Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Ein Alarmtelefon für Flüchtlinge in Seenot

Von Adrian Riklin

Am 11. Oktober 2013 starben mehr als 200 von 400 Menschen auf einem Boot, das in der Nacht zuvor von einem libyschen Schiff beschossen worden war. Per Satellitentelefon riefen die Flüchtlinge auf dem Boot die italienische Küstenwache an und baten um Hilfe. Doch die italienischen wie später auch die maltesischen Behörden verzögerten die Rettungsmassnahmen, sodass die Patrouillenschiffe erst an der Unglücksstelle eintrafen, als das Boot schon gesunken war.

Was wäre passiert, wenn die Bootsflüchtlinge einen zweiten Notruf an eine unabhängige Hotline hätten richten können? Was, wenn ein zivilgesellschaftliches Team sofort Alarm geschlagen und Druck auf die Behörden ausgeübt hätte? Das fragten sich AktivistInnen im Maghreb und in Europa.

«Watch the Med Alarm Phone» heisst ein Notalarmprojekt, das seit dem 10. Oktober 2014 bedient wird. Das Telefon soll rund um die Uhr besetzt sein, mit einem vielsprachigen Team, auf beiden Seiten des Meers. Derzeit sind rund sechzig Leute im Schichtbetrieb am Apparat. Das Projekt startete ein paar Tage vor der EU-weiten Grossrazzia Mos Maiorum. An dieser organisierten Hetzjagd auf Flüchtlinge sind seit Montag bis 26. Oktober rund 18 000 PolizistInnen beteiligt (siehe WOZ Nr. 41/14).

Zwar hat das Netzwerk kein eigenes Rettungsteam. Doch soll es damit möglich sein, «in Echtzeit zu dokumentieren und sofort skandalisieren zu können», wenn Bootsflüchtlinge in Länder wie Libyen zurückgeschoben werden – als Möglichkeit zur direkten Intervention gegen das Unrecht, das sich täglich an den Aussengrenzen der Europäischen Union abspielt. Dazu gehört auch das Anrufen von Küstenwachen und das Alarmieren von Schiffskapitänen.

An der Initiative beteiligt sind auch nichtstaatliche Organisationen in der Schweiz – von Augenauf über Bleiberecht und die Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich bis Solidarité sans frontières. Derzeit arbeitet eine überregionale Koordinationsgruppe daran, eine Schweizer Unterstützungsstruktur aufzubauen. Wer mitarbeiten möchte, sei es als Übersetzerin oder Telefonist, melde sich bei: medalphon@sosf.ch.

Infoveranstaltungen zum Mittelmeer-Alarmtelefon: Donnerstag, 16. Oktober 2014, 20 Uhr: Longo-Maï-Haus, Basel; Montag, 20. Oktober 2014, 20 Uhr: Fri-son, Fribourg; Mittwoch, 22. Oktober 2014, 20 Uhr: Cinéma Lausanne, Lausanne. www.facebook.com/medalphon, www.watchthemed.net

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