Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Eine farbige Stadt für alle

Auf dem Labitzke-Areal in Zürich Altstetten geht ein Wohn- und Kulturexperiment zu Ende, von dem fast alle profitierten – sogar die BesitzerInnen verdienten gut daran. Jetzt muss es noch lukrativeren Nutzungen weichen.

Von Yves Kramer

«Wenn ich auf diesem Gelände bin, habe ich das Gefühl, ich könnte irgendwo auf der Welt sein. In Zürich oder in Kairo, in Buenos Aires oder in Berlin. Geräusche, Gerüche, Gesichter und Geschichten kommen von weit weg und ganz nah», schreibt die Bewohnerin des Zürcher Labitzke-Areals und freie Kultur- und Medienarbeiterin Agata* in der Zeitung, die im vergangenen Jahr auf dem Areal produziert worden ist.

Inzwischen sind viele der Geräusche auf dem Gelände in Zürich Altstetten verstummt. Die Gerüche haben sich verflüchtigt, die Gesichter sind weg. Und der einzigartige Labitzke-Mikrokosmos, über den im letzten Herbst in unzähligen Medienberichten gestaunt wurde («Sachen gibts, die gibts gar nicht!», «Tages-Anzeiger»), ist selbst Geschichte geworden. Mit einem «Veranstaltungs-Countdown» wurde über die Festtage zusammen mit «Tausenden von Gästen» nochmals zünftig gefeiert – ganz so, als gäbe es kein Morgen.

Die Immobilien-Investmentfirma Mobimo verkündete dagegen im Dezember: «Die Zukunft des Labitzke-Areals beginnt jetzt.» Zwei Jahre nach dem Erwerb des gut 10 000 Quadratmeter grossen Areals für geschätzte 35 Millionen Franken macht sie nun ernst: Die in die Jahre gekommenen Industriebauten sollen acht Gebäuden, darunter zwei 45 Meter hohen Wohntürmen, Platz machen. Insgesamt plant die Mobimo für «UrbanistInnen» 245 Miet- und Eigentumswohnungen im «mittleren Preissegment».

Alles schien bei der Mobimo bestens eingefädelt: Die Abbruchbewilligung des Kantons lag vor, die Bewilligung des Projekts betrachtete man als reine Formsache, und die Auszugsmodalitäten mit den aktuellen NutzerInnen waren geklärt. Dem Autonomen Beauty Salon (ABS), einem seit 2011 besetzten Barackenensemble, gewährte man eine Verlängerung bis Ende März, und zwei Wohnateliers erhielten eine Mieterstreckung bis Ende Februar. Die restlichen MieterInnen sollten am 3. Januar ihre Schlüssel abgeben und Bauarbeiter die Räume gleich unbewohnbar machen.

Doch in der Nacht davor durchkreuzten neue BesetzerInnen diese Pläne, indem sie einen Teil der Gebäude in Beschlag nahmen. Eine Mietpartei verweigerte zudem den Auszug, weshalb sie nun in einem gerichtlichen Ausweisungsverfahren steckt.

BesetzerInnen und MieterInnen zweifeln am ehrgeizigen Fahrplan des Bauprojekts und kritisieren die Mobimo, sie betreibe «Abriss auf Vorrat». Die Mobimo ihrerseits verlangte eine umgehende Räumung. Doch die Stadt lehnte ab und beraumte Gespräche an (vgl. «Gnadenfrist bis März» im Anschluss an diesen Text).

Moschee neben Bordell

Gustav Labitzke ist der Namensgeber des Areals. Der schlesische Emigrant gründete 1912 auf dem Gelände eine Fabrik, in der knapp achtzig Jahre lang Farben aller Art hergestellt wurden. Danach standen die Gebäude kurze Zeit leer, bis der Immobilienhändler Fredy Schönholzer, der auch im Rotlichtmilieu mitmischt, das Areal kaufte. Schönholzer hatte nicht vor, gross Geld in die drei alten Fabrikbauten zu stecken. So mussten sich die neuen MieterInnen mit wenig Komfort begnügen. Im Gegenzug konnten sie in ihren Räumen fast nach Belieben schalten und walten, Wände bemalen oder Kojen einbauen. Hauptsache, sie zahlten ihre Miete.

«Schönholzer hatte keinen urbanistischen Plan, er hatte einfach alte Fabrikgebäude zu füllen und wollte Geld dafür», stellt Agata gegenüber der WOZ fest. So entstand im Lauf der Jahre ein abenteuerlicher MieterInnenmix: Pneuhändler neben Kulturwerkstatt, Moschee neben Bordell, Nachtclub neben Architekturbüro, portugiesischer Treff neben Flamencoschule – und mittendrin mehrere experimentelle Wohngemeinschaften und Ateliers, die das Bild des Areals nach aussen massgeblich prägten.

Im Fabritzke, dem ältesten Wohnatelier auf dem Areal, waren nicht nur die Feste mit ihren vielen Gästen aussergewöhnlich, sondern auch das gemeinschaftliche Wohnen in einer offenen Halle. Privatsphäre hinter geschlossenen Türen gab es hier nicht. Umso grösser war dafür die gemeinsame Fläche, in der Wohnen mit Kunst und Aktivismus verschmelzen konnte.

Die Wohnateliers auf dem Areal strahlten denselben Charme aus, den man auch von besetzten Häusern kennt, die mit viel Leidenschaft und Do-it-yourself-Ethos neu belebt werden. Die Bricolage, die durch die freie Aneignung entstanden war, wirkte ausgefallen, bunt, faszinierend – und verzauberte so manchen, wie der Journalist des «Tages-Anzeigers» nach einem Rundgang schrieb. Wer die Ateliers besuchte, wusste danach: Wohnen wäre auch anders möglich. Und so könnte man die Möbel, die von der Decke hingen, auch sinnbildlich sehen: Die Schwerkraft des Konventionellen schien in diesen Räumen ausser Kraft gesetzt. Die ökonomischen Gesetze allerdings nicht: Die Freiheit, sich einzurichten, wie man will, kostete zum Beispiel für eine WG mit 250 Quadratmetern rund 4000 Franken Miete (inklusive Nebenkosten).

«Verdichtete Unterschiedlichkeit»

Für Agata war das Labitzke-Areal eine Art «Insel in der Stadt», keine der Seligen allerdings, sondern eine echte, lebenspralle, eine mit Reibung, Widerspruch und Lärm. Den Labitzke-Mikrokosmos, den zuletzt rund 150 Menschen bildeten, zeichnete eine «verdichtete Unterschiedlichkeit» aus, die in Zürich einzigartig war. Der französische Soziologe Henri Lefebvre propagierte mit diesem Begriff eine lebendige Stadt, in der viele verschiedene Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Erst die «verdichtete Unterschiedlichkeit» macht eine Stadt zur Stadt, macht sie aufregend, unberechenbar, unübersichtlich. Und sie ist ein Statement gegen die fortschreitende Segregation, ein Gegenentwurf zur «verdichteten Einheitlichkeit», die Bauprojekte wie das der Mobimo auf dem Labitzke-Areal in der Regel erzeugen.

Doch das Nebeneinander auf dem Labitzke-Areal konnte auch Nerven kosten: «Wie soll man schlafen, wenn im unteren Stock die ganze Nacht laute Musik läuft?», fragt Agata. «Wie Allah ruhig anbeten, wenn nebenan die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden stöhnen? Wie sein glänzendes Auto guten Gewissens vor dem Pneuhändler parkieren, wenn dort gerade Autonome, Punks und Hippies herumstreunen?» Doch die gegenseitige Toleranz auf dem Areal sei erstaunlich gross gewesen, findet Tom*, ein Ethnologe und freier Journalist, der schon mehrere Jahre im Fabritzke wohnt.

Trotzdem scheiterte der Versuch, gemeinsam gegen die Mobimo vorzugehen. «Die bange Frage, ob in der Stadt noch Platz für uns ist, stellten sich zwar so gut wie alle hier. Um sich aber gemeinsam gegen den Abriss auf Vorrat zu wehren, hätte es wohl stärkere Bande untereinander und mehr Vertrauen gebraucht», meint Tom. Zudem habe die Mobimo ihre Muskeln spielen lassen und mit happigen Konventionalstrafen bei verspätetem Auszug gedroht. Die Rede ist von tausend Franken pro Tag.

Wem gehört Zürich?

Die Stadt ist beliebt, die Wohnbevölkerung wächst, bald werden wieder wie in den sechziger Jahren 400 000 Menschen in Zürich wohnen; die Bodenpreise sind hoch, die Mieten auch – kurz: Zürich boomt, und das schon seit mehr als fünfzehn Jahren. Die InvestorInnen reiben sich die Hände, der Boom lässt die Kassen klingeln – und die Stadt zu einem «Portfolio von Anlagemöglichkeiten» verkommen, wie Christoph Twickel in seinem Buch «Gentrifidingsbums» schreibt.

Lange galt Altstetten, das 31 500 EinwohnerInnen zu Zürichs grösstem Quartier machen, als urbanes Mauerblümchen, an dem InvestorInnen vorbeischauten. Inzwischen liegt das Labitzke-Areal mitten in einem Entwicklungsgebiet, in dem hoch verdichtetes Bauen möglich ist. Die Mobimo ist da keine Vorreiterin, den Weg haben andere bereitet, allen voran das Projekt «Takt 9» von Migros-Pensionskasse und Credit Suisse. Takt 9, sagt Andreas Hofer, Architekt und Projektentwickler für Genossenschaften, habe für Altstetten Pioniercharakter gehabt. Der markante Wohn- und Gewerbebau, 2007 fertiggestellt und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Labitzke-Areal gelegen, habe der Branche gezeigt, dass es sich auch in diesem Gebiet rechne, Wohnungen für «Lifestyle-UrbanistInnen» mit dem nötigen Kleingeld zu bauen.

Die einen kommen, dafür müssen die anderen gehen. Auch auf dem Labitzke-Areal heisst Aufwertung – oder besser Inwertsetzung –, dass die Menschen, die nicht ins Schema F der InvestorInnen passen, selbst schauen müssen, wo sie bleiben. Im neuen Projekt kommen sie nicht vor. So zieht, um nur zwei Beispiele zu nennen, der albanische Kulturverein aus der Stadt nach Schlieren, und der portugiesische Treff steht ohne Ersatzlokal da. Diese Verdrängung ist doppelt störend – denn, so schreibt Twickel: «Investoren nutzen Milieus, Atmosphären, soziale Mischungen für die Performance ihrer Anlagen, verdienen also Geld mit Umständen, die sie nicht geschaffen haben und die ihnen nicht gehören.»

Einen Ort wie das Labitzke-Areal kann man nicht planen. Doch es braucht Gebäude und Gelände, die das Unvorhergesehene zulassen, die man zwischennutzen, besetzen, umgestalten kann. Im Zug der Deindustrialisierung gab es solche Orte in Zürich vorübergehend zuhauf. Heute sind sie praktisch alle dem «Verwertungsdruck» zum Opfer gefallen. Doch jede lebendige Stadt braucht Orte, «die sich nur schwer in geregelte Eigentums- und Nutzungsverhältnisse überführen lassen, weil sie ökonomisch und sozialpolitisch aus dem Raster fallen», schreibt Twickel. Sie sind ihr Humus, ihr Katalysator.

Ein anderer Katalysator könnten innovative Genossenschaften sein, zumal die ZürcherInnen im November 2011 mit grosser Mehrheit dem Ausbau des gemeinnützigen Wohnungsbaus zustimmten. «Aber auch für Genossenschaften ist es schwierig, unter den momentanen Bedingungen in Zürich günstigen Wohnraum zu erstellen», sagt Andreas Hofer.

Wie weit verbreitet inzwischen das Unbehagen in der Bevölkerung ist, zeigte sich Ende Oktober bei der Demonstration «Wem gehört Zürich?». Der bunte Umzug mit mehreren Tausend TeilnehmerInnen setzte ein eindrückliches Ausrufezeichen gegen eine rein profitorientierte Stadtentwicklung. Und der Widerstand von unten werde weitergehen, sagt die Stadtsoziologin und Aktivistin Vesna Tomse. «Für das Frühjahr ist eine Aktionswoche in Planung, ebenso eine weitere grosse Demonstration.»

Dort werden auch die verbliebenen Labitzke-AktivistInnen, wo immer sie dann untergekommen sein werden, wieder mitmischen. Tom betont: «Uns geht es um mehr als ein paar alte Gebäude oder ein paar Monate Verlängerung.» Es geht um das Recht auf Stadt, auf eine Stadt, die farbig bleibt.

* Alle Stimmen aus dem Labitzke-Areal sind mit Pseudonymen versehen.

Nachtrag vom 15. Januar 2014

Labitzke-Areal: Baubewilligung erteilt

Letzten August brauchte es ein grosses Polizeiaufgebot, um das besetze Labitzke-Areal in Zürich Altstetten zu räumen. Seither liegt das Gelände brach. Nun hat der Stadtrat der Mobimo AG die Bewilligung erteilt, dort 281 Wohnungen zu bauen. Geplant sind acht neue Gebäude – zwei davon Hochhäuser in der Höhe von 47 und 64 Metern. Gezeichnet wurden die Pläne von den Zürcher ArchitektInnen Gigon/Guyer. Der Baubeginn könne erst nach Ablauf der dreissigtägigen Rekursfrist genau festgelegt werden, teilt Mobimo mit. Ziel sei es aber, die Wohnungen bis Ende 2017 fertigzustellen. Die Baukosten betragen 150 Millionen Franken.

Jahrelang hatten sich die BesetzerInnen der ehemaligen Farbenfabrik gegen den Abriss gewehrt. Bei der Räumung im Sommer waren dreizehn Personen verhaftet worden – die BewohnerInnen waren teils auf die Dächer geklettert, um den Einsatz zu verhindern. Bis dahin war auf dem Gelände ein Mikrokosmos für Kultur und Diskussionen entstanden. Der vorläufig letzte Protest fand an Heiligabend statt, als sich rund 150 Personen auf dem geräumten Areal versammelten, um gegen das Mobimo-Projekt zu protestierten. Die ehemaligen BewohnerInnen forderten einen Stopp der Gentrifizierung in der «Designerstadt Zürich».

Bisher gab es keine Meldungen zu eingegangenen Rekursen beim Hochbaudepartement der Stadt Zürich.

Nina Kunz

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