Nr. 19/2014 vom 08.05.2014

Festival

Aua, wir leben!

Wie viel ist ein Menschenleben wert? Wie kämpft man gegen die Ungerechtigkeit der Welt an? Wie solidarisch ist die europäische Theaterszene? Wie funktioniert Geschichtsschreibung? Solchen Fragen gehen die Theaterschaffenden am diesjährigen zeitgenössischen Theatertreffen Auawirleben in Bern nach. «Von öffentlichem Interesse» lautet das Thema der 32. Ausgabe, an der KünstlerInnen aus Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, Indien, den USA, Belgien, Australien, Grossbritannien, Finnland und der Schweiz auftreten. «Warum interessiert uns das Theater? Weil wir darin vorkommen mit radikal allem, was uns bewegt», sagte Beatrix Bühler vor mehreren Jahren in einem Interview mit der WOZ. Gemeinsam mit Nicolette Kretz ist sie für die Programmation zuständig.

In «Qualitätskontrolle» von Rimini Protokoll steht Maria-Cristina Hallwachs im Zentrum. Seit zwanzig Jahren ist sie Tetraplegikerin, nach einem Kopfsprung in ein Nichtschwimmerbecken. Ohne Pflege rund um die Uhr kann sie nicht leben. Gemeinsam mit ihren Pflegenden, die während der Aufführung nach ihr schauen, steht sie auf der Bühne und erzählt ironisch und mit viel Tiefgang aus ihrem Leben. In Sibylle Bergs neuem Stück «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen» kommen vier junge, wütende Frauen zu Wort, und in «Mars Attacks!» ergründet das Theater Hora gemeinsam mit dem Helmi-Puppentheater aus Berlin, was beim Aufeinandertreffen von Ausserirdischen und Menschen geschah. Marjolijn van Heemstra wiederum versucht, vom Friedensaktivisten Garry Davis zu erfahren, wie man gegen die Ungerechtigkeit der Welt vorgeht.

Neben den Theaterstücken gibt es auch Diskussionen, einen Liveblog und Experimente von SozionautInnen, die den unbekannten Teil des sozialen Raums erforschen.

«auawirleben» in: Bern Diverse Orte, Festivalzentrum: Wifag-Halle, Wylerringstrasse 29, Do, 8., bis So, 18. Mai 2014. www.auawirleben.ch

Silvia Süess

Swiss Psych Fest

In den letzten Jahren ist in den Garagen der Schweiz eine innovative und aktive Szene der psychedelischen Musik entstanden. Dieses Wochenende trifft sie sich in Yverdon-les-Bains zum zweiten Mal zum Swiss Psych Fest. Das zweitägige Festival im Club L’Amalgame will MusikerInnen aus der Deutsch- und der Westschweiz zusammenbringen, aber auch international Grenzen sprengen: Zu entdecken sind unter anderem das Duo WTF Bijou aus Yverdon mit einer Mischung aus Rock, Kraut und Funk und The E’s aus Bern, die den Sound ihrer Gitarren zu Klanglandschaften schichten.

Ein Wiedersehen mit garantiertem Wegdriften gibt es mit den drei Brüdern von Roy and the Devil’s Motorcycle, die von Biel aus seit Jahren ihrer eigenen sphärischen Spur folgen. Aus Kalifornien, wo die Psychedelik im Zuge der Achtundsechziger ihren Anfang nahm, kommen die Cosmonauts mit ihrem Garage-Trance. Das Swiss Psych Fest ist ein Geheimtipp für neugierige Musikfans, oder um es mit dem grossen Song von Jefferson Airplane zu sagen: Follow the white rabbit!

Swiss Psych Fest in: Yverdon-les-Bains 
L’Amalgame, Fr/Sa, 9./10. Mai 2014. 
www.swisspsychfest.ch

Kaspar Surber

Ausstellung

Bürokratie im Bild

Manche lächeln freundlich in die Kamera, Stift über der Akte kreisend, als hätten sie für den Fotografen kurz in ihrer Arbeit innegehalten. Viele aber blicken uns ernst an, inmitten der Insignien und Utensilien ihrer Macht – selbst wenn der Schreibtisch mit schrumpeliger Plastikfolie überzogen ist, wie in der bolivianischen Amtsstube, oder der Monatskalender unter den gefalteten Händen so blütenweiss und unbefleckt scheint wie das Hemd des texanischen Rangers.

Seit 2003 hat der niederländische Fotograf Jan Banning einfache BeamtInnen aus der ganzen Welt in ihren Amtsstuben porträtiert. Ein beinahe ethnografisches Projekt, das ein Panorama auf die Symbole und Rituale der öffentlichen Verwaltung eröffnet. Der Bildungsturm des Kulturzentrums am Münster in Konstanz zeigt jetzt fünfzig solcher Amtsstuben in der Ausstellung «Bureaucratics. In Ämtern und Würden». Sie bildet den Auftakt zu einem kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekt an der Universität Konstanz zum Thema Bürokratie und wird begleitet von einer Reihe von Vorträgen rund um Fragen der Institutionalisierung von Macht.

Während Stefan Nellen vom Schweizerischen Bundesarchiv in Bern am 4. Juni die «Geburt der Bürokratie aus dem Geist der Aktenführung» dokumentiert, setzen sich andere konkret mit Bannings Fotografien auseinander: Bernd Stiegler von der Universität Konstanz etwa entschlüsselt am 14. Mai die Spuren und Chiffren der Verwaltung in den Doppelporträts von Menschen und Räumen. Jan Banning selbst führt am 9. Mai um 18 Uhr persönlich durch die Ausstellung und lässt sich anschliessend zu seinen Fotografien befragen.

«Bureaucratics. In Ämtern und Würden» in: Konstanz Kulturzentrum am Münster, Wessenbergstrasse 43, bis 29. Juni 2014. 
Di–Fr, 10–18 Uhr, Sa/So, 10–17 Uhr. Führung 
und Gespräch mit Jan Banning: Fr, 9. Mai 2014, 18 Uhr. 
www.tinyurl.com/bureaucratics

Franziska Meister

Eduard Strübin

Gelterkinden im Oberbaselbiet war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Schauplatz eines erstaunlichen alltagskulturellen Projekts: Der Lehrer und Volkskundler Eduard Strübin (1914–2000) hat ab den fünfziger Jahren mit aufmerksamem Blick Kulturphänomene in seiner Heimat registriert und protokolliert. Von Gummitwist und Graffiti über Jeanshosen und Turnerabende bis hin zum Muttertag und zu lackierten Zehennägeln – es gab nichts, was den aufmerksamen Kulturforscher nicht interessiert hätte. Am Ende seines Lebens füllten Strübins Beobachtungen einen ganzen Zettelkasten mit 70 000 Kärtchen.

Der Zürcher Historiker Tobias Scheidegger hat aus diesem gewaltigen Fundus eine Ausstellung kuratiert, die ab Freitag, 9. Mai, im «Museum.BL» in Liestal gezeigt wird. «Grosse Zeitfragen im Kleinformat» beleuchtet die nicht immer reibungsfreie Auseinandersetzung eines eher konservativen Zeitgenossen mit seinem direkten Umfeld. Die spannende Ausstellung schafft es dank einer interaktiven Videoinstallation, Strübins Beobachtungen weit über das Lokale hinaus in den grossen Fragen und Erzählungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verorten.

«Grosse Zeitfragen im Kleinformat» in: 
Liestal Museum.BL, 9. Mai bis 29. Juni 2014, Di–So, 10–17 Uhr. Vernissage am Do, 8. Mai 2014, um 18 Uhr. 
www.museum.bl.ch

Jan Jirát

Jubiläum

Zehn Jahre Ono

Die Berner Altstadt ist berüchtigt für ihre Kellerlokale: In den sechziger Jahren trafen sich in der «Junkere 37» die Nonkonformisten, in den siebziger Jahren probten langhaarige Musiker in verrauchten Kellerlokalen, und im Kleintheater Kramgasse 6 organisierte Harald Szeemann bereits in den fünfziger Jahren die erste Kunstausstellung über den Dadaisten Hugo Ball.

Seit 1953 wird hier Theater gespielt – die Kramgasse 6 ist somit das älteste Kleintheater der Stadt Bern. Heute ist es mehr als ein Theater: Seit 2004 wird es unter dem Namen Ono von Daniel Kölliker als Mehrspartenbetrieb geführt. Seit zehn Jahren finden im Ono Konzerte, Lesungen, Tanzabende, Discos, Theateraufführungen, Diskussionen und Ausstellungen statt. Sowohl das lokale Kulturschaffen als auch internationale KünstlerInnen finden hier ihren Platz.

Sein zehnjähriges Bestehen feiert das Ono gemeinsam mit dem Hilfswerk Amani, das vor zehn Jahren von drei Berner Gymnasiastinnen gegründet wurde und dessen Benefizkonzerte für Kinder in Afrika regelmässig im Ono stattfanden. Für die Musik sorgt am doppelten Zehnjahrjubiläum die Band The Luck. Das Singer-Songwriter-Geschwisterduo aus London wandelt musikalisch zwischen Melancholie und Lebensfreude.

Zehn Jahre Ono und zehn Jahre Amani in: 
Bern Ono, Fr, 9. Mai 2014, 18.30 Uhr Apéro, 20 Uhr 
The Luck. www.onobern.ch

Silvia Süess

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