Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Chevron statt Gazprom: Die Abhängigkeit bleibt

Der US-Konzern Chevron hat in Rumänien mit Probebohrungen für Schiefergas begonnen. Die rumänische Regierung versucht, die Krise in der Ukraine zu nutzen, um die umstrittenen Arbeiten voranzutreiben.

Von Silviu Mihai, Barlad und Bacesti

Die 56-jährige Bäuerin Elisabeta Preda war ausser sich, als sie auf ihrem Grundstück kleine Löcher entdeckte, in denen dünne, verkabelte Rohre steckten. ArbeiterInnen hatten die Löcher in die Erde gebohrt und mit farbigen Fähnchen gekennzeichnet. «So etwas habe ich noch nie erlebt. Dass man auf meinem Grundstück irgendwelche Anlagen baut, ohne mich zu fragen oder zu informieren, das kam selbst vor der Wende nie vor.» Im Rathaus war niemand bereit, ihre Fragen zu beantworten. So entschied sie sich – wie viele ihrer NachbarInnen –, die unbefugte Nutzung ihres Grundstücks nicht länger zu dulden. Sie schnitt die Kabel ab, entfernte die Fähnchen und drohte den ArbeiterInnen mehrmals mit der Mistgabel.

Ukraine-Krise kommt gelegen

Der US-amerikanische Energiekonzern Chevron hat begonnen, in Rumänien nach Schiefergas zu suchen. Da sich die Erdgasvorkommen tief im Boden befinden, können sie nur durch das sogenannte Fracking (vgl. «Ein gefährliches Unterfangen» im Anschluss an diesen Text) gefördert werden. Die Bohrungen mussten im vergangenen Jahr aufgrund von Protesten der lokalen Bevölkerung vorübergehend eingestellt werden. Doch dann kam die Krise in der benachbarten Ukraine. Die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen wurde wieder als Thema hochgekocht. Die PolitikerInnen in Bukarest wecken alte Ängste, um die Zusammenarbeit mit Chevron wieder aufzunehmen. Im März und April errichtete der Energiekonzern in Pungesti eine Aufschlussbohranlage. Anfang Mai wurde mit den ersten Probebohrungen im Nordosten des Landes begonnen. In der Nähe des Dorfes Silistea werde so lange gebohrt, bis eine Tiefe von rund 4000 Metern erreicht sei, sagte ein Sprecher von Chevron.

Der rechtsliberale und russlandkritische Staatspräsident Traian Basescu, aber zunehmend auch sein Erzrivale Premier Victor Ponta propagieren seit langem die baldige Unabhängigkeit des rumänischen Energiesektors. Es sei ein übergeordnetes Ziel der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, die Abhängigkeit vom russischen Erdgas auf ein Minimum zu reduzieren, so Basescu, der auch zu den Anhängern des höchst umstrittenen Goldbergbauprojekts in Rosia Montana zählt (siehe WOZ Nr. 15/2013). Die Krise in der Ukraine hat zu einer Radikalisierung des offiziellen politischen Diskurses beigetragen. Seit Februar beschuldigt Basescu die GegnerInnen des Fracking-Projekts, russische Interessen zu vertreten.

Ein Blick zurück: Chevron hat im Vorfeld ein ausgedehntes Lobbying betrieben, um die Genehmigungen für Gasbohrungen zu erhalten. Bereits 2012 lud der Konzern Ministerialbeamtinnen, Kreisratsvorsitzende und Bürgermeister auf eine Reise in die USA ein, damit sie sich von den Vorteilen des Fracking überzeugen können. In vier kleinen Dörfern des Landkreises Vaslui, darunter auch in Bacesti, gaben die Bürgermeister daraufhin grünes Licht für Aufschlussbohrungen. Nach den ersten Tests kaufte die Prospectiuni SA, Chevrons rumänisches Partnerunternehmen, einige Parzellen in diesen Kommunen. Die DorfbewohnerInnen wurden über die laufenden Bohrarbeiten nicht informiert. Es war der orthodoxe Priester, der den Menschen im Dorf erklärte, dass es sich um ein gross angelegtes Bohrprojekt des US-amerikanischen Konzerns Chevron handle, das mit grossen Gefahren für Mensch und Natur verbunden sei.

Die beunruhigenden Nachrichten, die der Priester von seinem Dekan in der benachbarten Stadt Barlad erfahren hatte, lösten in der ganzen Region eine Aufregung aus, mit der niemand gerechnet hatte. Der Dekan, Vater Vasile Laiu, hatte bereits 2012 unabhängige ExpertInnen zu Priestersitzungen eingeladen, damit seine Kollegen und indirekt auch die DorfbewohnerInnen endlich über die Vorgänge informiert würden. Ausserdem gründete Laiu eine lokale Initiativgruppe aus Ingenieuren, Rechtsanwältinnen und Geistlichen, die ein Ende der illegalen Bohraktionen forderten. Seitdem verging kaum ein Tag, ohne dass die Initiativgruppe Veranstaltungen, Diskussionen oder Demonstrationen in Bukarest, Barlad und den betroffenen Dörfern organisierte. Viele Menschen schlossen sich der neuen Bewegung an.

Als sich die Landkreis- und Kommunalverwaltungen weiterhin weigerten, Akten öffentlich zu machen, riefen Laiu und seine Initiativgruppe zu Protesten auf. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Chevron bereits seit Jahren die Lizenz für mögliche Aufschlussbohrungen im ganzen Nordosten Rumäniens besitzt, und das für die nächsten dreissig Jahre.

«Wir haben versucht, die Menschen zu überzeugen, auf keinen Fall das Land zu verkaufen. Im Grossen und Ganzen waren wir erfolgreich, aber es gab auch Ausnahmen», sagt der Priester Vasile Laiu. Letzten Oktober kam es in Pungesti zu einer Auseinandersetzung zwischen Chevrons Sicherheitspersonal und den DorfbewohnerInnen. Als der Konzern mit seinen Baggern und Lkws auffuhr, blockierten die DemonstrantInnen, darunter auch viele orthodoxe Geistliche, die Strasse. Der Präfekt von Vaslui schickte mehrere Einheiten der Gendarmerie, um den Zugang zum Gelände des Unternehmens frei zu machen. Die ungewöhnlichen Bilder von Gendarmen, die Gewalt gegen BäuerInnen und Priester anwenden, wurden von den Medien aufgegriffen und bewegten die Regierung dazu, einen Schritt zurück zu machen. Die Proteste im vergangenen Herbst veranlassten Chevron, die Bohrungen in Pungesti vorübergehend zu stoppen, doch inzwischen hat der Energiekonzern seine Arbeiten wieder aufgenommen.

Ressentiments werden geschürt

Der linke Publizist und Blogger Costi Rogozanu sagt, die Argumente der Politiker seien unsinnig. «Das Schiefergas soll von Chevron gefördert und an uns zu den üblichen Marktpreisen verkauft werden. Rumänien bleibt also energetisch abhängig von einem Lieferanten, der nicht mehr Gazprom, sondern Chevron heisst. Das vermeintliche Problem wird dadurch mitnichten gelöst, man schürt einfach nur alte antirussische Ressentiments.» Hinzu kommt, dass sich die angebliche Abhängigkeit Rumäniens vom kremlnahen Unternehmen in engen Grenzen hält. Die Schliessung vieler energieintensiver Industrieanlagen seit den neunziger Jahren hat den Gas- und Strombedarf stark reduziert. Heute muss der Staat, anders als in Polen oder in den baltischen Ländern, nur rund zwanzig Prozent des gesamten Konsums mit Importen decken. Gleichzeitig boomten in den letzten Jahren die erneuerbaren Energien. Rumänien hat bereits heute seine mit der EU-Kommission vereinbarten Klimaziele für 2020 erreicht.

«Unser Widerstand war ein erster Sieg für unsere lokale Umweltbewegung. Wir sind stolz darauf, weil wir gezeigt haben, dass es nicht nur die Studenten und jungen Akademiker in Bukarest sind, die sich Umweltschutz und eine andere Politik wünschen», sagt Priester Laiu und denkt dabei an die andauernden Proteste der StudentInnen gegen das Goldbergbauprojekt in Rosia Montana. «Wir haben gezeigt, dass sich auch einfache Menschen in den Dörfern sensibilisieren und mobilisieren lassen. Jetzt müssen wir unsere Dörfer verteidigen. Der Kampf geht weiter.» Das ist auch nötig, denn mit dem Start der Probebohrungen Anfang Mai beweist Chevron, dass der Konzern seine Interessen an den Erdgasvorkommen in Rumänien nicht so leicht aufgeben wird.

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