Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Der sadistische Despot und seine langen Kerls

Nach dem Grosserfolg mit «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» überrascht der Zürcher Thomas Meyer mit seinem Zweitling «Rechnung über meine Dukaten» – in altem Preussen-Teutsch.

Von Michèle Wannaz

Thomas Meyer

Nur selten gelingt es einem Autor, eine eigene Sprache zu erfinden. Thomas Bernhard war so einer, dessen virtuoser Sprechgesang, das durch und durch musikalische Lamento über eine verkommene, angeblich unaushaltbare Welt, hundertfach nachgeahmt wurde und noch immer wird. Wolf Haas ist ebenfalls so einer, oder Friedrich Glauser war es – Ersterer dank seines unverkennbaren Detektiv-Brenner-Duktus’, Letzterer mit seinen wunderbaren Helvetismen.

Hinzu kam vor zwei Jahren der Zürcher Thomas Meyer mit seinem Erstlingswerk «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Mit seinem Fantasieidiom, das jiddischen Dialekt und Deutsch munter mischte, begeisterte er Zehntausende. Das Buch rangierte 46 Wochen auf der Beststellerliste, wurde bereits in der zehnten Auflage gedruckt, für den Schweizer Buchpreis nominiert und von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» punkto Komik gar als «das Beste seit Woody Allen» gefeiert.

Kein Wunder: Die Geschichte liest sich unglaublich flüssig und rasant, und sie ist vor allem wirklich komisch. Erzählt wird vom jungen Juden Mordechai «Motti» Wolkenbruch, dessen orthodoxe Mame (Mutter) ihn ständig mit Frauen verkuppeln will, die aussehen wie sie selbst, was ihn in grosse Verzweiflung stürzt; nicht zuletzt deshalb, weil sein Herz längst an eine Schickse, also eine nicht jüdische Mitstudentin, vergeben ist, die sehr enge Jeans trägt, schön, wild und aufregend ist. Am Ende stehen Wolkenbruchs Selbstfindung und die Emanzipation von seinem Elternhaus.

Ein Fetisch militärischer Art

Nun war die grosse Frage, wie Thomas Meyer nach diesem Erfolg weitermachen würde. Mit einer Geschichte, die seinen Motti erneut durch die Abenteuer der Liebe und des Lebens treibt? Die LeserInnen hätten es sich sicherlich gewünscht. Doch Meyer entschied sich anders. Und er entschied sich klug. Denn sein Motti hätte nach seinem erfolgreichen Befreiungsschlag nicht mehr annähernd die Fallhöhe gehabt, die ihm sein streng religiöses Elternhaus beschert hatte, und Meyer hätte sich damit selbst zu sehr in eine Ecke gerückt: in die des Berufsjuden nämlich, der seine Masche zur Marke werden lässt, sonst aber vermutlich nicht viel mehr kann.

Dass dem nicht so ist, zeigt nun das neue Buch «Rechnung über meine Dukaten», ebenfalls verfasst in einer ganz eigenen, ironisierten Sprache, die dezent den Geist ihrer Umgebung atmet, sodass wir auch akustisch in eine andere Welt, diesmal gar eine andere Zeit eintauchen. Nun heisst es nicht mehr «Jeden frajtik-uwnt zündete meine mame die lichtlech an», sondern «Das erste Capitel, worin der König heiter der Ankunft eines neuen Riesen entgegenblicket» oder «Dann solle er itzo geschwinde zu Bette gehen, damit er morgen gut ausgeruhet ist». Der Sirenengesang der schlanken Schickse wird durch jenen einer fellinesken Konditorentochter ersetzt, Motti selbst durch einen preussischen Soldaten, und die Antagonistin, einst übergriffige Mame mit «selbst für jüdische Verhältnisse anstrengenden Zügen», mutierte – in einer freilich noch ungleich verschärften Form, was das Terrorisieren ihrer Umgebung angeht – gewissermassen zur Hauptfigur, diesmal in Gestalt des sadistischen Friedrich Wilhelm I., König von Preussen und Markgraf von Brandenburg, Erzkämmerer und Kurfürst des Heiligen Römischen Reichs.

In seiner Kindheit Anfang des 18. Jahrhunderts Zeuge zahlreicher Niederlagen infolge des schwachen Heers seines Vaters, hegte der König eine Art Fetisch nicht sexueller, sondern rein militärischer Art: Wie andere Muscheln, Kakteen oder Briefmarken sammeln, tat er dies mit «langen Kerls», also riesigen Männern aus aller Herren Länder, meist illegal verschleppt und lebenslang als Leibeigene gehalten, die andere Herrscher allein durch ihre abschreckende Wirkung davon abhalten sollten, einen Krieg anzuzetteln.

Wie schon bei seinem Erstling orientiert sich Meyer also an einer real existierenden, wenn auch nunmehr historischen Welt. Verbürgte Fakten, so absurd sie auch sein mögen, überzeichnet er aber dermassen, dass die Figuren analog zu Motti oder seiner Mame zu Karikaturen ihrer selbst werden.

Eine Art Gruselkabinett

Auch hier interessiert weder psychologische Tiefe noch die exakte Wiedergabe einer fremden Welt, sondern wieder primär die Eigendynamik von Machtwahn und – diesmal nicht religiösen, sondern ganz weltlichen – Leidenschaften, die geradezu skurrile Züge annehmen kann. Erneut haben wir die Konstellation einer äusserst dominanten Figur und eines «Untertans», gefangen in einem an Willkür grenzenden Regelgeflecht. Im Gegensatz zur Motti-Geschichte fokussiert Thomas Meyer aber nicht auf den Unterdrückten. Vielmehr erliegt er ganz der Faszination des Unterdrückers, der mit all seinen Bosheiten, Egomanien und eigenmächtigen Entscheiden allerdings nicht ausgeleuchtet, sondern letztlich einfach geschildert wird als eine Art Gruselkabinett in Form eines einzigen Menschen.

Was das «Schicksenbuch» unter anderem so erfolgreich machte, nämlich echte Empathie für eine Figur entwickeln zu können, wird der Leserschaft also verweigert, zumal der Gegenpart, der innerlich verzweifelt aufbegehrt, auf eine Vielzahl von Charakteren verteilt wird. Obwohl Thomas Meyer zunächst das Schicksal eines einzelnen Soldaten als vermeintliche Parallelhandlung einführt, weicht dieser Erzählstrang zunehmend der Beleuchtung eines ganzen Trosses an Gedemütigten, darunter ein besonders vorwitziger Norweger-Soldat, ein Riesenlieferant, der königliche Leibarzt oder ein Wissenschaftler, der sich für einen neuen Titel so lange physisch und psychisch quälen lässt, bis der Suizid nicht mehr weit ist.

Selbstgespräch auf dem Klo

So verliert sich die Spannung beim Lesen mit der Zeit etwas, was auch damit zusammenhängt, dass – im Unterschied zu «Wolkenbruchs wunderlicher Reise» – keine wirkliche Geschichte erzählt wird. Kaum etwas entwickelt sich, und selbst die Flucht- und Liebesgeschichte der wichtigsten Nebenfigur, des Soldaten Gerlach, den der Blick der riesenhaften Bäckerstochter sogleich trifft wie ein Blitz, wird dermassen peripher abgehandelt, dass man sie immer wieder völlig aus den Augen verliert.

Dennoch: Das Buch hat grossen Unterhaltungswert und steckt voller bildreicher Details – von der Klounterhaltung des Königs mit sich selber über ein geplantes Riesenzüchtungsprogramm bis hin zum Besuch des russischen Zaren, für den ein Galgen nicht etwa der Gerechtigkeit, sondern allein seinem Verlangen nach Vergnügung dient.

Das hat etwas von der Fabulierlust eines John Irving, an gewissen Stellen gar ein ganz klein wenig von Jean Paul, macht Lust auf eine weitere Erkundung dieser fernen Friedrichswelt und «Rechnung über meine Dukaten» trotz des an sich grausamen Themas wie bereits das Vorgängerbuch zu einer locker-flockigen Lektüre mit sprachlichem Mehrwert.

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