Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

Weihnachtssturm auf Lampedusa

Nach dem Schiffsunglück im Herbst schickten die europäischen Staaten Kriegsschiffe und Drohnen nach Lampedusa. Doch die Militarisierung bringe nichts, sagen die BewohnerInnen. Ein Besuch auf der italienischen Insel, die nicht aus den Schlagzeilen kommt.

Von Barbara Müller und Daniel Scherf, Lampedusa

Junge Männer müssen sich nackt ausziehen, dann werden sie mit kaltem Wasser und Desinfektionsmittel abgespritzt: Videobild aus dem «Empfangszentrum» auf Lampedusa, das im zweiten Kanal des staatlichen Senders RAI gezeigt wurde.

Ein Sturm fegte um die Weihnachtstage heulend über die italienische Insel Lampedusa. Windstärke 8 sei es gewesen, sagen die Matrosen später, mit Spitzen bis zu 75 Stundenkilometern. Einmal mehr legte für ein paar Tage keines der Schiffe an, die die Insel mit Lebensmitteln und andern Gütern des täglichen Bedarfs versorgen; die einzige Verbindung mit Sizilien besteht an solchen Tagen für die Bevölkerung aus täglich drei Flügen.

Einen Sturm medialer Art entfachte ein Video, das in den Nachrichten von TG 2, dem zweiten Kanal des staatlichen Senders RAI, gezeigt wurde. Der Syrer Khalid, wie ihn die Medien nennen, hatte es versteckt mit dem Smartphone im «Empfangszentrum» auf Lampedusa gedreht. Es zeigt, wie junge Männer reihenweise unter freiem Himmel nackt mit kaltem Wasser und Desinfektionsmittel abgespritzt werden. Das Prozedere soll zur Behandlung der Hautkrankheit Krätze dienen und «normalerweise» in einem Krankenzimmer vorgenommen werden. Aber was ist schon normal in diesem Zentrum, das häufig überfüllt ist? So auch in diesen Tagen: Für 497 MigrantInnen stehen 250 Betten zur Verfügung.

Nur den Auftrag ausgeführt

«Praktiken, die an Konzentrationslager erinnern», nannte das die Bürgermeisterin Giusi Niccolini im TV-Beitrag. «Ethnische Säuberung», titelte anderntags die Zeitung «Il manifesto». Überraschend sind die Zustände für die EntscheidungsträgerInnen allerdings nicht: EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso, Italiens Regierungschef Enrico Letta und viele andere PolitikerInnen kamen nach der Schiffstragödie vom 3. Oktober 2013 auf die Insel, nachdem 366 Flüchtlinge ihr Leben verloren hatten. Sie wussten also um die beengten Zustände im Zentrum.

«Ich habe nur einen Auftrag ausgeführt», sagte der Mann mit dem Schlauch zu den JournalistInnen. «Ich hatte keine andere Wahl», klagte die Ärztin. «Wir haben nur die vorgesehenen Protokolle angewandt», meinte der Vizedirektor beschwichtigend. Immerhin: Drei Tage später kündigte Innenminister Angelino Alfano an, den Vertrag mit der privaten Zentrumsbetreiberin aufzulösen; daraufhin entliess das Unternehmen den Direktor und dessen Vize – weggefegt noch vor dem Sturm.

Aufgrund dieses Skandals besuchte Khalid Chaouki das Zentrum, ein junger Parlamentsabgeordneter des Partito Democratico mit marokkanischen Wurzeln. Chaouki sagte, er wolle das Zentrum nicht mehr verlassen, bis die letzten MigrantInnen verlegt worden seien. Mit kritischer Solidarität reagierten VertreterInnen der ausserparlamentarischen Linken und der Basisbewegungen, die mitten in den Vorbereitungen eines grossen Treffens Anfang Februar stecken, an dem eine noch nicht näher definierte «Charta di Lampedusa» entwickelt werden soll. Sie schrieben an Chaouki, dass sie seinen Protest unterstützen, obwohl seine Partei Gesetzesverschärfungen befürwortete, die solche Zentren überhaupt erst ermöglichten, und obwohl er der europäischen Militäroperation «Mare Nostrum» zugestimmt hatte, weil sie manche Menschenleben retten würde.

Immerhin: Einige Tage später, vielleicht unter dem Eindruck der angekündigten Streichung von EU-Geldern, wurden viele der ZentrumsinsassInnen nach Rom verlegt – weggeflogen mit Flugzeugen der Poste Italiane.

Uniformen in allen Farben

Übrig blieben zehn EritreerInnen sowie sieben Syrer – und damit ausgerechnet jene, die schon am längsten im Zentrum verweilen, als Überlebende der Bootstragödie vom 3. Oktober. Sie müssen sich als ZeugInnen zur Verfügung halten für den Untersuchungsrichter, der sich um die Weihnachtstage in den Ferien befand. Gemäss Gesetz dürfen MigrantInnen maximal 96 Stunden in einem Empfangszentrum wie dem auf Lampedusa untergebracht sein – bei den siebzehn Überlebenden sind es demnächst 96 Tage.

«Wenn ich das Zentrum durch das Loch im Zaun verlasse, begehe ich eine illegale Tat. Wenn ich es wieder betrete, ebenso», sagt Merhaui Aman*, einer der Eritreer. «Natürlich, wir werden von den Militärs oder von den Carabinieri abgetastet, wenn wir zurückkommen. Strafen gibt es keine. Aber auch sonst gibt es nichts: keine Möglichkeiten, sich irgendwie zu beschäftigen, weder Spiele noch Fernseher. Auch kaum Hilfe, wenn dies jemand brauchen würde – immer wird nur nach den Carabinieri gerufen. Einzig in den zwei Wochen nach dem Unglück war eine psychologische Betreuung anwesend.»

Lampedusa Ende 2013 heisst: geschätzte 1500 Sicherheitskräfte auf rund 6000 EinwohnerInnen, heisst: Jeeps und gepanzerte Fahrzeuge, täglich Helikopter- und Militärflüge. Es bedeutet aber auch willkommenen Winterumsatz für einige Hotels, Restaurants und Bars, die zuweilen angefüllt sind mit Uniformen in allen Farben. Die Kriegsschiffe der Nato patrouillieren weiter draussen. So sieht die Militarisierung des Mittelmeers durch die Operation «Mare Nostrum» und das europäische Grenzüberwachungssystem Eurosur aus.

«Die Lampedusani wissen, dass die Militärpräsenz nichts nützt. Auch wenn Lampedusa das Tor zu Europa ist – es gibt hier nichts zu verteidigen. Überdies, angesichts der vielen Schiffe der europäischen Grenzagentur Frontex, der Drohnen von Eurosur, all dieser Instrumente und Überwachung: Wie kann es sein, dass immer noch so viele Boote abfahren und nicht ankommen?», fragt Alessia Calderazzo vom Kulturkollektiv Askavusa, das die Flüchtlinge unterstützt.

Dass in Italiens Asylwesen ein Notstand herrscht, ist unbestritten. Nach dem Suizid eines 21-jährigen Eritreers blockierten Tausende MigrantInnen aus dem riesigen Empfangszentrum in Mineo auf Sizilien die Strasse, und im Ausschaffungszentrum Ponte Galeria in Rom nähten sich acht junge Männer aus dem Maghreb aus Protest die Lippen zu. Überhaupt: Angesichts der entwürdigenden Zustände häufen sich in den überfüllten Zentren Panikattacken, Selbstverstümmelungen und Suizide. «Diese Zentren sind Pulverfässer, sie können jederzeit explodieren», meint denn auch ein hoher Polizeioffizier hinter vorgehaltener Hand.

Die Lampedusani hätten die Negativschlagzeilen zum Jahresende nicht auch noch gebraucht. In der Bäckerei, beim Gemüsehändler und in den Bars hört man Stimmen der Beschämung. Denn die historisch verbürgte Gastfreundschaft der Lampedusani wird mit diesen Schreckensbildern und durch die unwürdigen Zustände im «Empfangszentrum» beleidigt. Aber protestieren mochte niemand.

Der Archivar Nino Taranto, darauf angesprochen: «Die Lampedusani sind müde und nicht mehr fähig, sich zu vereinen, um zu protestieren. Zu viele leere Versprechungen, zu viele enttäuschte Hoffnungen.» Die Resignation richtet sich jedoch ausschliesslich gegen den Staat und die PolitikerInnen sowie die Militarisierung als Folge der Migration und nicht gegen die MigrantInnen. Im Gegenteil: Auf individueller Ebene gibt es einige Zeichen von Solidarität.

Einladung an MigrantInnen

Taranto bewirtet seit langem jeden Abend eine Gruppe EritreerInnen in seinem «Archivio Storico» und führt ihnen Musik und Filme aus der Heimat vor. Er sagt: «Unser Verein war in diesen Monaten den jungen Menschen nahe, die auf Lampedusa auf der Suche nach einer besseren Zukunft gestrandet sind. Allein schon zu sehen, wie sie lachen und für einige Momente die Tragödie vergessen, die sie auf ihren Schultern tragen, war für uns eine schöne Befriedigung.»

An Weihnachten luden Familien MigrantInnen zu sich nach Hause ein, weil die Kirche und die Gemeinde sich nicht trauten, offiziell etwas zu organisieren. Einzelne Gesten, gewiss, aber sie zeugen davon, dass Lampedusa aufgrund seiner geografischen Lage – näher dem afrikanischen als dem europäischen Festland – seit Jahrtausenden ein Ort des Durchgangs und des Zusammenlebens verschiedener Kulturen und Religionen ist, eine natürliche Brücke zwischen zwei Kontinenten.

Die InselbewohnerInnen wissen: Wenn sich das Meer wieder beruhigt hat, werden die nächsten MigrantInnen kommen. Und tatsächlich: In den ersten beiden Tagen des neuen Jahres sind über tausend Flüchtlinge auf mehreren Booten vor der Küste Lampedusas aufgegriffen und nach Sizilien gebracht worden. Geschätzte 34 000 MigrantInnen waren es im abgelaufenen Jahr. Immerhin: Khalid, der das Video im Zentrum drehte, gelang am Sonntag nach Weihnachten die Weiterreise, unbemerkt mit der Fähre. An Neujahr befand er sich bereits ausserhalb Italiens – dem Radarschirm der Carabinieri entwischt.

* Name der Redaktion bekannt.

Eine Stellungnahme des Kulturkollektivs Akavusa finden Sie unter www.tinyurl.com/m7co6fu. 
Das Video des Syrers Khalid im Beitrag von TG 2 ist auf www.tinyurl.com/klvskvt zu sehen.

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