «Bis zur untersten Gemeindeebene ist dort alles gut durchorganisiert.» Care unterstützt Vietnam bei den Bemühungen, dem Klimawandel entgegenzutreten. Zwar mögen die 25 Lautsprecher in der Gemeinde Nga Tien auf den ersten Blick nicht viel gegen einen Tropensturm ausrichten können. Aber laut Weltbank spart jeder in die Katastrophenvorsorge investierte Franken das Doppelte bis Dreifache an Ausgaben für die Nothilfe und den Wiederaufbau.

Die Fluten kommen jedes Jahr

Die Fluten gehören zu Thi Dung Trans Leben wie die tägliche Suche nach der nächsten Mahlzeit und der sich nie verflüchtigende Geruch von kaltem Russ in ihrer Hütte. Die 46-Jährige stellt sich nicht die Frage, ob das Wasser ihr Dorf Bong Son überschwemmt, das passiert ohnehin jedes Jahr im Frühsommer. Thi Dung Tran bleibt nur die Frage, wie lange das Wasser bleibt und wie viel von ihrem Gemüse und Getreide noch steht, wenn es wieder weg ist. Fünfzig Hühner hat sie vor ein paar Jahren gekauft, eines ist noch übrig, den Rest haben verschiedene Fluten fortgerissen. Trans Gesicht mit den steilen Stirnfalten erzählt von harten Lebensjahren. Immer wenn die Flut komme, erzählt Tran, treibe sie ihre beiden Schweine die Stiege hinauf auf den Dachboden, hänge das Bett ihrer beiden Söhne in die Höhe und schaue dann zu, wie das Wasser bis zur Unterkante des Regals mit den Kerzen für die Hausgötter und den Fotos ihrer Eltern steige, manchmal auch darüber. «Und dann muss man warten», sagt Thi Dung Tran, «mehr kann man nicht tun.»

Ihre Nachbarin Thi Wenh Nong sieht das genauso. Gemeinsam hocken die beiden Frauen im Hof vor Trans Hütte, einen Haufen mit Wasserspinat vor sich. Sie fahren mit ihren Fingern durch die vor Feuchtigkeit glänzenden Blätter, knicken die Stängel ab. Zu hören sind nur das Rascheln der Bananenstauden im Wind, das Gackern eines Huhns und die dunklen Stimmen der Frauen. «Hätte ich die Kinder vielleicht damals nicht bitten sollen, zu mir zu kommen?», fragt Thi Wenh Nong. «Unsinn», antwortet Thi Dung Tran mit einem unwirschen Kopfschütteln, «das hätte auch nichts geändert, das Wasser war überall.» 2010 starben während einer Flut zwei Töchter Nongs, fünfzehn und sechzehn Jahre alt, auf dem Weg von der Schule zu ihrem Elternhaus. Ihre Leichen und die eines weiteren Mädchens wurden Tage später mehrere Kilometer entfernt gefunden. Eigentlich gingen Nongs Töchter nach der Schule immer zur Grossmutter, nur an jenem Tag wollten sie sofort zu den Eltern. Thi Wenh Nong greift energisch in die grünen Blätter vor sich, rupft an den Stängeln und sagt dann: «Es ist unser Schicksal, man kann es nicht ändern.»

Beide Frauen haben im Lauf der Zeit gelernt, die Naturkatastrophen hinzunehmen, haben längst kapituliert. Das vietnamesische Katastrophenvorsorgeprogramm steht in der Gemeinde Tuong Son, zu der das Dorf Bong Son gehört, erst am Anfang.

Stürmische Prognosen

Welch grosse Aufgabe sich Vietnam vorgenommen hat, macht allein ein Blick in die Katastrophenstatistik der Gemeinde Tuong Son deutlich. Der Ort ist nur ein winziger Fleck auf der Landkarte, doch die Statistik verzeichnet allein hier zwischen 1982 und 1996 drei schwere Stürme und eine Dürre. Ab dem Jahr 2004 geschehen die Katastrophen beinahe im Jahrestakt: 2004 reisst Sturm Nummer neun in Tuong Son die Dächer von den Häusern; 2005 wird ein Bewohner während eines schweren Gewitters getötet; 2007 sterben viele Tiere und Geflügel bei einem viel zu frühen Wintereinbruch, zwei Drittel der Ernte werden zerstört; 2008 wieder ein schwerer Sturm; 2010 sterben die drei Kinder während der Flut, zwei Drittel der Ernte sind verloren; 2011 ist die Hälfte der Ernte von der Flut betroffen; und 2012 zerstört wiederum ein Sturm die Häuser. Aussicht auf eine Besserung der Situation gibt es nicht.

Tatsächlich schneidet Vietnam in Klimaprojektionen überall sehr schlecht ab. KlimaexpertInnen prophezeien noch mehr Regen in der Regenzeit und noch weniger Regen in der Trockenzeit. Der Meeresspiegel könnte laut neueren Studien in den kommenden Jahrzehnten bis zu einem Meter ansteigen. Dann stünden auch zwanzig Prozent der Fläche von Saigon nahe dem Mekongdelta unter Wasser. Der globale Klimarisikoindex der Organisation German Watch, die sich für den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt, listet Vietnam auf Rang sechs der weltweit vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder. Davor stehen nur Honduras, Burma, Nicaragua, Bangladesch und Haiti.

Das Land, das über 3400 Kilometer Küstenlinie verfügt, muss quasi alles aushalten, was der Klimawandel mit sich bringt: Stürme, Fluten, Schlammlawinen, Dürren, Erdrutsche, Erosion und Versalzung des Grundwassers. In der Gemeinde Tuong Son sollen die Menschen deshalb erst einmal mehr über den Klimawandel und seine Konsequenzen lernen. Und weil viele Kinder die Resignation ihrer Eltern übernommen haben, beginnt man damit in einer Schule. Genau in der Schule, aus der 2010 die Mädchen kamen, die die Flut nicht überlebten.

In der Schule von Tuong Son tragen alle SchülerInnen an diesem Tag weisse Hemden, rote Halstücher und blaue Kappen. Hundert ausgewählte Schulkinder sitzen vor einer Bühne auf Hockern und haben Schreibtafeln auf ihren Knien. Die übrigen stehen in einem grossen Kreis drum herum, mit gespannten Gesichtern und bereit, bei jeder gelungenen Aktion frenetisch zu jubeln. Ganz hinten, kaum zu sehen in der grellen Mittagssonne, stehen ein paar Mütter. Auch sie wollen hören, was die SchülerInnen über Katastrophenvorsorge gelernt haben.

Noch vor wenigen Minuten tanzten zehn Mädchen über die Bühne, in den Händen ein Tuch, mit dem sie die Wellen des Wassers nachahmten. Dazu sangen sie: «Die Flut steigt, sie zerstört alles, sie hat mein Herz gebrochen. Ich wünschte, ich wäre eine Taube, und ich könnte Ruhe und Frieden über mein Dorf bringen.» Danach war es ein paar Sekunden still, doch jetzt kichern die SchülerInnen wieder und kreischen laut.

Auf der Bühne läuft ein Katastrophenvorsorge-Quiz. «Was ist das Klima? a) ein sonniger Tag, b) ein regnerischer Tag, c) die vier Jahreszeiten, d) die Gesamtheit aller Wetterzustände?» lautet die Frage. Nur die SchülerInnen, die ein D auf ihre Tafel kritzeln, dürfen sitzen bleiben, der Rest scheidet aus. Zu einigen Fragen werden Videos eingespielt, die die Mädchen und Jungen in den Wochen zuvor selbst gedreht haben. Das Spiel gefällt ihnen sichtlich, auch weil die LehrerInnen mitmachen. Und nebenbei lernen alle, auch die Mütter im Hintergrund, etwas über den Klimawandel, dass ein Wind erst ab Windstärke neun Sturm heisst und dass es eine schlechte Idee ist, während eines Gewitters unter einem Baum Schutz zu suchen. Wer das Quiz gewinnt, das geht am Ende im Jubelgeschrei aller fast unter.

In der Vorbereitung auf den grossen Abschlusstest sind die Klassen zu dem Ort gefahren, an dem 2010 die drei Mitschülerinnen ertrunken waren, und haben deren Familien besucht. «Das war sehr traurig, aber es hat mir auch sehr geholfen», sagt My Duyen Ngo. Die fünfzehnjährige Schülerin ist das beste Beispiel dafür, wie der etwas andere Schulunterricht das Selbstbewusstsein aufmöbelt. Mit geradem Rücken sitzt Ngo auf ihrem Hocker, die Hände malen beim Erzählen so beschwingt Kreise in die Luft, dass die Plastikperlen an ihrem Handgelenk klimpern. «Früher hatte ich Angst vor Schlammlawinen in unserem Dorf. Aber im Unterricht haben wir Landkarten unserer Gemeinden gezeichnet und die besonders gefährdeten Gebiete markiert. Ich weiss jetzt genau, wo ich sicher bin», sagt sie. Ngo weiss jetzt auch, welchen Beruf sie später ergreifen möchte. Sie möchte in der Katastrophenvorsorge arbeiten und ihr Wissen weitergeben – vor allem an die Älteren. «Es darf doch nicht sein, dass nur wir Jungen Bescheid wissen.»

Weniger Tote bei Naturkatastrophen

Den MinisteriumsmitarbeiterInnen in Hanoi, die die gemeindebasierte Katastrophenvorsorge erarbeitet haben und sie nun nach und nach umsetzen, dürften Mädchen wie My Duyen Ngo Mut machen. Denn die Erkenntnis, dass von oben verordnete Infrastrukturprojekte allein nicht helfen, setzte sich erst nach und nach bei den PolitikerInnen durch. «Wir bauen in Vietnam seit hundert Jahren Deiche, aber wir müssen auch mit den Gemeinden und den Menschen arbeiten», sagt ein Mitarbeiter des zuständigen Landwirtschaftsministeriums. «Bewusstseinsbildung» nennen das die KatastrophenexpertInnen. Bis 2020 sollen in das Projekt umgerechnet fast 470 Millionen Franken fliessen.

Dass in Vietnam nun auch von unten nach oben gearbeitet wird, ist in dem zentralistisch organisierten Land eine Besonderheit. Dabei werden die Menschen vor Ort eingebunden, aus LehrerInnen KatastrophenexpertInnen gemacht, aus arbeitslosen Frauen Evakuierungshelferinnen, aus ehemaligen Fischern Mangrovenzüchter – und nebenbei lernen sie auch noch, dass der Klimawandel zwar nicht mehr umkehrbar ist, er sie jedoch nicht zu ewiger Armut verdammt. Bereits heute ist in den 6000 am Projekt beteiligten Gemeinden ein Umdenken zu spüren. Und auch weltweit zeigen die Bemühungen in der Katastrophenvorsorge inzwischen positive Resultate: Nach Angaben der Vereinten Nationen starben 2012 so wenige Menschen wie nie zuvor bei Naturkatastrophen.

Dem Sturm davonfahren

Immer noch rast Sturm Nummer zwei auf die Ostküste zu. Er ist etwas schwächer geworden, aber einzelne Böen erreichen Windstärke zehn. Irgendwo über dem Meer peitschen diese Böen die Wellen auf. Quy Bui Van, ein 49-jähriger Fischer, stapft mit schmatzenden Schritten durch den Küstenmatsch. Das Meer hat sich mit der Ebbe zurückgezogen, sein himmelblaues Fischerboot steckt mit dem Rumpf im Schlamm. Dass ein Sturm aufzieht, ist jetzt erst einmal nicht so wichtig. Die Fischer von Thang Hung müssen Geld verdienen. Und deshalb wird die Flotte aus fünfzehn Booten auch an diesem Tag auslaufen. Während zwanzig Tagen sind sie dann auf See – es sei denn, der Sturm kommt ihnen zu nahe. «Aber dann fahren wir ihm einfach davon», sagt Quy Bui Van und lacht.

Die Gelassenheit des Fischers hat einen guten Grund. Vor zwei Jahren wurden Quy Bui Van und ein anderer Flottenführer mit einem modernen Funkgerät ausgerüstet. Die sind so wertvoll, dass die Männer sie bei jedem Landgang mit nach Hause nehmen und vor dem Auslaufen wieder an Bord schleppen. Anders als die alten Funkgeräte empfangen die neuen Stationen auch bei grosser Entfernung noch den nationalen Wetterbericht aus Hanoi, und sie ermöglichen die Kommunikation mit der Wetterstation des Distrikts. Deshalb weiss Quy Bui Van nun mindestens 24 Stunden vorher, ob ein Sturm in seine Richtung unterwegs ist. Dann sucht er mit seiner Flotte nach ruhigeren Gewässern.

Vans Vater war Fischer, sein Grossvater auch. So ist es bei vielen Männern in Thang Hung. Im Dorf gibt es keinen, der nicht eine Geschichte erzählen kann von einer Bootsmannschaft, die auf hoher See von einem Sturm überrascht wurde und nicht wieder zurückkehrte. Quy Bui Van dreht an einem Regler am Funkgerät, ein Lämpchen leuchtet auf, ein leises Sirren ist zu hören. Der Fischer wartet noch auf die Flut. Dann kann es losgehen. Quy Bui Van ist bereit, es mit Sturm Nummer zwei aufzunehmen.

Natürlicher Flutschutz

Die Mangrove, der Wunderbaum

Die Hoffnung vieler KüstenbewohnerInnen Südostasiens ruht auf einem Baum: der Mangrove. Sie ist eher unscheinbar, eher klein, mit dicken ledernen Blättern und Luftwurzeln. Doch für den Küstenschutz ist die Mangrove unersetzbar. Laut Angaben der Vereinten Nationen reduzieren 200 Meter Mangrovenwald die Kraft der Wellen um 75 Prozent. Bei Stürmen und Fluten wirken die Bäume deshalb Wunder. Als im Jahr 2005 ein schwerer Taifun auf die Ostküste Vietnams traf, brachen die Deiche, das Wasser riss Hunderte Häuser, Vieh und Reisfelder mit sich. Nur 500 Meter der Schutzmauer blieben unbeschadet. Ein Mangrovenwald hatte die grössten Wellen vor dem Deich abgefangen.

Jahrzehntelang haben sich die Menschen in Südostasien teilweise selbst ihres wirksamsten Küstenschutzes beraubt. Die Mangrovenwälder wurden abgeholzt, weil die BäuerInnen Feuerholz brauchten oder weil Platz geschaffen werden sollte für Shrimpsfarmen. Seit 1943 sind in Vietnam über die Hälfte der ursprünglichen Mangrovenwälder verschwunden. Die Abholzung schreitet weiter voran, doch 1994 initiierte die vietnamesische Regierung erste Projekte zur Aufforstung. Studien gehen davon aus, dass die Waldfläche in den kommenden Jahren wieder grösser wird.

Warum die Mangrove bei der Regierung, bei DorfbewohnerInnen und Entwicklungshilfeorganisationen gleichermassen beliebt ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, was sie alles kann. Ihr wichtigster Vorteil: Der Baum gedeiht sowohl im Salz- als auch im Süsswasser. Der Wald dient zudem als Filtersystem gegen die Verschmutzung der Küstengebiete. So gleichen viele Mangrovenwälder an der Küste Vietnams einer Sammelstation für Plastiktüten, die vom Meer angeschwemmt wurden und sich in den Ästen und Zweigen der Mangroven verfangen haben. Regelmässig müssen die Tüten eingesammelt werden, sonst würden die Bäume ersticken. Klappt die Reinigung, dann entsteht im Wald ein eigenes Ökosystem: Fische, Muscheln und Krabben siedeln sich an und bieten den KüstenbewohnerInnen ein zusätzliches Einkommen. Ein Bericht der «Vietnam News» besagt, dass die wiederaufgeforsteten Mangrovenwälder bisher für 3210 Haushalte Arbeitsplätze geschaffen haben. Darüber hinaus schätzen BeamtInnen, dass die Gemeinden umgerechnet durchschnittlich über 2300 Franken im Monat einsparen, weil weniger Umweltschäden anfallen und die Deiche seltener gewartet werden müssen.

«Es gibt viele Möglichkeiten, sich vor Katastrophen zu schützen. Aber Mangroven zu pflanzen, ist nicht nur der einfachste, sondern auch der natürlichste und sinnvollste Weg», sagt Nguyen Viet Nghi. In der Gemeinde Da Loc hat er in den vergangenen acht Jahren 200 Hektaren Mangroven entlang der Küstenlinie gepflanzt. Gemeinsam mit den DorfbewohnerInnen und der lokalen Regierung legt Nghi Regeln fest, wer für welchen Teil der Mangrovenzucht zuständig ist. In Dorfversammlungen werden besonders engagierte TeilnehmerInnen ausgewählt, die sich um die Mangroven kümmern dürfen, die auf einem besonderen Feld heranwachsen. Für das Heranziehen der Setzlinge wird Erde in einen Beutel gefüllt und der Samen eines älteren Mangrovenbaums darin gepflanzt. Nach eineinhalb Jahren Pflege sind die Mangroven dann gross genug und können an der Küste eingepflanzt werden.

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