Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Auch beim Gemüsegärtnern gehts nicht ohne Tod

Vegane Menüs in öffentlichen Kantinen sind wünschenswert. Tierhaltung wirft viele Probleme auf. Vieles spricht dafür, auf mehr pflanzliche Nahrungsmittel zu setzen. Aber in der Debatte um Veganismus und Fleisch fallen wichtige Fragen unter den Tisch.

Von Bettina Dyttrich

Nicht nur ans Herz rührend, sondern, in beschränkter Zahl, auch sinnvoll: Kühe als Nutztiere. Foto: Ursula Häne

Es gibt Dinge, über die lässt sich fast nicht streiten. Zum Beispiel über die Frage, ob es Menschen erlaubt ist, Tiere zu melken oder zu töten. Wer das Lebensrecht von Tieren absolut setzt – und dafür lassen sich durchaus Argumente finden –, wird kaum über Nützlichkeitsabwägungen diskutieren wollen.

Auch wer obige Frage mit Ja beantwortet, kann nicht leugnen, dass Tierhaltung problematisch ist. Nutztiere heizen das Klima an – je nach Schätzung geht bis zu einem Fünftel der Treibhausgasemmissionen auf ihr Konto –, sie überdüngen ganze Weltregionen, für den Anbau ihres Futters werden Regenwälder und andere bedrohte Ökosysteme zerstört, und sie fressen den Menschen die Nahrung weg: Wenn wir Getreide und Soja selbst essen würden, statt sie an Nutztiere zu verfüttern, würde das viel mehr Leute satt machen. Es gibt kein Recht auf tägliches Fleisch.

Problematische Maximalforderungen

Vieles spricht also dafür, auf mehr pflanzliche und weniger tierische Nahrungsmittel zu setzen. Ganz so, wie es das Projekt Sentience Politics fordert, das in Bern und Basel Initiativen für vegane Menüs in öffentlichen Kantinen lancieren will. Wer in der Debatte allerdings untergeht, sind die Vegetarier und «Flexitarierinnen», die auf der Suche nach fleischlosen Alternativen sind, ohne gleich alle tierischen Produkte abzulehnen. Vor allem überzeugte Fleischesser und eingefleischte Veganerinnen kommen zu Wort – es geht um alles oder nichts.

Und das ist problematisch. Die meisten VeganerInnen bewerten die Nutztierhaltung vollkommen negativ und würden sie am liebsten ganz abschaffen. Dabei fällt einiges unter den Tisch:

  • Grosse Teile der Erde – Steppen, Gebirge, Halbwüsten – sind nicht geeignet für den Ackerbau, können aber mit Wiederkäuern (Rindern, Schafen, Ziegen, Yaks und so weiter) genutzt werden. Im Gegensatz zu Tieren, die Getreide oder Soja fressen, konkurrenzieren Weidetiere auf Grasland die menschliche Ernährung nicht, sondern liefern zusätzliche Kalorien. Das gilt auch für Weiderinder in den Schweizer Alpen, sofern sie kein Kraftfutter bekommen. Aus diesem Grund sinkt der Konsum von tierischen Produkten im Notfallplan des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung auch nicht auf null, sondern halbiert sich bloss. Und eine global vegane Landwirtschaft würde weniger Kalorien produzieren als eine, die das Grasland angepasst nutzt.
  • Ein ganz entscheidender Punkt ist der Dünger: Ein grosser Teil des Stickstoffdüngers wird heute nach dem Haber-Bosch-Verfahren aus der Luft synthetisiert. Das braucht enorm viel Energie und wird kaum noch im grossen Stil möglich sein, wenn fossile Energieträger knapp werden. Biologische Alternativen sind Gülle und Mist, die ausserdem den grossen Vorteil haben, dass sie Humus aufbauen. Rein veganer Ackerbau mit Kompost und Leguminosen (Hülsenfrüchten), die Stickstoff in den Boden bringen, ist zwar möglich, aber liefert nicht die gleichen Erträge. Was viele VeganerInnen nicht wissen: Auch Biogemüsedünger enthalten tierische Komponenten wie Feder- und Knochenmehl oder Hornspäne. Und auch GemüsegärtnerInnen töten Schnecken und Wühlmäuse.
  • Konsequenter Veganismus würde auch das Ende der Kulturen bedeuten, die in enger Beziehung zu Nutztieren entstanden sind: von den NomadInnen der Mongolei bis zur hiesigen Alpwirtschaft.
  • Beim Klima ist die Bilanz mit oder ohne Tiere nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Wenn Grasland nachhaltig beweidet wird, kann es grosse Mengen Kohlenstoff speichern, bremst also den Klimawandel. Umgekehrt verpuffen beim Ackerbau – gerade wenn synthetische Stickstoffdünger eingesetzt werden – schädliche Klimagase in die Luft.

Weniger Nutztiere!

Das Projekt Sentience Politics gehört zur Schweizer Regionalgruppe der deutschen Giordano-Bruno-Stiftung. Die Stiftung nennt als eines ihrer Hauptanliegen, «das kritische, rationale Denken sowie ein wissenschaftliches Weltbild zu fördern». Es gibt zu viele Nutztiere auf der Welt. Kritisch und rational betrachtet, kann die Lösung aber nicht heissen: keine Nutztiere mehr, sondern: viel weniger Nutztiere als heute.

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