Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Marketing in Trainerhosen

Als Integrationsbeauftragte der Solothurner Spitäler AG vermittelt Nadia Di Bernardo zwischen den Kulturen. Denn gerade im Spital können interkulturelle Missverständnisse schmerzhafte Nebenwirkungen haben.

Von Adrian Soller (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Pflegefachfrau und Kommunikationsexpertin: Nadia Di Bernardo im Kantonsspital Olten.

Die Bücherwand im Sitzungszimmer, vor der Nadia Di Bernardo sitzt, ist vollgefüllt mit Duden, Dictionnaires und Atlanten: Als Integrationsbeauftragte der Solothurner Spitäler AG ist Di Bernardo täglich mit sprachlichen und interkulturellen Missverständnissen konfrontiert. «Es kann vorkommen, dass Pflegefachangestellte und Ärztinnen die Schmerzen fremdsprachiger Patienten wegen sprachlicher Probleme falsch einschätzen», erklärt die 37-Jährige.

Ein gutes Fünftel der PatientInnen der Solothurner Spitäler sind AusländerInnen. «Und der Anteil an Menschen, die kein Deutsch sprechen, ist noch wesentlich höher», betont Di Bernardo. Die Verständigungsprobleme, die sich daraus ergeben, beschäftigen auch das Bundesamt für Gesundheit. Mit dem Ziel, den Spitalalltag migrantInnenfreundlicher zu gestalten, initiierte es im Jahr 2010 ein Projekt, an dem neben den Solothurner Spitälern vier weitere Spitalverbünde teilnehmen. Diese sogenannten Migrant Friendly Hospitals unterstützt das Bundesamt mit insgesamt zwei Millionen Franken bei der Konzipierung von «migrantenfreundlichen Strategien».

Bei der Umsetzung und Ausarbeitung dieser Strategien spielt Di Bernardo eine zentrale Rolle. Für die Tochter eines italienischen Einwanderers sind dabei Wörter wie «interkulturell», «kultursensibel» oder eben «migrationsfreundlich» mehr als Schlagworte. Denn was die Vorurteile gegenüber MigrantInnen betrifft, spricht sie aus Erfahrung: «Ich ging in einer Zeit zur Schule, als die Menschen in der Schweiz noch Brunner hiessen», sagt sie. Und muss lachen, als sie erzählt, wie sie noch in den achtziger Jahren von MitschülerInnen gefragt wurde, ob sie zu Hause nur Pizza, Pasta und Lasagne esse.

Ein typisch untypischer Tag

Di Bernardo ist auch als gelernte Pflegefachfrau bestens mit den Kommunikationsproblemen im Spital vertraut. Ihre Vermittlung zwischen dem deutschsprachigen Personal und italienischsprachigen PatientInnen begann schon vor dreizehn Jahren, als frisch diplomierte Pflegefachfrau – lange bevor dafür eine offizielle Stelle geschaffen wurde. Jahre später, als die Spitalleitung DolmetscherInnen anstellte und die Position der Integrationsbeauftragten schuf, entschied sich Di Bernardo, interkulturelle Kommunikation zu studieren.

Seit acht Jahren ist sie in den Solothurner Spitälern vollamtlich für interkulturelle Fragen zuständig. Eine vielfältige Angelegenheit: Vorletzten Dienstag zum Beispiel, erzählt Di Bernardo, sei wieder mal so ein Tag gewesen, «so ein typisch untypischer Tag». Ein Tag, der im Businessdress begonnen hatte – und in Trainerhosen ausklang. Konkret heisst das: Am Vormittag nimmt sie an einer Sitzung mit der Geschäftsleitung teil, und nachmittags übersetzt sie an einem Gymnastikkurs für fremdsprachige PatientInnen.

Neben der Vermittlung zwischen PatientInnen, Geschäftsleitung, Pflegeangestellten und ÄrztInnen organisiert Di Bernardo interkulturelle Schulungen für MitarbeiterInnen, plant Deutschkurse, setzt interne Dolmetscherkurse auf oder vermittelt externe DolmetscherInnen. Dabei geht es immer um weit mehr als bloss um sprachliche Übersetzungsarbeit: Aus interkulturellen Missverständnissen, so die Koautorin des Handbuchs «Rassistische Diskriminierung im Spital verhindern», könne es bisweilen auch zu Diskriminierungen kommen – zwischen Ärzten und Patientinnen ebenso wie zwischen Pflegeangestellten und Patienten oder unter dem Personal selbst: «Spitalangestellte sind ein Abbild der Gesellschaft», sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Mehr als eine Imagefrage

Für die Spitalleitungen ist die Professionalisierung der interkulturellen Arbeit vor allem auch als Imageprojekt zu verstehen – im Rahmen des zunehmend gewinnorientierten Denkens, das spätestens mit der Umwandlung der Spitäler in Aktiengesellschaften Einzug hielt. Bezeichnend dafür ist, dass im Spitalalltag statt von «Rassismus» vorzugsweise von «Diskriminierungspotenzial» gesprochen wird. Für Di Bernardo heisst das, dass sie im Spitalbetrieb auch eine Art Marketing- und Lobbyingfunktion wahrnimmt.

Umso frustrierender sei der Entscheid des Solothurner Kantonsparlaments vom vergangenen Herbst, im kommenden Jahr die Gelder für die DolmetscherInnen zu streichen – obwohl Nadia Di Bernardo versucht hatte, die ParlamentarierInnen mit Fakten zu überzeugen. Nun hofft sie auf anderweitige Finanzierungsmöglichkeiten.

Immerhin: Für die kommenden drei Jahre bezahlt das Bundesamt für Gesundheit weiterhin 220 000 Franken für die Integrationsarbeit in den Solothurner Spitälern. Nadia Di Bernardo wird weiterhin in Duden und Dictionnaires blättern, weiterhin wird sie zwischen Kulturen vermitteln, weiterhin wird sie dafür schauen, dass sprachliche Missverständnisse keine Nebenwirkungen haben.

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