Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

Wir produzieren uns zu Tode

Das Hauptproblem ist nicht, dass der Kapitalismus Menschen ausbeutet und die Umwelt zerstört, sondern dass wir nicht wissen, wie wir von ihm loskommen, sagt die Wirtschaftshistorikerin Ulrike Herrmann.

Von Susan Boos

Es ist eines der klügsten Bücher, die im vergangenen Jahr erschienen sind. Es trägt den Titel «Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krise». Ulrike Herrmann hat es geschrieben, sie ist gelernte Bankkauffrau, hat danach Wirtschaftsgeschichte studiert und ist heute Wirtschaftsredaktorin bei der deutschen «taz».

Am letzten Donnerstag trat sie in Olten bei der Alternativen Bank Schweiz (ABS) in der Reihe «Geldgespräche» auf. Im diesjährigen Zyklus stellt die ABS die Frage «Ohne Wachstum geht es nicht?». Eine Frage, die umtreibt – die Leute kamen zahlreich. Man weiss schliesslich, dass es in einer endlichen Welt mit einem stetigen Wachstum nicht ewig gut gehen kann. Aber was dann?

Herrmann hatte dreissig Minuten, um den Leuten zu erklären, wie das System Kapitalismus funktioniert – und weshalb wir nicht einfach aussteigen können. Sie schaffte es eloquent. Man kann fünf wichtige Punkte herausgreifen: 1. Der Kapitalismus braucht hohe Löhne. 2. Es gibt keine Marktwirtschaft. 3. Wir produzieren uns zu Tode. 4. Die grüne Wirtschaft hilft nicht. 5. Demokratie entstand mit dem Kapitalismus.

Hohe Löhne als Motor

Herrmann schildert, wie der Kapitalismus im 18. Jahrhundert in Britannien entstanden ist. Die Löhne waren überdurchschnittlich hoch, was den Einsatz von Maschinen erst lohnenswert machte, um günstiger und effizienter zu produzieren als in Ländern mit tiefen Löhnen.

«Löhne werden oft nur als lästiger Kostenfaktor betrachtet, die es möglichst zu drücken gilt», sagt Herrmann, «doch die Entwicklung des modernen Kapitalismus zeigt: Hohe Löhne sind der eigentliche Motor. Sie treiben den Produktivitätsfortschritt an, der Wachstum erzeugt. Zudem sind Löhne nicht nur Kosten für die Arbeitgeber. Indem die Beschäftigten ihr Einkommen ja wieder ausgeben, schaffen sie jene Nachfrage, die es überhaupt interessant macht, für einen Markt zu produzieren.»

In der heutigen Zeit wird Kapitalismus gerne mit Marktwirtschaft verwechselt. Allerdings wird die Marktwirtschaft positiv mit Fortschritt, Freiheit oder Verantwortungsgefühl assoziiert, während Kapitalismus gleichgesetzt wird mit Ungleichheit, Ausbeutung oder Gier. Die Marktwirtschaft, so wie die meisten Leute sie sich vorstellen, existiere aber gar nicht, sagt Herrmann. Konzerne beherrschen die Wirtschaft, weil die Investitionen für technische Innovationen meist so hoch sind, dass sie nur getätigt werden, wenn ein Unternehmen den Markt kontrolliert und sich ausrechnen kann, dass sich die Investitionen lohnen.

Laut Ulrike Herrmann ist die «angebliche Marktwirtschaft» also «ein seltsames Phänomen: BäuerInnen werden staatlich subventioniert, damit sie den Markt überleben, und Grosskonzerne tun alles, um den Wettbewerb möglichst zu vermeiden, indem sie fusionieren, kooperieren oder vertikal integrieren». Den Markt mit hartem Wettbewerb gibt es eigentlich nur für die Gewerbler, die Coiffeusen oder RestaurantbetreiberInnen.

Oft wird über die Konsumgesellschaft geklagt, die die Welt zugrunde richtet. Die Menschen kaufen stetig Dinge, die sie nicht brauchen. Würden alle verzichten und nur noch die Hälfte konsumieren, ginge es niemandem schlecht, aber der Umwelt besser. Achtung, sagt Herrmann, das Problem sei nicht der Konsum, sondern die Produktion – und dass der Kapitalismus davon abhänge, dass die Produkte gekauft würden. «Die Produkte sind nur Hilfsmittel für einen höheren Zweck. Das Endziel sind die Arbeitsplätze. Wir arbeiten, um zu arbeiten.» Nur wer Arbeit hat, hat Einkommen, Sicherheit und Anerkennung.

Die Ware werde zum Fetisch. «Aber anders, als Karl Marx dachte, geht es nicht um Gebrauchs- oder Tauschwert. Es geht um Stabilität und Sicherheit. Wir produzieren immer mehr, weil der Kapitalismus Wachstum benötigt und ohne Wachstum kollabiert.»

Verzicht wäre schön, um die Umwelt zu schonen – bringt aber das System durcheinander. Selbst wenn mehr Leute weniger arbeiten, gäbe es ein Problem, weil danach auch weniger konsumiert würde. Das System ist auf mehr und immer mehr ausgelegt. Wird es gebremst, brechen zwangsläufig Arbeitsplätze weg. Das Risiko ist gross, dass zu viele Arbeitslose den Rechten Auftrieb verschaffen.

Liesse sich aber das quantitative durch ein qualitatives Wachstum ablösen? Mehr Bildung statt mehr Autos? Herrmann bezweifelt das. Der Kapitalismus generiere den Gewinn aus der technischen Effizienzsteigerung. Bildung und Pflege lassen sich aber mit technischen Hilfsmitteln nicht effizienter gestalten. Also kommt man von der Güterproduktion nicht los, wenn man Bildung oder Pflege mitfinanzieren will.

Rein grünes Wachstum gibts nicht

Dann halt eine grüne Wirtschaft, eine, die das Wachstum vom Ressourcenverbrauch abkoppelt? Das sei nicht ganz abwegig, sagt Herrmann: «Seit 1970 hat sich der Energieverbrauch pro Wareneinheit halbiert.» Sie fügt aber sofort an: «Die Umwelt wurde allerdings nicht entlastet, weil prompt der Rebound-Effekt zuschlug, der auf Deutsch auch Bumerangeffekt heisst: Die Kostenersparnis wurde genutzt, um die Warenproduktion auszudehnen, sodass der gesamte Energieverbrauch nicht etwa fiel, sondern sogar zunahm.» Es wäre ein Irrtum zu hoffen, diese Energie lasse sich vollständig durch erneuerbare Energien ersetzen. «Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum bedeutet eine Ökokatastrophe.»

Der Kapitalismus ist ein Fluch. Er hat den Reichtum und den technischen Fortschritt ermöglicht, der es eigentlich erlauben würde, mit wenig Arbeit auszukommen. Aber stattdessen muss weiterproduziert werden, selbst wenn dies in den Untergang führt.

Einfach aussteigen geht nicht: «Es würde eine unkontrollierbare Spirale nach unten einsetzen, die an die Weltwirtschaftskrise ab 1929 erinnert: Arbeitsplätze gehen verloren, die Nachfrage sinkt, die Produktion schrumpft, noch mehr Stellen verschwinden. Der Kapitalismus wäre zwar beendet, aber dieses Ende darf man sich nicht friedlich vorstellen.» Es könnte alles pulverisiert werden, was uns lieb ist – Bildung, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Sozialstaat.

«Was tun, Frau Herrmann?» Sie lacht und sagt, die Frage werde ihr häufig gestellt – «aber warum soll ich sie beantworten können?»

Es gebe Vorschläge, wie eine Ökonomie aussehen könnte, die nicht mehr verbraucht, als die Welt hergibt. «Aber keiner sagt, wie wir dorthin kommen.» Man müsste dringend Transformationsforschung betreiben, so Herrmann. Alle, die Dinge produzieren, die niemand wirklich braucht, müssen eine Vorstellung bekommen, wovon sie leben sollen, wenn diese Dinge nicht mehr produziert werden. Und zwar am besten schon morgen.

Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Ulrike Herrmann. Westend Verlag 2013. Fr. 32.90.

 

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