Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Wenigstens ein friedlicher Frauentag?

Frauen hatten entscheidend zum Sturz des Regimes von Hosni Mubarak beigetragen. Sie werden aber weiterhin systematisch ausgegrenzt. Eine junge Aktivistin der ersten Stunde erzählt.

Von Mariam Kirollos, Kairo

«Wir werden angegriffen!» Das waren die einzigen Worte einer ägyptischen Frauenrechtsanwältin, mit der ich telefonierte, als ich vor drei Jahren auf den Tahrirplatz zuging, um zum Marsch anlässlich des Internationalen Frauentags vom 8. März zu gelangen. Das war nicht einmal einen Monat nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak. An diesem Tag wurde die Demonstration, an der Hunderte Frauen und einige Männer teilnahmen, von ein paar Dutzend Gegendemonstranten gestört und attackiert. Sie forderten den «Sturz der Frauen».

Wir waren auf dem Boden der Realität gelandet. Zuvor hatten wir schwärmerische Tage des Protests erlebt – vereint gegen ein korruptes Regime, das alle ÄgypterInnen unterdrückte: Männer, Frauen, Muslime, auch Kopten und weitere Minderheiten. Als ägyptische Frau dachte ich, die Revolution vom 25. Januar 2011 würde unsere Republik in eine helle Zukunft führen und den BürgerInnen Menschenrechte garantieren. Das war leider nicht ganz der Fall.

Der Traum von Gleichberechtigung

Nachdem Mubarak am 11. Februar 2011 zurückgetreten war und seine Macht an den Obersten Rat der Streitkräfte übertragen hatte, wurden die Grundrechte, insbesondere das Versammlungsrecht für friedliche Demonstrationen, weiterhin krass verletzt. Doch auch der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens, Muhammad Mursi, enttäuschte unsere Hoffnung. Verstösse gegen Grund- und Menschenrechte blieben alltäglich.

Als Frau, die sich an Demonstrationen gegen die verschiedenen Regimes beteiligte – ob sie nun islamistisch waren oder militaristisch –, träumte ich von einer neuen ägyptischen Gesellschaft, die Frauen als gleichberechtigte Bürgerinnen akzeptiert. Ich strebte etwa das Recht auf sichere öffentliche Räume an, entgegen der bisherigen sexuellen Gewalt. Der Staat ignorierte diese gesellschaftliche Gewalt und zog die Täter nicht zur Rechenschaft.

Alle Staatsführungen, die sich in den letzten drei Jahren ablösten, waren Komplizen bei der Verletzung von Frauenrechten, speziell was sexuelle Gewalt gegen Protestierende anbetrifft.

Der Einsatz von sexueller Gewalt als politisches Mittel gegen protestierende Frauen geht auf den 25. Mai 2005 zurück. An diesem «Schwarzen Mittwoch» wurden Demonstrantinnen von Polizisten in Zivilkleidung und Schlägern der regierenden Nationaldemokratischen Partei gezielt angegriffen. Die Frauen demonstrierten damals gegen Verfassungszusätze, die Mubarak ermöglichten, die Präsidentschaft an einen Sohn weiterzuvererben.

Im November 2012 gründete ich zusammen mit anderen die Aktivistinnengruppe Operation gegen sexuelle Belästigung und Angriffe «OpAntiSH», um während Protesten Frauen vor Übergriffen zu schützen. Am zweiten Jahrestag des Revolutionsbeginns, am 25. Januar 2013, stellten wir an einer Grossdemonstration auf dem Tahrirplatz neunzehn Fälle sexueller Angriffe durch Gruppen fest; eine Frau wurde mit einem scharfen Objekt vergewaltigt.

Während der Proteste gegen Präsident Mursi im letzten Sommer dokumentierten «OpAntiSH» und eine weitere Organisation mindestens 186 Fälle sexueller Gewalt – von sexueller Belästigung durch Gruppen bis hin zur Vergewaltigung von mindestens drei Demonstrantinnen. Gemäss unserer Dokumentation waren wohl einzelne Angriffe geplant; Freiwillige unserer Organisation und andere ZeugInnen sagten aber aus, dass sich viele Umstehende spontan an der Gewalt beteiligten.

Zwiespältige politische Situation

Bis vor kurzem ist sexuelle Belästigung von weiten Teilen der Gesellschaft noch als «flirten» bezeichnet. Das allein macht schon klar, dass wir uns mit einem Dickicht aus Verleugnung und Misogynie auseinandersetzen müssen, wenn wir die Epidemie der sexuellen Gewalt eindämmen wollen. Hat nun die aktuelle Übergangsregierung handfeste Massnahmen angepackt, um dies zu tun? Ich fürchte, dass sich die positiven Schritte auf Artikel 11 der neuen ägyptischen Verfassung beschränken: Nach ihm sollen Frauen vor «jeglicher Form der Gewalt» geschützt werden. Ankündigungen von konkreten Reformen bei den Sicherheitskräften, im Bildungs- und Gesundheitssystem, im Mediensektor und anderswo werden hingegen wohl leere Versprechen bleiben.

Wie sich die jetzige zwiespältige politische Situation weiterentwickeln wird, ist schwer vorherzusagen. Im Licht – oder eher in der Dunkelheit – der vorherrschenden Straflosigkeit kann ich jedoch nicht sehr optimistisch sein. Recht und Gerechtigkeit können von militärisch geprägten Institutionen, die dies selbst nicht vorleben, kaum durchgesetzt werden.

Ich kann nur auf einen friedlichen Internationalen Frauentag am Samstag hoffen. Und darauf, dass Staat und Gesellschaft – Frauen und Männer – erkennen, dass das bisherige Bestreben, Frauen von der öffentlichen und politischen Arena auszuschliessen und sie zu marginalisieren, schädlich ist. Denn dies schwächt nur den Kampf für Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Aus dem Englischen von Markus Spörndli.

Die Ägypterin Mariam Kirollos ist eine feministische Aktivistin und Menschenrechtsanwältin.
Sie ist Gründungsmitglied der Operation gegen sexuelle Belästigung und Angriffe «OpAntiSH», einer Aktivistinnengruppe, die protestierende Frauen vor Übergriffen schützt durch Aufklärungsarbeit, Hotlines oder Rechtshilfe.

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