Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Die Bastion der Flüchtlinge

In Berlin-Kreuzberg halten MigrantInnen seit über einem Jahr eine Schule besetzt. Während die BewohnerInnen das Zusammenleben zu meistern versuchen, wächst die Kritik von aussen.

Von Jan Rübel (Text) und Sascha Montag (Foto), Berlin

200 Flüchtlinge haben sich seit Dezember 2012 in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg eingerichtet.

Der Schulhof liegt verwaist in Berlins Morgenfrost, als ein kleiner dünner Mann in Schlappen, Shorts und Shirt aus dem ehemaligen Sportpavillon kommt. «Bloss in Bewegung bleiben», sagt er mit zitternden Lippen, «noch immer kommt nur kaltes Wasser aus den Duschen.» Er weicht den grossen Müllbergen auf dem Pflaster aus, sprintet die breite Schultreppe hinauf in den ersten Stock des wuchtigen Zentralbaus, vorbei an Matratzenlagern und einem schiefen Weihnachtsbaum mit goldfarbenem Lametta. Es riecht nach Urin. Der Boden unter den Füssen klebt. «Hier», sagt er lächelnd und schlüpft in ein Ein-Mann-Rundzelt in einer Flurecke. Mo ist Anfang zwanzig und kommt aus dem Sudan. Er sieht in der Schule ein Refugium für die «Zwischenzeit». Über die Türkei, Griechenland und Italien hat er sich nach Deutschland durchgeschlagen. Hier suche er Freiheit, einen Job, eine Wohnung, eine Familie.

Das «Gesetzlosen-Haus»

Zwischen 150 und 200 Menschen wohnen in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Manche haben irgendwo in Deutschland Asyl beantragt, andere sind ohne Papiere oder Aufenthaltsgenehmigung hier. Auch Menschen, die über Lampedusa nach Deutschland gekommen sind, leben in den Klassenräumen. Sie alle strandeten vor einem Jahr im Haus, das ein Ausläufer des Protestcamps am Kreuzberger Oranienplatz ist. Aus ganz Deutschland hatten sich Flüchtlinge zusammengetan, um für eine Aufhebung der Residenzpflicht für AsylbewerberInnen und ein Recht auf Arbeit zu demonstrieren (vgl. «Fünfzehn Monate Zeltlager in der Hauptstadt» im Anschluss an diesen Text). Als der Winter nahte, besetzten sie die leer stehende Schule als Rückzugsraum. Seitdem kommt die Stätte nicht mehr aus den Schlagzeilen. «Wer bringt das Gesetz ins Gesetzlosen-Haus?», titelte das Boulevardblatt «B.Z.». «An dieser Schule traut sich kein normaler Mensch aus Angst mehr vorbei», liess sich der Kreuzberger CDU-Vertreter im Berliner Abgeordnetenhaus, Kurt Wansner, zitieren. Am 13. Januar stellte er gegen Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann Strafanzeige wegen Untreue und Förderung von Straftaten. Die Grüne duldet die Flüchtlinge im Haus, dreht ihnen Strom und Heizung nicht ab.

Ein Anruf bei Kurt Wansner. Nein, persönlich habe er vor Ort keine negativen Erfahrungen gemacht. «Aber dort wird massiv mit Drogen gehandelt. Familien machen schon jetzt einen grossen Bogen ums Haus.» Draussen vor der Schule flaniert Kreuzberg. Mütter mit Kindern, Teenager und junge Erwachsene. Angst sieht anders aus.

In der Aula, dem grössten Raum der Schule, liegen die Matten dicht an dicht, aber sie verlieren sich unter der hohen Holzdecke. Hell ist es und sauber, die Heizkörper aus Stahlblech strahlen Wärme aus. Rund dreissig junge Männer wohnen hier. Konstant wird der Boden gefegt. Was in den Gemeinschaftsräumen beim Saubermachen nicht klappt, geht umso penibler in den einzelnen Zimmern. Von hinten dringt Currygeruch herüber. Auf zwei Kochplatten kocht ein Trio aus Mali Spaghetti mit Fleischstücken, ein paar bulgarische Mitbewohner rücken von der Fensterecke heran und langen mit Löffeln in den grossen Topf.

Die Gerhart-Hauptmann-Schule ist wie aus Zeit und Raum gefallen. Ihre BewohnerInnen verharren zwischen Verdruss und Hoffnung. Zwischen Traumata von früher und Aufbruch heute, der Sehnsucht nach Ankommen. Und manchmal entladen sich all diese Gefühle in einem einzigen Moment.

In der Aula klappt das Miteinander

Es beginnt mit zwei Gläsern, die ein Mann laut auf den Tisch stellt. Dann läuft er im Kreis herum, nähert sich uns. Brüllt plötzlich los. «Ihr verletzt unsere Privatsphäre! Was wollt ihr? Warum denkt ihr alle, dass wir schlecht sind? Ihr seid scheisse! Scheisse!» Er ballt die Hände zu Fäusten. Rasch springen andere auf, halten ihn zurück. Die Nerven liegen blank.

Der Mann setzt sich kerzengerade auf seine Matratze. Ein Freund redet auf ihn ein. Plötzlich legt sich die Spannung, er lehnt sich zurück. Zwei Jungs schnappen sich einen Stoffball und dribbeln los, kurven um einen Bärtigen, der sein Handtuch für das Gebet gen Mekka auf den Boden legt. Weiter hinten klirren Flaschen: Das Einsammeln von Pfandflaschen auf den Strassen Berlins ist für viele das einzige Einkommen.

Wladimir kennt dieses Auf und Ab. Er fährt sich mit der Hand den Hals entlang, ein verkrusteter kleiner Blutkratzer läuft hinab bis zu Spritzern auf dem weissen Hemd. «Heute Nacht kam jemand aus dem Nebenraum, wollte etwas stehlen. Ich wachte auf, wir verjagten ihn.» Eine halbe Stunde später sei der Mann mit einem Messer wiedergekommen, habe damit herumgefuchtelt und Reizgas versprüht. Wladimir lächelt. «Keine Verletzten.» In seiner Heimat Bulgarien sei er Polizist gewesen, eine Verletzung habe ihn aus dem Job katapultiert. Am nächsten Morgen habe man die Angelegenheit mit den Männern von nebenan geklärt. Allein mit Worten, Entschuldigungen angenommen. So macht man das im Haus der «Gesetzlosen». In manchen Räumen wohnen nur GhanaerInnen oder nur TunesierInnen, das kann Misstrauen schaffen zwischen den Zimmern. Ein Flur ist für Frauen reserviert. In der Aula aber kommen sie alle zusammen und miteinander aus.

Draussen wächst die Skepsis. «Kaum jemand traut sich mehr hinein», schreibt der «Tagesspiegel» – «ausser der Polizei.» Die muss bei Konflikten zwischen BewohnerInnen zuweilen mit einer Hundertschaft anrücken. Allerdings weniger wegen der BesetzerInnen, sondern weil sich rasch Gruppen von UnterstützerInnen einfinden. «Aufseiten der Unterstützer entsteht der Eindruck, wir wollten räumen», sagt Stefan Redlich, Pressesprecher der Berliner Polizei, am Telefon. «Dann behindern sie unseren Einsatz, und wir müssen mit mehr Beamten unsere Arbeit absichern.» Je mehr Polizei, desto mehr Aufsehen – so entsteht mediale Aufregung.

Eine unsichtbare Mauer

Auf Anfrage einer Zeitung recherchierte die Polizei die Straftaten im Umkreis von 250 Metern um die Schule. Zwischen 2012 und 2013 stiegen diese um 57 Prozent, auf 899 pro Jahr. «Es ist schwierig, sich ein Bild daraus zu machen. In sechzig Fällen konnte ein Bezug zum Heim belegt werden», sagt Redlich. «Ein Anstieg der Straftaten ist schon deswegen logisch, weil nun viele Menschen im Gebäude wohnen – und vorher niemand.» Doch der Anstieg der Kriminalität sei wohl auch eine Mischung aus Frust und Aggression, aus Arbeitsverbot und Inseldasein. Es scheint, als stünde eine unsichtbare Mauer zwischen der Schule und dem umliegenden Kiez.

In der Aula setzt sich der Zug der FlaschensammlerInnen in Bewegung. Sie werden die Stadt durchstreifen auf der Suche nach einem kleinem Verdienst, in der Hoffnung, irgendwann einmal richtig zu ihr zu gehören. Doch am Abend, wenn die Kälte wiederkommt, ziehen sie sich zurück in ihre Bastion.

Die WOZ führt eine LeserInnen-Reise von 20. bis 26. Juli 2014 nach Berlin durch unter dem Titel «Das Rote Berlin: Touren durch die Geschichte einer stets auch linken Stadt.»: Detaillierte Infos zur Berlin-Reise.

«Refugee Camp»

Fünfzehn Monate Zeltlager in der Hauptstadt

Es begann in Würzburg. Im September 2012 hatten sich siebzig Flüchtlinge in der bayerischen Stadt versammelt – dann wanderten sie los. Der Marsch war an sich schon ein Protest: AsylbewerberInnen unterliegen in Deutschland der «Residenzpflicht». Diese in Europa einmalige Regelung besagt, dass AsylbewerberInnen den Landkreis ihrer Unterkunft nicht oder nur mit Sonderbewilligung verlassen dürfen – obwohl sich ihr Asylverfahren zuweilen über Jahre hinzieht. Lockerungen dieser Pflicht haben zwar teilweise die Begrenzungen von Landkreisen auf Bundesländer ausgedehnt, eine grundsätzliche Veränderung blieb jedoch aus.

Der Flüchtlingsmarsch war ein Protest gegen diese Verletzung der Bewegungsfreiheit sowie gegen das Arbeitsverbot und Abschiebungen. Nach 28 Tagen und 600 Kilometern Fussmarsch erreichten die MigrantInnen Berlin. Im Stadtteil Kreuzberg, am Oranienplatz, schlugen sie Zelte auf. Im Dezember 2012 besetzten einige AktivistInnen vom Oranienplatz die leer stehende Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg. Den Winter vor Augen, war das Haus mit seinen noch funktionierenden Heizungen eine willkommene Alternative.

Seitdem spaltet dieser sichtbare Protest die Politik. Während die CDU Lager und Schule räumen will, setzen SPD, Grüne und Linke auf Verhandlungen.

Am Dienstag dieser Woche haben FlüchtlingsvertreterInnen und die SPD-Integrationssenatorin Dilek Kolat eine Einigung unterschrieben. Die Flüchtlinge verpflichten sich, das Zeltlager und die Schule freiwillig zu räumen. Sie erhalten im Gegenzug eine umfassende Einzelprüfung ihrer Bleiberechtsanträge. Solange diese läuft, soll ihnen eine andere Unterkunft zur Verfügung gestellt werden. Damit eröffnen sich ihnen einerseits Chancen auf ein selbstständiges Leben in Freiheit, andererseits bleibt diese Einigung ein singulärer Akt. Eine Minderheit der Flüchtlinge weigert sich, den Kompromiss anzunehmen. Es bleibt somit abzuwarten, ob das Camp wirklich freiwillig geräumt werden wird.
Jan Rübel

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Bastion der Flüchtlinge aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr