Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Wie Stadtplanung Geschichte macht

Wie kommt es, dass in unmittelbarer Nähe des Areals, auf dem die Oerlikon Bührle Waffen für das Naziregime herstellte, Strassen, Wege und Pärke nach Gegnern des Nationalsozialismus und jüdischen Emigrantinnen benannt werden? Eine Reportage aus dem Zürcher Stadtteil Neu-Oerlikon.

Von Erich Keller (Text) und Andreas Bodmer (Fotos)

Ob eine Strasse Europa- oder Wilhelm-Tell-Allee heisst, ist nicht unerheblich. Solche Namensgebungen sind Ausdruck politischer Kontroversen, die mit Verweis auf die Geschichtsschreibung ausgetragen werden. Selbst Tell, die Fantasyfigur Friedrich Schillers, kann in Form von Denkmälern das kollektive Gedächtnis prägen und dadurch wirken, als ob sie real wäre. Deshalb sollen auch heute noch, da die Wissenschaft diese Mythen längst zertrümmert hat, Strassen nach solchen IdentitätsstifterInnen benannt werden. Zumindest wenn es nach der Zürcher SVP geht.

In Zürich ist es die Strassenbenennungskommission, die dem Stadtrat Vorschläge für die Benennung von Strassen und Plätzen vorlegt. In den allermeisten Fällen folgt der Rat diesen Empfehlungen. Werden die Namen von Persönlichkeiten vorgelegt, gelten zwei Regeln vor allen anderen: Die Person darf nicht mehr am Leben sein, und sie muss einen Bezug zu Zürich haben. Aus letzterem Grund soll auch kein Platz nach dem Hitler-Attentäter Maurice Bavaud benannt werden (siehe WOZ Nr. 46/13). Bavauds Motive seien unklar geblieben, argumentierte die Kommission unlängst, zudem sei der Bezug zu Zürich nicht gegeben. In der Tat ist nicht leicht herauszufinden, aus welchen Gründen der Neuenburger Theologiestudent Bavaud im Jahr 1938 Hitler erschiessen wollte. Andererseits hat die Schweizer Diplomatie damals keinen Finger gerührt, den jungen Mann vor dem Schafott zu retten – und dies nicht, weil seine Motive zur Debatte gestanden hätten.

Dabei gäbe es im Norden Zürichs ein Stadtquartier, in dem Bavauds Name gut aufgehoben wäre: In Neu-Oerlikon sind viele Strassen und Plätze nach verstorbenen GegnerInnen des Naziregimes benannt, und nicht alle von ihnen hatten einen direkten Bezug zu Zürich. Erstaunlicherweise wurde nie öffentlich mitgeteilt, weshalb sich die Strassenkarte des Quartiers wie ein Who’s who von Flüchtlingshelferinnen, Antifaschisten und linken Künstlerinnen liest, von denen nicht wenige jüdisch waren. Noch seltsamer ist, dass die Strassenbenennungskommission mittlerweile vergessen hat, was sie zu diesem Schritt bewogen hatte. Stattdessen wird heute im properen Neu-Oerlikon an eine ganz andere, faltenfrei zurechtgebügelte Quartiergeschichte erinnert.

Ricarda Huch im Niemandsland

Der dicke Schienenstrang hat Oerlikon einst geordnet, jetzt teilt er das Quartier bloss noch. Auf dem riesigen Areal nördlich des Bahnhofs wurde früher gearbeitet, auf der anderen, dörflichen Seite gewohnt, eingekauft, Feierabendbier getrunken, man feuerte die Velofahrer beim Rundendrehen auf der offenen Radrennbahn oder im Hallenstadion an. Am Tag nach der Generalmobilmachung, am 2. September 1939, wurden Hunderte Soldaten vereidigt, auf der Wiese des Ligusterschulhauses beim Bad Allenmoos. Wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt, ennet der Gleise, produzierte die Oerlikon Bührle AG derweil fleissig Waffen für Nazideutschland.

Heute sitzt Neu-Oerlikon auf dem alten Industrieareal und hat es weitgehend unter sich begraben. Von den Anlagen, die den Namen Oerlikon einst weltweit zu einer Qualitätsmarke in Maschinenbau und Waffentechnik gemacht haben, ist kaum mehr etwas zu sehen. Seit einigen Jahren werden in Neu-Oerlikon Freitag-Taschen genäht, Vermögen verwaltet und Firmen beraten. Ausgesteuerte zimmern die von der Stadt ausgegebenen Gratissärge, es wird an Corporate Identities gebastelt, in Schulen und Instituten unterrichtet – und nicht zuletzt gewohnt und geshoppt. Wo sich anstelle der industriellen Monokulturen Dienstleistungsunternehmen oder grosse Ladenketten niederlassen, wird halt immer auch Wohnraum mit eingestreut: Angebot und Nachfrage sollen räumlich möglichst beieinanderliegen.

An Neu-Oerlikon wird immer noch gebaut. Bauzäune sorgen dafür, dass hinter dem Bahnhof die Pendlerinnen, Einwohner und Konsumentinnen den Baumaschinen nicht in die Quere kommen. Bald sollen die Arbeiten abgeschlossen, wird die Bahnhofspassage fertig sein. Das neue soll an das alte Oerlikon angeschlossen werden. Noch aber drängen sich die Leute zwischen kanalisierenden Abschrankungen aneinander vorbei, in Richtung des Einkaufszentrums oder der Hochschule, der Rheinmetall AG oder von Pricewaterhouse Coopers.

Bewegt man sich weiter in den Stadtteil hinein, ebbt die Hektik rasch ab – egal in welcher Richtung. Karg erscheint Neu-Oerlikon, das die Grösse des Städtchens Solothurn hat. Die Neubauten wirken von oben bis unten versiegelt – die typische Bauweise, die auf Glas setzt, auf dass die Geschäftshäuser etwas hermachen. In einzelnen Strassenzügen befinden sich auf ganzer Länge ebenerdig keine Ladengeschäfte oder Restaurants, dafür ist der Blick frei auf Firmenkantinen. So viel architektonische Ehrlichkeit kann einem gefallen. Oerlikon ist nicht Solothurn.

Schlendert man durch das rund sechzig Hektaren grosse Neubauquartier, staunt man über die Namensgebung der vielen neuen Strassen, Strässchen, Wege und Plätze. Prominente aus Kunst und Politik geben sie sich hier ein Stelldichein. Von Leinwand und Bühne grüssen Emigrantinnen wie Therese Giehse oder Erika Mann sowie sogenannte VolksschauspielerInnen wie Margrit Rainer, Ellen Widmann, Heinrich Gretler oder Ruedi Walter. Stellvertretend für die LiteratInnen seien genannt: Elias Canetti, Ricarda Huch, James Joyce oder Else Lasker-Schüler. Selbst ein Verlegername ziert eine blaue Strassentafel: Unweit der Coop-Bau-&-Hobby-Abteilung zweigt die Emil-Oprecht-Strasse ab. Der antifaschistische Verleger, so eine kleine Zusatztafel, sei «nazikritisch» gewesen. Das klingt, als ob er abends in seinem Buchladen an der Rämistrasse jeweils im Schein einer Leselampe Vor- und Nachteile des Nationalsozialismus erwogen hätte.

Von der Oprecht-Strasse her kann auch Sophie Taeuber als Strasse begangen werden, und der Max-Bill-Platz sieht aus der Vogelperspektive ein wenig aus wie billsches Design. Andere Namen harren noch immer ihrer Materialisierung: Max Frisch etwa, dessen Platz seit der Planungsphase hat redimensioniert werden müssen und an dessen Stelle immer noch ein Parkplatz steht. In gerader kurzer Linie sollte dereinst vom Arnold-Kübler- abzweigend der Niklaus-Meienberg-Weg zu Max Frisch vorstossen. Aber noch existiert auch dieser erst im Internet, auf Google Maps etwa, das einen ganz schön in die Irre führen kann – die vielen weiteren geplanten neuen Strassen und Plätze mit wohlklingenden Namen scheinen dort bereits realisiert.

Ob sie je gebaut werden, ist indes unsicher. Das Schicksal des Niklaus-Meienberg-Wegs stehe in den Sternen, erklärt Charlotte Koch-Keller, die Leiterin der Kanzlei der Strassenbenennungskommission auf Nachfrage. Bei solchen Grossprojekten könne es schon vorkommen, dass einzelne Strässchen gar nicht verwirklicht würden. Fiele also der Meienberg-Weg planerischen Anpassungen zum Opfer, so würde Niklaus Meienberg als möglicher Namenspate wieder in den Topf zurückschweben, aus dem sich die Kommission, die aktuell vom alternativen Polizeivorsteher Richard Wolff präsidiert wird, bei Bedarf bedient. Bei Licht betrachtet, wären die Chancen gering, dass der Name des streitbaren Historikers und Journalisten Teil der Stadttopografie würde.

Geschafft hat das hingegen Friedrich Traugott Wahlen. Der Wahlen-Park ist im nördlichsten Teil Neu-Oerlikons in die Industrielandschaft gefräst worden. Von Wahlen stammte der Plan, die Schweiz vom Nahrungsmittelimport unabhängig zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der «Anbauschlacht» alle möglichen Grünflächen für den Anbau von Grundnahrungsmitteln genutzt, darunter auch Stadtparks. Viele zusätzliche Kalorien brachte das nicht ein, dafür aber verstärkte es die Einigelungsmentalität der geistigen Landesverteidigung. Woher der Name der riesigen, meist menschenleeren Wiese kommt, die im Bedarfsfall problemlos zur Versorgung Neu-Oerlikons umgenutzt werden könnte, darüber erfährt man vor Ort nichts. Fragt man AnwohnerInnen, weiss niemand Bescheid, obschon diese Benennung, wie einige andere auch, auf Vorschläge aus der Bevölkerung zurückgeht. Im Frühjahr 1995 fand eine öffentliche Arealbegehung statt, und es wurden Namensvorschläge gesammelt. Ein Redaktionsteam, bestehend aus dem Stadtarchivar, dem Strasseninspektor und der Departementssekretärin des Polizeidepartements, wählte danach die Namen aus. Die Strassenbenennungskommission reichte die Auswahl weiter an die Grundeigentümer, den Quartierverein und das Büro für Raumplanung, Umweltforschung, Städtebau und Architektur Ueli Roth. So wurden rasch Nägel mit Köpfen gemacht.

Rasender Gedächtnisverlust

Neu-Oerlikon ist in Rekordzeit aus dem Boden gestampft worden. 1988 wurde mit der Planung begonnen, 1994 verabschiedete der Gemeinderat einstimmig das städtebauliche Entwicklungsleitbild zwischen Stadt, Grundeigentümern (vor allem ABB und Oerlikon Bührle Holding) und der SBB. 1995 fuhren die Bagger auf.

Das Installieren eines neuen Quartiers ist ein komplexer Prozess. Grundeigentümer und Investoren, Stadtplaner und Architektinnen, Politikerinnen und Kommissionen arbeiten Hand in Hand, da und dort wird abgestimmt, muss demokratisch austariert werden. So macht die enge Verbandelung zwischen privaten Planungsbüros, Investorinnen, Bauunternehmern und Politik Stadtplanung – und Stadtplanung wiederum macht Politik. In seinen Auswirkungen langsam zu erahnen ist dies gegenwärtig in der Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof. Was die einen «Gentrifizierung» nennen, nennt die SBB Immobilien AG «urbanen Genuss», und in diesen Genuss dürfte bald auch die anstossende Langstrasse mit ihrer lebensweltlichen Vielfalt kommen. Da und dort ist man – Nostalgie ist die Mutter vieler Hoffnungen – der Überzeugung, das Milieu mit seinen vor Ort erwirtschafteten Millionen werde den neuen Millionären und ihrer Grossinvestition schon die Stirn bieten können.

In Oerlikon lief alles wie geschmiert. Die PlanerInnen gingen rasch und unsentimental vor. Selbst auf die Gefahr hin, eine Retortenstadt zu schaffen, wurde mit dem ganz dicken Zeichenstift entworfen, ohne Rücksicht auf alte Industriebauten, die immer dann besonders pittoresk wirken, wenn sie nicht mehr in Betrieb sind. Doch wo sich vieles rasch verändert, droht Geschichtsverlust. So beklagte im Jahr 2005 der damalige und heutige SP-Stadtrat Martin Waser, selbst beteiligt am Entwurf des Gestaltungsleitbilds, in einem Interview die rücksichtslose Zerstörung von Geschichte und Erinnerung. Er meinte Bauten wie den blauen Turm des ehemaligen Hochofens an der Binzmühlestrasse, der im Jahr zuvor niedergerissen worden war.

Einen anderen Weg, an die Geschichte Oerlikons zu erinnern, schlug die Strassenbenennungskommission ein. Zumindest ein wenig. Sie erstellte 1995 ein Strassenbenennungskonzept – zum Zeitpunkt, als die Debatten um nachrichtenlose Vermögen von Opfern des Holocaust auf Schweizer Bankkonten einen Höhepunkt erreicht hatten. Das schweizerische kollektive Gedächtnis war unter Druck des internationalen kollektiven Gedächtnisses geraten. Der damalige Aussenminister Flavio Cotti sprach im April 1995 von der schuldhaften Verstrickung der Schweiz in die Verbrechen des Nationalsozialismus, und wenig später entschuldigte sich Bundespräsident Kaspar Villiger öffentlich für die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Im November 1995 revidierte das Bezirksgericht St. Gallen sein früheres Urteil, rehabilitierte den Polizeikommandanten Paul Grüninger und erklärte ihn zum Notstandshelfer (Grüninger hatte mehreren Hundert jüdischen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz ermöglicht, indem er Visa und Ausweise manipulierte). Das Jahr wurde beendet mit dem Beschluss der Vereinigten Bundesversammlung, eine Historikerkommission solle die bisher unterbelichtete Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufhellen.

Als Resultat dieser Bemühungen stellte später die Unabhängige Expertenkommission Schweiz–Zweiter Weltkrieg fest, was nie ein Geheimnis gewesen, aber eben auch nie erforscht worden war: Schweizer Firmen waren schon ab Mitte der zwanziger Jahre an der verdeckten, gegen die Versailler Verträge verstossenden Aufrüstung Deutschlands mit Waffen beteiligt gewesen. Allen voran die Oerlikon Bührle AG. Der Bericht korrigiert den Umfang der vermuteten Waffenexporte während des Kriegs zwar nach unten, hält aber auch fest, ohne die verdeckte Aufrüstung wäre Nazideutschland «nicht in derart kurzer Zeit in der Lage gewesen, einen gesamteuropäischen Konflikt zu entfesseln».

Wie also kommt es, dass die in unmittelbarer Nähe des Werkgeländes der Oerlikon Bührle neu erstellten Wege und ein Park nach FlüchtlingshelferInnen benannt sind? Die Publikationen zur Entstehungsgeschichte Neu-Oerlikons schweigen sich darüber aus. Auch vor Ort werden keine Zusammenhänge erklärt. Man muss sich schon das Protokoll der Stadtratssitzung vom 6. März 1996 besorgen, in der das Konzept der Strassenbenennungskommission erläutert wird. Das ganze Gebiet wurde auf dem Plan in vier Sektoren aufgeteilt, die nun einheitlich mit Strassennamen auszustatten waren. In den Teilgebieten A und D liegen die Industriebauten der Maschinenfabrik Oerlikon und der ABB: Sie seien nach Ingenieuren und Technikerinnen zu benennen, das Teilgebiet B nach Politikerinnen und Volksschauspielern. Zum Teilgebiet C («Industrie/Bührle») hält das Protokoll fest: «Benennung der neuen Strassen nach Männern und Frauen, die sich in besonderem Masse für Frieden, humanitäre Belange und soziale Gerechtigkeit eingesetzt haben.»

Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Debatten um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und den Strassennamen, wird vom Kommissionsbüro heute bestritten. Wahrscheinlich hat das Gremium schlicht vergessen, was damals in der heissen Phase der Strassenbenennungen 1995 los war. Heute ist das Areal des grössten Schweizer Lieferanten von Kriegsgerät an die Nationalsozialisten umzingelt von Namen derer, die gegen die Verstrickung der Schweiz in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gekämpft und dafür nur sehr zögerlich Anerkennung erfahren haben. Nur, wie schon gesagt: Die Zusammenhänge werden nicht erklärt und öffentlich gemacht.

Wie Relikte einer verbotenen Stadt

Auf den Strassen ist nicht viel los in Neu-Oerlikon. Am ehesten noch rund um die Shoppingmall, das Center Eleven, während der nahe MFO-Park zwar sehr schön, aber auch sehr leer ist. Gehorsam ranken sich Rebenkolonnen wie herbstlich verfärbte Blattstalagmiten vom Boden in die Höhe des riesigen, begehbaren Stahlskeletts, das einem kolonialen Garten nachempfunden ist und in seiner Form an eine Fabrikationshalle erinnern will. Wie ein ironischer Kommentar auf die von Walter Benjamin unsterblich gemachten Pariser Einkaufspassagen aus Stahl und Glas steht die preisgekrönte Anlage da, in der es nichts zu kaufen gibt und durch die kaum jemand flanieren will.

In der Mitte der stählernen Pergola befindet sich eine in den Boden eingelassene Kuhle, mit geschliffenem Buntglaskiesel gefüllt. Man kann hineingreifen und, ohne Erfolg, mit den Fingern nach scharfen Kanten fahnden. Oder auf den Holzbänken sitzen, den Kopf in den Nacken legen, in Richtung des angedeuteten Fabrikhallendachs schauen. Wer schwindelfrei ist, erklimmt die Treppenwege, die mit luftigen Gitterstufen und -planken in die Höhe führen. Ganz hinten gehts am höchsten hinauf, bis zum Sonnendach, einer Plattform mit hölzernen Liegebänken in der Mitte. Vier etwa fünfzehnjährige Mädchen haben es sich dort bequem gemacht mit einer Wasserpfeife, die leise blubbert. Gedämpft ist von unten Baulärm zu hören. In westlicher Richtung, zwei, drei Steinwürfe entfernt, ist ein Teil der ehemaligen Oerlikon Bührle AG zu sehen. Alt-Oerlikon.

Es ist eigentlich nur noch dieser Teil des rund sechzig Hektaren grossen Gebiets, der sich nicht ganz ins neue städtebauliche Paradigma hat einfügen lassen. Die Oerlikon Contraves, so nannte sich das Unternehmen mittlerweile, hatte 1999 ihren angeschlagenen Rüstungsbereich an den heutigen Eigner verkauft. Aus der Oerlikon Contraves (aus dem Lateinischen «contra aves» – «gegen Vögel») wurde die Rheinmetall Air Defence. Tradition verpflichtet, und so wird auch heute noch in den Fabrikhallen an der Entwicklung und Vermarktung von Kriegsmaterial getüftelt.

Verglichen mit dem schicken Internetauftritt, wirkt der Oerlikoner Firmensitz bescheiden. Die verwitterten Mauern, etwas halbherzige Sichtblenden und die zwei Portierhäuschen scheinen wie aus der Zeit gefallene Überbleibsel einer verbotenen Stadt. Nicht mehr lange: Der Rüstungskonzern will Oerlikon verlassen und mit seinen rund 700 MitarbeiterInnen andernorts Instrumente zum Abschuss von Stahlvögeln herstellen. Der Verhandlungspoker mit der Stadt läuft auf Hochtouren, das Areal ist die buchstäbliche Goldgrube.

Etwas weiter gegen Westen hin sind Teile der früheren Waffenschmiede bereits abgerissen. Die Pensionskasse des Maschinenbauers Klingelnberg AG hat hier ihren Sitz. Ein hoher Zaun trennt die Parzelle ab, dahinter verläuft eine schnurgerade Betonpiste, hundert Meter lang und etwa drei Meter breit. Das ist der Paul-Grüninger-Weg, benannt nach dem Fluchthelfer. Ein Weg ohne Adresse, niemand wohnt hier. In St. Gallen, wo Grüninger gearbeitet und gegen die geltenden Gesetze verstossen hat, ist heute ein Fussballstadion nach ihm benannt. In Neu-Oerlikon hats nur zu einer kleinen Sackgasse gereicht, im Schlagschatten einer nicht mehr existierenden Firma, die (vom Eidgenössischen Militärdepartement mit Nachdruck dazu aufgefordert) gegen internationales Recht verstiess.

Zwischen Grüninger-Weg und der parallel verlaufenden Regina-Kägi-Strasse (Flüchtlingshelferin, Gründerin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks und Gewerkschafterin) liegt der Louis-Häfliger-Park. Der Zürcher Bankangestellte Häfliger wurde bekannt als «Retter von Mauthausen», weil dank seiner Intervention vermutlich Zehntausende KZ-Häftlinge überlebten; er verhinderte die Sprengung des Lagers durch die Nazis 1945, indem er kurzerhand die US-amerikanischen Truppen ins KZ führte. Kernstück des nach ihm benannten Parks sind überaus unansehnliche Graspyramiden, die ein wenig wie abgebrochene Toblerone-Stücke oder Panzersperren aussehen, laut einer Architekturzeitschrift aber eigentlich an Munitionslabors der Oerlikon Bührle AG erinnern sollen.

Ein Ort zum Vergessen

Weshalb ausgerechnet mit einer Gartenbauinstallation, die ohne weitere Erklärung Munitionslabors nachstellt, an einen Mann erinnert werden soll, der Zehntausende KZ-Häftlinge vor dem In-die-Luft-gejagt-Werden rettete, wissen nur die verantwortlichen Stadtplaner. Wie schon beim lächerlich-traurigen Grüninger-Weg, einem ins Niemandsland ausgerollten Streifen schlechten Gewissens, zeugt auch dies nicht gerade von städteplanerischem Feingefühl im Umgang mit verstorbenen Persönlichkeiten.

Die Gertrud-Kurz-Strasse wiederum existiert nur auf Navigationsgeräten und im Internet. Wenn dereinst die letzten baulichen Überbleibsel der Oerlikon Bührle AG plattgemacht und neu bebaut worden sind, wird dort, wo jetzt noch die Rheinmetall Defence ihre Hightechwaffen zusammenschraubt, ein weiterer kleiner Stumpenweg an die «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz erinnern. Sollte mit dem gleichen Konzept weitergemacht werden, wird auch ihr Name in null Komma nichts gleichgültig vom Stadtplan aufgesaugt werden und dort noch eine Weile als Teil des kollektiven Strassennamengedächtnisses herumschwirren. An die Oerlikon Bührle AG wird zu diesem Zeitpunkt vor Ort nichts mehr erinnern, ausser einer weiteren Strasse, die ebenfalls quer durch das ehemalige Werkgelände verlaufen wird. Bührlestrasse wird sie heissen. Der Text für die kleine Zusatztafel im typischen Zürichstrassenblau steht gemäss Protokoll bereits fest: «Emil Georg Bührle (1890–1956). Maschinenindustrieller (Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon), grosser Kunstsammler (Sammlung Bührle)» (vgl. «Emil G. Bührle: geschichtsneutralisiert» im Anschluss an diesen Text). So wird aus Neu-Oerlikon Neutral-Oerlikon.

Dabei spielen Denkmäler und Orte für die Etablierung eines kollektiven Gedächtnisses eine wichtige Rolle. Der französische Historiker Pierre Nora nannte sie «lieux de mémoire», Erinnerungsorte. Die Rütliwiese wäre in der Schweiz ein solcher, jene Kuhweide, die immer wieder herhalten muss für Inszenierungen aus Mythologie und Politik. Aber auch Neu-Oerlikon könnte ein «lieu de mémoire» sein, für die Industriegeschichte dieses Landes – und für seine Verstrickungen in den Zweiten Weltkrieg. Leider ist davon in Neu-Oerlikon bislang nichts umgesetzt worden. Es droht zu einem gedächtnisneutralisierten «lieu d’oubli» zu werden.

Dafür reicht heute der Ballenberg bis nach Neu-Oerlikon. Mit riesigem Aufwand wurde 2012 das Backsteingebäude hinter dem Bahnhof verschoben. Der ehemalige Verwaltungssitz der Maschinenfabrik Oerlikon stand dem Gleisausbau der SBB im Weg. Erst hätte das Haus abgerissen werden sollen, doch dann meldeten sich Stimmen zu Wort, die vor akutem Gedächtnisverlust warnten: Der alte Kasten müsse als identitätsstiftendes Denkmal erhalten werden. Und so steht das Haus, das früher recht imposant wirkte, heute recht verloren da, eingekeilt zwischen dem dicken Gleisstrang und dem massigen, um ein Vielfaches grösseren Neubau hinter ihm. Ein wenig wie das Gebäude in Monty Pythons Spielfilm « The Meaning of Life», das sich losgerissen hatte, um danach als Piratenschiff auf den Weltmeeren zu kreuzen (bevor es über den Rand der Welt ins Nichts stürzte).

Und schon steht eine neue Erinnerungsoffensive für Neu-Oerlikon an: Unter dem Motto «Ein Krokodil für Oerlikon!» soll eine jener einst dort gefertigten Lokomotiven dauerhaft als Denkmal ausgestellt werden. Vandalensicher.

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