Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Klimakillerin Credit Suisse

Niemand heizt dem Klima mehr ein als die Kohleindustrie. Die Banken, die den Kohleboom befeuern, sitzen am Ruder: Entscheiden sie sich für einen Kurswechsel, könnte die Energiewende noch zu schaffen sein.

Von Franziska Meister

Die atmosphärische Konzentration des Treibhausgases CO2 hat jüngst eine neue Rekordmarke überschritten. Müsste man mit dem Finger auf einen Schuldigen für den ungebremsten Klimawandel zeigen: Die Kohleindustrie wäre unter den Topanwärtern. Kohle ist für 43 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich, Tendenz steigend. Keine andere Energiequelle verzeichnete in den letzten Jahren ein ähnlich schnelles Wachstum. Seit dem Jahr 2000 hat die globale Produktion von Kohle um 69 Prozent zugenommen. Noch nie zuvor ist so viel Kohle aus dem Boden geholt und verbrannt worden wie heute. In den nächsten Jahren sollen weltweit rund 1200 neue Kohlekraftwerke entstehen.

Dass sich die Kohleindustrie einen Deut um den Klimawandel und seine Konsequenzen schert, hat sie vergangene Woche an der Klimakonferenz in Warschau demonstriert – mit einem parallelen Kohlegipfel und der unverhohlenen Zelebrierung ihrer Macht über die polnische Regierung. Diese hat ihren Umweltminister, der die Klimakonferenz präsidierte, entlassen. Die Message ist klar: Polen setzt auf Kohle – mehr denn je. Kein anderes europäisches Land plant so viele neue Kohlekraftwerke wie Polen. Dabei stammen bereits heute über achtzig Prozent seiner Elektrizität aus der Kohleverbrennung.

Polen ist kein Einzelfall. Australien etwa, das bereits heute zu den grössten Kohleproduzenten gehört, hat sich von seinen Klimazielen verabschiedet und plant, sein jährliches Kohleabbauvolumen zu verdoppeln. Der Weltklimarat IPCC, die Weltbank und sogar die Internationale Energieagentur IEA sind sich hingegen einig: Soll die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius beschränkt werden, müssen achtzig Prozent der Kohlevorräte im Boden bleiben. Wir haben bis heute bereits vier Fünftel des Emissionsbudgets verbraucht, so die IEA in einem Bericht vom August 2013. Ohne radikale Kursänderung wird dieses Budget 2017 aufgebraucht sein. Und wir könnten gemäss den Prognosen der Weltbank bereits in den 2060er Jahren in einer Welt leben, die vier Grad wärmer ist.

Wer kann das Steuer noch herumreissen? Just jene, die am Ruder sitzen und für den aktuellen Kurs Richtung Katastrophe die Kohle – in diesem Fall das Geld – liefern: die Banken.

Die dreckigen Geschäfte der CS

Private Banken haben den Boom der Kohleindustrie seit 2005 mit insgesamt 145,27 Milliarden Franken befeuert, wie die Mitte November publizierte Studie «Banking on Coal» von Urgewald, Banktrack und anderen NGOs nachweist. Sie haben ihr Engagement im Abbau und der Verbrennung von Kohle seit dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls, das verbindliche Ziele für die Emissionsbegrenzung von Treibhausgasen festlegt, um fast 400 Prozent gesteigert. Über siebzig Prozent des Geldes kamen von zwanzig Banken aus sieben Ländern – darunter die Credit Suisse (CS) und die UBS.

Die CS figuriert in den vordersten Rängen. Gemäss der NGO-Studie hat sie ihre Investitionen in die Kohleindustrie seit 2011 fast verdoppelt, von 2,74 Milliarden auf aktuell knapp 5 Milliarden Franken. Der Löwenanteil floss in den australischen Kohleabbau. Keine andere Privatbank hat mehr in die Kohleindustrie Australiens investiert als die CS. Auch in Indien gehört die Schweizer Bank zu den grössten Investoren im Kohlebergbau. Noch dieses Jahr will sie mit weiteren Banken fünf Prozent der Anteile von Coal India, dem weltweit grössten Kohlekonzern, kaufen.

Coal India gehört zu neunzig Prozent dem Staat und produziert über achtzig Prozent der einheimischen Kohle – praktisch ausschliesslich im Abbau über Tag. Laut der Studie gibt es dabei kaum ein Gesetz, das der Konzern noch nicht gebrochen hat: Zwei Drittel seiner Kohleminen erfüllen die Umweltauflagen nicht, die Kohle wird teilweise illegal abgebaut, indigene EinwohnerInnen werden widerrechtlich und mit Gewalt von ihrem Land vertrieben, Kinder in den Minen beschäftigt.

In ihrem aktuellen Bericht zur unternehmerischen Verantwortung betont die CS, Finanzdienstleistungen an Bergbaukonzerne zu verweigern, die in die «Umsiedlung zahlreicher Menschen» oder «in schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen involviert sind» oder «die Methoden des Mountaintop-Removal-Tagebaus» (Sprengung von Berggipfeln) anwenden. Trotzdem hat die Bank gemäss Urgewald und Banktrack seit 2010 über 320 Millionen Franken in vier US-Konzerne investiert, die genau diese Methode praktizieren.

Fragen der WOZ zum Widerspruch zwischen Rhetorik und Praxis beantwortet die Bank pauschal mit einer «Stellungnahme», in der es unter anderem heisst, dass «die globale Weisung der Credit Suisse zum Bergbau eine anderweitige Zusammenarbeit mit Bergbauunternehmen nicht grundsätzlich ausschliesst.» Zu Coal India «verzichtet» die CS ganz auf eine Stellungnahme.

Just say no

Man könnte auch einfach Nein sagen. So wie es die Weltbank im Juli getan hat: Die bedeutendste internationale Finanzierungsinstitution unterstützt keine neuen Kohleprojekte mehr. Und hat damit einen Kurswechsel eingeleitet. Wenige Tage später kündigte auch die Europäische Investitionsbank an, nur noch Energieprojekte zu unterstützen, die Emissionen von 550 Gramm CO2 pro Kilowattstunde nicht überschreiten – was Kohlekraftwerke de facto ausschliesst. Im September folgten die USA, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und Island: Auch sie wollen künftig darauf verzichten, öffentliche Gelder in Kohleprojekte im Ausland zu investieren. Jüngst schloss sich Britannien an.

Mit Spannung erwartet wird der Entscheid der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) Anfang Dezember. Die Schweiz ist Gründungsmitglied der EBWE und im Exekutivrat vertreten, der über die Finanzierung von Projekten entscheidet. «Die Schweiz hat grundsätzlich eine kritische Haltung gegenüber der Finanzierung von auf Kohle gestützten Energieprojekten», heisst es aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Sie werde sich aktiv für die geplante neue Energiestrategie der EBWE einsetzen: «Investitionen in Kohlekraftwerke sollen nur noch in Ausnahmefällen möglich sein.»

International wächst der Druck auf die EBWE, nicht länger in Kohle zu investieren. Im September überreichten ihr der WWF und weitere NGOs eine entsprechende Petition mit 17 000 Unterschriften. In seiner an die EBWE gerichteten Broschüre «Stop Financing Coal Projects» zeigt der WWF auf, welch entscheidende Rolle die Entwicklungsbank für einen Kurswechsel spielen kann. Zwischen 2006 und 2011 floss fast die Hälfte aller Investitionen der EBWE in fossile Energieträger, jedoch nur elf Prozent in erneuerbare Energien. Drei Viertel aller von der EBWE unterstützten Länder importieren Kohle, um ihren Energiebedarf zu decken. Und sie verwerten diese Energie extrem ineffizient: Um einen Dollar an ökonomischer Leistung zu produzieren, verbrauchen sie fünf Mal mehr Energie als die EU im Durchschnitt.

Der WWF fordert die EBWE auf, ihr Investitionsverhältnis umzudrehen und künftig die Hälfte in erneuerbare statt in fossile Energien zu stecken. Damit würde die EBWE eine Vorreiterrolle in der weltweiten Energiewende einnehmen. Laut dem britischen Klimaökonomen Nicholas Stern investierten die 200 grössten Energiekonzerne 2012 über 614 Milliarden Franken in das Finden und Ausbeuten neuer fossiler Quellen. Diese Summe entspricht einem Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts und damit exakt jenem Anteil, den Stern bereits in seinem viel beachteten Report aus dem Jahr 2006 als notwendig bezeichnete, um die Energiewende zu realisieren.

Platzt das Geschäft?

Für die Kohleindustrie und jene, die sie finanzieren, könnte die Luft schon bald dünn werden. Laut einer im Oktober veröffentlichten Studie der Universität Oxford nimmt die weltweite Desinvestitionskampagne, angeführt von der Klimaschutzorganisation 
350.org, zunehmend Fahrt auf. Das dürfte zu mehr als einem Imageschaden der fossilen Energiekonzerne führen. Vergleichbare Kampagnen, so zeigt die Studie, haben nämlich stets zu einer restriktiveren Gesetzgebung geführt. Was bei der Kohle darin gipfeln könnte, dass sich die Investitionen in faule Kredite verwandeln: Die immensen Kohlevorräte wären nichts mehr wert, weil sie nicht mehr abgebaut und verbrannt werden dürften.

Samantha Smith, Kampagnenleiterin bei WWF International, arbeitet daran, dieses Risiko zu verschärfen. «Wir werden weiterhin Druck auf Banken und Finanzinstitute ausüben, nicht mehr in Kohle zu investieren, und wollen gleichzeitig die Bevölkerung in verschiedenen Ländern gegen den Abbau von Kohle und gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke mobilisieren.»

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