Nr. 18/2014 vom 01.05.2014

Auf der Suche nach der verlorenen Universalität

Was ist noch übrig von den universellen Ansprüchen linker Theorie? Dieser Frage haben sich Judith Butler, Ernesto Laclau und Slavoj Zizek in einem Dialog in Buchform gewidmet. Jetzt ist der Band endlich auf Deutsch erschienen.

Von Raul Zelik

Es ist ein Allgemeinplatz der Theoriegeschichte, dass sich mit den neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre die Perspektiven linker Theorie verschoben haben. Hatte bis dahin die Analyse des Kapitalismus im Mittelpunkt der Auseinandersetzung gestanden, so fächerte sich die Perspektive nun auf. Rassismus, Naturverhältnis, die Diskriminierung von Homosexuellen oder die Normierung in Schule, Strafanstalten und Familie rückten ins Zentrum der Debatten.

Die häufig als «postmodern» adressierte dekonstruktivistische und poststrukturalistische Linke wandte sich von den Universalitätsansprüchen des Marxismus ab und den gesellschaftlichen Einzelverhältnissen zu. An die Stelle der Metatheorie rückten historiografische Beschreibungen sozialer Entwicklung.

Mittlerweile scheint das Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung zu schwingen. Der globale Siegeszug des Kapitalismus veranlasst TheoretikerInnen dazu, von neuem über die Totalität ökonomischer Beziehungen nachzudenken. Man stellt fest, dass Kapitalakkumulation Gesellschaften über jede kulturelle und sexuelle Differenz hinweg bestimmt. Nach wie vor unbeantwortet bleibt dabei jedoch die Frage, wie sich diese universelle Zwangsbeziehung gegenüber jenen Bewegungen verhält, die das Recht auf Differenz verteidigen. Lassen sich Emanzipationsbestrebungen einfach addieren, oder gibt es, wie es Karl Marx einst für die Arbeiterbewegung postulierte, doch so etwas wie Hauptwidersprüche, die andere Befreiungsanliegen repräsentieren?

Universell, aber unvollendet

Schon im Jahr 2000 erschien zu dieser Frage ein gemeinsames Diskussionsbuch von Judith Butler, Slavoj Zizek und dem jüngst verstorbenen Philosophen Ernesto Laclau, das merkwürdigerweise erst jetzt in einer – von Gerald Posselt trefflich eingeleiteten – deutschen Übersetzung vorliegt. Die drei AutorInnen repräsentieren zwar drei völlig unterschiedliche Theorieschulen: einen dekonstruktivistischen Feminismus, einen popkulturell und psychoanalytisch geschulten Neomarxismus und einen lateinamerikanisch inspirierten Linkspopulismus. Dennoch bestehen wichtige Übereinstimmungen: Sowohl Judith Butler als auch Slavoj Zizek und Ernesto Laclau verteidigen das Konzept universeller Rechte, sind sich gleichzeitig aber auch einig, dass die angestrebte Universalität unvollendet bleiben muss.

So beschreibt Butler das Universelle als etwas Konkretes, das notwendigerweise ausschliessend ist und deshalb durch politische Mobilisierung unablässig erweitert werden muss. So stelle die Tatsache, dass die bürgerlichen Menschenrechte in erster Linie die Rechte weisser, bürgerlicher Männer postulierten, die Menschenrechte nicht als solche infrage. Es gelte vielmehr, diese Partikularität (die mit einer Normierung einhergeht und insofern ausschliessend wirkt) offenzulegen und anzugreifen. Die Kämpfe um Inklusion (von Schwarzen, Frauen, Homosexuellen, Migranten und so weiter) definieren das Universelle damit ständig neu, schaffen damit aber auch neue Normierungen, die es erneut zu kritisieren gilt.

Wer befreit die Gesellschaft?

Ernesto Laclau kommt zwar zu einer ähnlichen Schlussfolgerung, leitet diese jedoch ganz anders her. Er behauptet, dass politische Verhältnisse – anders als von Marx postuliert – eben nicht materiell bestimmt seien, sondern immer erst durch politische Interventionen entwickelt werden. Dementsprechend gibt es eben keine Klasse, die durch ihre soziale Stellung objektiv dazu «bestimmt» ist, die Gesellschaft zu befreien. Welche Gruppe oder welches Anliegen eine führende, «universelle» Rolle entwickelt, sei das Ergebnis von zufälligen, nicht ökonomisch determinierten Prozessen.

Konkret: Die Bolschewiki machten in Russland nicht deshalb 1917 die Revolution, weil sie die Arbeiterklasse repräsentierten, die wiederum «objektiv» ein revolutionäres Subjekt darstellte – sondern weil sie mit ihrer Politik Forderungen etablierten, durch die sich eine Vielzahl von Gruppen repräsentiert sahen. Die partikulare Parole «Brot, Frieden, Freiheit» war gemäss Ernesto Laclau ein «leerer Signifikant», in den sich unterschiedliche Forderungen und Wünsche einschreiben konnten. Und genau dies sei der Kern von «Hegemonie»: Eine konkrete, partikulare Bewegung oder Forderung sei politisch erfolgreich und erlange dadurch universelle Bedeutung. Dieser Deutungsprozess sei nie abgeschlossen; die Hegemonie bleibe immer umkämpft.

Festhalten an Marx

Auch der slowenische Philosoph Slavoj Zizek distanziert sich von einem «marxistischen Essentialismus», bei dem dem Proletariat «die revolutionäre Mission» sozusagen «ins gesellschaftliche Sein eingeschrieben» wird. Er widersetzt sich jedoch den «postmodernen» Interpretationen seiner KollegInnen, die gesellschaftliche Verhältnisse in erster Linie durch Sprache und Performanz hergestellt sehen und damit für relativ frei definierbar halten.

Postmoderner Politik, schreibt Zizek, komme zwar das grosse Verdienst zu, dass sie eine Reihe von Bereichen «repolitisiert» habe, die zuvor als «privat» angesehen wurden; dennoch bleibe «die Tatsache bestehen, dass sie den Kapitalismus nicht wirklich repolitisiert, da gerade der Begriff und die Form des ‹Politischen›, in denen sie operiert, in der ‹Entpolitisierung› der Ökonomie gründet.» Dadurch nämlich, dass «die Märkte» in den neuen kritischen Theorien des Postmarxismus kaum auftauchen, werden sie als soziales Verhältnis unsichtbar gemacht und verwandeln sich in rein technische Operationen oder gar in «Natur». Zizek hält hier aus gutem Grund an Karl Marx fest.

Wer sich für radikale Theorie der Gegenwart interessiert, kommt um diesen Diskussionsband nicht herum. Die dialoghafte Struktur – jedeR AutorIn formuliert zunächst bis zu zehn Fragen, danach folgen drei Diskussionsrunden, in denen sie auf die Texte der KollegInnen antworten können – zeigt, wo tatsächlich unüberbrückbare Differenzen bestehen und welche Widersprüche nur unterschiedlichen Begrifflichkeiten geschuldet sein könnten.

Der erste Lektüredurchgang ist nicht ganz einfach. Als philosophische Debatte angelegt, werden die Diskussionen auf hohem Abstraktionsniveau und anhand zahlreicher Verweise auf Hegel und Jacques Lacan geführt. Doch der Einfluss, den Judith Butler, Ernesto Laclau und Slavoj Zizek auf reale politische Bewegungen ausgeübt haben (und sei es auch nur indirekt), ist so gross, dass die konkret-politische Dimension doch recht schnell deutlich wird.

Ein Buch, das mehr zur Praxis zu sagen hat, als es auf den ersten Blick scheint.

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