Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

«Aber wehe, man schert aus»

Ein neues Buch erzählt die Geschichte des Treffpunkts Schwarzer Frauen in Zürich. Im Vorabdruck unterhält sich die Initiantin mit ihrer Tochter.

Von Bettina Dyttrich (Einleitung)

Alexa Meierhofer (links) im Gespräch mit ihrer Mutter Zeedah Meierhofer-Mangeli: «Viele Jahre habe ich mir blonde, glatte Haare gewünscht.» Foto: Damaris Betancourt

Einen eigenen Raum haben – das war für schwarze Frauen in Zürich Anfang der neunziger Jahre ein existenzielles Bedürfnis. Denn Treffen in Restaurants gerieten zum Spiessrutenlauf: «Die Männer im Lokal lachten, winkten, zwinkerten der Frauenrunde zu und sandten den Kellner mit anzüglichen Briefchen an den Tisch.»

1993 fanden sie einen Raum an der Manessestrasse und gründeten den Treffpunkt Schwarzer Frauen. Initiantin war Zeedah Meierhofer-Mangeli. In Kenia geboren, war sie 1979 als Studentin nach Zürich gekommen und hatte hier ihren Ehemann kennengelernt. Das Paar hat zwei Töchter. Heute arbeitet Meierhofer-Mangeli als wissenschaftliche Beraterin, Dozentin und Projektleiterin.

2010 verlor der Treffpunkt seinen Raum. Er lebt jedoch als Verein weiter und feiert dieses Jahr seinen 20. Geburtstag. Seit zwölf Jahren gibt es das Youth Forum für die junge Generation schwarzer SchweizerInnen. Dort war auch Zeedah Meierhofer-Mangelis Tochter Alexa aktiv. Sie wurde 1981 in Bülach geboren, hat Rechtswissenschaften studiert und macht jetzt einen Master in Betriebswirtschaft. Alexa Meierhofer lebt mit ihrem Partner zusammen und ist Mutter einer zweijährigen Tochter.

Dass AktivistInnen das Wort «Schwarz» grossschreiben, hat politische Gründe. «Es geht nicht um biologische Kategorien und nicht um Pigmentierung der Haut, sondern um ein Erbe und eine Geschichte», schreiben die Herausgeberinnen von «Terra incognita?».


Zeedah Meierhofer-Mangeli: … Ich komme aus einer Familie mit starken Frauen. Als ich in die Schweiz kam, war ich einfach nur ich. Aber dann, als ich Mutter wurde, musste ich eine neue Identität entwickeln. Mein Schwarzsein wurde auf mein Kind übertragen. Plötzlich musste ich mich nicht mehr nur für mich alleine wehren. Das begann schon im Spital. Die Hebamme, die mich nähte, grummelte ständig vor sich hin: «Man sieht ja nichts!» Und die Krankenschwester, die mir Blut abnehmen sollte, hat sich aufgeregt, weil sie versuchte, die Vene zu sehen, anstatt sie zu erfühlen. Ich habe stark geblutet, und ihr Kommentar war: «Gebären diese Leute immer so?»

Weisst du, das Reden über «diese Leute». Du warst ziemlich hellhäutig. Und immer wieder die Fragen und Kommentare. (…) Einmal kam eine Freundin mich besuchen, und wir sassen im Vorzimmer mit dir. Ich stillte dich. Und eine Frau kam herein und fragte, ob das mein Baby sei. Ich war so gekränkt! Ich dachte: Hält die mich für eine Art Sklavin, die der weissen Herrin das Kind stillt? Das Bewusstsein, dass ich mich wehren musste, auch für dich, kam früh. Und damit kam auch die Einsamkeit. Diese Not und das Bedürfnis nach Gemeinschaft war die Basis für den Treffpunkt. (…)

Alexa Meierhofer: Ich kenne diese Unterschiede in der Behandlung. Niemand würde eine weisse Schweizerin fragen, ob es ihr Kind sei, das sie stillt. Aber mit Schwarzen kann man das machen. Das ist der Respekt, den man Schwarzen Menschen entgegenbringt hierzulande …

Zeedah: Die Hemmschwelle ist tiefer.

Alexa: Genau.

Zeedah: Es gibt immer noch Leute, die zu mir «du» sagen. Aber manchmal denke ich, das hat nichts mit meiner Hautfarbe zu tun. (…)

Alexa: Unsere Freunde und Freundinnen durften dich nie duzen. Sie mussten immer Frau Meierhofer sagen, sogar meine ältesten und besten Freundinnen. Wir hatten viele Auseinandersetzungen, und ich habe zu dir gesagt: An dieser Stelle bin ich Schweizerin, und dein Verständnis von Respekt für ältere Menschen ist kenianisch. Aber wir müssen uns in der Mitte treffen, denn das ist mein Alltag und ich wachse hier auf. Wenn alle meine Freundinnen und Freunde meiner Mutter Frau Meierhofer sagen müssen, dann werde ich immer anders sein, ausgeschlossen. (…)

Zeedah: Es stimmt, dein Partner darf mich nicht Zeedah nennen. Er nennt mich entweder Mama Alexa, oder dann druckst er herum, weil er nicht weiss, was sagen. Ich sehe, wie er sich bemüht, das ist wahr.

Alexa: Wir könnten das ganze Buch mit dieser Frage füllen. Ich kann deine Position schon verstehen. Ich sehe auch, was es für dich auf der emotionellen Ebene bedeutet, was in deinem Herzen vorgeht. Es ist keine rationale Frage, es ist irrational.

Zeedah: So siehst du das?

Alexa: Ja. Es ist nicht so, dass deine Lebensqualität steigt, wenn du Frau Meierhofer genannt wirst.

Zeedah: Da hast du natürlich recht.

Alexa: Das bedeutet nicht, dass ich es nicht ernst nehme.

Zeedah: Weisst du, es ist mehr als eine Formsache. Es ist eine Frage der Beziehung. Wir glauben, dass Menschen Teil von Beziehungen sind und dass sie sie beeinflussen können. Und Beziehungen mit Menschen, die in dein Leben treten, ohne dass du Einfluss über die Beziehung hast, sind anders. Deine Boyfriends zum Beispiel. Sie kommen in mein Heim, fühlen sich zu Hause, ich koche für sie, sie leben mit mir, sie werden zu einem Teil meines Lebens. Es ist intensiv. Ich beginne, sie zu mögen. Und dann wird die Beziehung beendet. Ich kann mich an deine erste grosse Liebe erinnern, das war nicht gerade ein schöner Abgang. (…) Er kam immer und hat eine Unmenge Essen in Tupperware eingepackt – das Tupperware habe ich übrigens auch nie zurückbekommen. Ich habe überhaupt keine Kontrolle über diese Beziehungen. Und deshalb muss ich Distanz wahren. So sehen wir das.

Ich habe sechs verschiedene Namen. Wenn dein Vater auch Afrikaner wäre, würde er mich nicht Zeedah nennen. Es gibt für jede Beziehung einen anderen Namen. Dein Vater würde mich entweder Tochter der Mangelis oder Mutter seiner Kinder nennen. Ein anderes Beispiel: Niemand, der jünger ist als ich, würde es wagen, mich mit meinem Vornamen anzureden. Was aber auch bedeutet, dass ich Verantwortung für sie trage. (…)

Alexa: Beziehungen in Kenia sind völlig anders als hier. Wenn ich dort bin, übernehme ich auch sofort Verantwortung im Hause meiner Cousine. Ich sehe, wie die Titel den Kindern Sicherheit geben. Sie wissen, falls meinen Eltern etwas passiert, sind Auntie So-und-so und Uncle So-und-so da. Alle wachen über mich. Nicht nur Papa und Mama, sondern die ganze Gemeinschaft, der Clan, die Nachbarschaft. Und jetzt bin ich erwachsen, und die Kinder meiner Cousinen und Cousins nennen mich Auntie. Sie wissen, sollte ihren Eltern etwas zustossen, bin ich für sie da. Es ist eine total andere Familienstruktur, ein starker Zusammenhalt. Die Verantwortung scheint mir manchmal erdrückend, aber im Grossen und Ganzen erfüllt sie mich mit Sicherheit und Stolz. «Familie» ist weit mehr als bloss die nächsten Beziehungspersonen.

Zeedah: Du sagst, du hast dich manchmal ausgeschlossen gefühlt. Wer hat dich ausgeschlossen?

Alexa: Es hat in der dritten Klasse angefangen. Als die Kinder gemerkt haben, dass sie mich mit meiner Hautfarbe aufziehen konnten. Das machen Kinder ja nicht böswillig. Aber es hat mich wütend gemacht … und verletzt. Und ich konnte es auch nicht einfach ignorieren. Viele Jahre habe ich mir blonde, glatte Haare gewünscht, blaue Augen. Bevor du anfingst zu studieren, war eigentlich alles in Ordnung. Du bist mit uns ins Muki-Turnen gegangen, warst Mitglied im Kulturverein Mittwochsgesellschaft und hast dich überall wunderbar integriert. Aber als du beschlossen hast, nochmals zu studieren, war auf einmal überall zu hören: «Was erlaubt die sich eigentlich?» Wenn wir in der Stadt aufgewachsen wären, wärs vielleicht anders gewesen. Aber wir waren in Regensberg. Da lebten damals vielleicht total 550 Menschen. In der Schule war Rassismus ein Problem. Am ersten Tag in der Sekundarschule mussten wir uns vor dem Pult der Lehrerin aufreihen. Und als ich vorne war, hat mich ein Junge weggeschubst und gesagt: «Steh wieder hinten an, du Schoggibaum.» Niemand hat reagiert. Ich hatte so gehofft, dass die Odyssee der Primarschule endlich zu Ende wäre und ich in der Sek richtig neu anfangen könnte. Aber das war nicht. Wir hatten sogar eine Gruppe im Schulhaus, die sich Hitler-Jugend nannte, und die haben mich verprügelt. «Geh heim Baumwolle pflücken», sagten sie.

Zeedah: Die Lehrer haben nicht interveniert. Und ich habe davon erst sehr viel später erfahren.

Alexa: Das war Ende der neunziger Jahre in der Sekundarschule in Dielsdorf. Sophia und ich waren im selben Schulhaus. Als wir von der Primarschule in die Sek wechselten, schlug die Lehrerin vor, wir sollten in eine Sonderklasse mit allen anderen ausländischen Kindern, die von Exjugoslawien, Sri Lanka et cetera kamen und die kein Wort Deutsch konnten.

Zeedah: Sonderklasse E war das. Ich habe gegen die gekämpft. Der Schulpräsident stapfte, ohne anzuklopfen, in mein Haus und schimpfte mich aus: Meine Kinder würden Sozialfälle, wenn ich wieder die Schulbank drückte, das sei unverantwortlich von mir! Weil ich es wagte, eine Ausbildung zu machen.

Alexa: Solange man sich anpasst und dankbar ist, dass man dazugehören darf, ist alles in Ordnung. Aber wehe, man schert aus und tut etwas Aussergewöhnliches.

Zeedah: Ich ging ja nicht ins Ausland studieren, ich ging an die Schule für Soziale Arbeit in Zürich. Ich musste ein Au-pair-Mädchen anstellen, damit sie euch Mittagessen kochen konnte. Zuerst versuchte ich, im Dorf etwas zu organisieren. Aber es war schrecklich. Ich erhielt anonyme Briefe mit grauenhaftem Inhalt. Die einzige Person, die bereit war, euch Mädchen über Mittag aufzunehmen, war die Frau des damaligen Gemeindepräsidenten. Sie leitete ein Pflegeheim für alte Leute. Dort habt ihr eine Weile gegessen.

Alexa: Das war der reinste Horror. (…)

Zeedah: Du warst wütend auf mich.

Alexa: Ja, immer wieder. Im Nachhinein fand ich auch, du seist zu viel weg gewesen. Die Schule für Soziale Arbeit gipfelte im Diplom, und dieses bestand aus dem Projekt Treffpunkt Schwarzer Frauen. Und von da an … Du warst so selbstbewusst mit diesem Projekt, und es war ein Beweis dafür, dass du richtig gehandelt hattest … Von da an war der Treffpunkt auch ein wichtiger Teil meines Lebens, er war wie ein erweitertes Zuhause. Als du Klientinnen beraten hast an der Manessestrasse, in der Küche oder im Büro, sassen wir in einer Ecke im Treff und machten Hausaufgaben oder spielten. Wir trafen dort auch Kinder, die in der Schule Ähnliches erlebten. Wir hatten Treff-Weihnachten, Geburtstage, die Mittagessen natürlich. Du warst sehr engagiert, leidenschaftlich. Es war die erste Institution dieser Art hier, und es gab ein immenses Bedürfnis für dieses Angebot. (…)

Es war aufregend, immer war was los. Eine Auntie machte Musik, und wir gingen zu ihr in Tanzworkshops, eine andere führte verrückte esoterische Seminare durch, Auntie Sefa organisierte Flohmärkte mit Swissair-Sachen. Es war einfach immer was Tolles los, und wir hatten mehr Aunties, die sich um uns kümmerten, als Blutsverwandte – die sich ja auch geweigert hatten, uns einige Tage während der Schulferien aufzunehmen. Es sind vor allem gute Erinnerungen.

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