Nr. 19/2014 vom 08.05.2014

«Irgendwer muss sagen: So geht es nicht!»

Der Kanton Aargau fällt im Umgang mit Asylsuchenden landesweit negativ auf. Doch es gibt auch Menschen wie Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, die sich unermüdlich und gegen alle Widerstände für eine würdige Asylpolitik einsetzen.

Von Tirza Gautschi (Text) und Ursula Häne (Foto)

Sprechstunde im «offenen Büro»: Patrizia Bertschi unterhält sich mit Asylsuchenden gerne auch auf dem Bänkli vor der Badener Post.

«Aarburg stoppt neue Asylunterkunft wegen baulicher Mängel» – die jüngsten Schlagzeilen im Streit um die Unterbringung von Asylsuchenden legen die Absurdität und Unmenschlichkeit der politischen Kultur im Kanton Aargau offen. Nach einem erzürnten, aber erfolglosen «Protest-Grillieren» und einer «Mahnwache» greift die Gemeinde Aarburg nach dem letzten Strohhalm, um zu verhindern, dass der Kanton Asylsuchende in zwei Mehrfamilienhäusern unterbringen kann: Wegen baulicher Mängel, so der Aarburger Gemeinderat, sei eine Nutzung der beiden Wohnhäuser nicht möglich.

Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, ist der Frust über die neusten Vorkommnisse anzumerken. Auch wenn die SP-Politikerin nicht zu den Lautesten ihrer Zunft gehört, ist ihre Haltung klar. Da Aarburg mit über vierzig Prozent bereits einen hohen Ausländeranteil aufweise, könne sie gewisse Probleme nachvollziehen. Allerdings rechtfertige nichts davon die Art und Weise, wie die Bevölkerung mit den Asylsuchenden umgehe.

Zu wenig Solidarität

Bertschis politische Karriere startete 1993 mit ihrer Wahl in den Aargauer Grossrat. Dabei bekam sie hautnah mit, wie das Asylwesen Stück für Stück weggespart wurde. Seit die Unterbringung der Asylsuchenden nicht mehr durch die vom Kanton dafür entschädigten Hilfswerke Caritas und Heks übernommen wird, sondern Aufgabe der Gemeinden ist, die dafür Pauschalbeträge erhalten, habe der Kanton jährlich drei bis vier Millionen Franken einsparen können. «Jedes Jahr bin ich vor meine Kollegen getreten und habe mich dafür eingesetzt, dass dieser Gewinn nicht in die allgemeine Staatskasse fliesst, sondern in das Asylwesen investiert wird.» Ohne Erfolg.

Nach neun Jahren verliess die Heilpädagogin den Grossrat. «Das Parlament war nicht wirklich mein Ding», sagt die 59-Jährige, die sich selbst eher als Macherin bezeichnet. Zwei Jahre später gründete sie zusammen mit anderen Freiwilligen das Netzwerk Asyl Aargau. Der Verein ist aus der ursprünglichen Gruppe gegen Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht entstanden und setzt sich für Asylsuchende im Kanton ein. Bertschi und ihre KollegInnen helfen den Asylsuchenden, Briefe zu übersetzen, Telefonate zu führen, beraten sie in rechtlichen Fragen oder nehmen sich einfach die Zeit zuzuhören.

Neben den offiziellen Beratungsstellen führt Bertschi auch eine Art «offenes Büro». So ist sie immer wieder auf dem Bänkli vor der Badener Post oder beim Bahnhofplatz in Brugg anzutreffen, um sich mit den Asylsuchenden zu unterhalten. Dass nicht immer alle Geschichten, die sie zu hören bekommt, der Wahrheit entsprechen, ist ihr klar. «Ich habe schon bei meinen Kindern gelernt, dass Wahrheit etwas sehr Subjektives sein kann», sagt Bertschi und lacht herzhaft.

Eigentlich möchte sie schon länger von ihrem Präsidentinnenposten zurücktreten, um der jüngeren Generation Platz zu machen. Aber das Asylwesen sei ein schwieriges und undankbares Thema, weshalb sich bisher niemand zur Verfügung gestellt habe. «Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass heute weniger Solidarität zu spüren ist, da die einzelnen Leute sehr mit sich selber beschäftigt sind.»

Wütend und empört

Auch ihren eigenen Kanton kritisiert die Ennetbadenerin scharf. Neben einer mangelhaften Unterbringung und Betreuung sieht Bertschi ein grosses Manko in der Informationspolitik. «Die Leute wollen zum Teil bewusst nicht mehr wissen. Es ist eine Form von Selbstschutz.» Deshalb müsse der Kanton von sich aus detaillierter aufklären, fordert sie. Einfach nur auf diesen einzuprügeln, sei aber zu einfach. Das Asylproblem könne man nicht kantonal eingrenzen. «Ich weiss, dass der Kanton Aargau einen schlechten Ruf hat, aber ich teile diese Einschätzung nicht ganz. Der Kanton Aargau ist ein Kanton der Regionen, und diese lassen sich nicht so einfach in einen Topf werfen.»

Trotz der Negativschlagzeilen versucht Bertschi mit ihrem Verein, immer wieder neuen Wind in das Aargauer Asylwesen zu bringen. Eine Arbeit, die endlos scheint. Bei Vorstössen müssen sie und ihre MitstreiterInnen immer genau abwägen, ob sie ein Thema zur Sprache bringen sollen. Ist das Thema erst einmal vom Tisch, bleibt es vom Tisch. So erging es ihnen beim Versuch, die Unterbringung von Asylsuchenden in Zivilschutzanlagen zu verbieten. Auch wenn der Kanton ihnen recht gegeben hat, bleibt der Entscheid schliesslich den jeweiligen Gemeinden überlassen. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, ist Bertschi nicht unbekannt. Dass Kinder von Asylsuchenden mit Unterstützung des Kantons Sport- und Freizeitvereine besuchen können, fordert das Netzwerk Asyl schon seit Jahren vergeblich.

Auch wenn die Arbeit der Politikerin oft von Niederschlägen und Enttäuschungen geprägt ist, habe sie die Energie nicht verloren. «Vielleicht liegt es daran, dass ich immer noch wütend und empört bin. Irgendwer muss doch hinsehen und sagen: So geht es nicht!» Und während die Pressekarawane langsam weiterzieht, geht für Bertschi und ihre KollegInnen die Arbeit in den einzelnen Gemeinden weiter. «Für die Zukunft fordere ich mehr Grundsolidarität.»

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