Nr. 46/2013 vom 14.11.2013

Aus dem Schattenreich

Braucht es eine weitere Theorie zur Ermordung von John F. Kennedy? Dann sollte sie aber mit neuen Fakten aufwarten, statt mit Überhöhungen und Kunstgriffen zu arbeiten.

Von Franziska Meister

Der Mord an US-Präsident John F. Kennedy jährt sich dieser Tage zum 50. Mal. Nur Stunden nach dem tödlichen Attentat in Dallas am 22. November 1963 wurde Lee Harvey Oswald festgenommen – offiziell gilt er bis heute als der alleinige Täter. Dabei gibt es in kaum einem prominenten Mordfall so viele Ungereimtheiten wie im Fall Kennedy. Klar erwiesen ist nur, dass es Oswald nicht gewesen sein kann. Wer indes die tödlichen Schüsse abgab, ist bis heute nicht geklärt.

Für den deutschen Journalisten Mathias Bröckers ist der Mordfall JFK «die Mutter aller Verschwörungstheorien» – was historisch gesehen Nonsens ist, man denke nur an die vermeintlichen «Protokolle der Weisen von Zion». Passgenau zum makabren Jubiläum veröffentlicht der «taz»-Mitarbeiter ein Buch, mit dem er enthüllen will, «warum JFK sterben musste». Um es gleich vorwegzunehmen: Bröckers lässt sich dabei nicht auf eine Recherche ein – schon gar nicht vor Ort oder via Befragungen von Zeugen und Expertinnen. Bröckers ist auf Mission. Mit hochgradigem Tunnelblick sortiert er Bücher und digital greifbares Quellenmaterial, um damit zu «beweisen», dass ein vom US-Geheimdienst CIA orchestriertes Komplott den Präsidenten 1963 das Leben kostete. Beteiligt daran: die CIA selbst, die Mafia, die US-Grossfinanz und das Militär – mit «Unterstützung von oben, im Namen des Staates», durch «Figuren wie J. Edgar Hoover [FBI-Chef] oder Lyndon B. Johnson [Kennedys Nachfolger]».

Eine Lichtgestalt

Die These ist in der Tat plausibel. Bloss erweist ihr Bröckers mit seiner Vorgehensweise und Argumentation einen Bärendienst. Das beginnt damit, dass er JFK zu einem Übermenschen erhöht, der den Lauf der Welt verändert hätte, wäre er nicht erschossen worden. Als Kernbeweis führt Bröckers eine Rede ins Feld, die Kennedy im Juni 1963 an der American University in Washington gehalten hat. Sie mache deutlich, dass sich JFK «vom realpolitischen Rhetoriker der Konfrontationslogik zum Visionär der Menschlichkeit und des globalen Friedens» gewandelt habe. Bröckers ist überzeugt, dass Kennedy auftrat mit der «Absicht, den Kalten Krieg ein für alle Mal zu beenden». Mit dieser Rede indes habe er sein eigenes «Todesurteil» unterschrieben. HistorikerInnen, die Zweifel an JFKs Friedensmission äussern, namentlich bezüglich des eskalierenden Kriegs gegen Vietnam, bezichtigt Bröckers der «perfiden Geschichtsklitterung».

Gegenüber der Lichtgestalt Kennedy konstruiert Bröckers ein Schattenreich des Bösen, das sich am Ende des Zweiten Weltkriegs zu formieren begonnen hatte, um den Krieg und die mit ihm verbundenen ökonomischen Profite mit andern Mitteln fortzuführen. Die Strippenzieher in diesem Schattenreich wandeln in den Gängen des Pentagons, sitzen in US-Rüstungs- und -Ölfirmen, tragen US-amerikanische Uniformen mit hohen Rangabzeichen und rekrutieren alles vom Heroinhändler bis zum Mafiakiller, um ihre Interessen durchzusetzen. Seit ihrem «Sieg» über Kennedy «haben sie nicht aufgehört, sich die Welt mit verdeckter und offener Gewalt gefügig zu machen. Weil die Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, steht in den Geschichtsbüchern bis heute nichts davon, wer für diesen Mord wirklich verantwortlich war.»

Ein Kunstgriff

Solcherlei Argumentationsketten und Schlussfolgerungen sind aus Verschwörungstheorien sattsam bekannt. Das weiss auch Bröckers. Weshalb er sich mit einem Kunstgriff zu retten versucht: Mit Verweis auf ein CIA-internes Memorandum behauptet er, der Begriff «Verschwörungstheorie» sei bis in die sechziger Jahre ein «neutraler Ausdruck» gewesen und erst durch dieses CIA-Memo zum «Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung» geworden – von der CIA also gezielt zum «Disziplinierungs- und Kontrollinstrument im öffentlichen Diskurs» umfunktioniert worden. Wer unabhängig denke, benutze deshalb mit Vorzug den Begriff «Staatsstreich gegen die Demokratie».

Ach ja: Mathias Bröckers hat bereits zwei Bücher zum Thema «9/11» geschrieben. Tenor: Genauso wie Lee Harvey Oswald von der CIA gesteuert und schliesslich zum Sündenbock gemacht worden sei, seien auch die vermeintlich von Osama Bin Laden gesandten Hijacker, die am 11. September 2001 Flugzeuge in die Twin Towers in New York und in das Pentagon steuerten, in Tat und Wahrheit vom US-Militär ferngesteuert, also nichts anderes als Marionetten der US-Regierung gewesen.

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