Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

Das Containerquartier im Niemandsland

Wie lebt es sich in Containerbauten auf einer ehemaligen Abfalldeponie? Ein Augenschein vor Ort in Zürich Altstetten, wo seit einem Jahr eine Asylunterkunft, das Basislager und ein Strichplatz zusammen untergebracht sind.

Von Silvia Süess (Text) und Andreas Bodmer (Fotos)

«Wir sitzen hier mitten auf dem Dreck», sagt Marc Angst und zeigt auf eine alte Schwarzweissfotografie: Vorne im Bild steht eine Holzkiste, auf der ein Beil liegt, dahinter türmen sich Schrott und Abfall, Rauch steigt in die Luft. Auf einem mit Erde aufgeschütteten Damm im Hintergrund zieht ein Pferdegespann vorbei. Die Fotografie hängt an der Wand von Marc Angsts Büro, das in einem Container des Basislagers untergebracht ist. Sie zeigt, wie die Brache in Zürich Altstetten, auf der das Basislager heute steht, vor hundert Jahren ausgesehen hat.

Das Basislager ist ein «Containerdorf für Kreative», konzipiert von den ArchitektInnen des Büros NRS in situ, zu denen auch Marc Angst gehört. In 135 Containerbüros und -ateliers arbeiten rund 200 Künstler, Grafikerinnen, Architekten, Designer, Illustratorinnen, Fotografen, Musikerinnen und andere Kunst- und Kulturschaffende. Das Areal mit den roten, beigen und weissen Containern ist gemütlich eingerichtet. Auf dem Kiesplatz vor den mehrstöckigen Containergebäuden stehen Tische und Stühle, in farbig bemalten Holzkisten wachsen Blumen. Fähnchen schmücken die Container, Büsche und Bäume wachsen zwischen den Kiesplätzen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts breitete sich hier auf einem Gebiet von über zwei Kilometern Länge die Abfalldeponie der Stadt Zürich aus. Angrenzend an die eigentliche Deponie entstand ausserdem ein Industriestandort, den verschiedene Altwarenhändler als Umschlagplatz nutzten. Hier lagerten sie Schrott, zerlegten ihn und verarbeiteten ihn weiter. Die Altlasten auf dem Gelände sind bis heute nicht vollständig entsorgt.

Die Kunstschaffenden als Feigenblatt

Fünf Menschen in zwei Zimmern, dazu geteilte Küche und Bad: Wohnen im Asylcontainer. Bearbeitung: WOZ

Heute liegt das Gelände der ehemaligen Abfalldeponie eingepfercht zwischen der Autobahn auf der einen und der Aargauerstrasse mit den anschliessenden Tram- und Zuggleisen auf der anderen Seite. Noch vor fünf Jahren breitete sich hier eine Brache aus, auf der nur vereinzelt kleine Häuschen standen, in denen früher Autohändler ihre Geschäfte gemacht hatten. Dann, im Jahr 2010, wuchs hier mitten im Niemandsland das Containerdorf für Asylsuchende aus dem Boden.

Ihr Architekt: Marc Angst. Sein Architekturbüro war vom Leiter der Zürcher Asylorganisation (AOZ) angefragt worden, eine vorübergehende Asylunterkunft zu bauen. «Wir hatten zuerst kein Interesse», erinnert sich Angst. «Doch als wir sahen, was geplant war – nämlich eine riesige Massenunterkunft mit nur einem Aufenthaltsraum –, dachten wir: Das können wir besser.» Sie entwarfen eine kleine Containersiedlung mit zwölf bis vierzehn Wohnungen à fünf bis sechs Zimmer. Jede Wohnung verfügt über eine eigene Küche und ein Bad.

Und so wurden schon bald die ersten Asylsuchenden auf der Brache in Altstetten angesiedelt – auf früheren Abfallbergen und mitten in der Einsamkeit. Aus Behördensicht ein ausgesprochen geeigneter Ort, um Menschen unterzubringen, die bei einem grossen Teil der Bevölkerung nicht willkommen sind und deren Nachbarschaft deshalb auf Widerstand stösst. In der Stadtgeschichte Zürichs hat es überhaupt Tradition, Unterschichten und Randgruppen in der Nähe von Entsorgungsstätten anzusiedeln.

Sicherheit für die Frauen in mehrfacher Hinsicht: Plakate der Stopp-Aids-Kampagne in einer der neun Sexboxen.

Als die Stadt jedoch 2011 das Areal auch noch als möglichen Ort für einen Strichplatz zur Diskussion stellte, gab es deftige Reaktionen: «Wir haben schon jetzt die Asylanten hier, und langsam habe ich das Gefühl, alles Negative der Stadt wird in den Kreis 9 abgeschoben. Ab 2012 haben wir dann den ganzen Dreck», sagte damals die Präsidentin des Quartiervereins Altstetten, Esther Leibundgut. Und der in Altstetten wohnende SVP-Kantonsrat Lorenz Habicher schimpfte: «Altstetten wird von der Stadt als Abfallkübel missbraucht.»

Auch die AOZ wehrte sich gegen den Strichplatz neben der Asylunterkunft. Die Stadt musste also eine Lösung finden, um die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen. Und so kam das Basislager ins Spiel – es sollte quasi als Feigenblatt dienen: Die Anwesenheit von Kunstschaffenden sollte das Areal aufwerten und eine gewisse Normalität vorspiegeln.

Ein Zeichen gegen Zuhälter

Das Basislager wurde ursprünglich im Rahmen einer Forschungsarbeit entwickelt, in deren Zentrum die Idee stand, das knapper werdende Angebot an Ateliers und Werkräumen in der Stadt Zürich mit modularen Elementen zu verdichten. Swiss Life stellte ein Areal im Industriegebiet Binz im Kreis 3 zur Verfügung. Ab Oktober 2009 liess die Lebensversicherung 135 Ateliercontainer installieren und vermieten. Grundmodul der Siedlung war ein abschliessbarer Raum von 25 Quadratmetern, dessen Miete damals nicht ganz 500 Franken pro Monat betrug. Da Swiss Life einen Neubau auf dem Gelände plante, kam Altstetten als möglicher neuer Standort für die MieterInnen zum richtigen Zeitpunkt ins Gespräch. 2012 zog das Basislager aufs städtische Areal in Altstetten – die Container gehören jedoch noch immer Swiss Life. Ein Jahr später wurde der Strichplatz eröffnet.

Ursula Kocher schliesst das während des Tags verriegelte Tor zum Strichplatz auf. Sie leitet die Frauenberatungsstelle Flora Dora. Die städtische Organisation ist die Anlaufstelle für Frauen auf dem Strassenstrich und leistet Betreuungs-, Beratungs- und Aufklärungsarbeit. Flora Dora war auch in die Planung des Platzes eingebunden, zu dem die Zürcher Stimmbevölkerung im März 2012 Ja gesagt hat.

Kocher besuchte im Vorfeld Strichplätze in Deutschland und in den Niederlanden und versuchte, in Gesprächen mit Sexarbeiterinnen ihre Wünsche und Bedürfnisse zu eruieren. Budgetiert war das Projekt mit 2,4 Millionen Franken; eine halbe Million davon wurde für die Sanierung der Altlasten gebraucht. Für den Betrieb schätzte die Stadt einen Aufwand von einer halben Million Franken im Jahr. Doch entgegen den ursprünglichen Annahmen wird der Platz durchgängig betreut, was höhere Kosten verursacht.

Ein Jahr nach der Eröffnung zieht Kocher eine positive Bilanz: «Der Strassenstrich am Sihlquai im Kreis 5 war aus dem Ruder gelaufen und wurde viel zu gross für die Stadt Zürich. Es musste eine andere Lösung gefunden werden, zum Wohl der Frauen wie auch zum Wohl der Anwohner.» Sie führt die leere Strasse hinunter, durch die die Freier ab 19 Uhr mit dem Auto fahren, vorbei an den offenen Holzhäuschen, die an gedeckte Bushaltestellen erinnern. An jedem Häuschen hängen ein Aschenbecher und ein Abfalleimer. Unter dem Dach, das sowohl Sonnen- wie auch Regenschutz ist, stehen Stühle. Hier sitzen und stehen am Abend die Frauen. Hält ein Freier an, steigen sie ein und fahren mit ihm in eine der neun containerförmigen, hölzernen Verrichtungsboxen weiter die Strasse hinauf.

Die Stadt Zürich habe mit dem Strichplatz die Bedingungen für Zuhälter bewusst erschwert – sie sind auf dem Areal nicht geduldet. «Die Sicherheit der Frauen ist hier viel besser gewährleistet, da wir hier näher bei ihnen sind als am Sihlquai», sagt Kocher. Ihre grösste Befürchtung sei gewesen, dass die Frauen auf dem Strichplatz zu isoliert sein würden. Das ist nicht der Fall. «Im Basislager gibt es immer Leute, die bis spät in die Nacht arbeiten. Und es ist gut, dass man weiss: Da ist noch jemand.»

Kocher führt zum Herzstück des Platzes, einem grossen ehemaligen Baucontainer, der zu einem Aufenthalts- und Arbeitsraum umfunktioniert worden ist. Neben der Eingangstür hängen verschiedene Schilder und Infoblätter. Ein Verbotsschild zeigt einen Mann: Freier sind hier drinnen nicht geduldet. «Dieser Container ist ein Luxus für uns», sagt Kocher. Auf dem Strassenstrich am Sihlquai war Flora Dora jeweils mit einem kleinen Bus vor Ort. Der fix installierte Container auf dem Strichplatz bietet nun ganz andere Platz- und Arbeitsverhältnisse.

Im hinteren Teil des Containers gibt es Büroräume sowie ein Ärztezimmer – einmal die Woche kommt eine Ärztin. «Die Gesundheit der Frauen ist uns ein grosses Anliegen», sagt Kocher. Ausserdem gibt es eine Dusche, eine Toilette sowie Waschmaschine und Tumbler. Gerade diese werden sehr geschätzt, da die meisten Frauen in Zimmern leben, wo sie keinen unmittelbaren Zugang zu Waschmaschinen haben.

Der vordere Teil dient als Aufenthaltsraum. Hier können sich die Frauen vor dem Arbeiten umziehen, zwischendurch auf den Sofas ausruhen oder am Computer mit ihren Familien in Ungarn oder Polen Kontakt aufnehmen. Es gibt eine Kaffeemaschine, Thermoskrüge mit Tee stehen auf der Bar, und jeden Abend kochen Mitarbeiterinnen von Flora Dora eine Suppe. «Manchmal geht es hier zu und her wie in einem Jugendzentrum», sagt Kocher. «Viele der Frauen, vor allem jene aus Osteuropa, sind zwar schon Anfang zwanzig, benehmen sich aber wie Teenager.»

Nur die Schachteln mit den vielen unterschiedlichen Kondomen erinnern daran, dass es hier um etwas anderes geht.

Flexibel, mobil, zweckmässig

Während der Container für die Frauen Schutz, Sicherheit und Erholung bedeutet, bietet er für die Kreativen vom Basislager Raum, um sich zu verwirklichen – ein zweckmässiger Behälter, den man beliebig füllen, einrichten und benutzen kann. In einer immer flexibler werdenden Welt ist der Container das perfekte Objekt: gross genug, um darin zu leben und zu arbeiten, klein genug, um transportiert zu werden. Der Aufwand, einen Container zu zügeln, ist gering; der Inhalt muss lediglich einigermassen fixiert werden. Ausserdem lassen sich Container stapeln und können als Modulbau ideal ins Umfeld eingepasst und beliebig erweitert werden. Im Fall des Basislagers steht der Container also für Freiheit und Selbstbestimmung.

Ein paar Schritte weiter jedoch ist er ein Symbol für das Gegenteil: Einschränkung und Fremdbestimmung. Die Menschen in der Asylunterkunft leben nicht freiwillig hier, weit weg von einem lebendigen Quartierleben, von Einkaufsgelegenheiten und Spielplätzen. Diese Containerbauten sind Wohnungen auf Zeit, Provisorien, aus denen die BewohnerInnen bald wieder verschwinden sollen. Die Bauform gibt vor, gesellschaftliche Probleme zu lösen, doch in Wahrheit werden die Probleme einfach ins Abseits geschoben, wo man sie ignorieren kann.

Auf dem Platz in der Mitte der zwei orange-gelb-roten Containerbauten steht ein rotes Waschhaus. Eine Frau füllt die Maschine, ein kleiner Junge guckt aus dem Türspalt. Keine farbigen Fähnchen zieren diese Container hier, sondern eine Reihe grosser Satellitenschüsseln.

David aus Eritrea wohnt seit über eineinhalb Jahren mit seiner Frau und den drei Kindern hier. Der 32-Jährige ist froh, dass er Anfang Oktober mit seiner Familie in eine Vierzimmerwohnung in der Stadt ziehen kann: «Das Wohnen im Container ist schlecht. Im Winter ist es sehr kalt und im Sommer sehr heiss.» Mit seiner fünfköpfigen Familie belegt er zwei Zimmer einer Fünfzimmerwohnung – Bad und Küche müssen sie mit den MitbewohnerInnen teilen. Das sei nicht einfach, sagt er, unter anderem auch wegen des Putzens. Das Leben im Container stresse alle, niemandem gefalle es hier. Kontakt zu den NachbarInnen im Basislager hat er nicht. «Ich kenne niemanden dort.»

Kritik übt auch der Architekt der Siedlung, Marc Angst, und zwar vor allem daran, dass die Container eine bessere Lösung verhindern: «Eigentlich müsste die Stadt ja einen Grundstock an Wohnungen haben, in die sie Asylsuchende vermitteln kann. Sie in einer provisorischen Containerunterkunft unterzubringen, ist politisch der Weg des geringsten Widerstands.» Damit könne man den StimmbürgerInnen vormachen, alles sei nur vorübergehend. «Aber die Provisorien bleiben meist viel länger als geplant.»

Die Stadt Zürich will auf dem Areal in Altstetten ein Tramdepot bauen. Soeben hat die AOZ aber eine Fristverlängerung bis 2027 eingereicht – das Provisorium wird wohl also tatsächlich einiges länger bestehen bleiben als geplant. Wohin die Containersiedlungen dann ziehen werden, ist offen.

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