Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Wenn die Sätze explodieren

Der Berner Autor Roland Reichen erzählt «Sundergrund», seinen zweiten Roman, in einer dialektalen Sprache, die hochkomisch wirkt. Doch die Geschichte, an der er acht Jahre lang arbeitete, ist eine traurige.

Von Benedikt Sartorius

Der Fieder verwandelt sich in Eddie Murphy. Genauer: «Ah, er ist eben schon der geilste Edi Möörfi!, sagt sich der Edi Fieder Möörfi, wobei er sich wohlig streckt. Ein Edi Möörfi, wo es sich gut gehen lässt. Ein Edi Möörfi, wo auch mal eine gute Prise reinzieht, wenn es sich gerade so ergibt.» Fieder hat den Junk bitter nötig: Sein Dealer, der Fögi, hat ihm eben den Videorekorder aus seinem detailreich beschriebenen «Bruchbudeli», das in der Thuner Agglobrache liegt, entführt, und vor allem muss er sich in Form bringen. In Form für das «Raadewuu» in der Halle 18, wo es neben dem Gottesdienst und christlichem Rock auch die Maria zu bewundern gibt. Doch natürlich endet alles in kompletter Trostlosigkeit, denn die Schicksale in «Sundergrund», Roland Reichens zweitem Roman, sind auswegslos.

«Krass, das kann doch nicht sein»

«Eigentlich suchen meine Figuren nur ein wenig Wärme und Liebe, doch alles geht irgendwie schief. Sie hangeln sich von einem Ersatzmittel zum nächsten. Und dann kommen halt irgendwann mal die Drogen», sagt der vierzigjährige Autor beim Treffen im Café Pfiff, einem Gastrobetrieb im Berner Breitenrainquartier, in dem auch Gäste willkommen sind, die dem «Sundergrund»-Romanpersonal nicht allzu fern scheinen. «Wenn ich meine Bekannten und Verwandten aus der Drogenszene sehe und diese gerade ein wenig schlimm ‹druffe› sind, dann ist es schwierig ein Lokal zu finden, an dem man nicht wie ‹nä Moore› angestarrt wird. Und in diesen Momenten ist ein ‹Casa Marcello› oder das ‹Pfiff› super.»

Für Roland Reichen hat der Besuch dieser Beizen nicht den Reiz von Freakshows – und der Berner Oberländer mit der singenden Sprechstimme macht sich auch keineswegs über die Menschen, die seine Romane bevölkern, lustig, wie ihm das von einem Teil der Kritik immer wieder vorgeworfen wird. Denn: «Mein Schreiben erfolgt aus persönlicher Betroffenheit», sagt Reichen, der in Spiez geboren wurde und heute wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Gotthelf-Werkausgabe an der Universität Bern ist. «Ich kenne einige Menschen, die wenig privilegiert sind. Sie erzählen mir immer wieder Erlebnisse, angesichts derer ich denke: Krass, das kann doch wohl nicht sein, dass Leute in meiner nächsten Umgebung phasenweise unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetieren müssen.» Dass in unserer Gesellschaft trotz ausgebautem Sozialstaat noch einiges im Argen liege, versuche er in seinen Büchern zu dokumentieren.

Wie bereits in seinem Debütroman «Aufgrochsen», der 2006 erschien, erzählt Roland Reichen seine Deklassierungsgeschichten in einer mit Dialekteinsprengseln versetzten Sprache, die unförmig und grotesk ist. Sprachliche und grammatikalische Normen werden dabei nicht befolgt: «Mir schien es unpassend, über meine Figuren, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen können, in einer Sprache zu schreiben, die sich an die gegebenen Normen hält.» In seiner Sprache müsse es vielmehr «chlefelen», «rattern», damit die Sätze explodieren, sagt er, ähnlich wie beim österreichischen Antiheimatliteraten Werner Schwab, den Reichen immer wieder erwähnt. Die Figuren seien dabei wie Versuchskaninchen gestaltet und glichen eher «semantischen Brocken, die sich durch den Text bewegen».

850 Fussnoten

Die «semantischen Brocken», die Roland Reichen in «Sundergrund» entwirft, bewegen sich knatternd wie ein Puch Maxi, verharren wahlweise in ihrem schattigen «Täli», werden in die psychiatrische Klinik gekarrt oder staksen in zu kleinen High Heels in die «Hodlere», das Berner Fixerstübli. Die Leserschaft trifft auf die «Hörnere», den «Höhn», den «Schlufi», den «Fieder» oder einfach das «Grosi», Personen ohne richtige Namen, Namenlose gar, die im «Sundergrund» – einer «morastigen Brache», die im Volksmund «Grund ohne Grund» genannt wurde – zu überleben versuchen.

Natürlich: Eine gewisse Komik wohnt diesem Roman dank der dialektalen Kunstsprache, die im kurzen Text 850 Fussnoten nötig macht, inne. Es stimme halt schon, was der «Infinite Jest»-Autor David Foster Wallace einst beobachtet habe, sagt Roland Reichen: «Dass es in unserer Kultur Formen des Elends gibt, über die man fast nur im Witz sprechen kann.»

Jüngst las Roland Reichen vor Junkies in einer Berner Heroinabgabestelle aus seinem «Romäni» oder «Büechli», wie er selber den Band nennt, an dem er acht Jahre lang gearbeitet hat. Immer fertigte er neue Versionen an und musste schliesslich einen neuen Verlag finden. Einer der Zuhörer meinte nach der Lesung: «Ich mag den Humor, den der Dialekt reinbringt. Er hält einen auch bei himmeltraurigen Szenen, wie ich sie selbst ähnlich erlebt habe, bei der Stange.»

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