Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Sind wir alle bald unheilbar?

Immer mehr Antibiotika verlieren ihre Wirkung, weil die resistenten Bakterien weltweit zunehmen. Das hat mehr mit der Ökonomisierung von Medizin und Tierhaltung zu tun, als uns lieb sein kann.

Von Matthias Martin Becker

Im April schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. «Wenn die Welt nicht schnell und koordiniert handelt, bewegen wir uns auf ein postantibiotisches Zeitalter zu», sagte Keiji Fukuda, stellvertretender WHO-Generaldirektor für Gesundheitssicherheit. «Dann werden gängige Infektionen und kleine Verletzungen, die jahrzehntelang einfach behandelbar waren, wieder tödlich werden.» Immer mehr Bakterien sind so robust, dass mit den gängigen Antibiotika nichts mehr gegen sie auszurichten ist. In mitteleuropäischen Spitälern ist mittlerweile etwa jeder vierte Keim multiresistent – und die Resistenzen entstehen immer schneller.

Diese Entwicklung sollte eigentlich niemanden überraschen. Als der schottische Chemiker Alexander Fleming 1945 den Nobelpreis für seine Entdeckung des Penizillins entgegennahm, warnte er: «Es ist leicht möglich, dass Mikroben gegen Penizillin resistent werden.» Vier Jahre später widerstand bereits ein Staphylokokkus seinem Medikament.

Forschung vernachlässigt

Die Geschichte der Antibiotika ist ein Wettrennen zwischen Mensch und Erreger: Immer neue Wirkstoffe kommen zum Einsatz, die Schwachstellen im Stoffwechsel der Bakterien ausnutzen, bis diese schliesslich resistent werden. Zum Beispiel Penizillin: Es bindet ein Enzym, das Bakterien zum Wachstum brauchen, und verhindert so, dass neue Bakterien entstehen. Unglücklicherweise sind aber in jeder Bakterienpopulation besonders robuste Exemplare vorhanden, die ihrerseits ein Enzym produzieren, das Penizillin aufspaltet und so wirkungslos macht. Im Gegensatz zu ihren weniger fitten Artgenossen vermehren sich diese Überlebenden und geben ihre Widerstandskräfte an ihre zahlreichen Nachkommen weiter.

Wo antibiotische Mittel häufig zum Einsatz kommen, ist der Selektionsdruck für die Bakterien besonders hoch. Und da sie in der Lage sind, Resistenzen untereinander auszutauschen, wächst die Gefahr einer flächendeckenden Resistenzbildung. Sogenannt gramnegative Bakterien – dazu zählen Salmonellen oder E. Coli, die Atemwege, Darm und Harnröhre besiedeln – widerstanden zunächst Penizillin, dann dessen nahen Verwandten, den Methicillinen, schliesslich den Chinolonen, die die Duplikation der Erbinformation verhindern.

Als letzte Reserve bleiben ÄrztInnen heute noch die Carbapeneme, die Ende der siebziger Jahre auf den Markt kamen. Aber eine rasch wachsende Zahl Bakterien ist auch gegen dieses Mittel unempfindlich. Eine aktuelle Studie des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle (ECDC) zeigt, dass zwischen 2010 und 2013 in sechzehn von dreissig Ländern carbapenemresistente Keime zugenommen haben. Bei solchen Infektionen müssen ÄrztInnen mit Kombinationen älterer Antibiotika experimentieren.

Seit den achtziger Jahren fehlen Neuentwicklungen mit einem breiten Wirkungsspektrum und einem unverbrauchten Angriffspunkt im bakteriellen Stoffwechsel. Lange wurde kaum in diese Richtung geforscht, denn für die Pharmaindustrie sind Antibiotika eher uninteressant: Sie heilen tatsächlich, werden nicht langfristig eingenommen und sind billig – eine Packung mit einem Antibiotikum kostet meist weniger als eine Laboruntersuchung, um den bakteriellen Befall zu analysieren. Angesichts der rasanten Resistenzentwicklung suchen ForscherInnen mittlerweile wieder intensiver nach neuen Waffen gegen die Infektionen (vgl. «Alternative Hoffnungsträger» im Anschluss an diesen Text). Allerdings werden diese frühestens in zehn Jahren verfügbar sein, und niemand weiss, ob die Mittel auch für die medizinische Praxis taugen.

Zum Problem werden resistente Bakterien, wenn sie in Spitälern und Pflegeeinrichtungen auf geschwächte PatientInnen treffen und sich in deren Körpern ungebremst vermehren. Solche Infektionen verlaufen schwer, teilweise tödlich. Aber die notwendigen hygienischen Abwehrmassnahmen und die «Dekolonisierung» der Infizierten kosten Zeit und Geld.

Bei der Handhygiene beispielsweise – der wichtigsten und wirksamsten Massnahme gegen Spitalinfektionen – muss das Desinfektionsmittel mindestens eine halbe Minute einwirken. Untersuchungen, die Aufschluss über die spezifische Bakterienbelastung und deren Resistenzen geben könnten, finden selten statt. Entsprechend wird fast nie von einem breit wirkenden Antibiotikum auf ein spezifisches umgestellt. Die Folge sind überflüssige und schädliche Antibiotikakuren, die den Selektionsdruck erhöhen.

Ein aktuelles Beispiel ist das Antibiotikum Vancomycin, dessen Wirksamkeit rapide nachlässt, weil sich dagegen immer mehr resistente Enterokokken, sogenannte VRE, ausbreiten. Eigentlich müssten PatientInnen, die von diesem Erreger befallen sind, isoliert werden. «Wir haben gar nicht mehr genug Zimmer, um alle VRE-Patienten unterzubringen», erzählt die Krankenschwester Anneliese B., die in einem grossen deutschen Spital arbeitet und ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Für sie und ihre KollegInnen bedeuten solche Fälle einen enormen zusätzlichen Aufwand. Bevor sie das Zimmer betreten, müssen sie die Hände desinfizieren, einen Schutzkittel und eventuell Plastikhandschuhe oder Mundschutz anziehen.

Obwohl das Management die hygienischen Vorschriften in regelmässigen Abständen verschärfe, finde die Isolation häufig nur inkonsequent statt. Schuld sei auch der Zeitmangel. «Bei uns wurde massiv Personal abgebaut», sagt B. «Natürlich verstehen wir, wie wichtig das ist, aber Hygiene kostet einfach Zeit.»

Tiermast wird uns gefährlich

Resistente Bakterien leben längst nicht mehr nur in Spitälern, sondern ebenso im Boden, in Nutztieren und der städtischen Fauna – Ratten, Mäusen und Tauben – sowie in der gesamten Bevölkerung. Schätzungen zufolge sind fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung von multiresistenten grampositiven Bakterien besiedelt.

Eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung der Resistenzen spielt die Tiermast, in der etwa doppelt so viel Antibiotika wie im humanmedizinischen Bereich verbraucht wird. Im Jahr 2012 wurden in der Schweiz 56 277 Kilogramm Antibiotika für Nutztiere verkauft. Laut der Aufsichtsbehörde Swissmedic bedeutet dies zwar einen Rückgang um zwanzig Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2008. Allerdings kommt es weniger auf die verabreichte Menge als auf die Art der Antibiotika an, die in der Viehwirtschaft zum Einsatz kommen.

Wegen der Resistenzentwicklung sind nämlich für LandwirtInnen gerade die neueren und breiter wirkenden Substanzen attraktiv – Antibiotika wie Chinolone und Cephalosporine, die als letzte Reserve und Bastion gelten. Noch wirken Cephalosporine in geringer Dosis. Bezogen auf die «Populationsbiomasse» – das Gewicht aller lebenden und geschlachteten Tiere innert eines Jahrs – ist deren Verbrauch kaum zurückgegangen. Er lag 2012 deutlich über dem Wert von 2009. Von einer Trendwende kann also keine Rede sein.

Anfälliger, kränker, ansteckender

Bis Ende 2015 will der Bund eine nationale Strategie in Kraft setzen, mit deren Hilfe Antibiotikaresistenzen überwacht und zurückgedrängt werden sollen. Aber die Situation in den Mastbetrieben ähnelt der in den Spitälern: Im durchrationalisierten Betriebsablauf wird sich der Einsatz von Antibiotika nicht senken lassen. «Ohne eine ganz andere Form der Haltung geht das einfach nicht», sagt Hermann Focke, ehemaliger Veterinär im norddeutschen Oldenburg und Experte für Antibiotikaresistenzen. Bereits die Aufzucht der Tiere müsse anders gestaltet werden und auf gesunde und robuste Tiere zielen statt auf die grösstmögliche Gewichtszunahme.

Nutztiere in der konventionellen Landwirtschaft bekommen Kraftfutter und können sich kaum bewegen. Das bedeutet eine enorme Belastung für ihr Verdauungssystem und damit ihre Immunabwehr. Je mehr Tiere in einem Stall konzentriert werden, umso grösser der Infektionsdruck. So entsteht ein Teufelskreis: Gestresste Tiere sind anfälliger – kränker – ansteckender. Ihre körpereigene Abwehr kann die Bakterien nicht mehr in Schach halten, also muss dies medikamentös geschehen.

Schweine etwa werden meist routinemässig mit Antibiotika behandelt: bei ihrer Geburt im spezialisierten Zuchtbetrieb, vor dem Transport in den Mastbetrieb und erneut bei ihrer Eingewöhnung dort. «Antibiotika sind das unverzichtbare Schmiermittel der industriellen Tierhaltung», fasst der bayerische Tierarzt Rupert Ebner das Problem zusammen.

Ungezielte Antibiotikakuren in der Medizin, nicht artgerechte Haltung in der Fleischproduktion – beides ist mit dafür verantwortlich, dass die Bakterien immer resistenter werden. Bald könnten ÄrztInnen deshalb bakteriellen Infektionen mit leeren Händen gegenüberstehen. Das wäre fatal. Heute banale Wundinfektionen oder Geburtskomplikationen wären wieder lebensgefährlich.

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