Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Der erste totale Krieg

Der Kriegsausbruch 1914 hatte etwas Zufälliges, schreibt Historiker Jakob Tanner – doch der Zufall trifft eben den vorbereiteten Kopf. Gedanken über die «Leichen im Maschinenbetrieb» und die Schlüsse, die für heute zu ziehen wären.

Von Jakob Tanner

Plakat, herausgegeben von der Redaktion der Zeitung «Le Matin», 
Paris, 1915. Foto: AKG-Images

1912 veröffentlichte der deutsche Schriftsteller Wilhelm R. Lamszus einen populären Roman mit dem Titel «Das Menschenschlachthaus». In diesen «Bildern vom kommenden Krieg», wie der Untertitel lautete, prophezeite Lamszus mit gespenstischen Worten das plötzliche Durchdrehen kapitalistischer Fabriken in «grosse Schwungmaschinen» einer Massendestruktion. «Es ist, als ob der Tod die Sense auf das alte Eisen geworfen hätte, als ob er nun ein Maschinist geworden wäre. Man ist vom Kleinbetrieb zum Grossbetrieb übergegangen. Einst wars ein Reitertod, ein ehrlicher Soldatentod. Jetzt ist es ein Maschinentod! Von Technikern, von Maschinisten werden wir vom Leben zum Tode befördert. Und wie man Knöpfe und Stecknadeln im Grossbetrieb erzeugt, erzeugt man nun die Krüppel und die Leichen im Maschinenbetrieb.»

Lamszus griff eine Vorstellung auf, die damals insbesondere in der Arbeiterbewegung weit verbreitet war. Statt eines klassischen Kabinettkriegs mit einem begrenzten Schlachtfeld wurde ein langer volkswirtschaftlicher Abnutzungskrieg befürchtet, begleitet von einer nie da gewesenen Gewalteskalation. Der Sozialist und Marx-Freund Friedrich Engels hatte bereits 1888 prognostiziert, in einem künftigen Krieg würden sich «acht bis zehn Millionen Soldaten untereinander abwürgen». 1893 erklärte August Bebel, damals der wichtigste Kopf der deutschen Sozialdemokratie, im Reichstag, wenn nach einem Kriegsausbruch «endlich auf den Schlachtfeldern die Massenschlächtereien stattfinden, dann, meine Herren, haben Sie etwas geschaffen, an dem möglicherweise Ihre ganze Gesellschaft mit einem Mal zu Grunde geht». Beide Voraussagen sollten sich akkurat bewahrheiten.


Auch führende Militärs stellten sich auf einen langen, in seinen Ausmassen nicht vorhersehbaren Abnutzungskrieg ein. Der britische Kriegsminister Horatio Herbert Kitchener mutmasste, das militärische Kräftemessen werde wohl durch jene Macht gewonnen, die eine letzte kampffähige Division übrig habe. Der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke erklärte einen Tag vor Kriegsausbruch, «nur wenige» könnten sich «eine Vorstellung über den Umfang, die Dauer und das Ende dieses Krieges machen».

Bei den meisten ZeitgenossInnen dominierte aber im Sommer 1914 nichtsdestotrotz die Illusion eines kurzen Kriegs, der spätestens an Weihnachten vorbei sei – «over by Christmas», wie man in England weithin hörte.

Die «Julikrise», die auf das Attentat von Sarajewo vom 28. Juni 1914 auf Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger Österreich-Ungarns, folgte, lässt sich, so Christopher Clark in seiner Studie «Die Schlafwandler», als «multilaterale Interaktion von fünf autonomen, gleichwertigen Akteuren (Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und Grossbritannien)» aufschlüsseln. In der «Julikrise» waren diese Protagonisten durch die herrschende Verunsicherung, Unsicherheit und Intransparenz überfordert. Ihre Entscheide resultierten aus einer Mixtur von Ängsten, Projektionen und Interessen, und sie vermochten die Risiken ihres Handelns nicht abzuschätzen. Sie waren «wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten».

Extrablatt des «Berliner Tageblatts», Berlin, 3. August 1914. Foto: AKG-Images

Die Eliten litten, anders gesagt, an einer prekären Horizontschrumpfung. Schon nach wenigen Monaten hatten sie wortwörtlich ihr Pulver verschossen. Die bei allen Krieg führenden Parteien schon im Herbst 1914 eintretende akute «Munitionskrise» ist ein Symptom für das Überrumpeltwerden der Entscheidungsträger durch den Kriegsverlauf.

Die Vorstellung, die damaligen Grossstaaten seien aufgrund einer Reihung unglücklicher Zufälle – wie sie 1934 David Lloyd George in seinen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg (er war 1916 Premierminister) formuliert hatte – einfach irgendwie in diesen Krieg hineingestolpert, blendet allerdings jene Faktoren aus, die einen Kriegsausbruch zunehmend wahrscheinlicher machten. Dazu gehören die imperialistischen Weltmachtaspirationen, die forcierte Aufrüstung, eine sozialdarwinistische Kritik an Liberalismus und Demokratie sowie der Kult von Volk und Nation. Auch die Hinwendung der Militärplaner zu einer offensiven Kriegführung, die mit präventiven Aktionen möglichst rasch vollendete Tatsachen schaffen wollte, erhöhte die Gefahr. Kriegsdrohungen wurden zum Mittel der Aussenpolitik.


In schroffer Gegenläufigkeit dazu hielt sich in liberalen, linken und pazifistischen Kreisen der vertrauensvolle Glaube an die Unmöglichkeit eines grossen Kriegs. «Wo der Kaufmann spricht, schweigen die Kanonen», lautete die Formel der überzeugten Free-Trade-AnhängerInnen. 1909 erklärte der Publizist Ralph Norman Angell in seinem weltweit rezipierten Buch «The Great Illusion», der Imperialismus sei längst zum finanziellen Fiasko geworden. Kein profitmaximierender Kapitalist könne ein Interesse daran haben, in ein solches Defizitunternehmen, das bloss staatlichen Prestigezwecken und Ruhmesehre diene, zu investieren.

Dass die britische Admiralität damals schon längst einen globalen Wirtschafts- und Finanzkrieg plante, mit dem Deutschland und seine Verbündeten nach Ausbruch eines Krieges finanziell stranguliert und ausgehungert werden sollten, war streng geheim und daher nicht bekannt. Neue historische Studien zeigen, dass im Fin de Siècle auch wichtige Vertreter der Privatwirtschaft auf die Chancen einer weltweiten Krise setzten und eng in die Kriegsvorbereitungen involviert waren.

Dem Zufall war auch im Jahre 1914 nicht beizukommen. Die historische Grosserzählung, die von einem «ständig wachsenden Kausaldruck» in Richtung Kriegsausbruch ausgeht, ist heute ausser Gebrauch gekommen. Der Erste Weltkrieg war nicht notwendige Folge laufender Entwicklungen, er trat nicht zwangsläufig ein, er wäre vermeidbar gewesen.

Dennoch gab es so etwas wie «Kriegsattraktoren», welche die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses erhöhten. Der Kriegsausbruch hatte etwas Zufälliges – doch der Zufall trifft eben den vorbereiteten Kopf. Es waren insbesondere Deutschland mit seinen Einkreisungsobsessionen bei gleichzeitigem Hang zur «Weltgeltung» und Österreich-Ungarn mit seinem Willen, den nationalistischen Herausforderer Serbien mit einem Krieg zu «befrieden», die die Schräglage Richtung Krieg verstärkten.


Die Kriegserklärungen waren schliesslich für viele keine Überraschung mehr. Zu sehr lagen sie in der Fluchtperspektive einer über Jahre hinweg kultivierten Erwartung. Umso drastischer waren von Anfang an die Schuldzuschreibungen. Am 1. August 1914, am Tag der deutschen Mobilmachungsorder, notierte Marinekabinettchef Georg Alexander von Müller in seinem Tagebuch: «Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen.»

Dass die Bevölkerung bei Kriegsbeginn in Begeisterungsstürme ausgebrochen sein soll: Diese Botschaft war von Anfang an ein Produkt der Kriegspropaganda. Der Erste Weltkrieg war ein Medienkrieg. Meinungslenkung, Überzeugungsmanagement und Zensurmassnahmen wurden zu zentralen Elementen der Kriegführung.

Nach Kriegsausbruch spitzten sich, wie Herfried Münkler in seiner Überblicksdarstellung in Anlehnung an den preussischen General Carl von Clausewitz schreibt, die «Paradoxien des Krieges» zu. Bereits im September 1914 lief die deutsche Kriegsplanung, die einen raschen Sieg im Westen und daran anschliessend einen vollen Einsatz an der Ostfront gegen Russland vorsah, auf Grund. Der Bewegungskrieg ging in einen Stellungskrieg über, der im «langen Jahr 1915» sein Destruktionspotenzial mit neuen Waffen, darunter Giftgaseinsätzen, mit zunehmenden Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung und mit einer Brutalisierung von Besatzungsregimes zeigte.

«Illustrierte Kronenzeitung», Wien, 29. Juni 1914. Foto: AKG-Images

Die Sinnlosigkeitserfahrung, die Einsicht, dass hier ein Krieg geführt wurde, der keine Probleme löste, sondern nur laufend neue schuf, stellte sich schon während der Kriegsjahre ein. «Wir wissen heute noch nicht, wofür wir kämpfen», erklärte der tonangebende Organisator der deutschen Kriegswirtschaft, Walter Rathenau, im Jahre 1917.

Auf den Sinn- und Kontrollverlust wurde mit einer zunehmenden Ideologisierung geantwortet. Effizienzgetrimmte Maschinerien der Propaganda sollten «den Sinn des Krieges mit industrieller Effizienz herstellen» (Jeismann, vgl. «Literatur zum Ersten Weltkrieg» im Anhang an diesen Text). Die anonymisierende Mechanisierung des Todes schrieb man dem Feind zu, während im eigenen Lager traditionelle Werte wie Kameradschaft und Vaterlandstreue hochgehalten wurden. Es ging – sowohl für Deutschland, Österreich-Ungarn und ihre Verbündeten wie auch für das andere Kriegslager, die Entente zwischen Britannien, Frankreich und Russland – um die Verteidigung leuchtender Werte – Kultur und Zivilisation – gegen die düsteren Mächte der Barbarei.

Mit dieser manichäischen Spaltung des Kriegserlebnisses erhielt die Propaganda einen mentalen Treiber, der sowohl Soldaten wie auch weite Bevölkerungskreise über erstaunlich viele Jahre kollektiv bei der Stange hielt, bevor der Nationalkonsens schliesslich – insbesondere in Deutschland – durch Kampfstreiks, Meutereien, Demonstrationen und revolutionäre Agitation zersetzt wurde. Die vor allem in Frankreich unter HistorikerInnen geführte Diskussion, ob eher eine freiwillige Unterstützung der Kriegsanstrengungen durch nationale Kollektive festgestellt werden kann (Konsensthese) oder ob der Krieg primär mittels Zwangsmomenten und Zensurmassnahmen so lange geführt werden konnte (Zwangsthese), erweist sich angesichts der bewusstseinstransformierenden und gemeinschaftsgenerierenden Wirkung staatlicher Propagandamaschinerien als wenig produktiv.


Die Bezeichnung «totaler Krieg» bezieht sich auf dieses Drehmoment staatlicher Propaganda, aber mehr noch auf die schon ab Herbst 1914 einsetzende, umfassende Mobilmachung aller verfügbaren volkswirtschaftlichen Ressourcen und auf die Schaffung eigentlicher «Kriegsgesellschaften».

Während der Kriegsjahre standen weltweit 65 Millionen Soldaten im Einsatz; fast zehn Millionen von ihnen überlebten den Dienst an der Front nicht. Dazu kamen eine ähnlich hohe Zahl getöteter Angehöriger der Zivilbevölkerung und um die zwanzig Millionen Verwundete. WirtschaftshistorikerInnen haben berechnet, dass weiter entwickelte Volkswirtschaften relativ mehr Menschen, Material und Kapital für Kriegszwecke zu mobilisieren vermochten. Das Kräfteverhältnis zwischen den Kriegsallianzen wurde dadurch immer asymmetrischer.

Die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn und Verbündete) konnten es weder von der Bevölkerungszahl und der Anzahl der Soldaten her noch hinsichtlich der kontrollierten Territorien und des Sozialprodukts mit der Entente (Frankreich, Russland, Grossbritannien, ab April 1917 die USA und viele Bündnispartner) aufnehmen. Was neue Kriegstechnologien betraf, so verfügten die Entente-Mächte über die doppelte Zahl von Maschinengewehren, über das Zweieinhalbfache an Flugzeugen und über fast neunzig Mal mehr Tanks.

Der Begriff des «totalen Kriegs» ist semantisch vorbelastet. 1935 veröffentlichte General Erich Ludendorff eine Schrift mit diesem Titel. Darin preist Ludendorff den «kommenden Krieg» als «höchste Äusserung völkischen Lebenswillens» und eines gesteigerten «Rassebewusstseins».

Ludendorff übt sich in antisemitischen Verschwörungstheorien; er lehnt alle «überstaatlichen Mächte» – neben den Juden auch die römische Kirche – ab. Was er anstrebt, ist eine «im seelisch geschlossenen Volk wurzelnde Wehrmacht». Diese monströse rechtsextreme Volksideologie lässt sich als Ausdruck gewaltträchtiger Einbildungen verstehen, die Ludendorff schon 1916 umtrieben, als er sich mit dem späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg daran machte, die ganze deutsche Gesellschaft unter staatlich-militärische Kontrolle zu bringen.

Das Phantasma des «totalen Kriegs» sollte seine Apotheose am 18. Februar 1943 erfahren, als Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast die Frage «Wollt ihr den totalen Krieg?» in den Saal brüllte und nachschob: «Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?» Der frenetische Applaus und die begeisterten Ja-Ja-Rufe der Massen gehörten mit zum Phänomen einer Totalisierung, wie sie Goebbels katastrophenvisionär im Auge hatte.


HistorikerInnen haben den «totalen Krieg» aus dieser Umklammerung durch rechtsextreme Volkstheoretiker, Antisemiten und den Nationalsozialismus herausgelöst und ihn neu definiert als Konzept zur Analyse der Entgrenzung der Kriegführung. Dieses schliesst über die totale Mobilisierung von Menschen und Material hinaus auch die Totalisierung der Kriegsziele und –methoden sowie den totalen behördlichen Kontrollanspruch ein.

Begriffsgeschichtlich zeigt sich, dass in Frankreich 1917 erstmals in doppelter Wendung von «guerre totale» und «guerre intégrale» gesprochen wurde. George Clémenceau, der Ende 1917 zum zweiten Mal französischer Premierminister wurde, verstand unter «integralem Krieg» die absolute Priorität und Entgrenzung der Kriegsanstrengungen; er sprach von «nichts als Krieg».

Ob die Totalisierung des Kriegs schon gleich nach seinem Beginn einsetzte – mit brutaler Gewalt gegen ZivilistInnen und einer Radikalisierung der Zukunftspläne, die auf vollständige Vernichtung des Gegners setzten; ob die Totalisierungstendenzen erst 1915 mit der Inszenierung von Abnutzungsschlachten mit gigantischem Ressourcenverschleiss und propagandistischen Legitimationsapparaten zu dominieren begannen; oder ob die Phase erst ab 1917 anzusetzen ist: Darüber wird in der Geschichtswissenschaft gestritten.

Hingegen herrscht Einigkeit darüber, dass der entgrenzte Krieg Gewaltpotenziale bisher unvorstellbaren Ausmasses freisetzte und die «Heimatfront» (ein Wort, das damals aufkam) vermittelt über immer aufwendigere Materialschlachten mit der Kriegsfront fusionierte. Es ist deshalb – worauf Roger Chickering hingewiesen hat (vgl. «Literatur zum Ersten Weltkrieg» im Anhang an diesen Text) – statt eines Zustandes der Prozess des «totalen Kriegs» zu betonen.

Dieselbe Prozesshaftigkeit führte auch zu einem globalen Krieg. Es lässt sich zwar sagen, dass schon Kriege der frühen Neuzeit (so der Österreichische Erbfolgekrieg von 1740 bis 1748, der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783) und dann insbesondere die «Französischen Kriege» zwischen 1792 und 1815 eine weltumspannende, interkontinentale Dimension hatten. Nach 1914 wurden jedoch die Kolonialreiche in die Kriegsanstrengungen integriert, was neu war. Es handelte sich von Anfang an um einen global geführten See- und Wirtschaftskrieg. Aus den Kolonien kamen Soldaten, Arbeitskräfte, kriegswichtige Rohstoffe und Produkte, und gleichzeitig wurden immer mehr regionale Konflikte an den «Grossen Krieg» angedockt, wie Oliver Janz festhält (vgl. «Literatur zum Ersten Weltkrieg» im Anhang an diesen Text).

Von dieser Globalität zu unterscheiden ist der Begriff «Weltkrieg», der schon im 19. Jahrhundert in Gebrauch war. In Deutschland stellte er zunächst ein semantisches Korrelat zur behaupteten «Weltgeltung», «Weltmacht» und «Weltherrschaft» dar. Er wurde symbolisch eingesetzt und war fundamental eurozentrisch konzipiert. Seit 1911 nahm seine Verwendung stark zu, und seine Bedeutung wurde entgrenzt, analog zum Übergang eines immer noch europäischen Krieges der Kolonialreiche in eine genuin globale Auseinandersetzung.

Der Erste Weltkrieg lässt sich demnach als der erste effektiv globale Krieg der Weltgeschichte bezeichnen, der zugleich die Züge eines «totalen Krieges» aufwies. Diese ideologisch-wirtschaftliche Intensivierung und geografische Extensivierung wurden im Zweiten Weltkrieg nochmals markant übertroffen.


Die Nummerierung dieser beiden Kriege lässt sich auf das Jahr 1940 zurückverfolgen. Die Bezeichnungen Erster und Zweiter Weltkrieg entwickelten sich dann bis in die siebziger Jahre hinein einigermassen synchron. Danach verschwand der Erste Weltkrieg gleichsam im Schatten des Zweiten. Er wurde vorzugsweise als «Laboratorium», als Testphase für die Technisierung des Kriegs, für eine unerbittliche Wirtschaftskriegführung, für Genozide und Kriegsverbrechen behandelt. Die Rede von der «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» macht den Ersten Weltkrieg nur noch als Vorstufe zum Nationalsozialismus, zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust fassbar.

Dies legte die These nahe, es habe zwischen 1914 und 1945 einen zweiten «Dreissigjährigen Krieg» gegeben. Mit Verweis auf kontingente Entwicklungen und auf die alles andere als zwangsläufige «Machtergreifung» Hitlers ist diese These inzwischen kritisiert worden. Dass der Erste Weltkrieg seit einigen Jahren wieder in seiner Eigenlogik untersucht wird und überhaupt ein weit grösseres Interesse als während der ganzen Nachkriegszeit auf sich zu vereinen vermag, hängt damit zusammen, dass er anhand von Problemen untersucht wird, die ihn der Gegenwart näher bringen.

Christopher Clark schreibt treffend, «die Umbrüche in unserer eigenen Welt» haben «unsere Sichtweise der Ereignisse von 1914 verändert». So erscheinen die fatale Erwartung einer unvermeidbaren Eurokrise und die morbide Lust an einem Auseinanderbrechen der EU, die 2011/12 in den Köpfen von Nationalisten aller Länder herumgeisterte, aus demselben Stoff gemacht wie das Spiel mit der «Möglichkeit einer allgemeinen Katastrophe», durch das sich die Akteure von 1914 Vorteile zu verschaffen versuchten. Clark, der dieses Beispiel am Schluss seines Buches anführt, bezeichnet sie deshalb als «unsere Zeitgenossen». Als solche können sie uns davor warnen, uns nochmals derselben kumulierten Unfähigkeit auszuliefern.

Literatur zum Ersten Weltkrieg
Philipp Blom: «Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914». 
Carl Hanser Verlag. München 2009.
Manfred F. Boemeke, Roger Chickering und Stig Förster (Hrsg.): «Anticipating Total War. The German and American Experiences, 
1871–1914». Cambridge University Press. Cambridge 1999.
Christopher Clark: «Die Schlafwandler. Wie Europa in den 
Ersten Weltkrieg zog». DVA. München 2013.
Oliver Janz: «14 – der Grosse Krieg». Campus Verlag. 
Frankfurt am Main 2013.
Michael Jeismann: «Propaganda», in: Gerhard Hirschfeld, 
Gerd Krumeich und Irina Renz (Hrsg.): «Enzyklopädie Erster Weltkrieg». Schöningh. Paderborn 2009. S. 198–209.
Jörn Leonhard: «Die Büchse der Pandora. Geschichte des 
Ersten Weltkriegs». Verlag C.H. Beck. München 2014.
Herfried Münkler: «Der grosse Krieg. Die Welt 1914–1918». 
Rowohlt. Berlin 2013.
Marc Segesser: «Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive». 
Matrix Verlag. Wiesbaden 2010.

 

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